DEMOKRATIE STÄRKEN – WAS TUN?

© Götz R. Winkler 2024. Alle Rechte vorbehalten

Wir leben heute in einer Zeit grosser Verun­siche­run­gen. Die Krisen in Umwelt, De­mo­kratie, Euro­pa, Bildung … lassen viele zwei­feln, was denn nun das Richtige ist. Eine ge­fähr­liche, resigna­tive Haltung hat sich breit gemacht: „Was kann ich denn schon tun? Meine Stimme zählt doch nicht?“, „Deutschland ist winzig, hat doch nur 1% der Weltbevölkerung. Wenn die anderen Länder nicht mitmachen, ist unser Bei­trag sinnlos“. Aussagen dieser Art mögen mathematisch richtig sein. In­halt­lich aber sind sie fatal falsch.

Aus der Rolle passiver Zu­schauer müssen wir zurück finden in eine aktive Ge­staltung von Gegen­wart und Zukunft. Die aktu­ellen Demonstrationen gegen Neonazis, an de­nen auch wir uns be­teiligen, sind bei weitem nicht genug. Die momentane Begeisterung wird bald enden und in die o.g. Fragen zurück füh­ren.

Ich werdein diesem Blog konkret zeigen, dass wir als Bürger sehr viel mehr tun können als die meisten von uns glauben. Und ich werde an einigen Beispielen zeigen, dass sich im Verhalten von Industrie, Handel und Politik etwas wesentliches ändern muss, damit wir zurückkehren zu einer positiven Gestaltung unserer Zukunft.

In Ländern, die heute nicht so reich sind wie wir hier in Deutschland, schaut man sehr wach auf die Widersprüche zwischen unseren Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde und unserm kon­kreten Handeln.

Es sind z.B. Müllexporte nach Afrika oder Indien, industrielle Fischerei vor den Küsten, Ver­schmutzung von Gewässern durch Ölpipelines, die Hunderttausende aus ihrer Heimat vertreiben, unhaltbare Arbeits­be­dingungen in Ländern, in die wir unsere Pro­duktion verlagert haben. Um nur einige zu nennen. Im Jahr 2021 waren 89,3 Millionen Menschen auf der Flucht, davon über 53 Millionen Binnenflüchtlinge und 4,6 Millionen Asylsuchende. Durch die Kriege zwischen Israel und Palästina und in der Ukraine sind in jeder der beiden Regionen Menschen im zweistelligen Millionenbereich auf der Flucht. Die Folgen unseres kurz­sichtigen Handelns sind längst und schmerzlich sichtbar. Nur, wir in den reichen Industrieländern machen die Augen davor zu.  Was also tun?

Dabei gibt es eine geradezu unglaubliche Hilfsbereitschaft der Bürger hier in Deutschland. Spenden von Geld, Kleidern u.a., Aufnahme von Flüchtlingen, erster Sprachunterricht für Ankömmlinge, Patenschaften, ehrenamtliche Beratungen im In- und Ausland, freiwillige Mitarbeit bei Feuerwehr und THW und viele mehr leisten äusserst wertvolle Arbeit. Das ist buchstäblich unbezahlbar. Aber es reicht nicht aus, die oben genannten Fehlentwicklungen zu korrigieren.

Geplante Inhalte für diesen Blog:

(1) Zur Person

(2) Gedanken zur Politik

(2.1) Meine Beiträge für die Konferenz zur Zukunft Europas

(2.2) Ein anderer Ansatz: LaRejnio

(3) Beiträge aus Kultur und Wissen­schaft

(1) Zur Person:

> Ausbildung: Studium der Volks­wirt­schafts­lehre, Studium Generale mit Philosophie, So­zio­logie, Germanistik, Psychologie

> Praxis: Leitende Management­posi­tionen u.a. bei HENKEL, LINDT& SPRÜNGLI, CE­RE­OL/BUNGE. Selbstän­diger Management­berater für mittelständische Unternehmen, die in der Sackgasse vergangener Erfolge stecken und zunehmend Verluste machen. Beratungen in Deutschland, Frankreich, Spanien, Polen, Türkei, Iran

> Heute: Glücklich verheiratet, zwei Kinder, drei En­kel. Freundeskreise in Deutschland und Frank­reich. Hobbies: Literatur, Philosophie, Politik, Musik, Arbeiten am Haus und gärtnerisch im Gelände, Reisen

Als Jugendliche, die im Kindesalter noch den 2. Weltkrieg erfahren hat­ten, waren wir und unsere Freunde von der Idee eines friedlich geeinten Eu­ro­pas begeistert. Wir erlebten ja unmittelbar den wirtschaftlichen Aufschwung in Montan­union und Europäischer Wirtschafts­gemein­schaft, ein Aufschwung, der fast alle Bürger erreichte.

Doch irgend wann kippte die allgemeine Stim­mung um. Anfang der 70er Jahre überraschte uns die erste Ölkrise, wegen der Benzin­knapp­heit gab es an den Wochenenden Fahrverbote. Auf den Auto­bahnen fuhren Fahrräder. Wir begannen, über die Grenzen des Wachstums nachzudenken. Aber bald war die Knappheit überwunden, der allgemeine Opti­mis­mus kam zurück.

Heute herrscht in Deutschland eine breite Un­zu­frie­denheit. Statt Auf­stieg nun Angst vor dem ge­sellschaftlichen Abstieg, die Schere zwischen Arm und Reich klafft seit Jahr­zehnten immer weiter aus­ein­ander. Gewaltsame Mas­senproteste bis hin zu Attentaten auf Poli­tiker, Poli­zisten, Staats­diener, Jour­nalisten sind an der Tagesordnung. Was läuft da schief?

Meine persönlichen Einstellungen und Werte wurden früh durch meine Mutter, eine Ungarin, und meinen Vater geprägt. Gute Lehrer am Gym­nasium und ein Studium der Volkswirt­schaft, begleitet von Soziologie und Philoso­phie, legten ein rationales Fundament. Später verstärkten Erfahrungen auf Reisen in andere Länder mein Gefühl für die Vielfalt von Lebensweisen auf unserer Erde.

Vor Jahren begann ich, meine Eindrücke in Tagebüchern fest zu hal­ten, meine Beobach­tungen und meine Schlussfolgerungen aufzuzeichnen. Wenn ich heute in diesen Aufzeichnungen stöbere, sehe ich, dass wir im Wesentlichen alle Ursachen der heutigen Problemhäufung tatsächlich schon längst gewusst haben. Gewusst nicht im Sin­ne einer Kassandra, einer Seherin, sondern ganz vernünftig, gestützt durch wissenschaftliche Erkenntnisse, die den meisten von uns zur Verfügung standen. Aber diese Erkenntnisse wurden und werden nach der Ver­öffentlichung immer und immer wieder beisei­te ge­schoben, attackiert, geleugnet.

Die Wissenschaften verkünden keine endgültigen Wahrheiten. Im Gegenteil, der wissenschaftliche Fortschritt lebt von der Korrektur gestriger Erkenntnisse. Das Ergebnis bei der Klimaforschung ist ernüchternd. Die Warnungen aus den frühen 70er Jahren haben sich grosso modo bestätigt, realisieren sich in man­chen Bereichen wie Abschmelzen von Glet­schern und Polkappen oder Erschöpfung der Roh­stoffe sogar deutlich schneller als prognostiziert. Wirtschafts­wachstum und tech­nischer Fort­schritt haben zu einer beschleunigt­en Erschöp­fung der Ressourcen geführt.

Mein Ansatz ist der einer konstruktiven Kritik: sachlich die Situation er­fassen und Lösungen suchen. Hier gibt es überraschende Einsichten: es gibt sehr viele Möglichkeiten, wie Staat, Wirtschaft und Bürger ihr Handeln umstellen können, ohne an Wohlstand einzubüßen. Im Ge­genteil, durch Ein­sparen sinnloser Ausgaben und ein qualitatives Wachstum in wirklich wesent­lichen Bereichen kann der Wohl­stand substantiell steigen. Das werde ich im Folgenden zeigen.

Den Kern meiner Überlegungen habe ich im Rahmen der Konferenz zur Zunft Europas in Form von 18 Beiträgen in ´s Netz gestellt. 18 Beiträge, weil lt. Vorgabe ein Beitrag nicht län­ger als 1.500 Zeichen sein durfte. Die 7 Kern­felder, die ich definiert habe, sind willkürlich von mir gewählt. Die Konferenz, die im Jahr 2022 abgeschlossen wurde, hat 9 andere Felder gewählt. Einzel­heiten dazu siehe weiter unten.

(2) Gedanken zur Politik

(2.1) Meine Beiträge für die Konferenz zur Zukunft Europas

Hier eine Übersicht über meine 7 Themen zu der Konferenz, die im Frühjahr 2022 abgeschlossen wurde. Die dort genannten Zahlen und Beispiele sind heute zum Teil überholt. Die Aussagen sind ganz überwiegend auch heute noch gültig.

UMBAU DER POLITISCHEN SYSTEME

Gesellschaftliche Kern-Felder, die Gegenwart und Zukunft Europas im wesentlichen bestim­men, sind meiner Meinung nach:

(2.1.1) Umwelt und Klima
(2.1.2) Flüchtlinge und Integration
(2.1.3) Bildung und Kultur
(2.1.4) Interessenvertretungen und Lobbyismus
(2.1.5) Einkommen und Vermögen

Zu diesen 5 Kernfeldern kommen Überlegungen zu Strukturen und Prozessen:

(2.1.6) Die Strukturen sind in D wie in der EU so zer­gliedert, dass „eigentlich vernünftige“ Ideen an partikularen Interessen scheitern. Das kann man durch eher präsidiale Füh­rung aus­gleichen (USA, F), durch struk­tu­relle Vereinfachung (in D z.B. Reduktion auf 6 oder 8 Bundes­länder) oder in der EU durch engere Kooperation „williger“ Länder, also z.B. D+F+BENELUX, die sich strenge­re Regeln geben.

(2.1.7) Die Prozesse sind quälend langsam ge­worden, notwendige Massnahmen werden durch regio­nale Egoismen u/o Bürger­pro­teste verzögert und verhindert. Hierzu ge­hört auch das wichtige Thema der Informa­tionssysteme

Konkrete Beispiele und Größen­ordnungen zu den einzelnen Kern-Feldern werde ich an Bei­spielen aus Deutschlands und auch anderer Länder bringen. Auf die EU bezogen mag man die Zahlen zu Deutschland grob mal 5 nehmen, um einen Begriff für die finanziellen Dimen­sionen zu bekommen.

Ich war damals so optimistisch zu glauben, dass die neue Regierung Deutschlands in den kom­men­den vier bis acht Jahren ab 2022 einen enga­gierten Umbau unserer politischen Systeme, ähn­lich wie oben skizziert, ein gutes Stück rea­li­sieren kann. Meine Erwartungen wurden weitgehend enttäuscht. Immer noch glaube ich, dass Deutschland als grösstes Land in der EU tiefgreifende Änderungen in der politischen Praxis durchsetzen kann. Und dass die übrigen Ländern in der EU, durch Vernunft, Miss­erfolge oder Not ge­trie­ben, dem Beispiel folgen werden. Umge­kehrt meine ich, Deutschland sollte die genannten Auf­gaben auch dann ver­wirklichen, wenn sich die Nachbarländer (noch) dagegen sper­ren. Freilich, auch hier gilt: je später man notwendige Arbeiten in Angriff nimmt, desto schwie­riger und teurer wird die Lösung.

Schliesslich: Seit Jahren hören wir Argumente im Überfluss, warum das alles nicht gehe. Ich meine für die Zukunft Europas braucht es kon­struktive Kritik, Ideen für Lösungen und Mut. Es ist meine Absicht, die einzelnen Kernfelder aufzugreifen, meine Analysen zu vertiefen und mit Beispielen für erforderliche Massnahmen zu belegen. Es sind Beispiele, in langen Überlegungen entwickelt. Experten können hier vieles korrigieren und ergänzen. Wenn wir die bisherige zögerliche und am Ta­ges­geschäft orien­tierte Politik nicht über­win­den, haben wir sehr bald keine Zukunft mehr.

Hier nun meine Beiträge zur o.g. Konferenz. zur Zukunft Europas, die ich Anfang 2022 geschrieben habe: Rückblickend frage ich mich immer wieder, warum selbst einfache Massnahmen davon, die ich ja nicht erfunden habe, sondern die zum Teil längst im Gespräch waren, nicht realisiert werden.

Umbau der Politischen Systeme

(2.1.1 Umwelt und Klima)

Mengzi (370 bis 290 vor. Chr.), ein Nachfolger des Konfuzius, sagte einmal: Verbietest du den Gebrauch fein ge­knüpfter Netze in großen Teichen, dann werden dort mehr Fische und Schild­kröten sein, als die Menschen essen können. Erlaubst du Äxte und Hacken im Wald nur zur richtigen Saison, dann wird es dort mehr Holz geben, als die Menschen nutzen können.

Seit dem Zeitalter der Industria­lisierung, seit etwa 200 Jahren, miss­achten wir die natürlichen Möglichkeiten unsere Erde systematisch. Heute fischen wir mit riesigen Trawlern die Küsten vor Afrika leer, nehmen den einheimischen Fischern ihre Lebensgrundlage, rotten ganze Arten von Lebewesen aus. Der eine Teil der Welt krankt am Übergewicht, der andere stirbt an Unterernährung. Und wir wundern uns, dass nicht nur Asy­lanten, sondern auch „Wirt­schafts­flücht­linge“ Ein­lass begehren. Wir finan­zieren eine fabrikmäßige Land- und Vieh­wirtschaft und über­schreiten alle Gren­zen einer vernünftigen Mäßigung. Wir wissen, dass in Umwelt und Klima eine Reihe von Kipp-Punkten erreicht oder überschritten ist, deren jeder einzelne das Dasein der Menschheit auf der Erde in wenigen Jahrzehnten auszu­löschen droht. Dazu gehören das Abschmelzen der polaren Eisschilde, der Zu­sam­men­bruch der thermischen Wind­systeme, das Abholzen der Tropen­wälder oder auch das Artensterben (siehe Schellnhuber). Auch und gerade hier zeigt sich, dass Weniger mehr sein kann, dass weniger unsinniger Konsum Gesund­heit und Lebens­freude erhöhen.

(2.1.2.1 Flüchtlinge und Integration: Fakten)

Hier wird auf drastische Art deutlich, wie weit wir uns in unserem Handeln von Werten und humanen Über­zeugungen entfernen können. Durch be­harrliche Wiederholung angeblicher „real­poli­tischer“ Zwänge gewöhnen wir uns an Handlungen, die uns zutiefst zu wider sein müssten, und nehmen sie als „normal“ hin. Wir handeln gegen unsere eigenen Interessen, gefährden unsere eigene Zukunft. Über 800.000 Men­schen sterben jährlich an Hunger (WHO, 2017), über 80 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Von 7 1/2 Milliarden Menschen lebt 1 Milliarde in Überfluss-Gesellschaften, 6 1/2 Milli­ar­den leben überwiegend in Mangellagen. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weltweit und auch in Europa seit Jahrzehnten immer weiter und zuneh­mend beschleunigt auseinander. Die Klima­katastrophe fordert heute schon ungezählte Opfer im pazifischen Raum, immer mehr auch bei uns. Längst ster­ben jedes Jahr über einhundert­fünfzig Tausend Menschen vor den Toren der Festung Euro­pa, verdursten in den Wüsten Afrikas, ertrinken im Mittelmeer, vegetieren und sterben in von den Westeuropäern finan­zierten Konzentra­tions-Camps in Ungarn, Ser­bien, der Türkei, Syrien, Libyen, aktuell in Polen und Belarus. Wir konstatieren ungerührt: „Wir können die doch nicht alle herein lassen“. Ja, das ist richtig. Aber glauben wir wirklich, dass wir zum Beispiel die eine Milliarde Men­schen, die in Afrika in den kommenden drei Jahrzehnten geboren werden, auf Dauer von uns fern halten können? Und um welchen Preis werden unsere Versuche dazu erkauft?!

(2.1.2.2 Flüchtlinge und Integration: Ziele)

Als ein richtiges Ziel wird seit Jah­ren eine Bekämpfung der Ursachen in den Ausgangsländern selbst genannt. Tatsächlich machen wir das Gegenteil. Wir helfen finanziell den Dikta­toren dieser Länder und schützen unsere Wirt­schaft durch die Ausbeu­tung ihrer Menschen. Wir exportieren unsere landwirtschaftliche Überpro­duk­tion zu Dum­ping­preisen und zwingen die ein­hei­mischen Bauern dort zur Aufgabe. Wir überfischen weiterhin die Fang­gründe vor den Küsten Westafrikas. Wir sehen zu, dass Mineral­öl­konzerne wie Shell und Esso durch marode Ölleitungen ganze Landstriche in Nigeria verwüsten und Hun­derttausende zur Flucht zwingen.

Neben der wirklichen Be­kämpfung der Ursachen vor Ort müssen wir unsere Bereitschaft, selbst mehr Flüchtlinge aufzunehmen, erhöhen. Anstatt dem heu­tigen Rinnsal von 150.000 Zu­wan­de­rungen müssen wir uns in Deutschland ein Ziel von min­destens 3 Millionen p.a. setzen. Jährlich, aus nichteuropäischen Ländern und netto, also unter Berücksichtigung der Abwan­derungen. Das sind knapp 4% unserer Bevölkerung und könnte in etwa aus­reichen, das Schrumpfen unserer heu­ti­gen, stark gealterten Bevölkerung auf etwa 60 Millionen zu kompensieren. Längst ist der Nach­weis erbracht, das sich eine höherer Zahl von Einwanderern auch wirtschaftlich rechnet. Wachstum, Beschäftigung und Einkommen steigen (Loeffelholz und Köpp, 1998).

Seit Jahren hören wir Argumente, warum das alles nicht gehe. Stattdessen brauchen wir konstruktive Kritik, Ideen für Lösungen und Mut. Wenn wir die bisherige zöger­liche Politik nicht über­winden, haben wir bald keine Zukunft mehr.

(2.1.2.2 Flüchtlinge und Integration: Massnahmen)

Die wichtigsten Massnahmen müssen wir auf den Feldern Ausbildung, Wohnen und Arbeiten ergreifen. Für 3 Millionen Zuwanderer jährlich brauchen wir Lehrer und Schulen. Unterstellen wir, dass ein Zuwanderer im Schnitt 2 Jahre braucht, um elementare Sprach­kennt­nisse zu erwerben, dass er dazu zwei Mal in der Woche 6 Schulstunden besucht und die Klassenstärke 20 Schüler um­fasst, dann braucht man dazu etwa 340.000 Lehrkräfte oder 20 Mrd. € an Gehältern für pro Jahr und weitere 10 Mrd. für Hausmeister, Reparaturen, EDV-Service etc. 7.000 neue bzw. erwei­terte Schulen à 30 Millionen € erfordern Investitionen von 210 Mrd. €. Über 5 Jahre verteilt wären das Ausgaben von rd. 40 Mrd. € pro Jahr. Bei einer Nutzungszeit von 30 Jahren sind die Kosten rd. 5 Mrd. €. Gesamtkosten für Lehrer und Schulen pro Jahr also rd. 35 Mrd. €. Tatsächlich fehlen heute schon in allen Schultypen etwa 150.000 Lehrer (Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm). Um diese Lücke abzu­decken, wären wohl weitere 10 Mrd. € jährlich Kosten aufzubringen. Also 40 bis 50 Mrd. € pro Jahr alleine für das Schul­system. Wie soll das finanziert werden? Mehr dazu unter Punkt 2.1.2.4. Das sind maximale Kosten. Die können durch Re­ak­tivieren von Ruheständlern, durch Quer­einsteiger und Beschäftigung sprach­kun­diger Zuwanderer vermindert werden. Und die so ausgebildeten Kräfte werden durch ihre Arbeit zusätzliche Einkommen und Nachfrage erzeugen statt Unter­stützungs­gelder zu beziehen. Eine Vor­aus­setzung: sie müssen hier arbeiten dürfen.

(2.1.2.3 Flüchtlinge und Integration: Finanzierung)

(1) Die Praxis in der Industrie zeigt Möglichkeiten, überflüssige Leis­tungen in einer Größenordnung von 20% und mehr abzubauen. Die Mitarbeiter tragen die gemeinsam erarbeiteten Lö­sungen mit, wechseln vom Modus der Frustration in den der Motivation, die Leistung der Organisation steigt an. Die Haushalte von Bund, Ländern und Gemein­den in D liegen bei 850 Mrd. Theore­tisches Einsparungspotential: 170 Mrd. €, Jahr für Jahr.

(2) Das BKA bezifferte im Jahr 2.000 den Schaden durch Betrug und Bestechung auf 5,6 Mrd. €. Die Dunkel­ziffer mag 90 % liegen. Hier liegt ein dunkler Schatz, von mindestens 25 Mrd. € jährlich.

(3) Nach Schätzungen des IWF stammen 2 bis 5% des weltweiten BIP aus illegalen Quellen. Das Handelsblatt schätzte 2011 den Umsatz der deutschen Schattenwirtschaft auf 500 Mrd. €. Und die Aufdeckungen zu Komplexen wie Pana­ma, Paradise und Pandora sprechen für sich. Ausserdem verliert der deut­sche Staat jährlich 21 Mrd. € an Kör­perschaftssteuer auf Grund von Steuer­oasen, die meisten davon in Europa.

(4) Der Bundes-Rechnungshof be­mängelt z.B bei der Bundeswehr per­manen­te Misswirtschaft. Deren Ein­satz­bereitschaft liegt bei 30% – große Teile der schwe­ren Waffen sind veraltet oder defekt. Jedes privatwirtschaftliche Un­ter­nehmen wäre da längst bankrott. Die Bundeswehr kann ihren Aufgaben, zu denen sie sich ge­gen­über den NATO-Part­nern verpflichtet hat, nicht nach­kommen.

(5) Von rd. 100 Mrd. € an Sub­ventionen sind mind. 50 % unsinnige oder kontraproduktive Leistungen des Staates an die Privatwirtschaft.

2.1.3. Bildung und Kultur)

Wir können weder auf das Gold ferner Kulturen noch auf eigene Boden­schätze wie Kohle und Eisenerz zurück greifen. Heute sind unsere Rohstoffe Bildung und Kultur. Nur durch sie können wir langfristig unseren Wohlstand halten und ver­bessern.

Aber Bildung und Kultur sind heute die ersten Bereiche, in denen gespart wird, wenn es gilt, den Haushalt zu „sanieren“. Vor über 20 Jahren ist die Politik in Deutschland angetreten mit dem Ziel, bis 2010 Weltspitze im Bil­dungs­system und bei den Universitäten zu sein. Heute rangiert die erste deut­sche Hochschule im aner­kann­ten inter­nationalen Bildungsbericht QS World University Ranking an 50. Stelle: die TU München. Universitäten aus den USA, England, der Schweiz, Canada, Aus­tra­lien, China liegen weit vor den deutschen Konkurrenten. Befristete Forschungs­aufträge, veraltete Einrich­tungen, veral­teter Lehrstoff, das Hono­ratioren-Un­wesen sind einige der Ur­sachen für den Rückstand in D. An den Schulen fehlen einige Hunderttausend Lehrer, und in den nächsten 5 Jahren werden viele Lehrer in Pension gehen – die Lücke zum tat­sächlichen Bedarf wächst. Schulen ver­rotten, Toiletten werden unbe­nutz­bar, en­ga­gierte Eltern greifen zu Farb­pinsel und Maurerkelle, um die gröbsten Ver­säumnisse des Staats zu kaschieren. Es fehlt das Geld? Unsinn. Auch hier gilt: je länger wir die notwendigen Mass­nahmen hinaus zögern, desto gravie­ren­der wer­den die Folgen, desto teurer wird die Reparatur.

Hier stehen also gewaltige Investi­tionen in den Bau und die Reparatur von Bildungseinrichtungen an. Der vermutlich schwierigere Teil aber wird die erfor­der­liche Ausbildung der zusätzlichen Lehr­kräfte sein. Selbst wenn die Ein­stel­lungs­bedingungen attraktiver gestal­tet wer­den, dauert es Jahre, bis die zu­sätzlichen Do­zenten­stellen an den Hoch­schulen besetzt werden und dort dann die zusätzlichen Lehrer an die Schulen kommen. Dieser Strom wird erst nach etwa 10 Jahren beginnen zu fließen und die Situation an den Schulen ver­bessern. Auch hier mag es schnellere Zwi­schen­lösungen geben wie z.B. durch Reaktivierung von Ruheständlern, durch Quer­ein­steiger, durch Einbezug zuge­wanderter Fachkräfte.

Auch kleine Massnahmen gehören in dieses Feld. Einige Anregungen dazu sind die freie Fahrt auf Bahnen und Bussen in Europa für junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren, eine ver­stärkte Förderung der Goethe-Institute im Ausland, Unter­stützung von Gast­eltern, die Ju­gend­liche aus dem Ausland aufnehmen, ehrenamtliche Tätigkeiten beim Sprachunterricht für Aus­län­der etc. An den Schulen müssen die Lehr­pläne entrümpelt werden. Anstelle des Religions­unter­richts sollte eine ver­glei­chen­de Religions- und Kulturgeschichte treten, sollten die Grundlagen von Moral- und Er­kenntnis­philo­sophie Einzug halten. Mit modernen Arbeits- und Lern­techniken müssen Leh­rer wie Schüler ver­traut werden. Teamarbeit muss so­wohl im normalen Un­ter­richt wie auch über gruppenweise Vernetzung (ZOOM etc.) praktiziert werden.

Zum Schluss möchte ich ein scheinbar abgelegenes Gebiet anführen, wie gut
wir eine Balance zwischen Bewahren und Verändern schaffen: unsere Sprache.
Wir finden fast täglich neue, uns bisher unbekannte Worte in der Zeitung oder
im Gespräch mit jungen Leuten. Wir erhalten so einen Anstoss, uns mit neuen
Entwicklungen zu beschäftigen, wir denken über „Anklicken“, „Burnout und
Boreout“, „hartzen“, „Hype“, „Soziale Netzwerke“ oder „zappen“ nach. Es gibt
Menschen, die das „Sprachverhunzung“ nennen; aber die Worte „Tafel“ (lat.),
„Alarm“ (franz.) oder „Zoo“ (altgr.) benutzen die gleichen Menschen ganz
bedenkenlos. Die Sprache ist ein wunderbares Beispiel für unsere Fähigkeit,
Fremdes zu integrieren und dabei reicher zu werden. Nutzen wir diese
Gabe!

Es gibt fast unendlich viel Lite­ratur über Footprint, über Erwarten schnel­les Abschmelzen der Gletscher, über unsere mangelhaften Bemühungen, die um den Faktor 3 hinter den selbst gesetzten Zielen zurück bleiben u.a.mehr.

Das hier gezeigte Literaturverzeichnis scheint veraltet zu sein. Nein, ich habe bewusst auf frühe Ana­lysen und War­nungen, beginnend vor rund 50 Jahren, zurück ge­griffen, die uns allen zur Verfügung standen. „Ich habe nichts davon gewusst“ gilt auch heute nicht als Ent­schuldigung. Das Verzeichnis ist Phi­lo­sophie-lastig, da wir mit unserem Denken und Handeln in einer Sackgasse stecken.

Albert, Hans Traktat über kritische Vernunft, UTB 1968
Arendt, Hannah Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Piper 1994
Bahr, Egon Zu meiner Zeit, Blessing 1996
Beck, Ulrich Risikogesellschaft, Suhrkamp 1986
Club of Rome Die Grenzen des Wachstums, Rowohlt 1973
Etzioni, Amitai Die Entdeckung des Gemeinwesens, Schaeffer-Pöschel 1995
Europarat Living_Together_Report_GEP_2011_de.pdf
Harari, Yuval Noah Eine kurze Geschichte der Menschheit, DVA 2019
Kahnemann, Daniel Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler 2011
Lee Whorf, Benjamin Sprache-Denken-Wirklichkeit, Rowohlt 1984
Piketti, Thomas Das Kapital im 21. Jahrhundert, CH Beck 2016
Rawls, John Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp 1971/1975
Schirrmacher, Frank „Bürgerliche Werte „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“, FAZ-Net, 15-08-2011
Sen, Amartya Human Development Index, Vereinte Nationen 1990 ff
Somers, Bart Zusammen leben – Meine Rezepte gegen Kriminalität und Terror, CH Beck 2018

(2.1.4) Interessenvertretungen und Lobbyismus (Nachtrag)

Das ist ein komplexes Thema zwischen frechem Betrug und Grauzonen bis hin zu Politikberatung.

Die Anzahl der polizeilich bekannt gewordenen Korruptionsstraftaten in Deutschland von 2014 bis 2022 bewegen sich um die 10.000 Fälle pro Jahr. Die Dunkelziffer dürfte 10 bis 100 Mal so hoch sein.

Wikipedia-„Liste von Korruptionsaffairen um Politiker“ wie Philipp Amthor oder Verwick­lungen einer Reihe von Politikern der CDU und CSU in Geschäfte mit Aserbaidschan. Es gibt Vorwürfe von Lobbyismus und Korruption. Dazu gehört auch das „Sommermärchen“ der Fussball-WM 2005, bei der Franz Beckenbauer und der DDB unter dem Verdacht aktiver Bestechung stehen. Als freche Betrüger sehe ich z.B. Herrn Winterkorn, Chef des VW-Konzern, der den grössten Wirtschaftsskandal Deutschlands zu verantworten hat, sich aber keiner Schuld bewusst war. In ähnliche Skandale waren MERCEDES, die DEUTSCHE BANK oder SIEMENS verwickelt. Was soll man über Politiker denken, die sich Honorare von Millionen € bei der Beschaffung von medizinischen Artikeln zum Schutz vor CORONA beiseite schafften – bis hin zum damaligen Gesundheitsminister Spahn. Tagesschau vom 14-06-2022: „Bei einem der teuersten Verträge des Bundes­gesund­heitsministeriums zur Maskenbestellung häufen sich die Unge­reimtheiten. Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt – auch wegen des Verdachts einer möglichen Bestechung … Für Emix jedenfalls war der Deal ein Glücksfall. Die beiden Jungunternehmer sollen mit der Spahn-Bestellung vom 24. April und weiteren kleineren Bestellungen aus Spahns Minis­terium einen Gewinn von rund 300 Millionen Euro gemacht haben – so jedenfalls die Berechnungen der Staatsanwaltschaft München… Doch nicht nur die Emix-Jungs profitierten: Andrea Tandler, Tochter des ehemaligen CSU-Generalsekretärs Gerold Tandler, die einen Kontakt zu Spahn gesucht hatte, kassierte für die Vermittlung zusammen mit ihrem Partner Darius N. insgesamt 48 Millionen Euro Provision von Emix … Jens Spahn selbst lässt auf Anfrage von NDR, WDR und SZ ausrichten, „dass sich Ihre Fragen in ihrer Detailtiefe der Nachvollziehbarkeit bzw. Erinnerung entziehen“. Außerdem habe er zu einigen der genannten Unterlagen keinen Zugang mehr.“ Ein anderes Beispiel: Frau Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. NZZ vom 04-04-2023: Vertuschen und Tricksen: Wie eine «Klimastiftung» US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 trotzen sollte … Es geht um Geschäfte mit dem Kreml für die Pipeline Nord Stream 2, die Schwesig einst unbedingt fertigstellen wollte. Die Röhren sollten durch die Ostsee russisches Gas in das vorpommersche Lubmin bringen. Um nicht auf den letzten Metern von US-amerikanischen Sanktionen ausgebremst zu werden, stampfte die Landesregierung eine Klimastiftung aus dem Boden, die sie jetzt nicht mehr loswird. Auch die Finanzausstattung war erstaunlich: Mecklenburg-Vorpommern lieferte 200 000 Euro, und 20 Millionen Euro kamen von der Nord Stream 2 AG, einer 100-prozentigen Tochter des russischen Staatskonzerns Gazprom … Der Vorwurf der Russlandnähe klebt an Schwesig. 2014, direkt nach der Annexion der Krim, rief ihr Vorgänger, der sozialdemokratische Ministerpräsident Erwin Sellering, den Russlandtag ins Leben. Schwesig setzte die Tradition fort, fuhr mit einer Wirtschaftsdelegation nach St. Petersburg und empfing den russischen Botschafter – auch als bereits immer mehr russische Truppen an der ukrainischen Grenze zusammengezogen wurden.

Mein Tagebuch vom TB 14-03-2011 notiert: ● Die deutschen Wissenschaftler wehren sich gegen die schamlose Diffamierung durch den Betrüger Guttenberg und die Schutzmauer, die Regierung und CDU/CSU um ihr schwarzes Schaf mauern. FrauMerkel: „Ich habe mit KTG doch keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt“. Über Internetrecherchen wird der Betrug minutiös aufgedeckt und jedermann zugänglich gemacht, in Offenen Briefen werden der Betrug Guttenbergs und das Fehlverhalten der leichtgläubigen bis willfährigen Universität Bayreuth angeprangert. Der Verteidigungsminister tritt zurück. Hoffentlich auf Nimmerwiedersehen. Eine Mehrheit der Wähler allerdings scheint ihn noch auf dem Platz des beliebtesten Politikers halten zu wollen. Den Leuten ist nicht zu helfen.

Doch genug von diesen schmutzigen Geschäften. Sehr viel schlimmer als der finanzielle Schaden ist die Aussenwirkung auf die Menschen in Deutschland und in anderen Ländern. Von Vorbild oder Verantwortung ist da nichts mehr zu sehen. Resignation, Frust, Hass, Aggression sind die Folgen solcher Handlungen.

(2.1.5) Einkommen und Vermögen

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft in Deutschland und weltweit immer stärker ausein­an­der. 50% der weniger begüterten deutschen Bevöl­kerung haben gerade mal 1,3% des Gesamtver­mögens, die reichere Hälfte besitzt 98,7%. Bei allen Zahlen ist zu berücksichtigen, dass die Deklaration von Einkommen und Vermögen um so mehr Spielraum lässt, je reicher die Betreffenden sind.

OXFAM 2024: „Die fünf reichsten Männer der Welt haben ihr Vermögen seit 2020 von 405 Milliarden US-Dollar auf 869 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt. Alle Milliardär*innen zusammen sind heute um 3,3 Billionen US-Dollar (34 Prozent) reicher als 2020. Ihr Vermögen wuchs damit dreimal so schnell wie die Inflationsrate. Fast fünf (4,77) Milliarden Menschen, die ärmsten 60 Prozent der Menschheit, haben seit 2020 zusammen 20 Milliarden US-Dollar Vermögen verloren. Das Gesamtvermögen der fünf reichsten Deutschen ist seit 2020 inflationsbereinigt um rund drei Viertel (73,85 Prozent) gewachsen, von etwa 89 auf etwa 155 Milliarden US-Dollar. 2023 haben Konzerne irrwitzige Gewinne angehäuft. 148 der weltweit größten Konzerne haben in den zwölf Monaten bis Juni 2023 insgesamt 1,8 Billionen US-Dollar an Gewinnen eingefahren. Das entspricht einem Anstieg von 52,5 Prozent gegenüber den durchschnittlichen Nettogewinnen im Zeitraum 2018-2021. Ihre Übergewinne, definiert als Gewinne, die den Durchschnitt von 2018-21 um mehr als 20 % übersteigen, stiegen auf fast 700 Milliarden US-Dollar an. Der Aktienbesitz kommt in erster Linie den reichsten Menschen der Welt zugute. Das weltweit reichste Prozent besitzt 43 Prozent des gesamten Finanzvermögens. In Deutschland besitzt das reichste Prozent 41,1 Prozent des gesamten Finanzvermögens.“

Kleine Anmerkungen zu den hier rund im Folgenden genannten Zahlen: Alle sind mit bestimmten Einschränkungen entstanden, ausgewählt und interpretiert nach jeweiligen Interessen, unterschiedlich nach Basisgrößen wie brutto, netto, preisbereinigt oder nach Vergleichszeiträumen.

Bei den Einkommen streiten sich selbst die Wissenschaftler, welche Methode „die richtige“ ist. Am Beispiel der Entwicklung des DAX, des deutschen Aktienindex, will ich das deutlich machen. Wenn ich eine mittelfristige Entwicklung zeigen will, kann ich einen Höchststand am 31.01.2024 mit einem Niedrigstand vom 30.11.2002 vergleichen und komme auf +490%. Wähle ich dagegen einen vorübergehenden Absturz am 30.09.20.22 mit einem Zwischenhoch vom 31.10.2007, komme ich auf „nur“ 165%. Bei den Löhnen ist es ähnlich. Je nachdem, ob ich brutto, netto, preisbereinigt, rechne, ob Gesamtdeutschland, Ost oder West, Lokomotivführer oder Paketboten, komme ich auf sehr unterschiedliche Veränderungen. Im Mittel aller Arbeitnehmer aber sind die Löhne in den vergangenen Jahren je nach Ansatz zwischen 0 und 20 bis 30 % gestiegen. Die Kapitaleinkommen, gemessen am DAX, haben sich dagegen um das zwei bis Fünffache erhöht. Mache sich jeder seine Gedanken, wie sich die Schere zwischen Arm und Reich entwickelt.

(2.1.6. Strukturen)

In den Beispielen unter (2.1.7 Pro­zesse) werden gleichzeitig Struktur­fragen angesprochen. Deswegen will ich hier, unter (2.1.6), lediglich auf einen Punkt eingehen: die Aufteilung des politischen Europa in 27 und die des geografischen Europas sogar in 48 Nationen.

In D verzögern, verwässern oder verhindern bei Fragen von Schulsystem und Umweltschutz die 16 höchst un­gleichen Bundesländer notwendige Ent­scheidungen. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: brauchen wir wirklich 16 Ver­fassungs­schutz­ämter plus 3 oder 4 Geheim­dienste in Deutschland ? Es geht auch anders. Frankreich hat seine 22 Regio­nen im Jahr 2015 auf 13 reduziert.

Die EU hat ihre Aufnah­me­fähig­keit überdehnt. Sie ist durch einzelne Mit­glieder er­press­bar ge­worden und opfert Werte wie Rechtsstaatlichkeit und Men­schen­würde. So kommt der Ge­danke eines Verbundes der zwei Ge­schwindigkeiten auf. Frankreich, Bene­lux und Deutschland könnten eine Union bilden, die schneller zu einer politischen Einheit in Steuern, Sozialpolitik, Aussen­politik … zusammen­wächst. Ein Grund­gesetz, Sanktionen bis hin zu Austritts­regeln etc. wären aufzubauen. Mittel­fristig könnten auch die Landesgrenzen fallen und neue politische Einheiten aus benachbarten Regionen gebildet werden. So könnten z.B. die linksrheinischen Ge­biete D `s mit Regionen Elsass und Lothringen und Wallonien fusionieren. Um die Erstarrung aufzulösen, könnte diese Union den heutigen Finanz­transfer inner­halb von 5 Jahren sukzessive abbauen, anderen Staaten aber offen lassen, nach 10 Jahren der Konsolidierung der Union beizutreten.

(2.1.7 Prozesse)

Steuerung, ob im wirtschaftlichen oder politischen Be­reich, braucht In­for­mationen. Weniger bei Routinefragen, sehr viel mehr bei neu auf­tau­chenden Prob­lemen. An drei Beispielen will ich zeigen, welche gravierenden Probleme sich einschleichen, wenn es der Politik an Informationen fehlt.

(1) NSU-Desaster: Zwischen 2000 und 2006 verübte eine rechte Terror­gruppe 9 rassistische Morde, bis sich die Haupt­verantwortliche Tschäpe im No­vem­ber 2011 der Polizei stellte. 16 kon­kurrierende Ämter für Verfassungs­schutz, die ihre Erkenntnisse vorein­ander geheim hielten, praktisch keine In­for­ma­tio­nen austausch­ten, versagten bei der Aufklärung. Statt dessen wur­den die Taten als „Döner­morde“, die türkische Terroristen verübt hätten, gewertet. Polizei und Ver­fassungs­schutz der ein­zelnen Länder haben bis heute kein einheitliches Informations­system, das einen Infor­ationsaustausch realtime von Berlin über Bayern bis Thüringen ermöglichen würde. Es herrscht ein Wildwuchs von Computersystemen und Software. Die hier unsinnige Länder­hoheit kostet sehr viel Geld in den Verwaltungen und letztlich Men­schen­leben.

(2) Als im Herbst 2015 rd. 890.000 Flüchtlinge vor den Toren Deutschland standen, zeigten sich die verantwortlichen Politiker unvor­be­reitet und liessen alle Menschen ungeprüft in ´s Land. Schon viele Jahre voher, spätestens seit Nine-Eleven (2001), war hierzu­lande bekannt, dass Terroristen bei uns als „Schläfer“ leben. Der Flücht­lings­strom war seit Jahren angewachsen. Trotzdem gab es keinerlei Vorbereitungen, einen zu erwar­tenden Ansturm zu organi­sieren, die Ein­wanderer sorgfältig zu er­fassen. Die In­for­mations-Systeme sind auch heute noch mangelhaft. Die Folge: Ver­siche­rungs­betrug, Attentate, Tote. Mass­nahmen: ein freier Personen- und Güter­verkehr, wie er im Schengen-Raum prak­ti­ziert wird, kann auf Dauer nur aufrecht erhalten werden, wenn es sichere Aussengrenzen gibt. Wenn das zur Zeit am Widerstand der Mittel­meer-An­rai­ner scheitert, muss Deutsch­land vor­über­gehend eigene Grenzen auf­bauen und Einwanderer erfassen, regis­trieren und gegebenenfalls abweisen. Wahr­scheinlich geht das nur über Auf­fangläger, die men­schenwürdig ausge­stattet sein müssen und einen Aufenthalt von max. 7 Tagen vorsehen.

(3) Um die CORONA-Epidemie wirksam zu bekämpfen, braucht es minu­tiöse Erfassung der Einzel­fälle mit Kon­takt­daten, Vorgeschichte, Verlauf etc. Die Unsicherheiten und schwankenden Mass­nahmen kosteten Tausende von Men­schen­leben. Steht Datenschutz höher als Men­schen­leben? Israel, Spa­nien u.a. Länder zeigen, dass man es besser machen kann.

Ein weiteres Thema sind inhaltlich falsche Informatiossysteme der Politik. Dazu wähle ich 2 Beispiele, nämlich (A) das Wachstum als Erfolgsmaßstab und (B) das veraltete kameralistische Budge­tierungssystem.

(A) Wachstum: Immer noch wird das Wachstum einer Volkswirtschaft fast ausnahmslos über die Parteigrenzen hinweg für unverzichtbar gehalten. Längst sollte Allgemeingut sein, dass der ständig steigende Energie- und Güter­verbrauch die Umweltkrise weiter ver­schärft. Sparen wäre hier die wirk­sam­ste und schnellste Mass­nahme. Das geht gegen alle Behauptungen durchaus ohne Wohlstands­einbußen. Im Gegenteil, der Wohlstand stiege für alle.

Dazu ein paar Bemerkungen. Schon vor Jahrzehnten hat sich die Politik in Deutsch­land zum Ziel gesetzt, Personen- und Güterverkehr von der Strasse auf die Schiene zu holen. Und ebenso lange wird die gegenteilige Praxis realisiert: das Stras­sen­netz wird immer stärker ausgebaut, das Schienennetz ausgedünnt. Mit einer du­bio­sen Massnahme, nämlich der Privatisierung der Bahn im Jahr 1994, die damit dem Gewinn­maxi­mie­rungs­gebot unterliege, will sich der Staat aus seiner Verantwortung stehlen. Das Credo, die Privatwirtschaft könne solche Aufgaben besser erfüllen, sollte man aufgeben. Warum kann ein Staat mit tüchtigen Mitarbeitern solche für das Gemeinwohl wichtigen Aufgaben nicht selbst erfüllen können?

In Deutschland sind Verspätungen und Zugausfälle die Regel. In Frankreich dagegen fahren die Züge zumindest im Fernverkehr auf die Sekunde pünktlich. Von Dax bis Paris fährt man im TGV etwa 4 Stunden, sitzt bequem, kann lesen oder re­laxen. Im PKW dagegen braucht man etwa 8 Stunden, hat Stress, Arbeit und, ver­glichen mit der Bahnfahrt, deutlich mehr Kosten.

Versuchen wir, der Verschwendung von Zeit und Geld im Verkehr anhand eines anderen Beispiels etwas näher zu kommen. Im Jahr 2018 registrierte der ADAC 1.528.000 km Stau auf deutschen Autobahnen mit einer Gesamtzeit von 459.000 h. Das dürften m.E. etwa 230 Mio. vergeudete Arbeitsstunden sein. Á 25 € ergibt das einen rechne­ri­schen Verlust von 5,7 Mrd. €, Jahr für Jahr. Der tatsächliche Verlust durch Stress, Unbehagen, ver­passte Termin etc. dürfte wesentlich höher liegen. Nur: in der Rechnungslegung des Staates spielt das keine Rolle, diese Verluste werden einfach negiert. Nehmen wir vorzeitige Tode durch vermeidbare Fein­staub­belastung hinzu, steigen diese negierten Kosten auf ein Vielfaches.

Wer immer noch an den Vorteilen eines gut organisierten Schienenverkehrs zweifelt: Das Bundes­amt für Strassen­wesen schätzt, dass die Kosten von Ver­kehrsunfällen in D jährlich über 30 Mrd. € liegen. www.bast.

Wir halten fest: Wachstum ist ein falsches Ziel, wenngleich heute noch ein Fetisch. Unsere politischen Eliten orien­tieren sich an Parti­kular­in­ter­essen vor allem der Industrie und vernachlässigen ihren ursprünglichen Auftrag: sie sind lt. Grund­gesetz „dem Wohl des ganzen Volkes“ verpflichtet. Die Folgen dieser Missachtung: zunehmendes Ausein­ander­klaffen zwi­schen Arm und Reich, Ab­schmelzen einer bürgerlichen Mitte, Ver­unsicherung, Unzufriedenheit, Poli­tik­ver­drossenheit, immer aggressivere Pro­teste … Der französische Wissenschaftler Piketti hat in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ nicht nur eine her­vorragende Analyse auf Basis lang­fristiger ökonomischer Daten aufge­baut, sondern er schlägt auch eine Reihe von notwendigen Gegen-Massnahmen vor.

Längst liegen bei internationalen Organisationen Mess-Systeme vor, die anstelle eines dubiosen „Wachstums“ nun Einkommen, Gesund­heit, Lebens­erwartung, Bildung, politische Gestal­tungs­mög­lichkeiten u.a. vorsehen. Einzel­heiten zu einem gerechteren Mes­s-Sys­tem hat der Nobelpreisträger Amartya Sen schon in den 1970er Jahren ausge­arbeitet und damit die Grundlagen für den „Index der menschlichen Ent­wick­lung“ gelegt. Das menschliche Paradoxon: die Vernunft weiss, was zu tun ist. Doch der Bauch diktiert das Handeln.

Wachstum ist ein Grundprinzip des Lebens. Es ist durch unsere Gier nach materielle Dingen pervertiert. Es ginge jedem besser, wenn er stattdessen auf die Verbesserung seiner Lebensqualität achtet. Da liegt ein grosses Potential an qualitativem Wachstum!

Budgetierungssystem: Der Staat orientiert sich bei der Planung und Abrechnung des Haushaltes an Ausgaben. Sehr vereinfacht: Steht in einem Jahr z.B. der Bau einer aufwändigen Brücke an, wird der Haushalt rein rechnerisch neben den laufenden Personal- und Sachausgaben zusätzlich mit den Milli­arden für diese Investition belastet. Es droht eine Überschreitung der Verschul­dens­grenze. Des­wegen wird die Inves­tition gestrichen, und die Finanz­politiker rühmen sich der „schwarzen Null“. Aber die Folge dieser falschen Berechnung ist ein Investitionsstau, so heute in Deutsch­land u.a. bei Brücken, Bahnen, Schulen. In der Privatwirtschaft dagegen werden die Ausgaben einer In­vestition auf die Jahre der voraus­sicht­lichen Nutzungsdauer verteilt, das wirt­schaftliche Ergebnis der Jahre richtig ausgewiesen. Was ist zu tun? Es liegt auf der Hand, man muss nur zugreifen.

Es kann nicht angehen, dass, um ein Beispiel zu nennen, der immer dringen­der werdende Umbau unserer Energie­ver­sor­gung in jahrelangen Ge­nehmi­gungs­verfahren versan­det. Zwar sind die Abstandsregeln für Windräder in NRW für Wohngebiete von 1.500 auf 1.000 m redu­ziert worden. Sie bremsen aber im­mer noch die notwendige Verdreifachung neu zu errichtender Wind­räder aus. Sehen­den Auges laufen wir in eine gravierende Verfehlung unserer Klima­ziele. Laut einer Studie des Bundes­ver­bandes Wind­ener­gie braucht der Bau eines neuen Wind­rades in Deutschland heute 5 bis 7 Jahre.

Die Prozesse dauern in den ein­zelnen Bun­des­ländern sehr unter­schiedlich lange, wie das Beispiel der Vorprüfung zeigt. Im Durchschnitt der über 500 Projekte dauert diese erste Projektphase bis zur Geneh­mi­gung 15 Monate. Die Vorprüfung kann vier bis fünf Jahre dauern, aber auch in 5 bis 6 Mo­naten bewältigt werden. Ein realis­tisches Ziel könnte ­sein, die heute be­nötigte Zeit auf ein Drittel, also von 15 auf 5 Monate zu redu­zieren. Bei den übrigen Phasen sieht es ähnlich aus.

Immer wieder ist es auch eine Frage der Güterabwägung: Klima oder Kleintiere. Die Bürgerproteste sind ehrenwert, kämpfen aber an der fal­schen Front. Nicht die Windräder ge­fähr­den unsere Natur, sondern das wei­tere Ver­siegeln der Landschaft durch neue Auto­bahnen und Land­strassen. Hier lohnt ein Kampf für den Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs durch Bahnen und Busse.

Es ist eine Frage der Prioritäten in einer Gesellschaft. Und in solchen le­bens­wichtigen Fragen muss die Politik handeln, statt leere Versprechen zu machen. Wie das? Seit Generationen wird z.B. der Ausbau des öffentlichen Verkehrs ver­sprochen, aber das Gegenteil gemacht nach dem dubiosen Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“. Heute ist es die zögerliche CORONA-Politik. Und wer erinnert sich noch daran, dass der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen und eingeleitet war, dann von einer Nachfolgeregierung wieder auf­gehoben und schliesslich nach Fukujima erneut beschlossen wurde. Wer hat bei dem Hin und Her das Nachsehen? Die Atom­industrie, die erneuerbaren Ener­gien, die staatliche Verwaltung, und letztlich wir alle.

(2.2) Ein anderer Ansatz: LaRejnio

Das Folgende bezieht sich auf ein Gespräch, das wir vor 6 Jahren geführt haben. Es war ein warmer Som­merabend, wir sassen mit Freunden zusammen, tranken Wein und plauderten. Unser Gespräch kam irgendwann auf Politik und Europa. Wir waren alle nicht glücklich über den Zustand der Gemeinschaft und entwickelten spontan Ideen, wie man es denn anders, besser machen könnte. Wir nahmen es als Spiel und waren selbst überrascht, wie viele Möglichkeiten wir fanden, die Zusammenarbeit in der EU zu verbessern.

Solche Ideen sind nicht unbedingt neu und bei weitem nicht hinreichend ausgearbeitet. Aber das Beispiel kann doch zeigen, dass es durchaus Alternativen zum langsamen Ausbluten der EU gibt. Wir dürfen es nicht gestatten, dass die EU weiter von eigenen Mitgliedern erpresst wird, dass die Sicherheit Europas weiter von den USA und evtl. von einem Trump abhängt und dass Putins Russland sich noch weiter nach Westen ausdehnt.

Hier also mein damaliges Gesprächs-Protokoll:

Götz am 10.06.2018 Für Pia&Jesse, Lisa und Götz

LA REJNIO Aus Götz´Tagebuch vom 21.05.2018, das sich mit dem Treffen von Pia&Jesse, Lisa und Götz am Abend des 20.05.2017 beschäftigt. Es ist der Abend, an dem die Idee eines neuen Staates im Herzen Europas geboren wird.

Vorausgeschickt werden muss hier noch, dass alle Teilnehmer überzeugte Europäer oder besser: Weltbürger sind. Aber das Experiment EU mit seinen vielen Widersprüchen steckt w. der überbordenden Nationalismen und divergierenden Interessen in einer Sackgasse. Die heutige EU mit 28 Staaten ist einerseits überdehnt, andererseits fehlen die für ein geordnetes staatliches Handeln nötigen Regeln. Ein paradox klingender Ausweg: ein neues Staatengebilde, ein neuer Staat, der nicht Nation, Eigeninteresse oder angebliches Erbe in den Vordergrund stellt sondern den Aufbau eines auch für die Zukunft offenen, aber den klassischen (meinetwegen abendländischen) Werten verpflichtet ist, nicht nur verbal, sondern in jedem Bürger verankert und den Rahmen für jedes Handeln setzend. Nun also zum Tagebuch vom 21.05.:

… Jesse wiegt nachdenklich seinen klugen Kopf „… en va voir“. Zu Macron, den er so begeistert erwartet hatte, scheint er seine Haltung in Richtung Skepsis revidiert zu haben. Auch dessen spektakulären Pläne wie z.B. Aufgabe von 120.000 Beamtenstellen (ca. 1% der Staatsdiener, überschlagen wir) oder seine mutigen Aktionen wie Rückschnitt der sozialen Errungen­schaf­ten der Eisenbahner hält Jesse lediglich für Tropfen auf einen heissen Stein. Es scheint, dass der so positiv denkende Jesse für Frankreich keine echte Zukunft sieht.

Das entfacht meine Opposition und regt mein Denken an. „Wie wäre es, wenn wir Deutschland und Frank­reich zu einem Staat fusionieren mit einheitlichen Gesetzen, Steuern, Sozialsysthemen. Für den Übergang sehen wir 15 Jahre vor, eine Zeit in der alle geplanten Massnahmen in beiden Ländern umgesetzt werden. Das neue Land bleibt der übrigen EU freundschaftlich verbunden mit freiem Warenverkehr, Niederlassungsfreiheit etc. Die Währung allerdings wäre nicht mehr der Euro, sondern eine neue, eigene. Der heutige Finanztransfer zwischen den EU-Ländern würde in den 15 Jahren schrittweise abgebaut. Pia&Jesse stimmen begeistert zu. „Es sollte noch ein kleines Land dazukommen, die Niederland z.B. würden bestens passen“ schlägt Jesse vor … Er schlägt eine Art Kulturrat vor, der sich um die verbindenden Ideen und Werte kümmern und sich bei den Bürgern werbend für das neue Land einsetzen sollte.

Götz: „Das neue Land wäre dreisprachig, jeder Bürger müsste auf Dauer zwei der drei Landessprachen sprechen können. Dazu werden Programme aufgelegt, die z.B. jeden Schüler verpflichten, wenigsten ein oder zwei Jahre in einer anderen Provinz zu leben und zu lernen. Freie Be­nutzung der Eisenbahnen für alle jungen Menschen in Ausbildung zumindest in den Ferien­zeiten …“ „Würde Frau Merkel das mitmachen?“ fragt Jesse nachdenklich. „Ich vermute Nein“, antworte ich, „sie ist eine abwartende Pragmatikerin, nutzt klug die vorhandenen Kräfte und Stimmungen, sie ist keine Visionärin. Das müssten Frauen und Männer zwischen 35 und 50 Jahren in die Hand nehmen“. Jesse fordert bekannte Führungspersonen, die das Projekt glaubwürdig fördern sollten. Pia macht unser Gedankenspiel mit, Lisa geht das zu weit: „Sollten wir nicht erst einmal die kleinen Schritte machen in Sachen Umweltschutz, Bildung, Frieden …“. Nun, das sind genau die Themen, die unsere heutigen Bündnisse wie EU oder UNO nicht lösen können, wo sie am Egoismus der Nationen scheitern. Die bleiben auch für die neue Nation als grosse Aufgaben.

Der praktische Jesse sucht nach einem Namen für das neue Land. Er kommt auf den Rhein, der alle drei Länder verbinde. Rheinland geht natür­lich gar nicht, aber in Esperanto klänge Rhinolando doch gar nicht schlecht. Ein wunderbares Thema, das die Gedanken sprudeln lässt. „Das lässt mich heute Nacht nicht schlafen“ stellt Jesse beim Abschied frohgelaunt fest …

Und so kam es, denn gleich am nächsten Tag kam eine E-Mail von Jesse:

Jesse: … Es gab in der Nacht tatsächlich mehr träumerisch zu verarbeiten, als auf unserem Areal an Bäumen zu taillieren ist … Schnell einmal esperantiert, was man aus Rejno = Rhein/Rhin alles machen könnte: Rejno > Rhein rejna > rheinisch > Rejna Konfederazio, Rejnunio, Rejnligo, Rejna Respubliko, …  > Rejnsxtato, Rejnregno, Rejnnacio, Rejnpatrujo, … rejnlanda > rheinländisch Rejnio [Meksikio; Francio; …] SUFFIX „-i-“ Rejnujo [Francujo] SUFFIX „-uj-“  Rejnlando. „Rejna Konfederazio“ ist ein „kleiner Wurm“, „La Rejnio“ ist schön konzise und der uni­ke Artikel „La“ ist für Franzosen natürlich parfait. Oder dann doch „La Rejnlando“ ?

Frankreich und Esperanto, das läuft schon gar nicht schlecht: – https://www.ladepeche.fr/article/2017/10/23/2670907-un-appel-pour-l-esperanto-au-bac.html

https://www.youtube.com/watch?v=14P_OvORjYQ

Et voilà:  Geschwind auch schon eine Flagge gezaubert (s. Anlage).

Nun kann es losgehen … 😉 Lasst uns weiter gedankenspielen !!!

Götz: Das will ich heute tun.

• Ziel ist zunächst, unsere sprudelnden Ideen einmal quasi historisch festzuhalten und später dem Ganzen eine etwas systematischere Ordnung zu geben.

• Dieses PERG-Papier könnte dann unsere gemeinsame Vision sein.

• Zu den vereinten Staaten: Lisas Einwand gegen die Aufnahme von Belgien ist verständlich, wäre aber für das neue Gebilde problematisch, wie schon ein Blick auf die Landkarte zeigt. Ich schlage vor, Belgien und auch Luxemburg ab ovo in den neuen Staat zu integrieren. Begründung (A) LA REJNIO wäre auch geografisch eine runde Sache (B) die 5 echten Gründungsmitglieder der EU (Italien lassen wir hier aus nicht weiter zu erörternden Gründen aussen vor) haben gezeigt, dass sie Enthusiasmus und erfolgreiches Handeln vereinbaren können (C) eine neue regionale Gliederung, die die alten Landesgrenzen aufhöbe (s.u.), wird die alte Spaltungsproblematik Belgiens – hie Wallonen, da Flamen – vergessen machen

• Die heutigen Regionalstrukturen z.B. mit 16 Ländern in D und 13 im europäischen Frankreich, 12 Provinzen in NL und 3 Regionen in B wären suboptimal für den neuen Staat. Gerade in den Grenzregionen kann eine Neuordnung alte Konflikte lösen und neue Zusammenarbeit fördern. So könnte Wallonien mit Hauts de France eine neue Region bilden und Flandern mit Brabant … wird erst einmal LA REJNIO als Idee bei den Bürgern verankert sein, erkennen die meisten wohl, das es eine neue Win-Win-Situation ist. Keiner verliert, alle gewinnen.

Das Thema Regionalstruktur geht natürlich sehr viel weiter. Das Land NRW ist heute so groß wie NL. Es läge nahe, dass hier ein Gebiet zwischen Köln-Aachen- Linksrhein bis an die Grenze zu Schleswig-Holstein mit etlichen niederländischen Provinzen zu einer neuen Region vereint wird. Berlin und Brandenburg sollten fusionieren. Im Saarland gibt es alte, die heutigen Grenzen überschreitende Beziehungen.

Ein Ziel könnte sein, demoskopisch und wirtschaftlich in etwa gleich starke Regionen zu schaffen. Für LA REJNIO mit seinen rd. 180 Millionen Einwohnern könnten das 20 Regionen mit jeweils um die 8 bis 10 Mio. Menschen sein … ein längeres Thema

• Die ursprünglich geäusserte Idee von 15 Jahren Anpassungszeit modifiziere ich: Zunächst sind die Zielvorstellungen zu formulieren und zwischen den 5 Ländern abzustimmen. Das muss nicht so öde und sträflich langwierig gehen wie beim Negativbeispiel BREXIT. Keine Volksabstimmung sondern eine Bürgerbeteiligung, in der Art, wie Petralph sie vorschlagen. In ein bis max. 2 Jahren ab 20.05.2018 kann so ein Prozess abgeschlossen sein.

Dann fällt der Startschuss für die eigentliche Schaffung neuer supranationaler Strukturen und Prozesse. Das betrifft zunächst Gesetze zu Bildungswesen, Verkehr, Berufsordnung, Umwelt, Polizei, Militär … Bereiche, in denen sehr schnell einheitliche Regeln und Strukturen aufgebaut werden können. In 3 Jahren ist so etwas machbar, wenn alte Egoismen und Träg­heiten beiseite geschoben werden. Warnendes Beispiel: die heutige EU, die zum Schutz ihrer Aussengrenzen einen Erdogan hofiert+finanziert und ein dringendes Problem vor sich her schiebt.

In anderen, sensibleren Bereichen wie Erbrecht, Titel, Dynastien kann man sich in LA REJNIO mehr Zeit lassen. Alle Regeln, die das persönliche Einkommen, Rente etc. betreffen, können schritt­weise eingeführt werden wie z.B. die Rente ab 67 in D.

Ab heute könnte LA REJNIO also in 4 bis 5 Jahren, bis Ende 2022, Wirklichkeit sein.

So viel für heute, lieber Jesse. Ich bitte Dich, meine obige grobe Zusammenfassung unserer ersten Ideen noch einmal Revue passieren zu lassen. Mit Sicherheit habe ich da etliches geschlabbert und trage es gerne hier in diesem Papier nach.

Unser Gedankenspiel geht weiter …

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­28.05.2018: Postwendend antwortete Jesse gestern:

Jesse:„ … Zu dem PERG-Projekt: Nun, (sehr) gut, „La Rejnio“ mit Luxemburg und Belgien … 

„La Rejnio“ hat (auch) uns nicht losgelassen. Als wir einige Minuten hatten in Amsterdam, haben wir darüber beraten, wie das Regelwerk für das neue Gemeinwesen bestimmt werden sollte. Unsere Idee ist die folgende: Die Bürger in den (nun) fünf Staaten beraten in der breiten Öffentlichkeit und in öffentlichen Expertengremien die bestehenden Lösungen für die verschiedenen Fragestellungen des neuen Republikanischen Gemeinwesens (Gerichtsbarkeit etc. etc.) in den jeweils anderen „HeiratsStaaten“ (also exklusiv dem eigenen; nur im Ausnahmefall ggf. auch dem Gründerkreis B-Lux-NL-F-D nicht zugehörenden). Konkret: In der BRD wird die Verfassungsgerichtsbarkeit (usw. usf.) aus Lux, B, NL und F vorgestellt.

In einer Abstimmung mit Breiten- und Expertenvotum (es wird gewichtet gemischt) ist dann eine Präferenzreihenfolge für diese Varianten herbeizuführen, z.B. in Deutschland entscheidet man dann für die Verfassungsgerichtsbarkeit wie folgt: 52% NL, 33% F, 10% Lux und 5% B. Beim Wahlrecht z.B. 55% F, 20% Lux, 19% B und 6% NL (das macht hoffentlich immer 100 % !). Diese relativen Voten werden summiert und indizieren die Favoriten, aus deren 1-2 „Gewinnern“ eine in sich stimmige Lösung zu beschließen ist.

Die Flaggengestaltung wird nun etwas komplizierter, anbei zwei Versuche: Symbole und ihre Wirkung soll man ja nicht unterschätzen … 😉 Liebe Grüße an Euch beide Pia&Jesse“

Götz: Whow – das ist eine Menge neuer Anregungen … Wir fragen uns immer wieder, woher Pia&Jesse die Kraft nehmen, so viele Dinge gleichzeitig zu stemmen. Trotzdem: Das PERG-Projekt geht weiter.

• Die Ideen einer Bürgerbeteiligung an den Beratungen über eine Verfassung des neuen Staates sind faszinierend. Durch den Ansatz, jeweils über Einzelheiten der Rechtsverfassungen der anderen Staaten zu beraten, werden nationale Egoismen zurückgedrängt. Trotzdem bleibt für uns als verantwortliche Träumer natürlich die Frage, wie verbindlich wir die Ergebnisse der Breiten- und der Expertengremien nehmen. Sicher ist, dass wir dadurch (A) einen grossen Input bekommen und (B) das Engagement der Bürger für LA REJNIO gewinnen.

• Eine Frage ist, ob LA REJNIO dem Präsidial- oder dem Kanzlerprinzip folgen sollte. Da könnten wir aus den Erfahrungen in den Ländern lernen und ein gemässigtes Präsidialprinzip anstreben. Der neue Präsident – hier und im ganzen Text ist der Artikel grundsätzlich im Sinne des französischen „le“ gemeint und umfasst im Zweifel alle Geschlechter – der neue Präsident also ist nicht nur für die Repräsentation des Staates verantwortlich, sondern er führt direkt fünf übergreifende Ressorts: den Kulturrat, Umwelt, Wettbewerb, Rechnungshof, Integration. Damit soll er ein starkes Gegengewicht gegen die Ressortegoismen der Ministerien des Kanzlers bilden und für ein wirtschaftliches Handeln des Staates bürgen. Die vielen Milliarden €, die hier jährlich und nachweislich verschwendet werden, können die zusätzlichen Investitionen in Integration und Ausbildung finanzieren.

• Die mögliche Amtszeit von Präsident und Kanzler und Abgeordneten wird auf zwei Perioden von 4 oder 5 Jahren beschränkt.

• Die ca. 135 Millionen Wahlberechtigten von LA REJNIO werden aktiver in die politische Arbeit einbezogen. Jeder Bürger darf/muss in einer Art Ehrenamt gewärtig sein, ein regionales Ressort (Verkehr, Bildung, Innen …) für ein oder zwei Jahre zu führen. Dabei bestimmt ein Losverfahren, welcher Bürger für welches Amt in welcher Region verantwortlich ist. Aufwandentschädigung, Familienbelange und Rückkehr in den alten Beruf werden grosszügig geregelt

• Das wäre evtl. ein Weg, die heute wachsenden populistischen Tendenzen der Parteien zurück zu drängen und statt suggestiver Volksentscheide zu mehr persönlichem politischen Engagement zu kommen.

• Dadurch sollten auch Korruption und der überbordende Lobbyismus eingeschränkt werden können. Der Staat muss übergeordnete Ziel frei von Partikularinteressen formulieren und den Ordnungsrahmen dafür aus eigener Kraft setzen können.

• Konsequente Trennung von Staat und Kirche, Ersatz der Kirchensteuer durch einen freiwilligen Vereinsbeitrag. Statt Religionsunterricht in den Schulen das Fach „Vergleichende Kulturgeschichte“ o.ä., in dem sich Schüler jeder Herkunft und Glaubensrichtung finden können.

• Die Werte, denen die Bürger von LA REJNIO verpflichtet sind (meinetwegen abendländisch habe ich oben etwas eng formuliert), sollen die klassischen Werte aus den Philosophien aller Länder sein. Diese Ideen sind seit mindestens drei bis fünftausend Jahren universeller und weniger widersprüchlich, als man heute gelegentlich glaubt. In diesem Sinne können wir Platons Herrschaft der Philosophen aufgreifen und zur Orientierung allen politischen Handelns machen.

• In LA REJNIO wird das Asylrecht im Sinne der Menschenrechte ernst genommen. Eine Aushöhlung z.B. durch willkürliche Definition eines sicheren Heimatlandes wird verhindert. Umgekehrt wird eine Zuwanderung aus anderen Ländern als Chance begriffen, neue Qualitäten und jüngere Menschen für LA REJNIO zu gewinnen. Das freilich setzt eine klare Erfassung und Auswahl schon an den Grenzen des Landes voraus. Diese Erfassung, die medizinische Erstversorgung und die Entscheidung über längeren Aufenthalt oder Abweisung soll geordnet, aber möglichst dezentral organisiert werden. Erfahrungen einzelner Gemeinden in Belgien und Süditalien sollen genutzt werden. Arbeit, Mittel zur Selbsthilfe (leerstehende Häuser, freie Grundstücke, Arbeitsmaterial) sollen schnell und grosszügig bereitgestellt werden. Bürgerliche Paten aus LA REJNIO helfen bei Einbürgerung und Integration. Das wird in LA REJNIO behandelt im Wissen, dass (A) über 95% der Ankommenden solide, fried­lieben­de Menschen sind, die man heute und hier unter vorgeblichen Sicherheitsaspekten behandelt wie die kleine Minderheit Gewaltbereiter und (B) auch ein lediglich 3 bis 5 Jahre dauernder Aufenthalt im Lande den häufig ja rückkehrwilligen Einwanderern hilft, Erfahrungen zu machen und Fähigkeiten zu erlangen, die später dem Heimatland zugute kommen. Beides also, eine effiziente behördliche Erfassung, gegebenenfalls Abweisung und für die Bleibenden eine schnelle menschliche Betreuung ist hier angesagt.

Götz weiter: • Ein kleiner Exkurs über das Verhältnis von LA REJNIO zur übrigen Welt:

~ Die vielleicht wichtigste Frage: werden die restlichen EU-Länder (REU) die Kraft haben, eine Staatengemeinschaft aufrecht zu erhalten? Wird es eine neue REU-Hauptstadt Warschau oder Madrid, Rom geben? Was könnte LA REJNIO tun, um diese REU zu stärken?

~ Oder werden neue Blöcke entstehen, z.B. eine Nordeuropäische Union mit Dänemark, Schweden, Finnland, den Baltischen Staaten und auch Norwegen? Die wäre wirtschaftlich, kulturell und ideell durchaus vorstellbar und könnte engstens mit La REJNIO assoziiert sein. ~ Was machen Ungarn, Polen, Norditalien, Österreich mit ihren starken nationa­listi­schen Tendenzen. Werden sie zusammenfinden? Europas Geschichte kennt solche Flicken­tep­piche. Die fussten damals auf Macht, Militär und Dynastien. Was könnte einer solchen Lega heute die Kraft zu einem politisch und wirtschaftlich eigenständigem Bündnis verhelfen? Werden sie ihr Heil in einer engen Kooperation mit Russland suchen?

~Wäre eine Mediterrane Union mit Spanien, Italien, Griechenland und einigen der Ex-Jugoslawiestaaten denkbar? Vielleicht ja, aber dann vermutlich auf denkbar bescheidenem Niveau.

~ Suchen Rumänien und Bulgarien eher den Anschluss an starke Nachbarn, an Russland oder an die Türkei?

~ Das Verhältnis von LA REJNIO zu Russland bleibt ambivalent. Eine enge Zusammenarbeit sollte bleiben, die heute starke Abhängigkeit von russischem Gas wird abgebaut (Neue Lieferanten, alternative Energiequellen)

~ Wie wird Russland in die entstehenden Lücken und schwächeren Kraftfelder stossen? Demokratisch mit Geld, diktatorisch mit Militär, beides? Das hängt auch davon ab, wie sich die REU-Länder zur NATO stellen.

~ Ein weites Feld ist das Verhältnis von LA REJNIO zu Afrika.

Bis zum Jahr 2050 wird sich die Bevölkerung dort von 1 Mrd. auf 2 Mrd. verdoppeln – der Wanderungsdruck auf Westeuropa wächst dramatisch.

Erste Massnahmen von LA REJNIO sollten sein, eklatantes Missver­halten der heutigen EU abzustellen:

Bloßstellen der unmenschlichen Umweltver­seu­chung von ESSO und SHELL in Nigeria, Anklage der Ölindustrie, Druck auf Massnahmen, Aufnahme afri­ka­nischer Partner bis hin zur Enteignung

Ähnlich Stop der Lebensmittelexporte nach Afrika, die einheimische Produ­zenten in den Ruin treiben. Aufgabe der heutigen subventionierten Überproduktion, Um­stellung auf extensive Landwirtschaft, später Lebensmittelimporte aus Afrika.

Ähnlich Ab­stellen der Raubfischerei vor Afrikas Küsten.

Stop der Müllexporte nach Afrika.

Um­stellung der finanziellen Entwicklungshilfe auf Beratungs- und Sach­leist­ungen vor Ort. Einladung junger Menschen mit Potential, um an LA REJNIOs Schulen und Universitäten zu lernen und evtl. später zurück in ´s Land zu gehen. Stichwort: zirkuläre Entwicklungshilfe.

Also Koope­ration statt künstlicher Mauern und KZ. Hier werden wir viel Geld in die Hand nehmen und selbst auf manches verzichten müssen, wenn wir diese Probleme vor Europas Haustüre mil­dern wollen. Ein weiterer Aspekt: China kauft sich heute in Afrika roh­stoffreiche Ländereien. Möglicherweise ist das für arme Länder dort eine Perspektive. LA REJNIO sollte bessere Alternativen bieten können.

~ Das ist alles zu viel und zu revolutionär? Wenn wir die Übelstände nicht fried­lich abstellen und dafür auch finanzielle Opfer bringen, werden andere uns zwingen, durch Revolutionen, die unser Blut kosten. Im Kleinen passiert das heute schon. Wir nennen es Terror. Und wir ahnen, welche Last wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen, wenn die heutige Politik fortgeschrieben wird.

• Zur Finanzierung: Die vielen Programme kosten Geld, Milliarden von neuen Gulden sind zu investieren, bevor ein finanzieller Rückfluss beginnt. Doch wir vergeuden auch viel Geld.

~ Zunächst im Privaten: unser bescheidenes quantitatives Wachstum z.B. in der deutschen Volkswirtschaft kommt häufig durch Kauf obskurer Innovationen (Elektronik, Medizin, Autos, Textilien …) zustande. Erstrebenswert wäre ein qualitatives Wachstum, das sich mehr auf dauerhaft erwünschte Güter und auf echte Neuentwicklungen konzentriert. Käufer sind die Menschen, sie bestimmen den Markt. Die unbefriedigende Diffusion, die wir heute durchleben, die Hast nach dem Mehr, die schleichende Geldentwertung, die uns steigenden Reichtum nur vorspiegelt, werden durchbrochen. Umwelt, Wissenschaft und Kultur werden es uns danken

~ In den Öffentlichen Haushalten: In Deutschland betragen die Haushalte von Staat, Ländern und Gemeinden etwa 850 Mrd. € jährlich. Davon sind ein gutes Viertel Personalausgaben für 4,7 Mio. Beschäftigte.

D as Statistische Bundesamt meldet für 2017 sogar 1,4 Billiarden Ausgaben incl. 600 Mrd. € an Sozialversicherungen:

Der Bundesrechnungshof listet jährlich Milliarden von Staatsausgaben auf, die reine Verschwendung sind. Alleine durch mangelhafte Einkäufe im Militärbereich kommen Milliarden an Fehlausgaben zustande. Die mangelhafte Einsatzbereitschaft – weniger als 30 % der Waffensysteme sind einsatztauglich – verursachen kaum abschätzbare Kosten. Eine Reduzierung solcher Kosten bei gleichzeitiger Erhöhung der Leistungsfähigkeit (und Zufriedenheit der Mitarbeiter) um 20 bis 30% sind in der Privatwirtschaft nicht selten. Eine andere Grösse sind staatliche Subven­tionen und deren Missbräuche. Durch Steuerhinter­ziehung gehen dem Staat jährlich weitere 60 bis 100 Milli­ar­den € verloren. Alleine im deutschen Staatshaushalt könnte man also durchaus 150 bis 200 Mrd. € jährlich sparen – wenn man sich traute. Genug Geld jedenfalls, um die Projekte in LA REJNIO zu finanzieren, ohne die Bürger mit Steuererhöhungen zu belasten. Kleine Be­mer­kung am Rand: von kleineren Ländern wie Griechenland fordern IWF und Finanzminister Schäub­le ungleich härtere Massnahmen, die dann oft auch noch die Ärmsten treffen. Für D allerdings fiel Schäuble nichts Wesentliches ein, was die teils unsinnigen Ausgabenwünsche der Kollegen oder gar deren Ausgabengebaren beschnitten hätte.

Vielleicht ist hier der Moment gekommen, wo ich etwas über destruktive und konstruktive Kritik sagen sollte. In den Ruf des Schwarzsehens, der Neiddebatte, der Besserwisserei kommt man schnell, wenn man in all unserem wunderbaren und langanhaltenden Reichtum kritische Worte findet. In unserem Traum von LA REJNIO lassen wir uns von der Über­zeugung leiten, dass die Welt schöner und gerechter sein könnte. Wir träumen immer wieder von idealen Verhältnissen, haben Visionen, die nicht auf grosse Yachten oder eigene Inselparadiese ausgerichtet sind, sondern z.B. auf eine Welt, in der Frauen und Männer wirklich gleich­berechtigt sind, Milliarden von Menschen Zugang zu Trinkwasser bekommen, Kinder nicht mehr arbeiten müssen, sondern zur Schule gehen dürfen … . Es sind eher Träume, die allen Bürgern, gleich welcher Herkunft, gleiche Bildungs- und Berufschancen schafft und die zunehmende Schere, die zwischen Reich und Arm klafft und den soliden Mittelstand auszehrt, wieder schliesst. Dieser Art sind unsere Träume. Und Kritik üben wir, um wenigstens einige Ursachen zu erkennen, weshalb unsere Träume von einem besseren Europa bisher scheitern. Kritik nehmen wir also nicht im Sinne von „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“, sondern als positiven Denkanstoss, als Ideenpush, als Hilfe, um unsere Träumerei mit ganz konkret Ideen zu unterfüttern. Man kann Dinge verändern. Und die o.g. Vorwürfe, doch nur neidisch zu sein, sind immer Abwehrreaktionen, immer der Versuch, die Verhältnisse so zu lassen, wie sie sind, geboren aus Trägheit, Angst um Besitzstände, Denkfaulheit.

10.06.2018

Zwei Themen sollten in LA REJNIO besondere Beachtung finden: die Zukunft der Arbeit und Ablösen des eindimensionalen Erfolgsmaßstabes Wachstum des Brutto-Inlandproduktes (BIP) durch menschlichere Größen.

• In LA REJNIO hat Arbeit Zukunft. Sinnvolle Arbeit gibt dem Menschen Würde, Stolz und Zufriedenheit. Wenn die Automatisierung und Digitalisierung seit etwa Anfang der 80er Jahre zunehmend Arbeitsplätze vernichten, wenn Menschen über 2 oder 3 Generationen hinweg sich an ein HARTZ4-Leben gewöhnt haben, wenn wir uns an Ideen wie „uns geht die Arbeit aus“ oder „jedem ein bedingungsloses Grundeinkommen“ klammern, obwohl es gravierende Knappheiten gerade im sozialen Sektor (KITAS, Schulen, Universitäten, Altenpflege …) gibt, dann läuft etwas schief. Wenn wir zuschauen, dass eine ehemals extensive Landwirtschaft durch eine produktivitätsorientierte Erzeugung in menschenarmen, staatlich subventionerten Grossbe­trieben verdrängt wird, dann läuft etwas schief. Wenn alte Handwerke verschwinden, Gartenarbeit durch lärmende Maschinen wie Laubbläser etc. ersetzt wird, Möbeltischler aussterben, Reparaturhandwerk durch billig produzierte Ersatzkomponenten überflüssig zu sein scheint, dann läuft etwas schief. Die Arbeit stirbt nur dann, wenn wir uns an obskuren Maßstäben orientieren statt die Arbeitsverhältnisse zu ändern. Da ist sehr viel Raum für zusätzliche Arbeitsplätze und bessere Arbeitsverhältnisse – für Einheimische und für Zugewanderte.

• Zum Erfolgsmaßstab einer Gesellschaft: Der Maßstab Wachstum des BIP ist einfach, aber irreführend. Die am quantitativen Output orientierte Größe führt zu sinnlosem Kaufdruck, zu Ressourcenverschwendung und zunehmender Ungleichheit. Es gibt gute Ansätze, für eine Gesellschaft Indikatoren zu entwickeln, die sich weniger an der Rendite des Kapitals orientieren und stattdessen das Wohlbefinden der Menschen zum Maßstab machen. Amartya Sen u.a. haben da interessante Ansätze entwickelt. Eine sehr vereinfachte Form hat dann zum Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index = HDI) geführt, über den die VEREINTEN NATIONEN seit 1990 berichten. Der HDI berücksichtigt nicht nur das Bruttonationaleinkommen pro Kopf, sondern ebenso die Lebenserwartung und die Dauer der Ausbildung anhand der Anzahl an Schuljahren, die ein 25-Jähriger absolviert hat, sowie der voraussichtlichen Dauer der Ausbildung eines Kindes im Einschulungsalter. Für LA REJNIO sind sehr viel differenziertere Indikatoren vorstellbar, die gleichzeitig den Erfolg einzelner Ministerien und Ressorts ermöglichen.

• Zum Erfolgsmaßstab eines Menschen: Damit kommen wir zur Bedeutung des Geldes. Längst hat das Geld aufgehört, ein notwendiges Mittel zum Austausch von Gütern und Dienstleistungen zu sein. Geld ist zum Selbstzweck geworden: mehr = besser, und da gibt es nach oben keine Grenzen. Ich schätze, heute sind von 100 Geldeinheiten, die in einer Volkswirtschaft umlaufen, nur noch 1 bis 2 durch reale Güter und Dienstleistungen gedeckt. Der Rest ist zum grossen Teil Kredit und Spekulation. Das führt zu zynischen Aussprüchen der einstigen Masters of the World, der Finanzmakler: „Es braucht viele Dumme, damit wenige reich werden“, zu revolvierenden Krediten an Krisenländer, die politisches Handeln verzögern, zu schleichender Inflation und sich vergrößerndem Wohlstandsgefälle in einzelnen Ländern und global. Ja, es ist richtig, dass es noch nie so vielen Menschen so gut geht wie heute. Aber das ist eine sehr westliche und sehr punktuelle Sicht. In LA REJNIO sollten die Politiker stärker strategisch denken: wie beim Klima gibt es auch in Wirtschaft und Gesellschaft Wendepunkte, wo eine Qualität in ´s Negative umschlägt. Und immer sind es Menschen, die das eine fördern und das andere lassen. Es liegt an uns.

(3) Beiträge aus Kultur und Wissen­schaft

(3.1) Ein kleines Literaturverzeichnis

(3.2) Laufende Beiträge

2024-02-17: Zwei führende deutsche Historiker u.a. über die deutschen Politiker: „Europa treibt auseinander“ Hilft nur noch Rüstung angesichts der Kriege in Nahost und der Ukraine? Die Poli­tik­wissenschaftler Carlo Masala und Her­fried Münkler über eine neue Welt­ordnung, eine mögliche Wiederwahl Do­nald Trumps und den Widerspruch in der AfD-Politik. Interview Auszüge aus der SZ

SZ: Herr Masala, Herr Münkler, wie ist Ihnen denn gerade so zumute, wenn Sie über die Lage der Welt nachdenken?

Herfried Münkler: Ich würde sogar so weit gehen, dass der Westen die globale Ordnung jetzt schon nicht mehr domi­niert. Und wenn ich das mit einem Datum verbinden müsste, wäre es der 15. Au­gust 2021, dem Tag des Abzugs der Westmächte aus Kabul. Das ist natürlich etwas zugespitzt, aber es war eben auch die Botschaft an alle Beobachter: „Wir trauen uns das nicht mehr zu.“ Im Kreml und in Peking ist das sicher als Zeichen der Schwäche gewertet worden.

SZ: Könnte Europa den Ausfall Amerikas kompensieren?

Carlo Masala: Ich bin in Sorge, aber nicht überrascht. Meine These ist ja, dass wir uns mitten in der Auseinander­setzung um eine neue internationale Weltordnung befinden und die relative Macht der USA dramatisch abnimmt. Und zwar gar nicht nur im Vergleich zu China, man kann auch sehen, dass die abschreckende Wirkung der USA im Nahostkonflikt an ihre Gren­zen kommt. Es gelingt den Vereinigten Staaten zum Beispiel ja nicht wirklich, andere Akteure rauszuhalten. Deshalb erwarte ich im Falle der Wahl Trumps, dass sich das Ende des Westens als wich­tig­ste ordnungspolitische Macht der Welt stark beschleunigt. Kleiner habe ich es leider nicht.

Münkler: Das wirtschaftliche Potenzial Europas wäre groß genug. Es müssten halt die Haushalte umgeschichtet werden. Ich glaube aber, dass dafür der politische Wille, die Durchsetzungsfähigkeit, die Führungsfähigkeit nicht da ist. Dem Ende dieses Jahres sehe ich deshalb mit Sorge entgegen.

Masala: Diese Einschätzung teile ich voll­umfänglich.

Münkler: Das Problem ist, dass die deutsche Politik in dieser Situation versucht, wie gewohnt bequem von hinten zu führen und Kompromisse aller Art herzustellen. Deutschland müsste jetzt aber von vorn führen. Es ist aber nichts schwerer zu ändern als die Mentalität von Politikern und die Mentalität von Bevölkerungen.

Masala: So ist es leider. Die, die länger-fristig denken, sind nicht die Leute, die in der Lage sind, Mehrheiten in Frak­tionen und Parteien zu organisieren oder exekutiv genug Einfluss haben. Das ist das zentrale Problem.

____________________________________________________________________________________________

SZ vom 19-02-2024: Alles wird gut Alexej Nawalny hatte gegen Putin keine Chance, doch er nutzte sie – gegen den Scheißegalismus der schweigenden Mehrheit. Der Schmerz ist groß. Aber die Geschichte wird ihm recht geben. Von Viktor Jerofejew

Alexej Nawalnys Tod hat ihn augenblicklich in eine mächtige historische Figur verwandelt, zu deren Ehren man mit der Zeit Straßen, Prospekte, Universitäten, vielleicht sogar Städte benennen wird. So eine sprühende, energische Persönlichkeit, die dem ganzen System staatlicher Macht praktisch allein Paroli bietet – denn seine Mitstreiter waren stets eher Mitarbeiter als Kollegen –, kann man in den Weiten Russlands lange suchen. Natürlich gab es in jüngerer Vergangenheit ähnliche Figuren, etwa das Akademiemitglied Andrej Sacharow oder Boris Nemzow – sie sind an Bedeutung vergleichbar mit Nawalny. Aber Nawalny ist geradezu filmreif mit seinen überraschenden, brillanten existenziellen Aktionen.
Ein schöner junger Mann, Ehemann einer der gemeinsamen Sache treu ergebenen schönen Frau, Vater zweier schöner Kinder,wirkt er anziehend mitseinen Zweifeln und seinen Einfällen, seiner Strenge und seinem Sinn für Humor, der sich in ansteckendem Lachen äußern kann. Er fürchtet keine Skandale und gegen ihn gerichtete Provokationen – er fürchtet überhaupt nichts, denn er weiß, die russische Staatsmacht ist Betrug und Korruption; er fürchtet nicht, was er nicht respektiert. Dabei berücksichtigt er den Geschmack des Volkes, dessen Schwächen und Komplexe. Er tauchte ein in unterschiedliche politische Gewässer – in der Jugend war er ein „Jablotschnik“, Mitglied der liberalen Partei Jawlinskis „Jabloko“. Er versuchte sich in der Rhetorik der nationalistischen „Russischen Märsche“, nahm dann Abstand vom Nationalismus, war aber relativ diplomatisch in der Frage der Rückgabe der annektierten Krim an die Ukraine.

Einmal sagte er etwas ungeschickt, die Krim sei doch kein Wurstbrot, das man sich gegenseitig aus der Hand reißen muss. Wegen solcher politischen Unschärfen mochte Jawlinski ihn bis zum Ende seines Lebens nicht. Meine Kollegin, die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja, sagte, sie würde Havel (so einen haben wir in Russland nicht) ihm vorziehen. Doch in Bezug auf die Staatsmacht war er verblüffend mutig. Seine entlarvenden Antikorruptionsdokus über Putins himmelschreiend geschmacklosen Palast im Kaukasus oder die Reichtümer Dmitrij Medwedjews haben Millionen und Abermillionen Menschen gesehen – es war klar, dass er damit Kopf und Kragen riskierte.
Dennoch blieb er ziemlich lange ein prominenter und erfolgreicher Politiker. Er vereinte in sich den Pragmatiker und den Träumer. Er verstand, dass der Russe mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft lebt. Nawalny setzte die Losung vom schönen Russland der Zukunft in die Welt. Gleichzeitig baute er meisterlich ein russlandweites Netz mit Namen „Fonds zur Bekämpfung von Korruption“ (FBK) auf. Bei den Moskauer Oberbürgermeisterwahlen 2013 erhielt er mehrals 27 Prozent derWählerstimmen. Ein unerhörter Erfolg für einen radikalen Oppositionellen. Zwischen Putin und ihm entwickelte sich eine gegenseitige Hassbeziehung, doch dieser Hass hatte bei jedem der beiden eine eigene Qualität. Putin hasste Nawalny als Beleidiger, der ihn vor aller Augen für seinen despotischen Regierungsstil verhöhnte. Nawalny hasste Putin gezielt – für konkrete Sünden: Betrug, leere Versprechungen, Gier nach Macht. Ich war persönlich mit Alexej bekannt, wir hatten beide beim liberalen Radiosender„Echo Moskaus“zu tun. Er hatte eine eigene Sendung, und ich war oft Gast beim Sender. Ich sagte ihm, seinem politischen Programm fehle es an philosophischer Unterfütterung. Denn die Illusion bezüglich eines schönen Russlands der Zukunft basiere ausschließlich auf der Voraussetzung, dass das Land vom Putin-Regime besetzt sei, die Mehrheit aber nur davon träume, dieses zu stürzen. Nawalny hatte viele Anhänger, aber für eine Revolution waren es eindeutig nicht genug. Die unendliche Langmut des Volkes, Konformismus, Scheißegalismus, den omnipräsenten Persönlichkeitsverfall im kriminellen Milieu, unter den Alkoholikern, den Obdachlosen, den Millionen prosowjetischer Staatsdiener und Rentner hielt Nawalny für ein überwindbares Übel. Doch gerade auf solche Stimmungen stützte sich Putin und verwandelte sich im Laufe der Jahre in einen Präsidenten des Volkes Nawalny indessen fürchtete Putin nicht einmal dann, als die Staatsmacht ihm jahrelange Gefängnishaft in Aussicht stellte
man beschuldigte ihn zunächst angeblicher geschäftlicher Manipulationen. 2014
begann sein Leidensweg durch die Gerich te. Aber Nawalny ließ sich auch davon
nicht schrecken, und schließlich vergiftete man ihn mit „Nowitschok“ – ein weiteres
russisches Wort, das nun international als Bezeichnung für tödliches Gift steht. Na
walny wurde zuerst von russischen Ärzten in Sibirien gerettet, dann stellten ihn deut
sche Ärzte der Berliner Charité wieder auf die Beine.Selbstredend leugnete die Staats
macht die Urheberschaft der Vergiftung aber Nawalny brachte es fertig, sich als As
sistent eines engen Mitstreiters von Putin auszugeben und als solcher einen der an
der Vergiftung Beteiligten anzurufen. Der glücklose Killer verriet sich und war er
tappt. Nichtsdestoweniger leugnet die Staatsmacht bis heute, etwas mit dem Gift
anschlag zu tun zu haben. Das weitere Verhalten Nawalnys ist Gegenstand vieler Diskussionen. Gemeint ist seine Rückkehr nach Moskau nach seiner Genesung. Am 17. Januar 2021 wurde er noch vor dem Passieren der Passkontrolle auf einem Moskauer Flughafen verhaftet Danach verbrachte er bis zu seinem Tod keinen einzigen Tag mehr in Freiheit. Seine Haftbedingungen wurden zunehmend schlimmer, die Dauer der Haftstrafe wurdewegen staatsfeindlicher Verbrechen (Organisation einer „extremistischen Vereinigung“) immer länger und wuchs bis zu 19 Jahren Gefängnis an. Schließlich schickte man ihn hinter den Polarkreis, in das berüchtigte Straflager „Polarwolf“ mit besonders strengem Regime, wo man ihn viele Male wegen kleinster Vergehen (wie einem offenen Knopf an der Anstaltskleidung) in eine kalte Einzelzelle sperrte. Nahezu unvorstellbar, unter solchen Bedingungen zu überleben. Wer konkret diese Folter befehligte und sich an Alexejs Qualen ergötzte darf man raten. Dissidenten und Staatschefs in aller Welt geben jedenfalls eindeutig Putin die Schuld für Nawalnys Tod. Ahnte Nawalny, dass ihn seine Rückkehr aus Berlin nach Moskau in die Arme
des Todes treibt? Offensichtlich fürchtete er auch den Tod nicht mehr, er verstand dass er nur frei von Todesangst gegen Putin kämpfen, selbst vom Gefängnis aus die Wahlkampagne des Präsidenten stören (der tritt im März für eine neue sechsjährige Amtszeit an) und Putins Aggression in der Ukraine entlarven kann. Aber nach den
Gesetzen von Putins Regentschaft erhalten jene Opponenten mit genügend Fanta
sie, die im Ausland bleiben, meist von der Staatsmacht das Recht auf Leben. Warum
Ganz einfach, die russische politische Emigration bricht ihnen nach und nach die Flü
gel: Es gibt keinen direkten Kontakt mehr zum Volk, zu Russland, zu Mitstreitern
Vom Standpunkt des Politikers hatte Nawalny einfach keine andere Wahl als zu
rückzukehren. Aber allem Anschein nach hat er Putin unterschätzt. Selbst nach der Genesung vom „Nowit schok“ hatte er noch die Illusion, dass man es nicht wagen würde, ihn ein zweites Mal zu vernichten, dass er sich mit seiner Auferstehungvon den Toten eine gewisse Sicherheit erkämpft hätte. Allerdings hatte da der große Krieg gegen die Ukraine noch nicht begonnen,der klarmachte,zuwelchen militärischen Großtaten der russische Zar im stande ist. Aber auch Putin unterschätzte Nawalny. Denn der kapitulierte nicht einmal im grausamen Gefängnis. Er setzte seinen Kampf gegen die Staatsmacht fort, fand immer wieder geheime Mittel und Wege,seine Gedanken aus dem arktischen Folterknast zu kommunizieren. Doch er befand sich eben vollständig in den Händen desKremls, der sich nach Nawalnys Tod beeilte, durch den Mund eines gewissen Senators aus dem Föderationsrat von einem „Unglück“ zu sprechen. Bestimmt würde Nawalny selbst das der zeitige russische Machtsystem als „Unglück“ bezeichnen, welches ihn im heutigen Abschnitt der Geschichte besiegt hat Und weiter dann – obwohl, wann wird die ses weiter sein? – wird die russische Geschichte Nawalny ihr Gesicht zuwenden und ihn in ihre Arme schließen. Alles wird gut. Doch, um ehrlich zu sein, Nawalny war noch ein vergleichsweise junger Politiker er ist mit nur 47 Jahren gestorben. In der Emigration hätte er Putin (71) überlebt und mit Sicherheit seine Rolle im Postputinabschnitt der Geschichte übernommen. Dem Russland der Zukunft wird er schmerzlich fehlen.

Aus dem Russischen von Beate Rausch

Viktor Jerofejew floh nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine aus
Moskau nach Deutschland. 2023 erschien bei Matthes & Seitz sein Roman „Der große
Gopnik“.

21-02-2024

Götz: Ich habe  eine wunderbare Expedition in die Musik unternommen, geführt von Joanna Mallwitz, die mit dem Konzerthausorchester Berlin die „Italie­nische Sinfonie“ von Felix Mendelsson-Bartholdy erklärt. Diese Frau ist eine ausdrucksstarke Dirigentin, die uns anhand von Pianoauszügen und eigenem Gesang in die „Italienische“ einführt. Sie erklärt wort- und gebärdenstark die Hintergründe zur Musik von FMB.

In der Mediathek des WDR3 gibt eine Reihe „Expeditionen“, in der die Dirigentin des Jahres, eben diese quicklebendige Frau Mallwitz, uns durch Werke, gesellschaftliche und philosophische Hintergründe auch anderer Grössen der klassischen und modernen Musik führt. Unbedingt hören- und sehenwert!

21-02-2024:

SZ vom 21-04-2024: Es ist nie zu spät, sich gesund zu ernähren Menschen sterben in Deut­sch­land früher als in anderen In­dus­trie­ländern. Was man für die Blutgefäße tun kann. Gastbeitrag von Susanne Fleig, Joachim Jankowski und Nadine Kaesler

… Werfen wir einmal einen Blick in einen durch­schnittlichen Einkaufswagen in den Su­per­märkten: Hochverarbeitete Le­bens­mittel, sogenannte ultra-processed foods (UPF) weisen meist ein ungünstiges Nährstoffverhältnis auf – hohe Gesamt­energie, mehr gesättigte Fettsäuren, mehr Salz und Zucker. Sie machen in Deutschland durchschnittlich fast die Hälfte eines Wocheneinkaufs aus. In Italien liegt ihr Anteil hingegen nur bei 13 Prozent, in Frankreich bei 27 Prozent, also annähernd bei einem Viertel bezie­hungsweise der Hälfte des deutschen Wer­tes. Die Lebenserwartung ist in beiden Ländern höher als in Deutschland, Menschen sterben seltener an Er­kran­kungen des Herz-Kreis­laufsys­tems. Schau­en wir noch genauer hin: Bei hoch­prozessierten Lebensmitteln handelt es sich in Deutschland vor allem um Gebäck (Kekse, Kuchen), prozes­siertes Fleisch (Würste, Aufschnitt, Leberkäse) sowie gesüßte Getränke wie Cola und Energy­drinks. Europaweit werden nirgendwo mehr prozessierte Fleischprodukte ver­zehrt als in Deutschland. Mehr gesüßte Getränke konsumiert man nur in Litauen und Lettland … Zahlreiche wissenschaft­liche Untersuchungen zeigen, dass eine Ernährung mit Gemüse, Hülsenfrüchten wie Bohnen, Linsen und Erbsen sowie mit Obst, Nüssen und Fisch die Herz-Kreis­lauf-Gesundheit erhält oder sogar stei­gert. Konkret heißt dies, dass jede Mahl­zeit zur Hälfte aus Gemüse bestehen sollte. Olivenöl darf gerne verwendet werden, das ist besser als Butter. Auch bei der Zubereitung kann man viel richtig machen: Erhitzt man Fette oder Öle auf über 200 Grad Celsius, bilden sich gesundheitsschäd­liche Trans-Fette. Es gilt daher: Je länger die Zubereitung dauert und je heißer sie ist, desto un­güns­tiger. Günstig hingegen ist – im Vergleich zu Fleisch und manch hoch­ver­arbeitetem Industriepro­dukt – vegeta­rische Kost, zum Beispiel Weißkohl. Die­ser kostet pro Kilogramm zwischen 60 Cent im Discounter und 2,50 Euro in der Edel-Bio-Variante außerhalb der Saison, und er enthält viel Vitamin C und Ballaststoffe. … Selbst eine Umstellung im Alter von 70 Jahren wirkt sich mit einem Gewinn von bis zu fünf Lebens­jahren positiv aus. Die gute Nachricht also lautet: Es ist nie zu spät!“

22-02-2024

Auszüge aus einem Artikel in DIE ZEIT vom 22-02-2024: Wie von Sinnen – Immer härter wird gekämpft, immer schneller schwindet die Macht So nimmt die Regierung dem Land den Mut Von Bernd Ulrich

Viele fragen sich in diesen Tagen schon, ob die führenden Köpfe der Ampel eigentlich noch ganz bei Sinnen sind. Gründe für diese Frage gab es in den zurückliegenden Wochen tatsächlich erneut en masse: Da lässt der Verteidigungsminister die Menschen wissen, dass binnen fünf Jahren ein russischer Angriff auf das europäische Nato-Territorium »möglich« sei, während die Bundeswehr für eine derartige Ag­gression nicht gerüstet ist. Dieser zutiefst beunruhigenden Mitteilung von Boris Pistorius folgt dann aber nicht etwa ein im Kabinett abgesprochener Fünfjahresplan zur Ertüchtigung der Armee inklusive Finanzierung, sondern: nichts Genaues. Was sollen die Menschen damit anfangen, außer sich zu fürchten und der Regierung noch weniger zu vertrauen, als sie es ohnehin schon tun?

Wenig später teilte der ehemalige und möglicherweise auch künftige US-Präsident, nämlich Donald Trump, den Euro­päern mit, dass er die Beistands­pflicht der Nato an Konditionen knüpft, also im Grunde vaporisiert. Daraufhin fordert Katarina Barley (SPD), immerhin Spitzenkandidatin für die Europawahlen, es müsse über einen europäischen Nuklearschirm geredet werden, worauf­hin der deutsche Verteidigungsminister (auch SPD) diese Debatte umgehend für überflüssig erklärt … Jetzt, da der Westen seine Übermachtkrise durchlebt, gibt es keine politische Handlungs­frei­heit mehr ohne staatsbürgerliche Opferbereitschaft. Diese epochalen Tatsachen möglichst nicht anzusprechen und dagegen anregieren zu wollen, ist ein Verzweiflungsprojekt. Die Mitte dieser Gesellschaft hier nicht in die Pflicht zu nehmen und nicht in eine neue Selbst­wirksamkeit zu führen, ist ein histori­sches Versagen …

26-02-2024

Götz: AZ vom 26-02-2024:: „Die 352 besten Mathe-Schüler aus NRW in einem Gebäude … Es ist still, mucks­mäuschen still. Hier wird nachgedacht, hier wird gerechnet. Die Hörsäle des C.A.R.L.-Gebäudes der RWTH sind am Samstagmorgen bis auf den letzten Platz belegt. Normalerweise büffeln hier Studenten. Heute nicht, denn hier findet die Landesrunde der MatheOlympiade statt. Die 352 Schüler, die hier sitzen, gehören zu den besten Matheschülern aus ganz NRW. Jetzt schauen sie hochkonzentriert auf die vor ihnen liegenden Blätter … Bei der Olympiade sind alle Schüler von der fünften bis zur zwölften Klasse vertreten. Die Aufgaben sind an die Altersgruppen angepasst. Das Niveau sei dabei ausgesprochen hoch: „Ab den Aufgaben der Neuntklässler gibt es einige Lehrer, die bei der Lösung Schwierigkeiten haben … Wer sich hier qualifiziert, darf zur Bundesrunde, bei der die besten Matheschüler aus ganz Deutschland gegeneinander antreten. Das wird nur acht bis neun Schülern gelingen. Für die besonders guten Mathematiker ist es möglich, sich dann noch für die weltweite Olympiade zu qualifizieren …“

Ich wusste nicht, dass es so eine tolle Olympiade gibt.

WKIPEDIA: Die Inter­nationale Mathematik-Olympiade (IMO) ist ein internationaler Schüler­wett­bewerb im Bereich Mathematik, der seit 1959 (mit einer Ausnahme) jährlich stattfindet. Jedes Land darf sechs Teilnehmer entsenden, die zwei Klausu­ren mit jeweils drei Aufgaben aus ver­schiedenen Gebieten der Mathematik wie Algebra, Kombinatorik, Geometrie und Zahlentheorie schreiben. Daneben findet ein umfangreiches Rahmenprogramm statt, in dem die Teilnehmer das Gast­land und die Teilnehmer der anderen Länder kennenlernen. An der 60. IMO in Großbritannien 2019 nahmen insgesamt 621 Schüler aus 112 Ländern teil.

Se­rien­sieger ist seit Jahren China vor den USA. Sehr stark auch Korea, Indien, Japan. Auch Deutschland lag bis 1993 auf den vorderen Plätzen, rutsche dann aber im Mittel der letzten Jahre auf Platz 25 von insgesamt 110 Ländern ab. Zu den Olympiaden für Wissenschaften zählen auch solche für Physik, Linguistik, Astronomie. In der Linguistik hat Deutschland einige Silber und Bronzemedaillen gewonnen. WKIPEDIA:

Was tun? Nicht bei der Bildung sparen, sondern investieren. An fähigen und begeisterten Jugendlichen mangelt es nicht.

Götz Tagebuch vom 05-12-2023
Ich mag es schon nicht mehr hin schreiben: Die neue PISA-Studie stellt uns ein
denkbar schlechtes Zeugnis aus. Inzwischen sind die Leistungen sogar unter
das Niveau vor dem ersten PISA-Schock gerutscht.

Die Internationale Schulleistungsstudie der OECD (PISA) evaluiert die Kenntnisse und Fähigkeiten 15-jähriger Schülerinnen in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften. Anhand von Tests wird untersucht, wie gut die Schülerinnen komplexe Probleme lösen, kritisch denken und effektiv kommunizieren können. Dies gibt Aufschluss darüber, wie gut die Bildungssysteme die Schülerinnen darauf vorbereiten, Alltagsprobleme zu bewältigen und künftige Erfolge zu erzielen. Deutschland nahm im Jahr 2000 zum ersten Mal an PISA teil. Durch den internationalen Vergleich der Ergebnisse können Politikverantwortliche und Pädagoginnen in Deutschland aus der Bildungspolitik und -praxis anderer Länder lernen … Insgesamt handelt es sich bei den Ergebnissen von 2022 in allen drei Kompetenzbereichen um die
niedrigsten Werte, die jemals im Rahmen von PISA gemessen wurden

DIE ZEIT sagt dazu: Deutschland: Setzen, Sechs
Götz: Das Argument, die vielen ausländischen Schüler verdürben den Schnitt, ist erbärmlich (a) haben andere Länder ebenfalls Zuwanderungen und (b) sind diese Faktoren in der Studie heraus gerechnet. Das Argument, der Föderalismus sei schuld, erklärt vielleicht ein Zehntel der Misere. Nein, das Ergebnis ist hausgemacht und Frucht jahrzehntelangen Politikversagens.

SZ vom 29-02-2024: Mehr Raum für Deutsch und Mathe in Grundschulen, das soll das neue Pisa-Konzept von Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) bringen. Zu schlecht hatten die deutschen Schüler in der jüngsten Pisa-Studie abgeschnitten. Zeit abgeben müssen Kunst, Musik und Werken, die zu einem Verbundfach zusammengelegt werden. Für Harald Lesch, den Mün­che­ner Astrophysikprofessor und fernsehbekannten Physik-Erklärer ist diese Entwicklung fatal.

SZ: Herr Lesch, für mehr Deutsch- und Mathestunden dürften die kreativen Fächer an vielen Schulen Zeit verlieren. Wieso sehen Sie das kritisch?

Harald Lesch: Ich weiß ja nicht, mit wie viel Bildungsforschern sich die Ministerin unterhalten hat. Die Evidenz zeigt nämlich, immer mehr vom immer Gleichen bedeutet nicht gleich mehr. Dieser Ansatz ist Quatsch!

SZ: Laut dem Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer zeigen Studien, dass sich mehr Stunden allein nicht auf den Lernerfolg auswirken.

Lesch: Genau. Dass einige Kinder nicht mehr rechnen können, liegt daran, dass man zu wenig übt. Da ist das immer Gleiche dann wichtig. Aber die Aufgaben müssen mit dem Leben der Kinder zu tun haben.

SZ: Üben und Wiederholen ist aus der Mode. Kunst und Musik fielen schon im CoronaSchulbetrieb hinten runter.

Lesch: Und es ist ganz schlecht ausgerechnet in der Grundschule diese kreativen Fächer zurückzuschrauben. Dort haben die Kinder noch den Enthusiasmus, den sie in kreativen Fächern ausleben. Aber Lesen, Schreiben und Rechnen müssen sie auch lernen. Trotzdem ist es die falsche Entscheidung, bei Kreativität zu kürzen. Pisa ist zwar ganz schön, weil man fest­stellen kann, welche Defizite es gibt, aber die Schlussfolgerung ist jetzt business as usual, nur ein bisschen anders.

SZ: Wieso ist Ihnen als Physiker die Kreativität überhaupt so wichtig?

Lesch: Die großen Veränderungen erfordern kreative Köpfe. Denken Sie an den Klima­wandel, an den Frieden in Europa. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Wir wissen nicht, welche Lösung die richtige ist. Wir müssen eine Menge ausprobieren und Irrtum zulassen. Das lernen Kinder in kreativen Fächern. Es braucht eine neue Fehlerkultur, die ermutigt, auszuprobieren. Ohne Angst vorm Scheitern. Kinder müssen lernen, Kreativität in Gruppen zu steuern, erst mal Ideen zu sammeln und offen zu bleiben. Ausprobieren wird in Kunst, Musik und Werken unglaublich befeuert – wenn man die Kinder machen lässt und schaut, wie weit sie mit ihren Fähigkeiten kommen. Sie lernen in diesen Fächern, nicht nur kniesepückelig an sich zu denken. Kreativität ist das, was über einen hinaus­weist. Ich wusste gar nicht, dass ich das weiß und kann, das spüren die Kinder körperlich. Werken ist wichtig, damit sie erfahren, dass sie mit den Händen mehr bewegen können als eine Tastatur, dass sie etwas bauen können.

SZ: Selbstwirksamkeit als Basis fürs Selbstwertgefühl, ein Klassiker. Und was müsste anders laufen?

Lesch: Gerade in Mathe kann ich Kindern nur raten: Lernt Kopfrechnen, schnell, schneller, noch schneller. Fast and furious. Lehrer müssten Wettbewerbe veranstalten, aus Mathe kann man ein Riesenfest machen. Lasst sie ausrechnen, wie schnell sich die Erde um ihre eigene Achse dreht. 464 Meter pro Sekunde, das ist eine Wahnsinns­ge­schwindigkeit. Entscheidend ist, wie interessant die Stunden sind. Die wichtigsten Leute sind die Lehrer.

SZ: Teil dieser Grundschulreform ist, dass Schulleitungen entscheiden, wie sie Schwerpunkte legen.

Lesch: Dafür haben die doch keine Zeit. Sie sind eingezwängt in einem verkopften System. Dabei geht es nicht nur um die Kreativität der Kinder, sondern auch um die Kreativität des Personals. In der Grundschule sind die Lehrer Klassenlehrer, sie haben es in der Hand. Sie könnten Mathe mit Kunst verknüpfen.

SZ: Wieso engagieren Sie sich so für Schule?

Lesch: Das Beste, das Befriedigendste, was ich je gemacht habe, ist Lehrerfortbildung. Schule ist so wichtig, weil sie nächste Generation prägt. Eigentlich ist es der Klassiker: Die Älteren geben ihr Wissen an die Jüngeren weiter. Zum Beispiel mit Fortbildungen zum Klimawandel oder zur Energiewende und Experimenten mit unserem Klimakoffer.

SZ: Da erleben Sie Lehrer, die brennen, und nicht jene, die Fortbildung bräuchten.

Lesch: Umso wichtiger ist es, dass diese Lehrer nicht ausbrennen. Und es gibt eine Menge, die richtig viel aus der Zeit machen, die sie mit den Kindern haben. Das Tollste an dieser Arbeit ist, Sie treffen keine Deppen, nur Leute, die sich Sorgen machen. Der Vernetzungsgrad ist unglaublich hoch und jede Fortbildung führt dazu, dass diese Lehrer andere Projekte kennenlernen und merken, sie sind nicht allein.

TB 01-03-2024: Mein Freund Kalle ruft an. Er hat meinen Blog gelesen und nennt als Ursachen unserer Misere spontan (1) der ungebremste, räuberische Kapitalismus und (2) die ausufernde staatliche Verwaltung. Er nennt ein Beispiel: soll ein Rotorblatt für ein Windrad von Hamburg nach München transportiert werden, führt der Weg durch 5 oder 6 Bundesländer. Für jedes Bundesland muss eine Transport­ge­neh­migung eingeholt werden, in jedem Bundesland wechseln die Begleitfahr­zeuge der Polizei … Es kann Jahre dauern, bis man sich durch diese Bürokratie durchgekämpft hat.

Ich stöbere in der Site des BWE (https://www.wind-energie.de/themen/anlagentechnik /montage-und-errichtung/transport/) und ahne, welche logistischen Problemen neben den verwaltungs­technischen zu lösen sind. Dazu auch ARD Tagesschau vom 29-11-2023 : „… Kompliziert war die Projektentwicklung trotzdem: „Wenn es um die Genehmigungen geht, spielen alle Ebenen eine Rolle: also Europa, Bund, Land – und natürlich die betroffenen Kommunen“, sagt Schüßler. Entsprechend langwierig seien die Verfahren für Transport, Bau und Betrieb einer Wind­kraftanlage. Das habe auch für die Anlage im Kallenwald Folgen gehabt: Die büro­kratischen Verfahren hätten so lange gedauert, dass der Anlagentyp, der ursprünglich vorge­sehen war, irgendwann nicht mehr lieferbar gewesen sei. „Also mussten wir umgenehmigen, auf eine kleinere Anlage“, so Schüßler. „Und auch wenn die Anlage kleiner ist, muss das Landratsamt alle Themen wieder durchprüfen: Wie verhält sich der Lärm? Wie verhält sich der Schatten? Und so weiter …„.

Wenn ich das lese, frage ich mich natürlich, ob der Transport von Strom nicht sehr viel einfacher wäre als der von überlangen Rotorblättern und überschweren Rohrstücken. Aber der längst geplante Ausbau von Stromtrassen scheitert am Widerstand einzelner Bundesländer, Bayern voran. Die Themen Energie, Umwelt, föderale Struktur, Verwaltung sind eng miteinender verbunden. Die Probleme schaukeln sich heute gegenseitig hoch.

01-04-2024 Nachträge:

TB vom 10-01-2009: Wie sieht die Welt heute aus? Der lupenreine Demokrat Putin dreht den Gashahn zu und behauptet, die Ukraine habe ihre Schulden aus Gaslieferungen nicht bezahlt und stehle nun Gas, das für Westeuropa bestimmt sei. Das frostige Bulgarien, das zu 100% vom russischen Gas abhängt, friert. Deutschland bezieht 35% seines Gasbedarfs von Russland, hat aber Reserven für 40 Tage. Wird das ein wirksamer Anstoß, sich nach anderen Lieferanten umzuschauen und, wichtiger: doch verstärkt in alternative Energien zu investieren?

TB vom 23-11-2011:

TB 23-01-2011: Der Freiherr Karl-Theodor … Xerox zu Guttenberg, bis dato beliebtester deutscher Politiker, Verteidigungsminister und, in meinen Augen, präpotenter, selbstverliebter Angeber, scheint seinen Doktortitel erschlichen zu haben. Wem sein Umgang mit der Kundusaffaire, die überschnellen Entlassungen von Bundeswehrgenerälen oder Kapitänen, sein unverschämter PR-Flug nach Afghanistan auf Staatskosten nicht genügt, dem mag das folgende Zitat die Augen öffnen:

… Hamburg – Das Zwischenfazit, das die Initiatoren der Netzplattform GuttenPlag Wiki ziehen, lässt schon jetzt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „In der Dissertation wurden in erheblichem Ausmaß fremde Quellen verwendet, die nicht als Zitat gekennzeichnet wurden. Dies ist eine eklatante Verletzung der wissenschaftlichen Arbeitsweise.“ Die Art, Verteilung und Verwendung der Plagiate sowie „die Tatsache, dass selbst die Einleitung kopiert wurde, lassen darauf schließen, dass diese Plagiate kein Versehen waren, sondern bewusst getätigt wurden“. Diese Einleitung, so viel steht längst fest, stammt aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“

Und die Recherchen über Diebstahl aus Quellen, die nicht im Netz stehen (Lexika, Handbücher etc.) haben gerade erst begonnen. Am vergangenen Freitag hatte man auf 268 Seiten = 68% seiner Dissertation, schon Plagiate gefunden. Die Leerformel „Haben wir denn nichts Wichtigeres zu tun …“ greift auch hier zu kurz. Der Mann wurde von seinen besoffenen Anhängern schon als künftiger Bundeskanzler gehandelt.

TB vom 14-03-2011: ● Die deutschen Wissenschaftler wehren sich gegen die schamlose Diffamierung durch den Betrüger Guttenberg und die Schutzmauer, die Regierung und CDU/CSU um ihr schwarzes Schaf mauern. Frau Merkel: „Ich habe mit KTG doch keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt“. Über Internetrecherchen wird der Betrug minutiös aufgedeckt und jedermann zugänglich gemacht, in Offenen Briefen werden der Betrug Guttenbergs und das Fehlverhalten der leichtgläubigen bis willfährigen Universität Bayreuth angeprangert. Der Verteidigungsminister tritt zurück. Hoffentlich auf Nimmerwiedersehen. Eine Mehrheit der Wähler allerdings scheint ihn noch auf dem Platz des beliebtesten Politikers halten zu wollen. Den Leuten ist nicht zu helfen.

E-MAIL VOM 06-12-2013: Am 05.12.2013 antwortet mir mein Freund Franz auf meine Weihnachtsmail, in der ich die Ankunft eines Enkelkindes mitteilte und über unsere Haltung gegenüber Flüchtlingen raisonnierte. Dabei erwähnte ich auch die positive Arbeit von ProAsyl.

Franz antwortete: … Das kleine Ding wird ja Gott sei Dank unbeschwert ein- und ausreisen dürfen. Damit sind wir beim Thema. Eine heiße Kiste, bereitet auch mir immer wieder Kopfzerbrechen! Vom Herzen her möchte man helfen; der Kopf sagt Vorsicht. Wie könnten wir der modernen Völkerwanderung – gleich aus welchem Grunde auch immer, ob Hunger, ob Krieg, ob Überbevölkerung – wohl Herr werden? Schließlich ist Europa schon dicht besiedelt. Und auch innereuropäisch haben wir ja deutliche Probleme. Man denke nur an die Sinti und Roma, die aus dem Südosten in den „wohlhabenden“ Nordwesten wandern. Gutmenschentum allein kann die Dinge nicht regeln. – Und man sollte bedenken, daß der nicht unerhebliche Teil der einheimischen europäischen Bevölkerung, der jetzt schon materiell nur knapp über die Runden kommt, wohl am ehesten unter Massenzuflucht litte. Denn sowohl die finanziellen Mittel wie auch die vor allem einfacheren Arbeitsplätze müßten auf sehr viel mehr Köpfe verteilt werden. Selbst jedes bislang nicht lösbare mathematische Problem dürften eher geklärt werden als diese Menschheitsfrage. Die Politik kann es ebensowenig wie ProAsyl. – Aber wir sind nicht gleichgültig!

Beste Grüße von Franz

Mein Re: Lieber Franz, Du machst da ein grosses Fass auf, wo ich konkrete Missbräuche angesprochen habe. Also: noch vor 2 Generationen waren viele Deutsche froh, „Gutmenschen“ im Inland (> Berthold Beitz) oder Ausland gefunden zu haben. Die retteten schlicht das Leben von Verfolgten. Wenn ich mich bei jeder Spende oder milden Gabe an einen Bettler frage, ob ich damit das Elend dieser Welt behebe, bleibt die Hand in der Tasche. Empathie ist etwas anderes als Gefühlsduselei. Es ist wie mit dem Argument von Wahlverweigerern: „Meine Stimme zählt doch nicht“. Mathematisch fast richtig, da dieser eine nur 1/62 Millionen zählt, politisch aber grundfalsch.

Zu Überfüllung und Wohlstand: Die Diskussion um das „Unser Boot ist voll“ sollte überstanden sein. Schon weil unsere Kinder und Enkel die Altenlast ohne Immigranten nicht werden tragen können. Da müssen wir eine vernünftige und humane Praxis finden. Und wenn wir ein bisschen zurück schauen in unsere Geschichte, sollten wir nicht vergessen, dass die Quellen unseres Reichtums nicht nur in Max Webers Protestantischer Ethik liegen sondern auch in kräftiger Ausbeutung (Imperialismus) oder kurzsichtiger Politik (wir schicken z.B. unsere landwirtschaftliche, subventionsgeförderte Überproduktion zu Dumpingpreisen nach Afrika und zerstören dort die Existenzgrundlage von Farmern).

Wie gesagt, Franz, ein grosses Fass. Aber ich bin Optimist in doppeltem Sinne (1) dass einige Menschen immer auch ihrem Herzen folgen werden und (2) die Politik etliche dieser Probleme lösen kann, ja , früher oder später lösen muss.

Lieber Franz, danke jedenfalls für Deine gedankenreiche Antwort. Tatsächlich sollte meine Mail ja auch solche Überlegungen anstossen. Wir freuen uns, Euch am 13. hier bei uns zu sehen. Mit lieben Grüßen auch an Mia Dein Götz

TB vom 02-03-2024

Gerne werbe ich in meinem Blog für die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich. Frau Merkel pflegte sie auf ihre Art mit dem Präsidenten Sarkozy, den sie gewissermassen mütterlich vereinnahmte. Dessen Nachfolger Hollande dagegen liess sie buchstäblich links liegen. Und Herr Scholz? Der deutsche Bundeskanzler ignoriert die Vorstösse des französischen Präsidenten Macron in Sachen Europa, konterkariert sie mit falschen Begründungen, versteckt sich lieber hinter den USA. So wird das offenbar nichts aus Europa.

Ich möchte hier auf eine grossartige Einrichtung hinweisen, der wir viele Anregungen verdanken. Es sind die DENKWOCHEN, die Elke und Tobias Premauer im CHATEAU DÓRION im Südwesten Frankreichs aufgebaut haben. In den vergangenen Jahren haben wir dort in kleinem Kreis von 10 bis 12 Personen häufig zusammen gsessen. Wir konnten zum Beispiel mit dem Politiker Egon Bahr oder dem Philosophen Nida-Rümelin eine Woche lang über ein Thema diskutiert. Es sind wunderbare Erlebnisse, die im Prinzip jedem offen stehen..

Ich zitiere hier die jüngste Schlossdepesche vom Februar 2024:

Liebe Freundinnen und Freunde von Chateau d’Orion,

nun ist also auch Alfred Grosser, der große Freund und bedeutende Mitbegründer der Deutsch-Französischen Beziehungen verstorben. Und wieder ist es unsere Aufgabe, die Spuren weiter zu verfolgen, die er uns hinterließ. Als ich ihn zuletzt 2017 mit Navid Kermani auf der Bühne in den Münchner Kammerspielen sah, wurde mir wieder bewußt, wie großartig seine klare Sprache, sein unerschütterlicher Glaube an den Menschen war. Und so heißt denn auch sein Buch „Le Mensch“. Er beschreibt darin die vielen Facetten unseres Menschseins und die vordringliche Notwendigkeit uns auch als Menschen zu beweisen. Es mag naiv erscheinen, dass ich seine Widmung darin heute noch einmal neu bewerte, dass ich das Buch noch einmal mit anderem Blick betrachte. Die Bedeutung der Aussage darin bleibt unerschütterlich, es fordert uns auf: Sei ein Mensch, ganz wie neulich Marcel Reif es in seiner Rede im Bundestag zur Befreiung des Lager Ausschwitz von seinem Vater übernahm.

Bereits 1947, als Alfred Grosser seine Geburtsstadt Frankfurt besuchte, begründete mit dem damaligen Frankfurter Bürgermeister das „Französische Komitee für den Austausch mit dem neuen Deutschland“. Er lebte in der Überzeugung einer kritischen Bewunderung, in Deutschland geboren, nannte er sich Franzose und fühle als Europäer. Wobei ihm pauschalisierte Verallgemeinerungen ohnehin fremd waren.
 
Immer wieder legte er den Finger in offene Wunden, schwamm gegen den Strom, sprach in Deutschland gut über die Franzosen und umgekehrt. Beziehungen müssen gepflegt werden, das war sein Credo. Eine Aufgabe, die wir alle erfüllen können. Dafür gibt es viele Beispiele. Neulich erzählte unsere Enkelin, dass das France-Mobil vor ihrer Schule stand, als es wieder verschwunden war, meldeten sich 7 SchülerInnen für den Französisch Unterricht an.
 
Grosser war nie klagend, immer klar im Ansporn und hörte nie auf uns zu ermutigen. Er sprach nicht gerne von einer Freundschaft beider Länder, aber doch von einer einmaligen Infrastruktur der Begegnung in Europa. Und von der Kraft der Demokratie, die ihm europaweit schützenswert, wie eine zarte Pflanze erschien. Die Verteidigung der Freiheit im Staate, das ist auch unser Thema in Château d’Orion. Gerade in diesen „besonderen Zeiten“, wie Angela Merkel unsere Epoche nannte, nehmen wir engagiert diese Herausforderung an.
 

Die Demokratie braucht uns, deshalb werben wir hier insbesondere für unsere erste Denkwoche im April. Sie ist Teil einer Trilogie und beschäftigt sich vorrangig mit der Rolle, die wir selbst in gesellschaftlichen Strukturen innehaben oder sogar haben sollten. Jenny Fadranski und Karoline Rütter haben sich vorgenommen der vielfach empfundenen Ohnmacht entgegenzuwirken. Und so nennen sie denn ihre Woche: Demokratie stärken – eigene Handlungspielräume erkennen.
https://www.chateau-orion.fr/demokratie-staerken-2024
 
Wir stellen immer wieder fest, wie viele Perspektiven sich öffnen während einer Woche, die sich sinnstiftend sowohl heiter als auch ernsthaft mit unseren großen Fragen beschäftigt. Demokratie ist das, was wir daraus machen. Den richtigen Weg zu finden, dazu kann diese Denkwoche ein Kompass sein.
 
Und noch einmal mag uns Alfred Grosser ermutigen, wenn er in Le Mensch schreibt: „Auf französisch sagt man: „Penser juste, donc á la fois avec justesse et justice -Richtig denken, heißt mit Richtigkeit und mit Gerechtigkeit – das klingt weniger gut, sagt aber doch das Wesentliche.“
 
Wir freuen uns auf gemeinsame mutige Gedankenreisen.

Bonne Oriontation, Elke und Tobias Premauer

03-03-2024:

Auch nach 250 Jahren bleibt Immanuel Kant massgeblich. Ein universeller Geist in Naturwissenschaften, Philosophie, Moral, Weltpolitik – und dazu in seinen Vorlesungen ein charmanter, witziger Professor.

09-03-2024:

Hannah hatte mich vor geraumer Zeit auf die 1-$-Brille aufmerksam gemacht. Damit könne einem sehschwachen Menschen ein neues Leben ermöglicht werden. Eine faszinierende Idee, mit kleinem Aufwand Grosses zu bewirken. Die Stiftung beschreibt sich selbst wie folgt:

„Ehrenamtlich und hauptberuflich engagieren sich viele Menschen in Deutschland und darüber hinaus für die EinDollarBrille und sorgen mit großem persönlichem Engagement und fundiertem Fachwissen gemeinsam für gutes Sehen in den Ländern des Globalen Südens.“

Spenden sind möglich unter https://www.eindollarbrille.de/spenden. Ich denke, wenn man auch nur einmal auf einen Besuch im Restaurant oder gar die Anschaffung des neuesten Mobiltelefons verzichten würde, könnte man vielen Menschen helfen.

10-03-2024:

Götz: Gestern Abend habe ich in der KLANGBRÜCKE das Trio Heid/Osgood/de Joode erlebt. Musik, Jazz wie ich ihn vorher nicht gehört habe. Gehört? Nun, man musste es sehen um zu begreifen, was da ablief. Der jüngste der drei Musiker, Darius Held, bearbeitete den Konzertflüge von GROTIAN STEINWEG mit artistichen Verrenkungen, ohne in den erste 6, 7 Minuten eine einzige Taste anzuschlagen. Ergriff mit den Fingern in die Saiten, schlug einen Klöppel auf Seiten und Holzränder, werkelte mit einer Flasche. Wilbert de Joode, der Älteste im Trio, bearbeitete seinen Kontrabass ähnlich unkonven­tionell. Er hat Griff-, Streichel., Streich- und Schlagtechniken entwickelt, die erstaun­lichste Geräusche erzeugten, manchmal wie das Brummen einer Maschine, manchmal wie menschliche Sprache, selten wie ein Kontrabass. Sehr ausgefallen der dänische Schlagzeuger Kresten Osgood. Massig, schräge Mütze, grelle Kleidung, extrem leger, aber sympathisch wie seine beiden Kollegen. Er streichelte und malträtierte sein Schlagzeug, haute uns blitzartig Töne in die Ohren oder behandelte ein Becken so sanft, dass man sehr genau hin hören musste. Chaotisch wirkende Geräuschmusik wechselte ab mit zarten, wohlabgestimmten Melodien. Nie wusste der Zuhörer, was kommen würde, immer war ich drauf gespannt. Aus dem Programm:

„Das Trio Darius Heid/Wilbert de Joode/ Kresten Osgood besteht aus drei einzig­artigen Musikern der europäischen Impro­visationsszene. Wilbert de Joode ist … einer der wegweisenden Personen der niederländischen Szene. Kresten Osgood ist auf mehr als 100 Alben zu hören und … heute ist er einer der prägendsten Schlagzeuger der europäischen Szene. Darius Heid, ursprünglich aus Aachen jedoch in Köln beheimatet, ist der jüngste im Trio und erweitert die Klang­mög­lichkeiten des Klaviers auf spielerische und konzentrierte Art und Weise. Nach ihrem Debüt auf der Cologne Jazz Week 2023 tourt diese spannende Konstellation vom 7. bis 12. März 2024 durch Deutschland.

 Darius Heid (DE) – Klavier
Wilbert de Joode (NL) – Kontrabass
Kresten Osgood (DK) – Schlagzeug“

Die GZM, . die Gesellschaft für zeitge­nössi­sche Musik bringt nicht nur Jazz, sondern stellt immer wieder aktuelle Komponisten vor und diskutiert in kleiner Runde deren Werke. Unbedingt ein Tip zumindest für Aachener.

Mit halbem Auge erhasche ich beim Öffnen des Laptops, dass Friedhelm mir auf meinen Blog hin geantwortet hat: Lieber Götz, wow, das ist ja ein Rundumschlag! Und dann die Geburt von LA REJNIO noch aus Aachen! Wenn das keine Traditions-Nachfolge ist. Die Frage aller Fragen ist für mich: Gelingt es „die Leute“, d.h. die Betroffenen mitzunehmen? Frei nach Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Ich gebe Dir allerdings Recht: Irgendwo und irgendwie muß mal einer anfangen. Gruß an die Mit­streiterin Elke. Dein Friedhelm

Wow, das nenne ich schnell reagiert. Den ganzen Blog wird er nicht gelesen haben. Sicher/ vielleicht kommen wir später auch auf Einzelheiten zu sprechen.

Zum Thema Hobbies: Lisa und ich, wir haben schon vor vielen Jahren zusammen gemalt, Lisa kundig und hand­werklich geschult, ich als Amateur. Ja, Amateur trifft es, denn in dem Wort steckt amare=lieben. Malen kann eine herrliche Liebhaberei sein, die man um ihrer selbst willen betreibt. Ich vergesse dabei auch heute alles um mich herum, bin frei von jedem Druck und Stress, freue mich, wenn mir ein Bild (wie das eben fertig gestellte Portrait von Kalle) einiger­massen gelingt.

Mein Atelier ist mein Schreibtisch. Der Laptop, ein Zeichen­tablet mit elektro­nischem, kabellosen Stift und das Programm ArtRage zaubern mir Blei- und Buntstifte, Ölkreiden, diverse Pinsel, Spachtel, Sprühdosen, Farbroller und sogar einen Radiergummi, der selbst Ölfarben restlos tilgt, auf den Tisch. Die Werbung für diese Malpro­gramme stellt auf Kunstmaler ab und zeigt Muster vollkommener Aquarelle und Zeichnungen. Diese Bilder in ihrer Per­fek­tion schrecken eher ab. Tat­sächlich ermög­licht so eine Ausstattung für ganze 100 bis 150 € den Wiedereinstieg in ein sehr schönes Hobby. Wohl jeder hat sich als Kind seine Wunderwelt gemalt. Wie so Vieles wird das später in der Welt der Erwachsenen vergessen. Aber man kann es wieder entdecken. Mein Blog soll auch dazu eine Anregung geben. Ob man die entspannende Arbeit im Malen, im Basteln mit Holz oder Heimwerken sucht, ist dann eine Frage der eigenen Vorlieben.

13-03-2024:

Ein Re von einem alten Freund. Er antwortet auf meine E-Mail, in der ich ihn auf meinen Blog aufmerksam gemacht und die Hinter­gründe erläutert habe:

„Lie­ber Götz, vielen Dank für Deine aus­führliche Mail. Ich bewundere Dich dabei. Ich bin politisch interessiert, aber nicht aktiv engagiert. Das genügt mir. Ich bin nicht so für Amateurpolitiker, der ich ja wäre. Schöne restliche Zeit in Aachen. Beste Grüße auch an Lisa Dein Hagen.

Den Blog hat er offenbar gar nicht ge­öff­net, geschweige denn gelesen. Er schickt ihn mir kalt zurück. Das schmerzt.

Nun zu einem anderen Thema. Ich hatte kürzlich das Vergnü­gen, Joachim Gauck in der Körber­stiftung in Hamburg zu erleben. Gauck, jetzt 84 Jahre alt, vital und kämpferisch, beeindruckte das Publikum in seinem schwar­zen Anzug mit dem kontrastierend weissen Haar­schopf. Gleich zu Anfang unterbrach er die Eingangs­moderation und bat, den Titel „Bundespräsident a.D.“ hier doch weg zu lassen. Erster Beifall. Die Fragen der Moderatorin gaben Gauck die Mög­lichkeit, länger über seine neuen Bücher („Demokratie – ein Auslauf­modell?“, 2022 und „Erschüt­terungen – Was unsere Demokratie von aussen und innen bedroht“, 2023) und über seine persönlichen Erfahrungen mit Diktaturen zu reden. Auch heute noch, längst pensioniert, ist Gauck ein kämpferischer Demokrat. Er nennt einige kritische Punkte, die uns heute stärker beschäfti­gen sollten. Ich zitiere sinngemäss: „Es gibt Soll-Bruchstellen der Demokratie: Zum Beispiel der Krieg zwischen Russland und der Ukraine (Gauck: „Ich bin für den Einsatz von TAURUS“), der Krieg zwischen Israel und Palästina, das Klima, Armut und Hunger,die Gender-Diskussionen, die vielen Streiks. Gaucks These: Die Bürger wollen diese Themen gar nicht zu Ende analysieren, da man dann ja handeln müsste. Gauck ist ein routinierter Redner. Geschickt zieht er das Publikum auf seine Seite, indem er zuletzt die vielen, alle nervenden Streiks nennt. Das gehört, denke ich, überhaupt nicht hier hin. Streik ist eins der Grund­rechte in unserer Demokratie. Gauck weiss das sehr wohl. Aber er haschte damit, wie auch später einige Male, nach der Zustimmung des Publi­kums. Und es gelang immer. Ein anderes Beispiel: Gauck führte die Ergebnisse einer Befragung an, nach der 82% der Befragten die Überlegenheit der Demo­kratie bestätig­ten. Gauck kommentierte das Ergebnis „Wir leben hier im Westen in Freiheit und Wohlstand. Oder wollen sie lieber im Russland Putins leben?“. Hier, im Kreis „gutsituierter Bürger“, funktioniert das, die Begründung wurde mit Lachen und Beifall quittiert. Nach­denklicher hätte es gemacht, was denn wohl die übrigen 18%, immerhin also fast jeder Fünfte, dazu bewegen mag, sich von der hier praktizierten Demokratie abzuwenden. Noch deutlicher wäre das Nachdenken angestossen worden, hätte er vom Eigen- auf das Fremdbild ge­schaltet und gefragt, was denn wohl die Inder und andere bewegen mag, die von den west­lichen Demokratien beschwo­rene Freiheit so skeptisch zu sehen. Aber ich gebe zu, dass ist kleinliche Krittelei von meiner Seite.

Zu Egon Bahr, den wir sehr schätzen, sagt Gauck: Bahr habe mit Willy Brandt eine neue Ostpolitik entwickelt. Das sei innovativ und mutig gewesen. Gauck erläutert die Bedeutung der HEL­SINKI-Akte, die im August 1975 unter­schrie­ben wurde. Die unter­zeich­nenden Staa­ten verpflich­ten sich in dieser Ab­sichts­erklärung zur Unverletzlichkeit der Grenzen, zur fried­lichen Regelung von Streitfällen, zur Nichteinmischung in die inneren Ange­legenheiten anderer Staa­ten sowie zur Wahrung der Men­schen­rechte und Grund­freiheiten. Unter den > 50 Unter­zeichnerstaaten sind auch die UDSSR und Russland. Nach Helsinki also sei Egon Bahr konservativ geworden, habe sich den Mächtigen, den USA, angeschlossen und z.B. Lech Walensa, den polnischen Arbeiter­führer, abgelehnt. Ein interes­san­ter Aspekt, den ich bisher nicht gesehen habe. Für Joschka Fischer findet Gauck uneingeschränktes Lob. Das erstaunt mich bei einem Mann, der als evan­ge­lischer Theologe von 2012 bis 2017 Bundespräsident und der erste Parteilose in diesem Amt war. Zu DDR-Zeiten war Gauck evangelisch-luthe­ri­scher Pastor und Kirchenfunktionär. Vor 2012 leitete er die „Gauck-Behörde“. Wir bewunder­ten ihn damals für seine Haltung, mit der er allen Angriffen und Versuchen widerstand, die Stasi-Akten zu ver­nichten oder doch weg zu schliessen, damit niemand sie einsehen könnte. Gauck ist ein bewundernswerter Kämpfer.

Kleiner Nachtrag: Die These der Triggerpunkte wird in dem lesenswerten Buch „Triggerpunkte“ von dem Soziologen Stefan Mau u.a. dargelegt. Der SUHRKAMP-Verlag dazu: „Von einer »Spaltung der Gesellschaft« ist immer häufiger die Rede. Auch in der Alltagswahrnehmung vieler Menschen stehen sich zunehmend unversöhnliche Lager gegenüber. So plausibel sie klingen mögen, werfen entsprechende Diagnosen doch Fragen auf: Wie weit liegen die Meinungen in der Bevölkerung wirklich auseinander? Und ist die Gesellschaft heute wirklich zerstrittener als zur Zeit der Studentenproteste oder in den frühen Neunzigern?
Nicht zuletzt weil man eine Spaltung auch herbeireden kann, tut mehr Klarheit not. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser kartieren aufwendig die Einstellungen in vier Arenen der Ungleichheit: Armut und Reichtum; Migration; Diversität und Gender; Klimaschutz. Bei vielen großen Fragen, so der überraschende Befund, herrscht einigermaßen Konsens. Werden jedoch bestimmte Triggerpunkte berührt, verschärft sich schlagartig die Debatte: Gleichstellung ja, aber bitte keine »Gendersprache«! Umweltschutz ja, aber wer trägt die Kosten? Eine 360-Grad-Vermessung der Konflikte um alte und neue Ungleichheiten, die eine unverzichtbare Diskussionsgrundlage bietet und viele Mythen entzaubert.

14-03-2024: Fritz Behrens antwortet: Lieber Götz, herzlichen Dank für Deine Mail und den Hinweis auf Deinen blog … Nun zu Deinem blog, den ich gerade geöffnet, gelesen und zum Teil bisher nur überflogen habe. Erste Reaktion: Das ist ja geradezu unglaublich, was Du über die Zeit da zusammengetragen hast! Allein die Materialfülle zum Zustand der Welt und unserer Gesellschaft überwältigt mich. Nahezu alles davon könnte ich unterschreiben. Auch viele der Vorschläge zur Änderung der beschriebenen Situationen finden meine Zustimmung. Den Kern Deiner Gedanken sehe ich in den Vorschlägen zur Neugestaltung der Zusammenarbeit im freien Teil Europas.

Wie Du vielleicht weißt (oder auch nicht) habe ich zu Beginn der siebziger Jahre meine Dissertation zum Thema „Die Umweltpolitik der Europäischen Gemeinschaften“ (!) geschrieben und bin dafür mit dem damaligen, recht hochdotierten „Océ-van-der-Grinten-Preis für Umweltschutz“ ausgezeichnet worden.

Ich hatte mich für dieses Thema, das zu der Zeit noch ganz am Anfang der öffentlichen Aufmerksamkeit stand (Bericht des Club of Rome) bewusst entschieden, weil ich meinen Beitrag zum Friedenswerk der europäischen Einheit leisten wollte. Ich war damals junger Sozialdemokrat und zutiefst davon überzeugt – übrigens bis heute – dass eine europäische Friedensordnung und eine in feste Formen gegossenene Zusammenarbeit der Staaten im Kerneuropa, möglichst in Form eines Staatenbundes oder auch Bundestaates (vielleicht nach US-amerikanischem Vorbild) zur dauerhaften Friedens- und Wohlstandssicherung für die Völker Europas unerlässlich sei. Davon bin ich sogar heute noch mehr überzeugt denn je!!! Damals bestand der Nukleus des sich vereinenden Europas aus den 6 Gründungsstaaten von EWG, Euratom und EGKS, die ja erst später zu den Europäischen Gemeinschaften und dann zur EU wurden. Ich bin bis heute der Meinung, dass diese 6 Staaten – vielleicht ergänzt um einige Skandinavische Länder, Spanien und Österreich, die sinnvollste Basis für die weitere Einigung Europas im Wettkampf der Weltregionen wären. D. h. ich bin bis heute ein Anhänger des „Europas der zwei Geschwindigkeiten“! Angesichts der seit einiger Zeit anhaltenden Schwierigkeiten mit Mitgliedstaaten, die immer wieder „aus der Reihe scheren“, scheint mir das unumgänglich, wenn wir hier im Zentrum Europas mit anderen Weltregionen mithalten und unseren Nachfahren gleiche Entwicklungschancen bewahren wollen.

So viel zunächst als erste Reaktion auf Deine „Europa-Vorschläge“. Zu anderen Themen wie z. B. zur Schwerfälligkeit des politischen Systems in Deutschland und in Europa, zum Bürokratieversagen usw. habe ich mir ebenfalls mein Leben lang Gedanken gemacht. Sie waren sozusagen der Nukleus meiner beruflich-politischen Tätigkeit. Ich habe über Jahre hinweg Vorschläge erarbeitet und schließlich auch versucht, sie – jedenfalls in NRW, damals zusammen mit Wolfgang Clement – politisch und faktisch in die Tat umzusetzen. Wir sind damals sehr schnell von den jeweiligen entgegenstehenden Interessengruppen und ihren Lobbys, die sich schnell auf die zunächst vorhandene politische Mehrheit im Landtag NRW aus Rot/Grün (auch die CDU war anfangs mit im Boot) gestürzt haben, ausgebremst worden. Dazu könnten wir uns stundenlang eher mündlich austauschen, weil das auf schriftlichem Wege ein aussichtsloses Unterfangen wäre.

Soviel zunächst, lieber Götz, eine erste Reaktion auf Deine Überlegungen und Vorschläge. Vielleicht haben wir ja schon am kommenden Samstag die Gelegenheit, uns darüber weiter auszutauschen. Wir freuen uns auf das Wiedersehen mit Elke und Dir! Seid auch von Hilde herzlich gegrüßt von Deinem Fritz

14-03-2024: Im Bundestag wird über den Einsatz von TAURUS diskutiert. Ich denke, am wenigsten ist das eine juristische Frage, am meisten aber eine Frage nach Putins Charakter. Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew sagt dazu in seiner Würdigung von Nawalny unverblümte Sätze:

Alles wird gut Alexej Nawalny hatte gegen Putin keine Chance, doch er nutzte sie – gegen den Scheißegalismus der schweigenden Mehrheit. Der Schmerz ist groß. Aber die Geschichte wird ihm recht geben. Von Viktor Jerofejew

Alexej Nawalnys Tod hat ihn augenblicklich in eine mächtige historische Figur verwandelt, zu de­ren Ehren man mit der Zeit Straßen, Prospekte, Universitäten, vielleicht sogar Städte benennen wird. So eine sprühende, energische Persönlichkeit, die dem ganzen System staatlicher Macht prak­tisch allein Paroli bietet – denn seine Mitstreiter waren stets eher Mitarbeiter als Kollegen –, kann man in den Weiten Russlands lange suchen. Natürlich gab es in jüngerer Vergangenheit ähn­liche Fi­gu­ren, etwa das Akademiemitglied AndrejSacharow oder Boris Nemzow – sie sind an Be­deutung vergleichbar mit Nawalny. Aber Nawalny ist geradezu filmreif mit seinen über­raschen­den, brill­an­ten existenziellen Aktionen.

Ein schöner junger Mann, Ehemann einer der gemeinsamen Sache treu ergebenen schönen Frau, Vater zweier schöner Kinder,wirkt er anziehend mit seinen Zweifeln und seinen Einfällen, seiner Strenge und seinem Sinn für Humor, der sich in ansteckendem Lachen äußern kann. Er fürch­tet keine Skandale und gegen ihn gerichtete Provokationen – er fürchtet überhaupt nichts, denn er weiß, die russische Staatsmacht ist Betrug und Korruption; er fürchtet nicht, was er nicht respek­tiert. Dabei berücksichtigt er den Geschmack des Volkes, dessen Schwächen und Komplexe. Er tauchte ein in unterschiedliche politische Gewässer – in der Jugend war er ein „Jablotschnik“, Mit­glied der liberalen Partei Jawlinskis „Jabloko“. Er versuchte sich in der Rhetorik der nationa­lis­ti­schen „Russischen Märsche“, nahm dann Abstand vom Nationalismus, war aber relativ diplo­ma­tisch in der Frage der Rückgabe der annektierten Krim an die Ukraine.

Einmal sagte er etwas ungeschickt, die Krim sei doch kein Wurstbrot, das man sich gegen­seitig aus der Hand reißen muss. Wegen solcher politischen Unschärfen mochte Jawlinski ihn bis zum Ende seines Lebens nicht. Meine Kollegin, die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja, sagte, sie würde Havel (so einen haben wir in Russland nicht) ihm vorziehen. Doch in Bezug auf die Staats­macht war er verblüffend mutig. Seine entlarvenden Antikorruptionsdokus über Putins himmel­schreiend geschmacklosen Palast im Kaukasus oder die Reichtümer Dmitrij Medwedjews haben Millionen und Abermillionen Menschen gesehen – es war klar, dass er damit Kopf und Kragen riskierte.

Dennoch blieb er ziemlich lange ein prominenter und erfolgreicher Politiker. Er vereinte in sich den Pragmatiker und den Träumer. Er verstand, dass der Russe mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft lebt. Nawalny setzte die Losung vom schönen Russland der Zukunft in die Welt. Gleichzei­tig baute er meisterlich ein russlandweites Netz mit Namen „Fonds zur Bekämpfung von Korruption“ (FBK) auf. Bei den Moskauer Oberbürgermeisterwahlen 2013 erhielt er mehr als 27 Prozent der Wählerstimmen. Ein unerhörter Erfolg für einen radikalen Oppositionellen. Zwischen

Putin und ihm entwickelte sich eine gegenseitige Hassbeziehung, doch dieser Hass hatte bei jedem der beiden eine eigene Qualität. Putin hasste Nawalny als Beleidiger, der ihn vor aller Augen für seinen despotischen Regierungsstil verhöhnte. Nawalny hasste Putin gezielt – für konkrete Sünden: Betrug, leere Versprechungen, Gier nach Macht.

Ich war persönlich mit Alexej bekannt, wir hatten beide beim liberalen Radiosender„Echo Moskaus“zu tun. Er hatte eine eigene Sendung, und ich war oft Gast beim Sender. Ich sagte ihm, seinem politischen Programm fehle es an philosophischer Unterfütterung. Denn die Illusion bezüg­lich eines schönen Russlands der Zukunft basiere ausschließlich auf der Voraussetzung, dass das Land vom Putin-Regime besetzt sei, die Mehrheit aber nur davon träume, dieses zu stürzen. Nawal­ny hatte viele Anhänger, aber für eine Revolution waren es eindeutig nicht genug. Die unendliche Langmut des Volkes, Konformismus, Scheißegalismus, den omnipräsenten Persönlich­keitsverfall im kriminellen Milieu, unter den Alkoholikern, den Obdachlosen, den Millionen prosowjetischer Staatsdiener und Rentner hielt Nawalny für ein überwindbares Übel. Doch gerade auf solche Stim­mungen stützte sich Putin und verwandelte sich im Laufe der Jahre in einen Präsidenten des Volkes. Nawalny indessen fürchtete Putin nicht einmal dann, als die Staatsmacht ihm jahrelange Gefängnis­haft in Aussicht stellte; man beschuldigte ihn zunächst angeblicher geschäftlicher Manipulationen. 2014 begann sein Leidensweg durch die Gerichte. Aber Nawalny ließ sich auch davon nicht schrecken, und schließlich vergiftete man ihn mit „Nowitschok“ – ein weiteres russisches Wort, das nun international als Bezeichnung für tödliches Gift steht. Nawalny wurde zuerst von russischen Ärzten in Sibirien gerettet, dann stellten ihn deutsche Ärzte der Berliner Charité wieder auf die Beine.Selbstredend leugnete die Staatsmacht die Urheberschaft der Vergiftung, aber Nawalny brachte es fertig, sich als Assistent eines engen Mitstreiters von Putin auszugeben und als solcher einen der an der Vergiftung Beteiligten anzurufen. Der glücklose Killer verriet sich und war ertappt. Nichtsdestoweniger leugnet die Staatsmacht bis heute, etwas mit dem Giftanschlag zu tun zu haben. Das weitere Verhalten Nawalnys ist Gegenstand vieler Diskussionen. Gemeint ist seine Rück­kehr nach Moskau nach seiner Genesung. Am 17. Januar 2021 wurde er noch vor dem Passie­ren der Passkontrolle auf einem Moskauer Flughafen verhaftet. Danach verbrachte er bis zu seinem Tod keinen einzigen Tag mehr in Freiheit. Seine Haftbedingungen wurden zunehmend schlimmer, die Dauer der Haftstrafe wurdewegen staatsfeindlicher Verbrechen (Organisation einer „extre­mis­tischen Vereinigung“) immer länger und wuchs bis zu 19 Jahren Gefängnis an. Schließlich schickte man ihn hinter den Polarkreis, in das berüchtigte Straflager „Polarwolf“ mit besonders strengem Regime, wo man ihn viele Male wegen kleinster Vergehen (wie einem offenen Knopf an der An­stalts­kleidung) in eine kalte Einzelzelle sperrte. Nahezu unvorstellbar, unter solchen Bedingung­en zu überleben. Wer konkret diese Folter befehligte und sich an Alexejs Qualen ergötzte, darf man raten. Dissidenten und Staatschefs in aller Welt geben jedenfalls eindeutig Putin die Schuld für Na­walnys Tod.

Ahnte Nawalny, dass ihn seine Rückkehr aus Berlin nach Moskau in die Arme des Todes treibt? Offensichtlich fürchtete er auch den Tod nicht mehr, er verstand, dass er nur frei von Todes­angst gegen Putin kämpfen, selbst vom Gefängnis aus die Wahlkampagne des Präsidenten stören (der tritt im März für eine neue sechsjährige Amtszeit an) und Putins Aggression in der Ukraine entlarven kann. Aber nach den Gesetzen von Putins Regentschaft erhalten jene Opponenten mit genügend Fantasie, die im Ausland bleiben, meist von der Staatsmacht das Recht auf Leben. Warum? Ganz einfach, die russische politische Emigration bricht ihnen nach und nach die Flügel: Es gibt keinen direkten Kontakt mehr zum Volk, zu Russland, zu Mitstreitern. Vom Standpunkt des Politikers hatte Nawalny einfach keine andere Wahl als zurückzukehren. Aber allem Anschein nach hat er Putin unterschätzt.

Selbst nach der Genesung vom „Nowitschok“ hatte er noch die Illusion, dass man es nicht wagen würde, ihn ein zweites Mal zu vernichten, dass er sich mit seiner Auferstehung von den To­ten eine gewisse Sicherheit erkämpft hätte. Allerdings hatte da der große Krieg gegen die Ukraine noch nicht begonnen, der klarmachte, zu welchen militärischen Großtaten der russische Zar imstan­de ist. Aber auch Putin unterschätzte Nawalny. Denn der kapitulierte nicht einmal im grausamen Gefäng­nis. Er setzte seinen Kampf gegen die Staatsmacht fort, fand immer wieder geheime Mittel und Wege,seine Gedanken aus dem arktischen Folterknast zu kommunizieren. Doch er befand sich eben vollständig in den Händen des Kremls, der sich nach Nawalnys Tod beeilte, durch den Mund eine s gewissen Senators aus dem Föderationsrat von einem „Unglück“ zu sprechen. Bestimmt wür­de Nawalny selbst das derzeitige russische Machtsystem als „Unglück“ bezeichnen, welches ihn im heutgen Abschnitt der Geschichte besiegt hat. Und weiter dann – obwohl, wann wird dieses weiter sein? – wird die russische Geschichte Nawalny ihr Gesicht zuwenden und ihn in ihre Arme schließen. Alles wird gut. Doch, um ehrlich zu sein, Nawalny war noch ein vergleichsweise junger Politiker, er ist mit nur 47 Jahren gestorben. In der Emigration hätte er Putin (71) überlebt und mit Sicherheit seine Rolle im Postputinabschnitt der Geschichte übernommen. Dem Russland der Zukunft wird er schmerzlich fehlen.

____________________________

Aus dem Russischen von Beate Rausch Viktor Jerofejew floh nach Beginn des russischen An­griffs­kriegs auf die Ukraine aus Moskau nach Deutschland. 2023 erschien bei Matthes & Seitz sein Roman „Der große Gopnik“.

Götz am 14-03-2024: Nachtrag Ich breche hier eine Lanze für einige mutige, unkonventionelle russische Autoren. In unserem Literaturkreis haben wir vor 7 Jahren „Die Akimuden“ von V. Jerofejew gelesen. Dazu hatte ich für unseren Kreis notiert:

Götz R. Winkler, 10.06.2017 LK: Russische Autoren heute

● Wir haben inzwischen 73 Bücher gelesen in unserem Literaturkreis, Bücher von deutschen, US-amerikanischen, französischen, chinesischen, indischen Autoren bzw. Autorinnen … aber nicht ein einziges Buch von einem Russen.

● Wie kann das sein, fühlten sich die Russen doch jahrhundertelang als Europäer? Sie brachten die Werke von Gogol, Puschkin, Dostojewski, Solzenizyn u.v.a. in den literarischen Kanon der europäischen Kultur ein.

● Wie schreibt man heute in einem Land, das sich demokratisch nennt, aber missliebige Journalisten oder Politiker bedroht, einsperrt, ermordet ?

● Ich habe in den letzten Jahren einige zeitgenössische Bücher aus Russland gelesen: Anufriew und Pepperstein schrieben 1998, zur Zeit Jelzins, einen utopischen Roman: Befreiung vom Kommunismus durch Jazz, Sex, Konsum. Nur 15 Jahre später schreibt Jerofejew seine Dystopie, seine negative Sicht der Welt unter Putin. Mit Pellewin und Sorokin ist Jerofejew einig in der Ablehnung einer Diktatur. Alle beschreiben die Welt, die sie sehen, drastisch, manchmal brutal. Alle zitieren immer wieder ihre Dichterkollegen vergangener Jahrhunderte. Alle benutzen Ironie, Slapstick, Splatter als Stilmittel. Und sie verlegen die Handlung ihrer Romane in eine nahe Zukunft.

● Das alles auszubreiten und zu diskutieren würde den Rahmen eines Literaturabends sprengen. Aber vielleicht gibt dieses Papier eine Anregung, nach den Akimuden einen weiteren zeitgenössischen Roman eines russischen Autors zu lesen.

Putins Russland hat ein Image-Problem Von Viktor Jerofejew | Veröffentlicht am 13.02.2007

„Nach Putins Attacke auf die US-Außenpolitik macht das Wort vom neuen Kalten Krieg die Runde. Der Schriftsteller und Kreml-Kenner Viktor Jerofejew erklärt, worin die Schwächen der russischen Politik bestehen – und wer sie überwinden kann.

Wer ist schuld daran, dass das Ansehen Russlands im Westen in letzter Zeit so katastrophal schlecht, um nicht zu sagen auf ein Rekordtief gesunken ist? Zu diesem Thema existieren im Kreml und im Westen diametral entgegen­gesetzte Meinungen. Beide Seiten zeigen mit dem Finger aufeinander und beharren stur auf ihrer Position. Im Grunde kann man bereits von einer neuen Form des Kalten Krieges reden: einem Image-Krieg.

In diesem Krieg sieht der Kreml sich selbst als Opfer einer Aggression mit den westlichen Massenmedien als deren eifrigsten Vertretern. Übrigens kann man auch sagen, dass der Westen eine kläffende Meute von bissigen, jungen Hunden auf Russland losgelassen hat: seine neuen Verbündeten aus der Reihe der ehemaligen Republiken und Satelliten der Sowjetunion. Sie haben zu einem Gebell angehoben, während ihr Herrchen abseits steht und sich zufrieden die Hände reibt. Jedenfalls ist der Kreml empört wie ein Kind und zutiefst in seiner Seele gekränkt. Denn er hat doch gar nichts Schlimmes getan!

„Nichts Schlimmes?“, empört sich seinerseits der Westen. „Wer setzt denn die Nachbarn mit seinen Gaslieferungen unter Druck: Georgien, die Ukraine und nun auch Weißrussland? Wer veranstaltet ethnische Säuberungen unter den Georgiern? Wer hat die unabhängige Journalistin Politkowskaja umgebracht und vor den Augen der ganzen Welt Litwinenko vergiftet? Wer beschneidet die demokratischen Freiheiten in Russland? Wer spielt ein doppeltes Spiel im Iran? Und wer organisiert in europäischen Nobelskiorten Luxusbordelle (man erinnere sich an den Skandal um den russischen Oligarchen Michail Prochorow, der neulich in Courchevel in den französischen Alpen wegen Zuhälterei verhaftet wurde)?“

Punkt für Punkt weist der Kreml alle Anschuldigungen von sich. Seine Nachbarn habe er nicht unter Druck gesetzt; es sei da lediglich um eine wirtschaftliche Frage gegangen, zudem Gebiete betreffend, die für Russland eine Zone politischer Interessen darstellen. Die Morde nützten den Kreml-Gegnern und seien offensichtlich von politischen Emigranten in Auftrag gegeben worden. Und so weiter in diesem Sinne, bis hin zum Bordell in den französischen Alpen.

Außerdem tut der Kreml alles, um sein Image zu verbessern. Er ist dabei, Millionen Dollar für groß angelegte Werbekampagnen auszugeben. Inoffiziellen Informationen zufolge hat er schon einmal 15 Millionen locker gemacht – für die Image-Kampagne anlässlich des G8-Gipfels 2006 in St. Petersburg. Und just in dieser Woche geht es um 11 Millionen Dollar für die Rehabilitierung von Gazprom nach dem erfolgreichen Gaskrieg gegen Lukaschenko, einem Vorgang, der den Verbrauchern in Europa einen ziemlichen Schrecken eingejagt hat.

Im Laufe dieser Werbekampagne wird sich die Welt wieder einmal davon überzeugen können, dass Russland nicht nur Gazprom ist, sondern auch großartiges Tennis, großartige Musiker, großartiges Ballett, großartiger Eiskunstlauf und außerdem die Heimat von Kandinski, Dostojewski, Rachmaninow und Pasternak. Wirklich, dieses Russland existiert, und niemand hat Streit mit so einem Russland. Aber warum sich immer hinter diesem großen Russland verstecken?

Für den derzeitigen Image-Konflikt gibt es zwei Gründe – einen politischen und einen mentalen, der mit den historischen Werten des russischen Volkes zu tun hat. Schon Ende der Jelzin-Ära machte sich Enttäuschung über den Westen breit, den man als unzuverlässig und suspekt empfand. Im Kreml begann man über eine russische Nationalidee nachzudenken. Putin leitete eine Periode der Ordnung ein, die das Land dringend brauchte. Russland wollte den verlorenen Status einer Großmacht mit Autorität zurückerlangen. Das war offenbar etwas verfrüht, aber der Strom von Öldollars, die Entstehung einer Mittelschicht und die Entwicklung einer Konsumgesellschaft überzeugten die Staatsmacht davon, dass sie dieses Vorhaben umsetzen könnte.

Russland hat nie so reich gelebt wie jetzt; das ist vielleicht eher Glück als ein Verdienst, aber es ist eine Tatsache, und die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung unterstützt Putin. Alles wäre gar nicht so schlecht, wenn Putin eine Möglichkeit finden würde, sich auf die demokratische Elite Russlands zu stützen, die während der Perestrojka entstand, doch er sieht in ihnen offenbar die Verantwortlichen für Chaos und Prestigeverlust unter Jelzin. Im verzweifelten Kampf gegen Oligarchen, Mafia und Korruption, bestrebt, die moralische, soziale und ökonomische Krise zu überwinden, setzte Putin daher auf diejenigen, die er für seine unbestechliche Garde hielt, auf seine KGB-Genossen nämlich. Außerdem setzte er auf die orthodoxe Kirche als möglicher Quelle für eine moralische Wiedergeburt des Landes.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in Russland immer stärker antiwestliche Kräfte die Oberhand gewinnen, die von einer Wiederherstellung des Russischen Imperiums träumen. Das hat zu einem wilden Umsichgreifen des Nationalismus geführt, zum Glauben an die Einzigartigkeit des russischen Geistes – im Grunde also zu einem neuen Messianismus und einer neuen Utopie, die auf den alten Träumen von der Heiligen Rus basiert.

Der russische Kult hemmungslosen Gebets und hemmungsloser Ausschweifung, also das Ideal Rasputins (den heute manche Kirchendiener kanonisieren wollen), die Verbindung von Gotteshaus und Wirtshaus, der inbrünstige Dienst an der Heimat und zugleich der Genuss ungehinderter Machtausübung – das sind Tugenden, die heutzutage nicht wenigen hoch gestellten russischen Seelen zu Kopf steigen. Natürlich entsteht in dieser Situation ein heftiger Konflikt mit dem maßvollen, rationalistischen Westen, der ein unberechenbares Russland fürchtet und sich zum Verteidiger von dessen nächsten Nachbarn aufschwingt.

Die Schwäche der heutigen russischen Politik besteht nicht darin, dass sie ihre nationalen Interessen schlecht verteidigt, sondern darin, dass einige russische Ideale absolut nicht in andere Sprachen übersetzbar sind. Wenn manche einflussreiche Nationalisten meinen, der Westen hasse uns, weil wir heilig sind und da drüben seien alle des Teufels, dann riecht das eindeutig nach Fundamentalismus. Klar, dass der stille Stratege Putin im Idealfall keine von der Miliz inszenierten antigeorgischen Pogrome und auch keine Morde an politischen Gegnern brauchen kann. Wenn aber der Trend der russischen Politik einen nationalistischen, antiwestlichen Charakter annimmt, dann bedeutet das, Putin kann seine Hände in Unschuld waschen. Das bedeutet, man wird ewig im Westen Verschwörungen gegen Russland wittern, die Russen werden universale Werte ablehnen und sich darauf einrichten müssen, dass russische Schurken es für ihre Pflicht halten, Leute umzubringen, die ihnen nicht passen.

Russland hat die Belehrungen des Westens satt, und der Westen hat die russischen Skandale satt. Der Image-Krieg ist Ausdruck tiefer gegenseitiger Enttäuschung, die nur von einer neuen Generation russischer Politiker überwunden werden kann.“

15-03-2024 Beobachtungen am Rande, nun 7 Jahre alt, aber immer noch bzeichnend für den Erfolg der AFD. Die Namen sind fast beliebig austauschbar:

Fundstück (Urheber unbekannt)

17-03-2024: Eine amerikanische Heldin, ein sehenswerter Film. WI­KI­PEDIA:

Erin Brocko­vich-Ellis Sie spielte als Mitar­bei­terin der An­walts­kanzlei Mas­ry & Vititoe eine wich­tige Rolle in einem Ge­richts­ver­fahren gegen das Un­ter­nehmen Pacific Gas and Electric (PG&E), um die Trink­wasser­ver­seu­chung des kaliforni­schen Orts Hinkley zu stoppen. Das Verfahren wurde 1996 mit der Zahlung der Rekordsumme von 333 Millionen US-Dollar beigelegt, Brockovich erlangte durch diesen Fall weltweite Bekanntheit.Ohne Rechtsaus­bildung begann Brocko­vich-Ellis als Bürohelferin für Rechts­anwalt Ed Masry. 1993 beschäftigte sie sich mit den gesund­heitlichen Folgen von Grund­wasser­verseuchungen in der kali­for­nischen Kleinstadt Hinkley durch Pacific Gas and Electric (PG&E) in den 1950er und 1960er Jahren. Die resultie­rende Sammelklage der Bewohner wurde 1996 mit der Zahlung von 333 Millionen US-Dollar beigelegt, der höchsten in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Davon gingen 133,6 Millionen Dollar an ihre Kanzlei Masry & Vititoe und 2,5 Millionen an sie selbst. Die Geschichte um die Rekord-Sammelklage in Hinkley wurde 2000 als Erin Brockovich von Steven Soderbergh verfilmt. Julia Roberts wurde für die titelgebende Hauptrolle mit einem Oscar ausge­zeichnet. Brockovich-Ellis hat im Film einen Cameo-Auftritt als Kellnerin Julia. Zu sehen in der ZDF-Mediathek oder im Programmkino

18-03-2024

Was machen die Unternehmen, in denen ich gearbeitet habe ?

INNOVATION WANDEL VER­STEHEN, ZUKUNFT GESTAL­TEN. So beschreibt sich das Unternehmen selbst. Freilich weicht man gelegentlich vom Pfad der Tugend ab. Wegen finanzieller Peanuts, die letztlich die Glaubwürdigkeit des Markenartiklers beschädigen. HANDELSBLATT am 20-04-2023: Düsseldorf. Carsten Knobel ist nicht zu beneiden. Kurz nachdem er im Januar 2020 Henkel-Chef wurde, brach die Pandemie aus. Lieferketten wurden brüchig, Rohstoffe knapp und teuer. 2022 kam der russische Angriffskrieg hinzu. Er verschärfte die Lage für Henkel gleich mehrfach.Die Kosten etwa für Energie stiegen rasant an, die Erlöse gingen zurück. Viele Kunden kauften infolge der Inflation nicht mehr Markenprodukte von Henkel, sondern wechselten zu günstigeren Handels­mar­ken. Zudem war Henkel in Russland so stark investiert wie kein anderer Dax-Konzern. Auch ein Jahr nach dem angekündigten Rückzug ist dieser noch nicht vollständig vollzogen. Allerdings leiden auch andere Konsum­güterkonzerne unter hohen Kosten und geringer Nach­frage – und weisen eine deutlich bessere Bilanz als Henkel vor. Nivea-Hersteller Beiersdorf etwa stei­gerte Gewinne und Umsätze im abgelaufenen Jahr im zweistelligen Prozentbereich. Bei Henkel blieb 2022 nur ein Jahres­überschuss von 1,2 Milliarden Euro – fast ein Viertel weniger als 2021.

Ich habe 16 Jahre bei HENKEL gearbeitet und sehr viel gelernt und bin heute noch dankbar dafür. Als ich erkannte, dass die Chemie zwischen mir und dem Nachfolger meines ehemaligen Vorgesetzten in der Zentralen Geschäftsführung nicht mehr stimmte, brach ich als Bereichsdirektor aus dem Goldenen Käfig aus. Bei den Abschiedsgesprächen mit Kollegen in parallelen Verantwortungen sah ich mit Verblüf­fung, dass viele von ihnen im Job litten, innerlich gekündigt hatten aber ihr Joch weiter trugen. Das war meine Sache nicht. Ich ging zu L&S Deutschland.

L &S Der Schweizer Kon­zern ist mit 5,2 Mrd. € Umsatz weltweit und knapp 15.000 Mitarbeitern das kleinste „meiner“ ehemaligen Unternehmen. Entwicklung der Dividende 2009-2026 (Prognose).

L&S tritt bieder auf, wenig Skan­dale wie z.B. ra­bia­te Vernichtung von Ware, die dem MHD nahe ist oder Kinderarbeit in Kakaoplantagen in Ghana. In der L&S DEUTSCHLAND war ich GF für Finanzen, Controlling, Informatik, Einkauf und Logistik und stellvertretender Sprecher der GF. Schade, ich hatte da vielfältige Aufgaben in einer sehr guten Arbeitsathmosphäre. Das Thema “ Über­nahme der Führung durch die Sekte I AM“, das mich 1991 dazu brachte, das Unternehmen zu verlassen, scheint heute aus der Welt zu sein.

Gute News von BUNGE:Walter Rau Lebens­mittel­werke GmbH Butter steht im Bäcker­handwerk für Ge­schmack, Genuss und unvergleichliche Qualität. Pflanzliche Alternativen sind nicht immer über­zeu­gend. Die neue, rein pflanzliche Butter­alternative ­heißt Be­leafTM PlantBetter und vereint alle Eigenschaften: Schmeckt wie Butter, lässt sich genauso verar­beiten, ist aber deutlich klima­freund­licher ...

Der Name des neuen Produktes ist etwas kompliziert. Aber geschickt wer­den Produzenten und Ver­braucher ange­sprochen. Mal schauen, ob das Produkt bei EDEKA auftaucht. Jetzt, 20 Jahre später, fin­det das Unternehmen also zu Innovationen im Markenartikel­be­reich, wie ich sie damals als General Manager in Mannheim suchte. CEREOL, der damalige Mutterkonzern, aber schob meine Ideen be­fremdet beiseite. Zu sehr war man noch der alten Generics-Strategy verhaftet, nach der Produkte beliebig austauschbar, aber billigst sein mussten, um im Markt konkurrenzfähig zu sein. Da war ich fehl am Platz und schied „wegen unterschiedlicher strategischer Auffassungen“ aus.

Danach machte ich mich als Unternehmensberater selbständig und konzentrierte mich auf Unternehmen, die strategisch in der Sackgasse ihrer früheren Erfolge steckten. In Ost- und Westdeutschland, Polen, Spanien, der Türkei und im Iran hatte ich Gelegenheit, viele weitere Unternehmen kennenzulernen und zu helfen.

20-03-2024:

Heute ist „Weltglückstag“. Die Welttage werden inflationär verkündet, sind aber geeignet, auf positive Möglich­keiten hinzuweisen.. Jetzt wird auf das Königreich Bhutan verwiesen, das neue Wege ging, um den Wohlstand zu messen. Statt monatlich auf das Wachstum der BIP zu starren, veröffentlicht man dort alle 5 Jahre einen nationalen Glücks­index. UN: „Was in vielen Teilen der Welt noch Initiative oder Theorie ist, wird von dem kleinen Königreich im Himalaja mutig umgesetzt: Wirt­schaftliche Entwicklung wird immer ausgewogen betrachtet, und soziale und ökologische Konsequenzen werden mit­bedacht. Eine sektorüber­greifende „Gross National Happiness-Kommission“ unterstützt bei der Weiterentwicklung und Entscheidungs­findung. Und diese nachhaltige holistische Denkweise setzt immer wieder neue Maßstäbe. Bhutan hat sich beispielsweise – ebenfalls als einziges Land der Erde – dazu verpflichtet, vollständig klimaneutral zu bleiben.“

Götz: Die Defizite, die diese Berichte in einzelnen Sektoren wie Bildung, Ernährung etc. aufzeigen, verpflichten die Regie­renden, durch konkrete Mass­nahmen nachzubessern. Ok, das kleine, nur 756.000 Einwohner zählende Bergvolk kann politisch kaum mit unserem 85 Millionen zählenden Industrieland gleich gesetzt werden. Aber lernen könnten wir doch von dessen fort­schrittlich denkenden Politikern.

Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen hat ein ähnliches Konzept schon in den 1980er Jahren veröffentlicht. Der damalige Minis­terpräsident von Frankreich, Sar­kozy, hatte das Konzept untersuchen lassen und für gut befunden, schreckte aber vor dem radikalen Bruch mit den heutigen Denkgewohnheiten zurück. Die Empfehlungen verschwanden in der Schublade

TB 21-03-2024:

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der im Kern ein Krieg gegen das westliche Europa ist, hat mein Nach­denken, meine Einstellungen geschärft, im positiven Sinne drama­tisiert. Ver­säum­nisse der Ver­gangenheit treten noch schärfer hervor, die aktuelle Politik und Fragen der Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten werden drängen­der. Wie auch nicht, es gehört zur Natur der Wege, dass sie nicht gradlinig, son­dern gewunden verlaufen.

Bei der Kraft der Atome überprüfe ich meine Ein­stellungen zur friedlichen Nutzung, also zu Atom­kraftwerken und meine Ein­stellungen zur Atombombe. In aller Kürze: ich verstehe, dass viele Länder angesichts der Ener­gie- und Umwelt­probleme alte Atom­kraftwerke moder­nisieren, neue bauen. Ich halte es dennoch für richtig, dass D bei seinem Nein bleibt und auch die restlichen Kraftwerke stilllegt. Dass wir deswegen auf schmutzige Braun­kohlen­kraftwerke und Import von Atomstrom ausweichen müssen, ist bedauerlich. Dass wir jetzt nicht mit aller Kraft regene­rative Ener­gien wie Wind, Wasser, Sonne ausbauen, halte ich für unverzeihlich. Meine grundsätzliche Ablehnung von Atom­kraft­werken bleibt also bestehen.

Anders ist es mit der Atombombe. Putin hat die Hoffnungen der Pazifisten zerbrochen. Auch und vor allem Deutsch­land muss die europäische Wehr-Macht stärken durch Kooperation vor allem mit Frankreich und England, durch den Aus­bau eigener, auch weit reichender ato­marer Waffe. Hier habe ich meine per­sönliche Meinung also geändert. Wenn man mich deswegen als wenig prin­zi­pientreu schimpfen sollte, ertrage ich das gerne.

Kant und ein kritischer Rationalismus bleiben für mich weg­weisend, eine Skepsis gegen Auto­ritäten, Empathie für Underdogs und ein tiefer Optimismus sind mir Anstösse zum Nachdenken.

22-03-2024:

Zum Hochzeitstag schenkt Lisa mir ein gewichtiges Buch: Amartya Sen, Die Idee der Gerechtigkeit„. Ein Voll­treffer. Sen, Inder, Harvard-Professor für Ökonomie und Philosophie und der älte­re Rawls gehören zu meinen „Helden“, zu den mir wichtigen Autoren. Lisa fragt, ob ich ihr etwas aus dem Buch vorlesen wolle. Das tue ich. Schon Sens Vorwort ist sehr lesenswert. Mir fällt auf, dass der Fran­zose Piketti, von der statis­tischen Öko­nomie her kom­mend, zu ganz ähnlichen Schlussfol­ge­rungen gelangt. In meinen Worten: In der Unge­rechtigkeit liegt, ganz ab­gesehen von der Moral, ein revolutionäres Po­ten­tial. Es gibt eine Reihe konkreter Massnahmen, wie man das Problem friedlich lösen oder doch entspannen kann.

Ähnlich Sen. Er baut auf Kant auf, führt dessen Ideen weiter und weist auf Parallelen zu frühen fernöstlichen Den­kern hin. Sen schreibt ein sehr lesens­wertes Vorwort. Es ist über 8 Seiten lang, Satz für Satz erweiterte er un­ser Verständnis von Gerechtigkeit. Es ist komplex. Man wird es zwei oder drei Mal lesen müssen, um es zunehmend zu verstehen. Da öffnen sich neue Welten. Die Anstrengungen einer mehrmaligen Lektüre von Sens Vorwort lohnen sich. Jetzt also das Vorwort (* Anmerkungen am Ende des Blocks):

«In der kleinen Welt, in der Kinder leben», sagt Pip in Charles Dickens’ Roman Große Erwartungen, «gibt es nichts, was sie so feinsinnig aufnehmen und empfinden wie Ungerechtigkeit.» *a Pip wird wohl Recht haben: Nach seiner demütigenden Be­gegnung mit Estella erinnert er sich lebhaft an die «launenhaften und gewalttätigen Zwangs­maßnahmen», die er als Kind von der Hand seiner eigenen Schwester erdulden musste. Aber auch Erwachsene nehmen offenkundiges Unrecht deutlich wahr. Nicht die Erkenntnis, dass die Gerechtigkeit auf der Welt unvollkommen ist – vollkommene Gerechtigkeit erwarten nur wenige von uns –, treibt uns zum Handeln, sondern die Tatsache, dass es in unserer Umgebung Unge­rechtigkeiten gibt, die sich ausräumen lassen und die wir beenden wollen.

Das ist greifbar genug in unserem täglichen Le­ben mit den Unbilligkeiten und Unter­drückungen, die uns zu schaffen machen und mit gutem Grund ärgern, aber es gilt auch für wahrgenommene Ungerechtigkeiten im weiteren Umkreis unserer Lebenswelt. Ohne einen Gerechtigkeitssinn, der ihnen sagte, dass manifeste Ungerechtigkeiten überwunden werden können, hätten die Pariser sehr wahrscheinlich die Bastille nicht gestürmt, hätte Gandhi das Weltreich, in dem die Sonne nicht unterging, nicht herausgefordert, Martin Luther King nicht zum gewaltlosen Widerstand gegen die weiße Übermacht im «Land der Freien und der Heimat der Mutigen» aufgerufen. Sie versuchten nicht, eine vollkommen gerechte Welt zu erstreiten (selbst wenn Einigkeit darüber bestünde, wie sie aussehen würde), sondern sie wollten klares Unrecht beseitigen, so weit sie konnten.

Unrecht zu erkennen, dem man abhelfen kann, ist nicht nur ein Beweggrund für unser Nachdenken über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, sondern auch zentral für die Theorie der Gerechtigkeit – das möchte ich in diesem Buch zeigen. In der hier vorgelegten Untersuchung wird die Feststellung von Ungerechtigkeit oft genug als Ausgangspunkt für kritische Diskussion fungieren. *b Aber warum sollte sie nicht auch ein guter Endpunkt sein, könnte man fragen. Warum müssen wir über unseren Sinn für Gerechtigkeit und Unge­rech­tigkeit hinausgehen? Wozu brauchen wir eine Theorie der Gerechtigkeit?

Um die Welt zu verstehen, reicht es nicht, einfach nur unmittelbare Wahrnehmungen zu registrieren. Zum Verstehen gehört unver­meid­lich Nachdenken. Wir müssen «studieren», was wir fühlen und zu sehen scheinen, und wir müssen fragen, was diese Wahrnehmungen anzeigen und wie wir ihnen angemessen Beachtung schenken können, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Eine dieser Fragen bezieht sich auf die Zuverlässigkeit unserer Gefühle und Eindrücke. Das Gespür für Ungerechtigkeit könnte als ein Signal dienen, das uns in Bewegung setzt, aber ein Signal muss kritisch untersucht werden, und eine Schlussfolgerung, die lediglich auf Signalen beruht, muss auf ihre Solidität hin geprüft werden. Adam Smith war überzeugt, dass ethische Gefühle wichtig sind, aber das hielt ihn nicht davon ab, nach einer «Theorie der ethischen Gefühle» zu suchen; er bestand darauf, dass ein Gefühl von Unrecht einer durchdachten kritischen Prüfung ausgesetzt werden muss, damit deutlich wird, ob es Grundlage für eine nachhaltige Verurteilung sein kann. Das Gleiche gilt für die Neigung, jemanden oder etwas zu rühmen; auch sie ist kritisch zu prüfen. *c

Wir müssen darüber hinaus fragen, welche Arten des Vernunftgebrauchs bei der Beurteilung der ethischen und politischen Konzepte von Ge­rech­tig­keit und Ungerechtigkeit zum Einsatz kommen sollen. Auf welche Weise kann die Diagnose einer Ungerechtigkeit oder dessen, was sie verringern oder beseitigen würde, objektiv sein? Wird Unparteilichkeit in einem besonderen Sinn ver­langt, etwa das Absehen von den eigenen erworbenen Ansprüchen? Ist es auch nötig, gewisse Einstellungen zu überprüfen, selbst wenn sie nicht mit erworbenen Ansprüchen zusammen­hängen, sondern ortsgebundene Vormeinungen und Vorurteile spiegeln, die in der durchdachten Konfrontation mit anderen, nicht im gleichen Pro­vin­zialismus befangenen Denkweisen vielleicht nicht standhalten? Welche Rolle spielen Ratio­nalität und Vernünftigkeit für das Verständnis dessen, was Gerechtigkeit fordert?

Diese Probleme und einige in engem Zu­sammen­hang damit stehende allgemeinere Fragen werden in den ersten zehn Kapiteln behandelt, und anschließend befasse ich mich mit möglichen An­wen­dungen der Theorie: mit der kritischen Einschätzung der Grundlagen für Urteile über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit (das können Freiheiten, Befähigungen, Ressourcen, Glück, Wohlergehen oder andere sein), mit der besonderen Relevanz diverser Erwägungen, die in die Rubrik Gleichheit und Freiheit einzuordnen sind, mit dem offenkundigen Zusammenhang zwischen dem Streben nach Gerechtigkeit und dem Verständnis von Demokratie als «Regierung durch Diskussion» und mit der Natur, Durch­führbarkeit und Tragweite der Menschenrechte.

Welche Art von Theorie?

Die Überlegungen, die in diesem Buch präsentiert werden, zielen auf eine Theorie der Gerechtigkeit in einem sehr weiten Sinn. Sie soll klären, wie wir verfahren können, wenn wir Fragen der Erweiterung von Gerechtigkeit und Beseitigung von Ungerechtigkeit in Angriff nehmen wollen; sie hat nicht das Ziel, Antworten auf die Frage nach dem Wesen vollkommener Gerechtigkeit zu bieten. Darin unterscheidet sie sich deutlich von den Theorien der Gerechtigkeit, die in der gegenwärtigen politischen und Moralphilosophie das Feld beherrschen. Vor allem drei Unterschiede verdienen besondere Beachtung – in der Einleitung werden sie ausführlicher behandelt.

Der erste Unterschied: Eine Theorie der Gerechtigkeit, die als Basis für den Gebrauch der praktischen Vernunft dienen kann, muss zeigen können, wie tatsächliche Versuche zur Verminderung von Ungerechtigkeit und Beför­derung von Gerechtigkeit einzuschätzen sind; sie sollte sich nicht ausschließlich auf die Charakterisierung vollkommen gerechter Gesell­schaf­ten konzentrieren, wie es in den Theorien der Gerechtigkeit der politischen Philosophie von heute häufig geschieht. Es gibt Zusammenhänge zwischen diesen beiden verschiedenen Ziel­setzungen, aber trotzdem sind sie analytisch voneinander entkoppelt. Das Ziel, auf das sich dieses Buch konzentriert, hat zentrale Bedeutung für Entscheidungen über Institutionen, Verhal­tensweisen und andere Determinanten der Ge­rechtigkeit; und die Ableitung solcher Ent­schei­dungen muss die wichtigste Aufgabe einer Theorie der Gerechtigkeit sein, die als Richtlinie für praxisorientierte Überlegungen dienen soll. Die Behauptung, dass diese vergleichende Arbeit erst möglich sei, nachdem die Aufforderungen der vollkommenen Gerechtigkeit geklärt wurden, diese Behauptung ist nachweislich ganz und gar falsch (im Kapitel 4, «Stimme und kollektive Entscheidung», wird der Nachweis geführt).

Der zweite Unterschied: Manche Fragen der vergleichenden Beurteilung von Gerechtigkeit können zufrieden stellend geklärt werden, und mittels durchdachter Argumente ist dann Einigung zu erzielen, aber es gibt womöglich auch Vergleiche, in denen Meinungsverschiedenheiten über konkurrierende Erwägungen nicht völlig beigelegt werden können. Hier wird die These aufgestellt, dass mehrere verschiedene Gründe der Gerechtigkeit nebeneinander bestehen können, die alle kritischer Überprüfung stand­halten, aber zu unterschiedlichen Folgerungen führen. *d Vernünftige, in entgegengesetzte Richtungen weisende Argumente können von Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Traditionen stammen, aber auch innerhalb einer einzigen bestimmten Gesellschaft und sogar in derselben Person vorkommen. *e

Um mit dem Konflikt zwischen einander widerstreitenden Ansprüchen umgehen zu können, brauchen wir eine vernünftige Auseinander­setzung mit anderen und mit uns selbst; die Haltung, die man «bindungslose Toleranz» nennen könnte und die bequeme Lösungen wie «Sie haben Recht in Ihrer Gemeinschaft und ich in meiner» bietet, ist dazu nicht geeignet. Vernunftgebrauch und unparteiische Überprüfung sind entscheidend. Aber auch nach der gründlichsten kritischen Untersuchung können einander widerstreitende und konkurrierende Argumente übrig bleiben, die durch unparteiische Über­prüfung nicht auszuräumen sind. Im Folgenden werde ich mehr dazu sagen, möchte aber an dieser Stelle schon betonen, dass die Not­wen­digkeit des Vernunftgebrauchs und der kriti­schen Prüfung keinesfalls dadurch in Frage ge­stellt wird, dass womöglich einige konkur­rie­rende Prioritäten die Konfrontation mit der Vernunft überdauern. Die Pluralität, mit der wir dann enden, wird das Resultat des Vernunft­gebrauchs, nicht des Verzichts auf vernünftiges Denken sein.

Der dritte Unterschied: Dass es Unge­rechtigkeiten gibt, die sich beseitigen lassen, kann gut mit Übertretungen von Ver­haltensregeln zu sammenhängen und nicht mit institutionellen Mängeln (Pips in Große Er­wartungen geschilderte Erinnerung an die Gewalttätigkeit seiner Schwes­ter war nur dies, aber keine Verurteilung der Institution Familie). Gerechtigkeit ist letzten Endes verbunden mit der Lebensführung von Menschen und nicht nur mit der Eigenart der Institutionen in ihrer Umgebung. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich viele der wichtigsten Theorien der Gerechtigkeit übermäßig auf die Frage, wie «gerechte Institutionen» einzurichten sind, und gestehen Verhaltensmustern nur eine untergeordnete, nebensächliche Rolle zu. Zum Beispiel ergibt John Rawls’ mit Recht berühmter Ansatz der «Gerechtigkeit als Fairness» ein ein­ziges Set von «Gerechtigkeitsgrundsätzen», die ausschließlich auf die Einrichtung «gerechter Institutionen» zielen (um die Grundstruktur der Gesellschaft festzulegen) und verlangen, dass das Verhalten von Menschen vollkommen den Be­dingungen für das angemessene Funktionieren dieser Institutionen entspricht. *f3 Ich be­haupte dagegen, dass diese übermäßige Kon­zen­tration auf Institutionen (während voraus­gesetzt wird, dass das Verhalten hinreichend makellos ist), statt auf das Leben, das Menschen führen können, einige entscheidende Mängel hat. Wird Gerechtigkeit unter Konzentration auf dieses Leben beurteilt, ergeben sich daraus weit reichende Folgen für die Natur und die Reichweite der Idee der Gerechtigkeit. *f

Um die Welt zu verstehen, reicht es nicht, einfach nur unmittelbare Wahrnehmungen zu registrieren. Zum Verstehen gehört unver­meid­lich Nach­denken. Wir müssen «studieren», was wir fühlen und zu sehen scheinen, und wir müssen fragen, was diese Wahrnehmungen anzeigen und wie wir ihnen angemessen Beachtung schenken können, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Eine dieser Fragen bezieht sich auf die Zuverlässigkeit unserer Gefühle und Eindrücke. Das Gespür für Ungerechtigkeit könnte als ein Signal dienen, das uns in Bewegung setzt, aber ein Signal muss kritisch untersucht werden, und eine Schluss­folgerung, die lediglich auf Signalen beruht, muss auf ihre Solidität hin geprüft werden. Adam Smith war überzeugt, dass ethische Gefühle wichtig sind, aber das hielt ihn nicht davon ab, nach einer «Theorie der ethischen Gefühle» zu suchen; er bestand darauf, dass ein Gefühl von Unrecht einer durchdachten kritischen Prüfung ausgesetzt werden muss, damit deutlich wird, ob es Grundlage für eine nachhaltige Verurteilung sein kann. Das Gleiche gilt für die Neigung, jemanden oder etwas zu rühmen; auch sie ist kritisch zu prüfen. *d

Wir müssen darüber hinaus fragen, welche Arten des Vernunftgebrauchs bei der Beurteilung der ethischen und politischen Konzepte von Ge­rech­tigkeit und Ungerechtigkeit zum Einsatz kommen sollen. Auf welche Weise kann die Diagnose einer Ungerechtigkeit oder dessen, was sie verringern oder beseitigen würde, objektiv sein? Wird Unparteilichkeit in einem besonderen Sinn ver­langt, etwa das Absehen von den eigenen erwor­benen Ansprüchen? Ist es auch nötig, gewisse Einstellungen zu überprüfen, selbst wenn sie nicht mit erworbenen Ansprüchen zusammen­hängen, sondern ortsgebundene Vormeinungen und Vorurteile spiegeln, die in der durchdachten Konfrontation mit anderen, nicht im gleichen Provinzialismus befangenen Denkweisen vielleicht nicht standhalten? Welche Rolle spielen Ratio­nalität und Vernünftigkeit für das Verständnis dessen, was Gerechtigkeit fordert?

Um mit dem Konflikt zwischen einander wider­streitenden Ansprüchen umgehen zu können, brau­chen wir eine vernünftige Auseinander­set­zung mit anderen und mit uns selbst; die Haltung, die man «bindungslose Toleranz» nennen könnte und die bequeme Lösungen wie «Sie haben Recht in Ihrer Gemeinschaft und ich in meiner» bietet, ist dazu nicht geeignet. Vernunftgebrauch und unparteiische Überprüfung sind entscheidend. Aber auch nach der gründlichsten kritischen Untersuchung können einander widerstreitende und konkurrierende Argumente übrig bleiben, die durch unparteiische Überprüfung nicht auszu­räumen sind. Im Folgenden werde ich mehr dazu sagen, möchte aber an dieser Stelle schon betonen, dass die Notwendigkeit des Vernunftge­brauchs und der kritischen Prüfung keinesfalls da­durch in Frage gestellt wird, dass womöglich einige konkurrierende Prioritäten die Konfron­ta­tion mit der Vernunft überdauern. Die Pluralität, mit der wir dann enden, wird das Resultat des Vernunftgebrauchs, nicht des Verzichts auf vernünftiges Denken sein.

Das Umdenken in der Theorie der Gerechtigkeit, das in diesem Buch versucht wird, hat – so behaupte ich – unmittelbaren Bezug zur politi­schen und praktischen Philosophie. Aber ich habe auch versucht, darzustellen, welche Relevanz die hier präsentierten Argumente für einige der Auseinandersetzungen haben, die zur Zeit im Rechtswesen, der Ökonomie und der Politik ausgetragen werden; und wenn man optimistisch ist, könnte man sogar sagen, dass die Theorie in der Praxis Auswirkungen auf Debatten und Entscheidungen über politische Maßnahmen und Programme hat. *g

Die Sicht aus einer komparativen Perspektive, die deutlich über den engen – und einengenden – Rahmen des Gesellschaftsvertrags hinausgeht, kann hier nützlich sein. Vergleichende Ein­schätzungen der Erweiterung von Gerechtigkeit treffen wir ständig, ob wir nun gegen Unter­drückung vorgehen (etwa gegen Sklaverei oder Unterjochung von Frauen) oder gegen syste­matische medizinische Unterversorgung (gegen das Fehlen medizinischer Einrichtungen in Teilen Afrikas oder Asiens oder das Fehlen allgemeiner Krankenversicherungen in den meis­ten Ländern der Welt einschließlich der USA) protestieren oder ablehnen, Folterung als zulässige Verhör­methode anzusehen (Folter wird in der Welt von heute noch immer bemer­kens­wert häufig einge­setzt – manchmal sogar in Staaten, die als Stützen des globalen Estab­lishments gelten), oder ob wir uns gegen die stillschweigende Duldung von chronischem Hunger wenden (zum Beispiel in Indien trotz der Ab­schaffung von Hungersnöten). *h Oft genug mögen wir uns einig sein, dass manche Ver­änderungen (zum Beispiel die Beendigung der Apartheid) Ungerechtigkeit verringern werden, aber selbst wenn alle derar­tigen übereinstim­mend befür­worteten Verände­rungen erfolgreich durchge­führt sind, werden wir immer noch nicht von einer auch nur annähernd vollkommenen Gerechtigkeit sprechen können. Praktische Sachverhalte schei­nen nicht weniger als theoretische Über­le­gungen eine ziemlich radikale neue Richtung in der Analyse der Gerechtigkeit zu fordern.

Öffentlicher Vernunftgebrauch und Demokratie und globale Gerechtigkeit

Auch wenn Gerechtigkeitsgrundsätze im hier vorgelegten Ansatz nicht im Hinblick auf Institutionen, sondern im Hinblick auf Leben und Freiheiten der betroffenen Menschen definiert werden, haben Institutionen dennoch für die Förderung von Gerechtigkeit zwangsläufig eine wichtige instrumentelle Rolle. Institutionen kommen auf viele verschiedene Arten ins Spiel. Sie können unmittelbar dazu beitragen, dass Menschen in der Lage sind, ihr Leben im Einklang mit den Werten zu führen, die sie mit Grund hochschätzen. Institutionen können Möglich­kei­ten zu öffentlicher Diskussion bieten (dazu gehört nicht nur, dass tatsächlich Räume für Diskussionen nach Information geschaffen werden, sondern auch, dass Redefreiheit und Recht auf Information garantiert sind) und unterstützen damit unsere Fähigkeit zur kritischen Prüfung der Werte und Prioritäten, die wir in Erwägung ziehen.

In diesem Buch wird Demokratie am öffentlichen Vernunftgebrauch gemessen (Kapitel 15–17), das heißt, als «Regierung durch Diskussion» verstanden (eine Vorstellung, die John Stuart Mill sehr gefördert hat). Aber Demokratie muss auch allgemeiner gesehen werden, im Rahmen ihrer Fähigkeit, durchdachtes Engagement zu fördern, indem sie für mehr Informationen sorgt und interaktive Diskussionen möglich macht. Demo­kratie ist nicht nur anhand formal existie­render Institutionen zu beurteilen, sondern ihr Maß ist die Vielfalt der Stimmen aus unterschiedlichen Bereichen, die tatsächlich gehört werden können.

Auch das Streben nach Demokratie auf globaler Ebene, nicht nur innerhalb eines Staates, kann durch diese Betrachtungsweise geprägt werden. Verlangt das Konzept nicht lediglich, dass einige spezifische Institutionen eingerichtet werden (etwa eine globale Regierung oder globale Wahlen), sondern vielmehr, dass öffentlicher Vernunftgebrauch ermöglicht und gefördert wird, dann kann die Aufgabe, globale Demokratie und globale Gerechtigkeit auf den Weg – nicht zur Vollkommenheit – zu bringen, als außer­ordentlich einleuchtende Idee gelten, die grenz­übergreifendes Handeln überzeugend anzuregen und zu beeinflussen vermag.

Die europäische Aufklärung und unsere globale Erbschaft

Was kann ich über die Vorformen des Zugangs sagen, den ich hier zeigen möchte? Diese Frage werde ich in der Einleitung ausführlicher behandeln, weise aber hier schon darauf hin, dass die Analyse der Gerechtigkeit, die ich in diesem Buch vorlege, auf Gedankengänge zurückgreift, die in der Phase intellektueller Unzufriedenheit während der europäischen Aufklärung besonders aktuell waren. Um Missverständnisse zu vermei­den, muss ich jedoch zur Klärung ein paar ein­schränkende Bemerkungen hinzufügen.

Die erste Einschränkung: Dass dieses Buch der Tradition der europäischen Aufklärung verpflich­tet ist, heißt nicht, dass sein Hintergrund aus­gesprochen «europäisch» wäre. Vielmehr hat es, verglichen mit anderen Arbeiten zur Theorie der Gerechtigkeit, einige unübliche – manche sagen wahrscheinlich: exzentrische – Züge insofern, als ich mich ausführlich auf Ideen aus nicht-westlichen Gesellschaften, vor allem, aber nicht nur, aus der indischen Geistesgeschichte, be­ziehe. In Indiens intellektueller Vergangenheit sowie in einer ganzen Reihe anderer nicht-westlicher Gesellschaften finden sich ausge­prägte Traditionen logischen Argumentierens anstelle von Glaubenssätzen und unreflektierten Überzeugungen. Wenn sich die gegenwärtige – weitgehend westliche – politische Philosophie im All­gemeinen und Theorien der Gerechtigkeit im Beson deren fast ausschließlich auf westliche Literatur konzentrieren, verraten sie damit, so möchte ich behaupten, eine gewisse provinzielle Beschränktheit. *i

Ich behaupte jedoch nicht, dass im Bereich der politischen Philosophie eine radikale Dissonanz zwischen «westlichem» und «östlichem» (oder generell nicht-westlichem) Denken besteht. Westliche Denkrichtungen sind untereinander so verschieden wie östliche, und die Vorstellung von einer einheitlichen «Westfront» gegen «durch und durch östliche» Prioritäten wäre pure Phantasie. *j Solche in zeitgenössischen Diskussi­onen nicht selten anzutreffenden Meinungen lie­gen mir sehr fern. Ich behaupte vielmehr, dass in vielen verschiedenen Teilen der Welt gleichartige oder eng verwandte Vorstellungen von Gerechtig­keit, Fairness, Verantwortung, Pflicht, vom Guten und vom Rechten herrschen, die den Argumenten aus der westlichen Literatur zu größerer Trag­weite verhelfen können, und ich behaupte, dass die Ubiquität dieses Denkens in den dominanten Traditionen des gegenwärtigen westlichen Dis­kurses oft übersehen oder als nebensächlich behandelt wird.

Einige Gedanken im Indien des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts, zum Beispiel die Lehre Gautama Buddhas (des Agnostikers, der den «Pfad der Erkenntnis» ging) oder der Philosophen aus der Lokayata Schule (die sich der unerbittlichen Überprüfung aller traditionellen Glaubenssätze verschrieben), scheinen vielen kritischen Schriften der führenden Köpfe in der europäischen Aufklärung eher nahe zu stehen als zu widersprechen. Aber wir müssen nicht um jeden Preis entscheiden wollen, ob Gautama Buddha als ein vorauseilendes Mitglied der europäischen Aufklärungsliga anzusehen ist (sein Ehrenname bedeutet in Sanskrit «aufgeklärt»); auch die weit hergeholte These, dass die europäische Aufklärung auf einen aus der Ferne wirkenden Einfluss asiatischen Denkens zurückgehen könnte, müssen wir nicht ernsthaft erwägen. Dass zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Teilen der Welt vergleichbare in­tel­lek­tuelle Auseinandersetzungen stattgefun­den haben, ist keine allzu verstörende Erkenntnis. Da bei der Beschäftigung mit ähnlichen Fragen häufig einigermaßen verschiedene Argumente zum Einsatz kommen, könnten uns jedoch womöglich wichtige Anhaltspunkte für das Nachdenken über Gerechtigkeit entgehen, wenn wir uns mit unseren Untersuchungen an regionale Grenzen halten.

Ein interessantes, nicht belangloses Beispiel ist die folgenreiche Unterscheidung zwischen zwei verschiedenen Konzepten von Gerechtigkeit in der frühen indischen Rechtslehre – die Unterscheidung zwischen niti und nyaya. Niti bezeichnet die Korrektheit von Institutionen und Verhalten, während nyaya erfasst, was entsteht und wie es entsteht, und besonders darauf achtet, welches Leben Menschen tatsächlich führen können. Der Unterschied zwischen beiden Konzepten, auf dessen Bedeutung die Einleitung ausführlich eingehen wird, hilft uns, zu begreifen, dass es zwei Arten des Gerechtseins gibt, die verschieden, wenn auch nicht unabhängig vonein­ander sind, und dass die Idee der Gerechtigkeit beide berücksichtigen muss. *k

Meine zweite klärende Bemerkung bezieht sich darauf, dass die Autoren der Aufklärung sich nicht einstimmig geäußert haben. Vielmehr teilten sich die führenden Philosophen, die das radikale Denken der Aufklärung prägten, in zwei Gruppen, zwischen denen eine substantielle Dichotomie hinsichtlich ihrer Auffassung von Gerechtigkeit bestand (in der Einleitung mehr dazu). Ein Ansatz konzentrierte sich auf das Erkennen vollkommen gerechter sozialer Abmachungen und hielt die Charakterisierung «gerechter Institutionen» für die Haupt- – und oft die einzige kenntlich ge­mach­te – Aufgabe der Theorie der Gerechtigkeit. Diese Theorie wurde auf unterschiedliche Weise in die Idee eines hypothetischen «Gesellschafts­vertrags» eingewoben, im 17. Jahrhundert von Thomas Hobbes und später vor allem von John Locke, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant vertreten. Die gegenwärtige politische Philosophie ist vorwiegend dem kontraktarischen Ansatz verpflichtet, vor allem seit einer bahnbrechenden, 1958 veröffentlichten Arbeit von John Rawls – «Justice as Fairness» –, die seiner definitiven Entscheidung für diesen Ansatz in seinem klassischen Buch Eine Theorie der Gerechtigkeit vorausging. *l

Im Gegensatz dazu wählten eine Reihe anderer aufklärerischer Philosophen (zum Beispiel Smith, Condorcet, Wollstonecraft, Bentham, Marx, John Stuart Mill) eine Vielzahl anderer Ansätze, mit denen sie ein gemeinsames Interesse verfolgten: Sie wollten verschiedene Möglichkeiten ver­gleichen, wie Menschen ihr Leben führen können, Möglichkeiten, die von Institutionen, aber auch tatsächlichen Verhaltensweisen, sozialen Inter­ak­tionen und anderen signifikanten Deter­minanten beeinflusst werden. Mein Buch stützt sich in hohem Maß auf diese alternative Tradition. *m Die analytische – und ziemlich mathe­matische – Theorie kollektiver Ent­schei­dungen, deren Anfänge auf Condorcets Arbeiten im achtzehnten Jahrhundert zurückgehen, die aber in ihrer jetzigen Form von Kenneth Arrow um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelt wurde, gehört zu dieser zweiten Richtung. Ent­sprechend angepasst, kann die Theorie kollek­tiver Entscheidungen erheblich dazu beitragen, dass Fragen zur Verbesserung von Gerechtigkeit und zum Ausräumen von Ungerechtigkeit in der Welt geklärt werden.

Der Ort der Vernunft

Bei allen Unterschieden sind sich die beiden Tra­di­tionen der Aufklärung – die kontraktarische und die komparative – doch auch in vielen Punkten ähnlich. Dazu gehört das Vertrauen auf vernünftiges Denken und die Forderung nach öffentlicher Diskussion. Auch wenn dieses Buch sich vorwiegend auf die zweite Tradition und nicht auf den kontraktarischen Ansatz Kants und anderer bezieht, verdankt es seinen Antrieb zum guten Teil der elementaren Erkenntnis Kants, die Christine Korsgaard folgendermaßen beschreibt: «Vernunft in die Welt zu bringen, wird zur Aufgabe der Moralität, nicht der Metaphysik, und zur Last wie zur Hoffnung der Menschheit.» *n

Wie weit vernünftiges Denken eine zuverlässige Basis für eine Theorie der Gerechtigkeit schaf­fen kann, ist natürlich selbst ein Streit­gegen­stand. Das erste Kapitel dieses Buchs befasst sich mit der Rolle und Reichweite des Vernunft­gebrauchs. Ich widerspreche der Überzeugung, dass man sich für Bewertungen unmittelbar auf Emotionen oder Psychologie oder Instinkte ver­lassen könne und nicht auf durchdachte Einschätzung angewiesen sei. Impulse und mentale Einstellungen bleiben jedoch wichtig, da wir gute Gründe haben, sie bei unserer Beur­teilung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit der Welt zu berücksichtigen. Hier besteht kein unversöhnlicher Konflikt zwischen Vernunft und Gefühlen, so behaupte ich, und wir haben sehr überzeugende Gründe, die Relevanz von Gefühlen einzuräumen.

Auch aus einer anderen Richtung kommt Kritik an der Zuverlässigkeit vernünftigen Denkens; diese Kritik wird damit begründet, dass Unvernunft die Oberhand in der Welt hat und dass es unrealistisch sei, anzunehmen, die Welt werde sich nach dem Diktat der Vernunft richten. Kwame Anthony Appiah hat in einer freundlichen, aber entschiedenen Kritik an meiner Arbeit auf einem verwandten Gebiet erklärt: «Auch wenn man die Möglichkeiten der Vernunft so weit fasst, wie Sen es gerne tun würde – und das ist ein Projekt, dessen Anspruch ich bewundere –, wird Vernunft uns doch nicht ganz zum Ziel führen. Wenn Sen sich den Blickwinkel der individuellen vernünftigen Person zu eigen macht, muss er die Augen von der alles durchdringenden Unvernunft abwenden.» *o

Appiahs Beschreibung der Welt ist sicherlich zutreffend, und seine Kritik, die sich nicht gegen die Konstruktion einer Theorie der Gerechtigkeit richtet, nennt gute Gründe, warum die praktische Wirkung vernünftiger Diskussionen über verworrene soziale Themen (etwa die Identi­tätspolitik) mit Skepsis zu betrachten ist. Un­vernunft hat Macht und Widerstandsfähigkeit und kann die Wirksamkeit vernunftgeleiteter Antworten auf schwierige Fragen weitgehend blockieren.

Diese besondere Skepsis gegenüber der Reichweite der Vernunft kann und soll (wie Appiah deutlich sagt) jedoch kein Grund gegen den bestmöglichen Vernunftgebrauch sein, wenn es um die Idee der Gerechtigkeit oder eine andere sozial relevante Vorstellung, etwa Identität, geht. *p

Auch unserem Versuch, uns gegenseitig zur kritischen Prüfung unserer jeweiligen Folge­rungen zu bewegen, entzieht diese Skepsis nicht den Boden. Wir müssen ebenfalls bedenken, dass nicht immer «Unvernunft» sein mag, was Vertretern anderer Meinungen als klares Beispiel von Unvernunft erscheint. *q Vernunftgeleitete Diskussionen können widerstreitende Positionen berücksichtigen, die anderen wie «unvernünftige» Vorurteile vorkommen, ohne es immer zu sein. Es besteht kein Zwang, alle vernunftgeleiteten Alternativen außer genau einer auszuschließen – auch wenn das manchmal angenommen wird.

Der springende Punkt hier ist jedoch, dass Vorurteile im typischen Fall Trittbrettfahrer einer Art von Argumentation sind – auch wenn es sich um schwache und willkürliche Argumente handeln mag. Tatsächlich neigen auch sehr dogmatische Personen dazu, Gründe irgend­welcher Art, womöglich sehr grobe, zur Bekräf­tigung ihrer Dogmen zu präsentieren (hierher gehören rassistische, sexistische, von Klassen- und Kastengeist geprägte Vorurteile und auch andere Spielarten einer auf primitiven Argumenten beruhenden Bigotterie). Unvernunft bedeutet meistens nicht, dass man etwas ohne jede Überlegung tut, sondern dass man sich auf ein sehr primitives und mangelhaftes Denken verlässt. Hier besteht Hoffnung, denn schlech­tem Vernunftgebrauch kann mit besserem be­gegnet werden. Also gibt es Handlungs­spiel­raum für eine vernunftgeleitete Auseinander­setzung, auch wenn viele Menschen sich mindestens anfangs, sogar wenn sie dazu herausgefordert werden, weigern mögen, in die Auseinander­setzung einzutreten.

Nichts, das einer jetzt schon vorhandenen Allgegenwart der Vernunft in jedermanns Denken gleichkäme, ist wichtig für die Argumente in diesem Buch. Eine solche Voraussetzung ist unmöglich und unnötig. Die Behauptung, dass Menschen sich auf ein bestimmtes Vorhaben einigen würden, wenn sie frei und unparteiisch denken könnten, setzt natürlich nicht voraus, dass sie jetzt schon so weit sind oder auch nur sein möchten. Das wichtigste Ziel ist es, zu untersuchen, welche vernünftigen Argumente das Streben nach Gerechtigkeit verlangen würden – dabei muss eingeräumt werden, dass es mehrere verschiedene vernünftige Positionen geben kann. Diese Denkübung ist durchaus verträglich mit der Möglichkeit, sogar der Gewissheit, dass nicht alle zu einer bestimmten Zeit bereit sind, sich auf eine solche kritische Prüfung einzulassen. Vernunftgebrauch ist auch oder besonders in einer Welt voller «Unvernunft» für das Verständnis von Gerechtigkeit entscheidend.-

ANMERKUNGEN:

*a: Charles Dickens, Große Erwartungen, übers. von Joseph Tanner (München: dtv, 1972), S. 77

*b: Judith N. Shklar, The Faces of Injustice (New Haven: Yale University Press, 1992) hat überzeugend dargelegt, dass ein Gespür für Ungerechtigkeit von entscheidender Bedeutung ist

*c: Smiths klassisches Buch The Theory of Moral Sentiments erschien 1759, vor 250 Jahren, und die letzte – die sechste – überarbeitete Fassung wurde 1790 veröffentlicht. In der Einleitung zur Jubiläumsausgabe von 2009 (Penguin Books) kommentiere ich die Besonderheit von Smiths moralischem und politischem Engagement und seine fortdauernde Bedeutung für die Welt von heute.

*d: Isaiah Berlin und Bernard Williams haben sich ausführlich und überzeugend mit der Wich­tigkeit der Wertepluralität befasst. Plura­li­täten können in einer bestimmten Gemeinschaft be­steh­en oder sogar in einer einzelnen Person, sie spiegeln nicht zwangsläufig die Werte «ver­schie­dener Gemeinschaften». Jedoch können auch Un­terschiede in den Wertvorstellungen von Men­schen in verschiedenen Gemeinschaften sig­ni­fikant sein (vergl. dazu die wichtigen Beiträge von Michael Walzer, Charles Taylor und Michael Sandel).

*e: Karl Marx zum Beispiel erläuterte, dass es sowohl Gründe für die Abschaffung der Ausbeutung der Arbeitskraft (im Zusammenhang mit dem Recht auf das Produkt der eigenen Anstrengung) wie für eine Zuteilung nach dem Maß der Bedürftigkeit (im Zusammenhang mit den Forderungen der Verteilungsgerechtigkeit) gibt. In seinem letzten substantiellen Text, Kritik des Gothaer Programms (1875), erörterte er dann den unvermeidlichen Konflikt zwischen diesen beiden Prioritäten.

*f: Die «Befähigungsperspektive», die seit einiger Zeit genauer untersucht wird, passt genau zu dem Verständnis von Gerechtigkeit, das sich an der Lebensführung und den Freiheiten orientiert, die für Personen tatsächlich erreichbar sind. Siehe Martha Nussbaum und Amartya Sen (Hg.), The Quality of Life (Oxford: Clarendon Press, 1993). Reichweite und Grenzen dieser Perspektive werden in den Kapiteln 11–14 untersucht.

*g: Zum Beispiel hat die «offene Unpartei­lichkeit» (siehe Kapitel 6), die zulässt, dass sich Stimmen aus der Nähe und auch aus der Ferne zur Gerechtigkeit von Gesetzen äußern (nicht nur aus Gründen der Fairness gegen andere, sondern auch zur Vermeidung von Provinzialismus, wie Adam Smith in Theorie der ethischen Gefühle und in den Vorlesungen über Rechts- und Staatswissenschaften dargelegt hat), unmittel­bare Relevanz für einige aktuelle Ausein­andersetzungen im Supreme Court der USA; davon handelt das Schlusskapitel (18) dieses Buchs.

* h: Ich hatte das Privileg, auf Einladung des Speakers Somnath Chatterjee am 11. August 2008 vor dem indischen Parlament über «The Demands of Justice» zu sprechen. Der Vortrag war die erste Hiren Mukerjee Memorial Lecture, die in Zukunft jährlich im Parlament gehalten wird. Die ungekürzte Fassung des Vortrags ist in einer vom indischen Parlament veröffentlichten Broschüre zugänglich, und eine gekürzte Version mit dem Titel «What should Keep Us Awake at Night» wurde in The Little Magazine, Bd. 8, Heft 1 und 2 (2009) abgedruckt.

*i: Kautilya, der altindische Autor von Schriften zur politischen Strategie und politischen Ökonomie, gilt, wenn er überhaupt wahrgenommen wird, gelegentlich als «der indische Machiavelli». Das ist in mancher Hinsicht nicht überraschend, da beider Ideen über Strategie und Taktik gewisse Ähnlichkeiten aufweisen (trotz profunder Unterschiede in vielen anderen – oft wichtigeren – Bereichen), aber amüsant ist, dass ein indischer Theoretiker der politischen Strategie aus dem vierten vorchristlichen Jahr­hundert als Lokalversion eines im fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert geborenen europäischen Autors präsentiert werden muss. Darin kommt selbstverständlich keinerlei plumpe Behauptung über eine geographische Hack­ordnung zum Vorschein, sondern nur die Tatsache, dass westliche Intellektuelle (und dank der globalen Dominanz westlicher Bildung Intellektuelle in der heutigen Welt überhaupt) kaum mit nicht-westlicher Literatur vertraut sind.

*j: In meinem Buch The Argumentative Indian (London und Delhi: Penguin; New York: FSG, 2005) habe ich die These vertreten, dass es keine durch und durch östlichen, auch keine durch und durch indischen Prioritäten gibt, da in der Geistesgeschichte dieser Länder Argumente sehr unterschiedlicher Denkrichtungen zu finden sind.

*k: Die Unterscheidung zwischen nyaya und niti hat nicht nur innerhalb eines Staates, sondern über Staatsgrenzen hinweg Bedeutung; siehe dazu meinen Vortrag «Global Justice», den ich auf dem World Justice Forum in Wien im Juli 2008 gehalten habe; Sponsoren dieses Forums waren die American Bar Association, die International Bar Association, Inter-American Bar Association, Inter-Pacific Bar Association und Union Internationale des Avocats. Er gehört zum «World Justice Program» der American Bar Association und wurde in Global Perspectives on the Rule of Law, hg. v. James J. Heckman, Robert L. Nelson, Lee Cabatingan (New York: Routledge, 2009) veröffentlicht.

*l: Rawls, The Law of Peoples (Cambridge S. 137, 141. Deutsch: Das Recht der Völker in, New York: de Gruyter), S. 176.

*m: Das wird mich jedoch nicht davon abhalten, auch Erkenntnisse des ersten Ansatzes zu nutzen und von der Aufklärungsarbeit zu profitieren, die die Werke von Hobbes und Kant sowie – in unserer Zeit – von John Rawls leisten.

*n: Siehe Thomas Scanlon, What We Owe to Each Other (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1998).

*o: ergl. meinen Artikel, «What Do We Want from a Theory of Justice?», Journal of Philosophy, 103 (May 2006). Siehe auch Joshua Cohen und Charles Sabel, «Extra Rem publicam Nulla Justitia?», und A. L. Julius, «Nagel’s Atlas», Philosophy and Public Affairs, 34 (Frühling 2006).

*p: Tatsächlich gibt es überzeugende Beweise dafür, dass interaktive öffentliche Diskussionen helfen können, den Widerstand gegen die Vernunft zu schwächen. Siehe das empirische Material dazu in Development as Freedom (New York: Knopf, und Oxford: Clarendon Press, 1999) [Ökonomie für den Menschen, übersetzt von Christiana Goldmann (München: Hanser, 2000)] und Identity and Violence: The Illusion of Destiny (New York: Norton, und London: Penguin, 2006) [Die Identitätsfalle, übers. von Friedrich Griese, München: C. H. Beck, 2007].

*q: James Thurber stellte fest, dass aber­gläubische Menschen vielleicht nicht unter Lei­tern durchgehen mögen, während wissenschaft­liche Geister, die «sich dem Aberglauben wider­setzen», vielleicht eigens «nach Leitern Ausschau halten und mit Vergnügen unter ihnen durchgehen». Aber «wenn Sie lange genug nach Leitern suchen und unter ihnen durchgehen, wird Ihnen ein Unglück zustoßen.» (James Thurber, «Let Your Mind Alone!» New Yorker, 1. Mai 1937).“

Das ist ein ao kompaktes Vorwort. Zum Glück für den Leser sind die dann folgenden Kapitel ziemlich einfach zu lesen, zumal der Leser des Vorwortes die Zusammenhänge besser versteht, viel bereits Vertrautes wiederfindet und Sens vertiefende Wort gut versteht

23-03-2024:

Ronald Searle. Nachtrag zu unserem Hochzeitstag

05-04-2024

Götz: In der ZEIT von Anfang Januar habe ich über Ideen der französischen Politikwissenschaftlerin Helene Landemore gelesen, die ein paar Gedanken zur demokratischen Praxis ausführt, die auch in Gesprächen mit Freunden immer wieder mal aufflackerten. Das alte Athen lässt grüssen, könnte man abwertend sagen, aber irgend etwas muss ja geschehen

„Landemore: … Die westliche Philosophie, sagt sie, glaube seit Platon, dass Menschen mehrheit­lich irrational, apathisch und ignorant seien. Deshalb hielten wir es für unvermeidlich, dass eine gewählte Elite – Berufspolitiker – Entscheidungen treffe. Doch diese seien eine Minderheit mit eigenem Kalkül und beschränktem Blickwinkel. »Narzissten und Psychopathen sind da überrepräsentiert«, sagt sie, »aber selbst gute Politiker genießen das Rampenlicht zu sehr. Und die Macht korrumpiert sie.« Deshalb will Landemore alle Macht dem Volk geben. Sie nennt ihre Vision open democracy, offene Demokratie. Es gibt darin weder Wahlen noch Politiker. Bürgerinnen und Bürger werden zufällig ausgewählt und bilden Gruppen von jeweils 150 bis 1000 Menschen, die ein exaktes Abbild der Bevölkerung sind: nicht besonders charismatisch und redegewandt, sondern divers, auch schüchtern, arm und ungebildet. Diese zusammengewürfelten Bürgerräte übernehmen für eine befristete Zeit das Regieren, unterstützt von Fachleuten und Beamten. Bei weitreichenden Entscheidungen kann ein Referendum durchgeführt werden. Die Bürgerräte träfen bessere Entscheidungen als Berufspolitiker, argumentiert Landemore, weil sie alle Erfahrungen und Perspektiven in der Gesellschaft abbildeten. Außerdem seien sie weniger anfällig für Korruption. Ist das die Lösung für die Vertrauenskrise der Demokratie? Und wer soll das neue System einführen – die Politiker, die sich damit selbst abschaffen? Landemore lächelt fein und erzählt von einem Experiment, das sie als Expertin begleitet: ein Bürgerrat, von der französischen Regierung beauftragt, Vorschläge für ein Gesetz zur Sterbehilfe zu erarbeiten. Ähnliche Initiativen gab es in den letzten Jahren auch schon in Island, Finnland, Belgien, Irland und Deutsch­land – mit gemischtem Erfolg, auch weil die Politik oft die Umsetzung verweigerte. Aber die Versuche mehrten sich, sagt Landemore, weil die Menschen danach verlangten. Sie hofft, dass eine Bewegung entsteht: »Ich kann nicht voraussagen, wie schnell der Wandel kommt. Aber er kommt.«

Dazu Götz an einen Freund: „Ich habe die unsäglich schlecht gemachte Befragung zur Reform der Grundsteuer gemacht – mühsam und frustrierend. Wer entwickelt so ´n Scheiss? Richtig, 2018 bis 2021 war ein gewisser Scholz als Finanzminister verantwortlich für die Ausarbeitung der Reform. Ich hätte ´s nicht ausfüllen sollen. Ziviler Ungehorsam durch Verweigerung wäre besser gewesen. Die einzelnen Bundesländer haben eine gewisse Freiheit, wie sie die Befragung ausgestalten. Bayern scheint eine relativ einfache Form gefunden zu haben, NRW eine besonders komplizierte.“

Und ein Brief an die Finanzminister::

Betreff:BITTE WEITERLEITEN AN fINANZAMT AC-STADT
Datum:Thu, 23 Mar 2023 19:17:08 +0100
Von:Götz R. Winkler <grwinkler@arcor.de>
An:stadt.aachen@mail.aachen.de
Kopie (CC):Poststelle@bmf.bund.de, poststelle@fm.nrw.de

„Guten Tag,
ich erhalte eine „Erinnerung“ w. angeblichen Fehlens meiner Feststellungserklärung. Die finden sie seit dem 5. Januar auf dem Computer der Finanzbehörde NRW.  
Dazu ein paar Bemerkungen:
> Die Erläuterungen zur Einführung der gewiss nötigen Aktualisierung der Grundsteuerwerte sind für die Befragten eine Zumutung, in grossen Teilen wirr, widersprüchlich, unnötig.
Unnötig, weil viele der erneut abgefragten Daten längst bei den Finanzämtern ruhen.   Widersprüchlich zum Beispiel, weil man Daten mit der Übergabe an das FA sicher wähnt. Dann, bei dem Versuch, die Daten weiter zu bearbeiten, kommt die Mitteilung, die Daten seien „unwiederbringlich verloren“ … Also die ganze Arbeit von vorne. Wirr, weil  die Sprache vielleicht einem Finanzbeamten verständlich sein mag, die Zielgruppe aber: Bürger mit in der Regel zivilen Berufen, für solche Amtssprache kein Verständnis haben kann  
> In Berlin hat man vor einem Jahr eine „Zeitenwende“ ausgerufen. Es war höchste Zeit, das zu erkennen. Nun, 1 Jahr später, sehen wir, dass in der Praxis fast nichts davon umgesetzt wurde. Bis hin zu einfachsten Bestellvorgängen für wichtige Anschaffungen, die schlicht nicht heraus gingen, weil noch nicht alle Instanzen in der Verwaltung abgearbeitet waren. Ähnlich scheint es auch in der Finanzverwaltung zu sein. Das ist in meinen Augen kein verantwortliches, sondern obrigkeits-vernebeltes Verhalten.

Ich erwarte gerne ihre Bestätigung, dass man meine Feststellungserklärung unter dem Freischaltcode ZUKN-3JC6-FTNQ   erhalten hat, und ihre Mahnung, wie sie „mit Bedauern feststellen“, nicht gerechtfertigt war.“

MfG  Götz R. Winkler    (Kaiser-Friedrich-Allee 18    52074 AC)

Immerhin kommt nach weiteren, computergenerierten Mahnungen mit Strafandrohung von 25.000 € nach einigen Monaten ein Kontakt mit einer Sachbearbeiterin zustande, die eine vernünftige Lösung sucht. Der o.g. Code reiche nicht, meine Daten zu aktivieren. Sie will schätzen und bittet um einige weitere Angaben wie Lage und Baujahr des Grundstücks. Die bekommt sie, und ihre Schätzung stellt sich als akzeptabel heraus. Sie schickt mir eine E-Mail auf einem Bogen des FA.

Bei meinem Versuch freilich, ihr die Angaben per E-Mail zu schicken, passiert Erstaunliches. Der Sachbearbeiter vom Bürgerservice der Stadt erklärt mir (a) das FA habe keine eigene E-Mailadresse (b) die Grundsteuer sei nicht Sache des FA (c) Die Sachbearbeiterin, deren Name und Zimmernummer ich nenne, sei unbekannt.

Bei so viel geballter Inkompetenz strecke ich die Waffen und schicke meine Daten mit der Post.

Wie nennt man das? Realsatire. Wen wundert es, dass es eine gewisse Demokratiemüdigkeit gibt. Ergo: jeder Versuch, die hiesige demokratische Praxis zu stärken, lohnt. In diesem Sinne verstehe ich auch Frau Landemore.

Fundstück: (Tucholski)

„Der Mensch hat, neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören“.

08-04-2024:

Eine weitere, sehr freundschaftliche Stellungnahme zu meinem Blog:

Lieber Götz, Verzeih, wenn wir erst heute auf Dein Werk zur Demokratie antworten. Da hast Du wahrlich eine unglaublich fundierte, kenntnisreiche Arbeit vorgelegt. Offen gesagt, nicht einfach zu lesen, noch weniger leicht zu verstehen. Zu all den Thesen und Ausführungen bräuchte es wohl eine ganz Denkwoche, um im Einzelnen zu begreifen, worum es Dir … gehen mag.

Ich fühle mich eher klein bei diesem großen Wurf. Was WIR versuchen, ist vielleicht weniger monumental, schlichter, dafür allerdings für uns auch machbarer.

Wir haben beispielsweise einen Denktag in München organisiert mit Projekten, die uns als wichtigen Beitrag zum Thema erscheinen. Gemeinsam mit der Hans Schöpflin Stiftung fand eine Begegnung statt, bei der man sich darüber austauschen konnte, was wir weiter in die Welt tragen können. Wir wissen wohl alle, Demokratie ist kein Zustand sondern eine Herausforderung und genau das, was wir daraus machen. Dabei ging es auch darum, Geld zu generieren von vermögenden Stiftungen, um die Initiativen voran zu bringen.

Vielleicht hattest Du Gelegenheit den Newsletter vom April zu lesen, da berichten wir ausführlich über das Ergebnis. 

Ich finde es phenomenal, wie visionär Du denkst und freue mich, dass Du uns daran teilhaben läßt. Bleibt zu hoffen, dass Du noch weiter und tiefer in diese Gedanken einsteigen kannst und glaube, wie Du fest an Gedankenspiele und Szenarien. Nur so geht Veränderung.

In herzlicher Verbundenheit Elke und Tobi

Elke&Tobi sind die Eigentümer des Chateau d´Orion und haben mit ihren DENKWOCHEN eine in meinen Augen äusserts fruchtbare Einrichtung aufgebaut. In kleinstem Kreis mit hochkarätigen Philosophen zu reden, zu diskutieren, Anregungen zu erhalten und manchmal auch zu geben.

>>> Googelt mal Denkwochen Chateau d´ Orion ! <<<

Eine ganze Welt öffnet sich da. Wir verdanken dem Chateau sehr viel.

Elke und Tobias haben natürlich recht. Mein Blog ist, wenn man ihn ganz lesen will, zu komplex. Er ist überlastet. Meine einzige Erklärung: Ich finde für das Thema keine einfachere Darstellung. So bleibt mir nur zu hoffen, dass der Blog als Angebot angenommen wird, über die eine oder andere Frage nachzudenken und mit zu nehmen, dass es immer eine Alternative gibt, etwas für die Demokratie, für unser Zusammenleben zu tun.

__________________________________________________________________

Nach etlichen Problemen mit WordPress, meinen Blog beatbeiten zu können und entsprechenden Beschwerden beim Anbieter, komme ich heute wieder zum Zuge.

Ich werde erst einen längeren Beitrag über meine Erfahrungen als Unternehmensberater in den Blog stellen und später versuchen, eine Seitenleiste mit Links zu einzelnen Themen einzuarbeiten (Was die Lesbarkeit des Blogs erheblich vereinfachen würde. Allein, im Moment bin ich noch zu unbedarft, um so etwas einzurichten, man merkt es an einigem „Stottern“ im Text).

Aus meinem Tagebuch von heute: 05´00 h: In der Küche hörte ich Musik, die mich zunächst fesselte, dann verwunderte. Es war unverkennbar J.S. Bach, dann aber in den eintönigen Wiederholungen eben auch gar nicht. Schliesslich erklärte der Ansager, dass es die „Rekon­struktion einer Kantate von Bach sei, nun umgeschrieben für Viola d´Amore und Orchester, gespielt von der Capella …“. Für mich war es fast ärgerlich zu hören, mit wie wenig Phantasie und Erfindungslust man eine blasse Imitation machte, wo man doch mit modernen Techniken ganz neue Variationen hätte hinein bringen können. Den Alten hätte diese Trivialisierung sicherlich erbost, er hätte sich seinen Synthe­sizer gegriffen und aus dem Stegreif ganz neue Inventionen hervor gezaubert.

Bach und Kant bleiben auch nach 250 Jahren noch zuverlässige Begleiter. Aus meinem TB vom 11-10-2015: Heute früh bin ich gegen 6 h aufgestanden und habe im Kant gelesen. Der Mann hat wunderbare Äusserungen getan, so z.B.

„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer
Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die
sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft
selbst aufgegeben, die sie aber nicht beantworten kann; denn sie
übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“

Dabei unterscheidet Kant Anschauung, Verstand und Vernunft:

Der Erkenntnisapparat des Subjektes im Sinne der Kritik der reinen Vernunft umfasst die Sinnlichkeit als das Vermögen der Anschauung,
den Verstand als das Vermögen, Anschauungen unter (einfache) Begriffe
zu bringen, sowie
die Vernunft im Allgemeinen als das Vermögen, die Verstandeserkenntnis
zu ordnen; als das Vermögen, nach Prinzipien zu denken.
Nach Kant ist die Aufgabe einer engagierten Philosophie die Beantwortung von
drei Grund-Fragen, die in eine vierte münden.
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?

Die Fragen werden jeweils durch die Erkenntnistheorie, die Ethik und die Religionsphilosophie bearbeitet.
Oder seine Theorie zur Enstehung des Sonnensystems. Wieder WIKIPEDIA:
Die zentrale These der Kant-Laplace-Theorie lautet, dass das heutige Sonnensystem
im Laufe eines Prozesses der „Anziehung und Abstoßung“ entstanden
ist. Kant erklärte:
„Ich habe, nachdem ich die Welt in das einfachste Chaos versetzt, keine
andere Kräfte als Anziehungs- und Zurückstoßungskraft zur Entwicklung der
großen Ordnung der Natur angewandt, zwei Kräfte, welche beide gleich gewiss,
gleich einfach und gleich ursprünglich und allgemein sind.“
Kant geht in seiner Theorie von einem Grundzustand aus, in dem die Materie
im Universum verstreut war und sich dann durch Anziehung und Abstoßung in
das heutige Gleichgewichtsverhältnis bewegte. Laplace ging von der Ausdehnung
einer bereits vorhandenen erhitzten Sonne aus, von der sich schließlich
Gasnebel abgelöst und wiederum zu Planeten verdichtet hätten.
Der Kant-Laplace-Theorie wird eine hohe philosophie- und wissenschaftshistorische
Bedeutung zugesprochen, da in ihr die Entstehung des Planetensystems ohne Zuhilfenahme einer übernatürlichen Ordnungskraft zu erklären versucht wurde. Noch Isaac Newton hatte eine solche Erklärung für unmöglich gehalten und somit Gott als unverzichtbaren Teil jeder Kosmogonie angenommen. Kant und Laplace können daher als wichtige Vordenker heutiger Theorien zur Kosmogonie gelten.
Oder sein kategorischer Imperativ:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Oder, anders formuliert: „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner
Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck,
niemals bloß als Mittel brauchst.“
Das wendet er auch auf das Völkerrecht an, definiert, welche Mittel auch im
Krieg nicht angewandt werden dürfen, um einen spätere Frieden (der seiner
Ansicht nach ein ewiger werden kann) nicht zu gefährden. Und er hofft auf die
Vernunft der Staaten, sich in einem weltweiten Völkerbund zu vereinen. Er
nimmt also gedanklich eine Art UNO vorweg, dere Wirken freilich heut noch durch
die Egoismen der Einzelstaaten begrenzt ist.
Seine Worte zur Aufklärung:


Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst
verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich
seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst
verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht
am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes
liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude
[wage es verständig zu sein]! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes
zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Bis hier hin ist das für mich wunderbar. Aber dann setze ich an, wo ich ihm nicht folgen kann: nämlich in seinem Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft. WKIPEDIA: Die reine Vernunft umfasst nach Kant die Fähigkeit des menschlichen Denkens, Erkenntnisse ohne Rückgriff auf vorhergegangene sinnliche Erfahrung zu erlangen. Rein ist das Erkenntnisvermögen, wenn es keine bestimmte Erfahrung voraussetzt, sondern nur mit Vorstellungen arbeitet, die das Subjekt in sich selbst vorfindet oder erzeugt. Diese Erkenntnisse sind a priori, da ihre Wahrheit ohne Überprüfung in der Erfahrung feststellbar ist. Als Beispiele werden z.B. genannt: „Alle Schimmel sind weiss“. Das ist m.E. trivial, es stimmt ex definitione. ist also keine „Erkenntnis“. Oder: „Jede Veränderung hat ihre Ursache“. Da steckt keine Erfahrung/Beobachtung dahinter ??, dass z.B. der ie Blätter vor sich hertreibt, eine Welle das Boot schaukeln macht, der Himmel sich bewölkt und die Erde nass wird? Ich verstehe das nicht, was Kant da meint. Soll ich das alles nachplappern oder doch meinem „kritischen Rationalismus“ weiter huldigen, ohne den übrigen Kant aufzugeben???.

________________________________________________________

Aus der Praxis

meiner Unternehmensberatung

Vorwort

Was hat die eher übel beleumdete Unternehmensberatung mit Demo­kra­tie zu tun?“ könnte ein Leser fra­gen. Sehr viel, meine ich. 45 Millionen Arbeitnehmer und Selbständige sind in Deutschland tätig. Deren Zufrie­den- oder Unzufriedenheit im Job strahlt auf die ganze Familie, auf Kinder, Schüler, Studenten … so stark aus, dass, letztlich alle 83 Milli­onen beeinflusst werden. „Nirgendwo gehen die Menschen so lustlos zur Arbeit wie in Deutschland …  Beinahe jeder Vierte geht unmotiviert ins Büro (23 Prozent). Kein Land ist lustloser. Das zeigt eine globale Stu­die zur Mitarbeiterzufriedenheit. Woran es hakt – und was andere Länder besser machen.“ (SPIEGEL 10-03-2020). Dann wären also 75% zufrieden? Nein, das Problem liegt tiefer. Viele Mitarbeiter sind im Beruf frustriert, gehen in die innere Kündi­gung, sind zufrieden, wenn sie ihren Lohn bekommen und endlich in den Feierabend entlassen werden. Das Problem ist die man­gelnde Aner­kennung der Mitarbeiter. Leistungen werden nicht belohnt, sondern vom „allwissenden Chef“ bekrittelt. Wie viel Potential wird da vergeudet. Chefs haben de facto Vorbildfunktion – im Guten wie im Schlechten. Und wenn der Gegenüber als Unter­gebener gesehen wird, ist er in seiner Würde verletzt, lernt daraus und mauert. Hinzu kommt die erbar­mungslose Automatisierung, jetzt be­schleunigt durch KI. Sind wir wirklich gut beraten, wenn wir den Wert der menschlichen Arbeit, den Stolz auf die eigene Leistung ständig weiter aushöhlen? Fragen wir weiter uns selbst: sind wir nicht auch gegenüber der Demokratie in eine Art innerer Kündigung gefallen und ruhen uns in einem trügerischen Feierabend aus? Wir können sehr viel tun, um unsere Demokratie zu stärken !

Dazu gleich noch zwei Irrtümer: Chefs, Vorstände tragen viel Verantwortung. Sie verdienen viel und können tief fallen. Deswegen der Golden Handshake. Doppelt falsch: so ein Mensch, fällt, wenn er im Beruf versagt hat, sehr weich, denn ihm bleibt in der Regel das Polster des angehäuften Besitzes. Wirklich hart fällt der Arbeitnehmer, der seine Stelle verliert, der kaum Aussicht hat, eine neue zu finden, dessen Existenz nun wirklich bedroht ist. Ein anderes gängiges Wort: unter den Chefs gibt es genau so viele Defizite wie in der normalen Bevölkerung. Wie könnte das anders sein?

Ein zynisches Argument, das nur der Beschwichtigung dient. Dazu doppelt falsch (a) Chefs haben, wie auch jede Person, die in der Öffentlichkeit steht, Vorbildfunktion. Sie stehen also in einer besonderen Verantwortung. Und zweitens zeigen viele Unter­suchungen, dass der Anteil von Psychopathen in den Führungs­etagen eine Vielfaches des Normalen beträgt.

Die folgenden Gadanken habe ich vor 10 Jahren formuliert, um meine Erfahrungen, die ich als selbständiger Unternehmensberater über viele Jahre hinweg gemacht habe, einmal zusammenzufassen

AUS DER PRAXIS MEINER UNTERNEHMENSBERATUNG (2014)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel / Seiten

  1. Einführung …………………………………………….…………………………………………….. 3 – 10
  2. ROTKÄPPCHEN, Freyburg (Kurzfassung) ……….…………………………………… 11- 12
  3. REWATEX, Berlin (Kurzfassung) ………..……………………………………………….. 13 – 14
  4. FIHA, Berlin (Kurzfassung) …………………….…………………………………………… 15 – 16
  5. PENGUIN, Bursa (Kurzfassung) …….………………..…………………………………. 17 – 19
  6. SCHWEIGER&PARTNER, Coburg (Kurzfassung) …….…………………………. 21 – 22
  7. Gedankensplitter zu Management und Beratung ……….………………..… 23 – 32
  8. Meine Werkzeugkiste ………..…………………………………………………………………. 33 – 34
  1. Aufsatz: Zum Krisenmanagement in ostdeutschen Betrieben ………….. 35 – 53
  2. Aufsatz: Qualitätsmanagement im öffentlichen Dienst ……………………… 55 – 63
  3. Aufsatz: Eine ganzheitliche Methode der Unternehmensbewertung . 65 – 91
  1. GLOBUS POLSKA, Warschau (Langfassung) ………………………………….. 93 – 184
  2. IRAN TRACTOR FACTORY, Taebris (Langfassung *) ……………………… 185 – 262

* incl. einiger zusätzlicher Charts

UB-PRAXIS1 Einführung

Wie kam ich dazu, Unternehmen zu beraten?

In meinem Studium der Volkswirtschaftslehre hatte ich gelernt, wie Konjunkturen und Krisen entstehen oder wie Geldpolitik gemacht wird – zumindest glaubte ich das damals zu wissen. Aber wie ein Unternehmen geführt wird, war mir ein Buch mit sieben Siegeln. Ich erkannte diesen Mangel und hatte deswegen schon in meiner ersten Bewerbung ganz naiv und ehrlich geschrieben, dass mich besonders interessiert, wie ein Unternehmen funktioniert.

Erste Eindrücke konnte ich mir dann zwischen 1964 und 1969 im Rechnungswesen der Düsseldorfer Konzernzentrale von PHOENIX-RHEINROHR und in einem Zweigwerk von PR in Düsseldorf-Oberbilk verschaffen. Später, bei HENKEL in Düsseldorf (1969-1986), praktizierte ich u.a. eine Art Inhouse-Beratung. Und nach meinem kurz ent­schlossenen Ausscheiden aus der von einer Sekte übernommenen LINDT& SPRÜNGLI in Aachen (1986-1991) machte ich mich als Unternehmensberater selbständig.

So konnte ich im Auftrag der TREUHAND-GESELLSCHAFT einige ostdeutsche Unternehmen, darunter ROTKÄPPCHEN, den heutigen Marktführer bei Sekt in Deutschland, beraten. Nach einem dreijährigen Intermezzo als General Manager bei der CEREOL in Mannheim (Comodities Öle+Tiernahrung, 1993-1995) machte ich mich dann endgültig als Unternehmensberater selbständig.

Auf meiner Homepage war das wie folgt zusammengefasst:

„Ausbildung und Erfahrungshintergrund:

  1. ● Studium der Volkswirtschaftslehre in Köln
    • Sachbearbeiter im Rechnungswesen der THYSSEN RÖHRENWERKE AG, Düsseldorf
    • Bereichsleiter Firmenkoordination und Controlling der HENKEL KGaA, Düsseldorf
    • Geschäftsführer Finanzen, Einkauf, Logistik und EDV der LINDT & SPRÜNGLI GmbH, Aachen
    • General Manager der CEREOL GmbH / ERIDANIA BÈGHIN-SAY, Mannheim
  1. ● Restrukturierungsaufträge für die TREUHAND, Berlin
  1. ● Einzelprojekte in mittelständischen Unternehmen der Lebensmittelindustrie, in Handels- und in Dienstleistungsunternehmen, in Deutschland, Spanien, Türkei u.a. Ländern“

Ich habe mich bei meiner Beratertätigkeit auf Industrie-Unternehmen vor allem im Markenartikel- und Konsumgüterbereich konzentriert. Einziger Ausflug in den Dienst­leistungsbereich war die Beratung von SCHWEIGER&PARTNER. Für eine Beratung von Handelsunternehmen, Banken oder Versicherungen fühle ich mich nicht kompetent. Und ich habe Unternehmen nur gesamthaft beraten. Mich reizt, wie man Unternehmen aus einer Sackgasse heraus manövrieren kann, ihre verborgenen Potentiale ausschöpft und sie langfristig erfolgreich macht. Einzelaufträge wie z.B. eine Marktanalyse, Einführung eines Personalbeurteilungsprogramms, Investitionsrechnungen oder Aufbau eines EDV-gestützten Planungssystems haben ich nicht angenommen. Solche Lösungen habe ich, soweit erforderlich, als Nebenerträge im Rahmen der Restrukturierung eines ganzen Unternehmens erarbeitet.

Ich bekenne freimütig, dass mich weder Buchhaltung noch Steuern sonderlich interessieren. Das eine ist mir zu statisch, das andere zu willkürlich. Dabei hatte ich das Glück, mich – bis auf eine einzige Ausnahme – immer auf loyale Spezialisten in diesen Bereichen stützen zu können. Und diese Fachleute hatten verstanden, dass ich ihre Arbeit respektiere. Die Geheimnisse einer guten Unternehmensführung aber scheinen mir weder in einer Minimierung der Steuern noch in der Buchhaltung zu liegen – so wichtig Beides sein mag.

Welche Unternehmen habe ich beraten ?

Schon bei HENKEL war ich als Leiter der Firmenkoordination und des Controlling für Auf- und Ausbau der Steuerungssysteme der grossen Waschmittelfirmen vor allem im Ausland verantwortlich. Und wenn eines dieser Unternehmen in ernste Probleme geriet, stellten wir ein kleines, internationales Team zusammen und erarbeiteten ein Gesun­dungsprogramm. Solche Inhouse-Beratungen machten wir u.a. für die TURYAG in Izmir, die HENKEL IBERICA in Barcelona und die SKANDINAVISK HENKEL in Kopenhagen.

Als selbständiger Unternehmensberater habe ich später (in 1991 und 1992) beraten

  • Die Sektkellerei ROTKÄPPCHEN in Freyburg/U, der dominanten Sektmarke in der DDR. Ich hatte zunächst den Auftrag, das Unternehmen auf eine Privatisierung vorzubereiten. Später habe ich die Führungskräfte bei ihrem Management-Buy-Out und in vielen anderen Angelegenheiten beraten
  • Die FIHA Fischhandelsunion in Berlin, die den gesamten Fischhandel in der DDR beherrschte
  • Die REWATEX AG in Berlin, die führende industrielle Wäscherei in der DDR (hier war ich Berater und für ein halbes Jahr interimistischer Vorstand Finanzen)

Ab 1995, nach dem Abschied von CEREOL, habe ich einige Unternehmen beraten, haupt- sächlich als bezahlter Berater, teilweise auch ehrenamtlich im Namen des SES (Senior Expert Service) in Bonn. Darunter:

  • PENGUIN, Bursa/Türkei, ein Unternehmen für Tiefkühlkost und Konserven
  • SCHWEIGER, Coburg, ein kleines Unternehmen für Informationsmarketing
  • ITF, Täbris/Iran, ein Zulieferer für Motoren und Traktoren
  • GLOBUS POLSKA, Warschau, ein Unternehmen für Tiefkühlkost und Konserven

Auf diese Weise habe ich in meinem Berufsleben bisher mehr als ein Dutzend Unter- nehmen sehr intensiv kennen gelernt. Ich habe in Konzernzentralen gearbeitet und in operativen Unternehmen selbst. Ich habe Erfahrungen in sehr reichen und in sehr armen Unternehmen gesammelt. Und ich habe Unternehmen im Inland und im Ausland beraten. Von der Größe her waren es mittelständische Unternehmen mit etwa 200 bis 1.000 Mitar- beitern und Umsätzen zwischen 30 und mehreren 100 Mio. €. Das waren nach meiner Er- fahrung Projekte, die ich als allein stehender Berater managen konnte.

Eine frühe und wichtige Erfahrung will ich hier nicht unter den Tisch fallen lassen. Als Schüler und später, als Student, habe ich Dutzende von Jobs als Hilfsarbeiter gemacht. Ich habe auf dem Bau, im Stahlwerk, in Brauereien, im Gartenbau und sonst wo gearbeitet. Dabei habe ich Verständnis für meine Arbeitskollegen bekommen, Respekt vor ihren oft erstaunlichen Kenntnissen und Dankbarkeit für ihre Hilfsbereitschaft dem in ihrem Metier ja völlig unbedarften Kollegen gegenüber. Diese intime Kenntnis der Arbeitswelt „ganz unten“ hat mir später vor allem als Berater geholfen. Ich habe den Kontakt zu den Arbeiterinnen und Arbeitern gesucht und immer wieder festgestellt, wie klar diese Menschen Probleme in ihrem Arbeitsbereich kannten und mir gegenüber bereitwillig ansprachen. Ganz erstaunlich für mich war freilich, dass ihre Vorgesetzten dafür meist kein Ohr hatten. Wie viel Potential wird da vergeudet !

Was bezwecke ich mit der vorliegenden Darstellung ?

Nun, als notorischer Tagebuchschreiber frage ich zunächst kaum nach dem Wozu? In meinen Tagebüchern halte ich meine privaten Reisen, Erlebnisse und Gedanken fest. Ganz ähnlich ist es mit der Familiengeschichte, die ich, durch eine Frage meiner Tochter angestossen, geschrieben habe. Weitgehend ausgespart aber bleibt in Tagebüchern und Familiengeschichte der berufliche Teil meines Lebens.

Da ich auf über 40 Berufsjahre zurückblicke und immer dankbar war, wie heraus­fordernd, vielfältig und meist auch befriedigend diese Arbeiten waren, würde ein ganz wichtiger Teil meines Lebens in meinen Tagebüchern fehlen. Mit der vorliegenden Be­schreibung einiger Beratungsprojekte will ich ein paar Highlights aus meinem Berufsleben erfassen. Der Versuch allerdings, auch die für mich höchst interessanten Jahre als Manager bei THYSSEN; HENKEL, LINDT und CEREOL zu schildern, würde vermutlich ausufern …

Wie stelle ich im Folgenden meine Projekte dar ?

Ich habe meine Beratungsprojekte in aller Regel mehrfach dokumentiert: es gibt

  • Einträge in meinen normalen Tagebüchern
  • ein privates Logbuch, das meine Eindrücke und Ideen während des laufenden Projektes festhält
  • einen offiziellen Abschlussbericht
  • einzelne Arbeitsunterlagen oder mit dem Projekt verbundene Vorträge

Indem ich auf diese Unterlagen zurück greife, entsteht mit dem vorliegenden Buch ein umfassendes Bild über meine Beratungstätigkeit. Ich zeichne das sachliche Umfeld und spare doch meine persönlichen Erlebnisse und Empfindungen nicht aus.

Ich glaube nicht, dass selbst ein geneigter Leser alle Seiten dieses Buches lesen wird. Den einen mögen die fachlichen Darstellungen, Tabellen, EXCEL-Programme mehr interessieren, die andere vielleicht die mehr persönlichen Seiten. (Das bezieht sich auf die Langfassung der „Erfahrungen“, die 265 Seiten umfasst. Die hier vorliegende Kurzfassung begnügt sich mit 66 Seiten)

Das Buch ist also in einer besonderen Weise intim. Das beginnt schon damit, dass ich die Projekte nicht anonymisiere. Freilich habe ich einige für den Leser unwesentliche Details getilgt.

Auftrag

Aufträge zu bekommen ist für einen Selbständigen in aller Regel ein Kernproblem. Für mich waren in dieser Beziehung zwei Personen wichtig: zum einen Jürgen Haag, mit dem ich bei HENKEL und später bei LINDT eng und gut zusammen gearbeitet habe, und der mir erste Aufträge bei der TREUHAND vermittelte. Zum zweiten war es Roger Peltzer, Vice President bei der DEG Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft in Köln, den ich über einen ehrenamtlichen Auftrag seitens der SES Senior Expert Service kennen und schätzen lernte.

Etliche Versuche, über Kooperationen, Makler oder sonstige Kontakte an konkrete Aufträge zu kommen, schlugen fehl. Zwei Mal erlebte ich, dass ich mit attraktiven Ver- sprechen in Vorarbeiten und Wettbewerbe gezogen wurde, die dem vermeintlichen Auf- traggeber willkommen und der aus seiner Sicht gelungene Versuch waren, Beratung und Konzepte gratis zu bekommen. Letztlich habe ich zu wenig Wert auf Netzwerke und Kon- taktpflege gelegt, die mir attraktive Aufträge hätten bringen können. Und auch mein Einsatz für werbliche Aktivitäten hält sich in sehr engen Grenzen.

Ergebnis

Die Ergebnisse meiner Arbeit als Berater münden zunächst in einem Abschluss­bericht für Vorstand und Aufsichtsrat. Da werden im finanziellen Bereich häufig Ver­besserungen der Umsatzrendite von 10 und mehr Prozentpunkten aufgezeigt und massive Liquiditätsverbesserungen in einem Umfang, der ein Viertel oder Drittel des jährlichen Gesamtaufwandes des beratenen Unternehmens ausmachen mag.

Mindestens so wichtig wie Rendite- und Liquiditätsverbesserungen sind die Ver­besserungen im personellen und im organisatorischen Bereich. „Effizienz“ ist heute nahe an ein Schimpfwort heran gerückt. Tatsächlich aber erlebe ich immer wieder, dass bei den Mitarbeitern der Frust über schlechte Arbeitsabläufe und problemblinde Führungskräfte weit größer ist als die Furcht vor Rationalisierungsmassnahmen. Und so wirken unsere Bemühungen eher dahin, das Potential der vorhandenen Mitarbeiter richtig einzusetzen als dorthin, Mitarbeiter zu entlassen. Unfähige oder unwillige Mitarbeiter freilich werden in einem solcherart restrukturierten Unternehmen keinen Platz mehr haben.

Letztlich bemisst sich das Ergebnis einer Beratung daran, wie das Unternehmen die als richtig akzeptierten Vorschläge dann auch in die Praxis umsetzt. Und da habe ich immer wieder erlebt, dass die Mitarbeiter des Unternehmens, mit denen ich mein Beratungsteam aufgebaut und alle Massnahmen erarbeitet hatte, später, in der Realisierungsphase, von

den eigenen Chefs ausgebremst wurden. Eitelkeit und Eifersucht der Manager sind die schlimmsten Feinde des Erfolgs.

Ablauf

Der Ablauf einer solchen Beratung, die ich grundsätzlich als alleiniger Fremdberater mache, folgt in der Regel einem bestimmten Procedere:

  1. Es gibt eine erste, oft noch vage Auftragstellung
  2. Ich gehe für eine Woche in das Unternehmen, mache mir ein erstes Bild von der Problemlage und präzisiere den Auftrag
  3. Dann, nach Ablauf dieser Woche, lege ich erste Beobachtungen und einen vorläufigen Zeit- und Arbeitsplan vor
  4. Ich bilde einen Lenkungskreis aus dem Topmanagement, baue ein Kern-Team von Mitarbeitern aus dem Unternehmen auf und schule sie
  5. Ich lege dem Lenkungskreis ein mich verpflichtendes Finanzziel und einen endgültigen Zeitplan vor
  6. In den Kern- und Subteams entwickeln wir Ideen und erarbeiten Massnahmen-

Vorschläge

  1. Die Ergebnisse unserer Arbeit fasse ich in einem Bericht zusammen
  2. Gemeinsam mit dem Kernteam erläutern wir in einer Sitzung dem Lenkungskreis unsere Vorschläge und lassen sie verabschieden

Einzelheiten

Die Beratung erschöpft sich natürlich nicht in der Vorlage des Abschlussberichtes. Viel wichtiger ist die Schulung und Motivierung der Mitarbeiter. Oft fehlt es in den Unternehmen an elementaren Kenntnissen über Zusammenarbeit, Organisation oder auch Betriebswirtschaft. Immer wieder habe ich z.B. erlebt, dass falsche Entscheidungen aus scheingenauen, aber grundfalschen Ergebnis- oder Investitionsrechnungen resultierten. Wenn es mir gelingt, als Nebenprodukt meiner Beratung die Planungsabläufe oder Kalkulationen im Unternehmen zu verbessern, ein Verständnis für die richtigen Steuerungsinstrumente zu schaffen oder gute Gruppenarbeit zu üben, dann ist das in keiner Renditeziffer zu erfassen, dürfte aber kurz- bis mittelfristig zu wesentlichen Erfolgsfaktoren werden.

Bei der ausführlichen Darstellung zweier Beratungsbeispiele will ich später dem bisherigen Gliederungsschema in

EINFÜHRUNG – AUFTRAG – ERGEBNISSE – ABLAUF – EINZELHEITEN folgen.

Exkurs zum Wert des PC

Mein ganzes Berufsleben wäre vermutlich anders verlaufen, wenn ich nicht sehr früh begonnen hätte, meine Arbeiten auf Computer zu stützen. Und das kam so:

Den ersten Computer schaffte ich mir 1982 an. Ich war damals bei HENKEL verant- wortlich für FIRMENKOORDINATION&CONTROLLING der Sparte Waschmittel Ausland. Damals war es in einem Konzern dieser Größenordnung durchaus üblich, z.B. für die Entwicklung eines hauseigenen Systems der Personalabrechnung oder einer Kosten­rechnung viele Millionen DM aufzuwenden. Wir entschieden über die Einführung solcher Projekte. Aber mich ärgerte, dass ich letztlich nicht verstand, wie diese EDV- gestützten Systeme und die zimmergrossen IBM-Computer eigentlich arbeiteten. Also fing ich ganz klein und praktisch selbst an, privat und zuhause mit einem Computer zu arbeiten.

Es war ein kleiner Heimcomputer, ein SINCLAIR SPECTRUM mit Radiergummi­tas­ten und einem Arbeitsspeicher von sage und schreibe 16k. Einen Festspeicher hatte das ge­ni­ale Maschinchen nicht; man musste versuchen, seine Arbeit auf einen handels­üblichen Cassettenrecorder zu speichern. Und das ging häufig schief, 30

o

der 40 min Arbeit waren futsch. Aber das Arbeiten mit dem Ding, ein erstes Programmieren in BASIC waren so faszi­nie­renden, dass ich solches Ungemach achselzuckend in Kauf nahm und das Ganze von vorne anfing. Mein Sohn, der damals um die 10 Jahre alt war, schaute mir häufig über die Schulter, begriff manche Funktion schneller als der Vater und hat­te später dann auch seinen eigenen COMMODORE.

1981 hatte IBM seinen Personalcomputer IBM 8086 auf den Markt gebracht, der damals über 10.000 DM kostete und als Heimcomputer viel zu teuer war. Aber er hielt Einzug in die Büros von HENKEL. Die Organisationsabteilung machte bei jeder Be­darfsanforderung eine Schriftgutanalyse und entschied, ob die anfordernde Abteilung einen PC bekam oder nicht. Das war dann eine bessere Schreibmaschine für die Sekretärinnen und Planungsassistentinnen.

Für einen Manager war es damals völlig unüblich und gar nicht standesgemäss, sich einen PC auf den Tisch zu stellen. Nun, darüber setzte ich mich gerne hinweg und begann, auch im Büro mit dem PC zu arbeiten. Das war mühsam, da es z.B. noch keine Standardtastaturen gab und Befehle, die man sich heute angeeignet hatte, morgen schon wieder auf anderen Tasten liegen, anders heissen konnten … Aber mir wurde das Arbeiten mit dem Computer vertraut. Ich erinnere mich an Software wie VizaWrite und VizaCalc, später kamen FRAMEWORK, dann die OFFICE-Programme von MICROSOFT.

Ich förderte den Einsatz von der damals aufkommenden Standardsoftware wie z.B. SAP in den Auslandsfirmen, schaffte mit FCS/EPS ein erstes „Decision-Support-System“ an und baute für die Spartenleitung ein Management-Informationssystem auf. Das brachte monatlich am 3. Arbeitstag des Folgemonats die detaillierten Ergebnisrechnungen aller Auslandsfirmen bis hinunter zum Produkt und zeigte die wesentlichen Abweichungen zu Vorjahr und Plan. Daraufhin begannen einige der obersten Führungskräfte, sich einen Computer auf den Schreibtisch stellen zu lassen – dieses Informationsangebot war zu verlockend.

Als ich 1986 als Finanzchef zu LINDT&SPRÜNGLI in Aachen ging, gewöhnte ich mir an, nur noch mit Laptops zu arbeiten (die wurden damals wegen ihres beträchtlichen Gewichts von 4 bis 5 kg scherzhaft Schlepptops genannt). Wir nutzten die neuen Mög­lichkeiten kreativ, schlossen das Rechnungswesen und die EDV-Fachabteilung kurz, entwickelten auf dem PC mit Hilfe der Software EXCEL neue Planungssysteme für das Unternehmen, eine Kundendeckungsbeitragsrechnung, Investitionsrechnungen etc. Und da der Finanzmann seine Arbeit auch verkaufen muss, verbanden wir, was heute selbstverständlich ist, Tabellenkalkulation, Textverarbeitung und Grafik zu einem Ganzen und beschrieben unsere Arbeit in kurzen Texten und in Charts.

Für mich wurde der persönliche Computer auf diese Weise zu einem mächtigen und unverzichtbaren Werkzeug. Dieses Werkzeug machte mich in ungeahnter Weise unabhängig. Unabhängig von einer Sekretärin, die meine Gedanken und Notizen hätte umsetzen müssen und weitgehend unabhängig von Fachabteilungen, da ich eine beträchtliche Wissens- und Methodenbank aufgebaut und im PC gespeichert habe.

Um nicht missverstanden zu werden: ich hatte hervorragende Sekretärinnen, die mein Büro und meine Termine organisierten, Besuche regelten und eigenständig Sachgebiete bearbeiteten. Alle gewöhnten sich daran, dass ich mit dem Computer arbeitete und meine oft komplizierten, mit Zahlen und Tabellen angereicherten Dokumente selbst aufsetzte. Sie waren dankbar, nicht mehr nur „Schreibdame“ zu sein, höchstens gelegentlich meine Entwürfe auszuführen und von der IBM-Schreibmaschine zum zunächst ungeliebten Computer gefunden zu haben.

Ich hielt stets Kontakt zu den anderen Geschäftsbereichen, versuchte zu verstehen, was den Kern von Marketing oder Produktionsmanagement ausmacht – aber ich war ihnen nicht mehr ausgeliefert. Und ich begleitete die mir zugeordneten Fachabteilungen eng, beriet langfristige Ziele, anstehende Projekte und kurzfristig zu lösende Probleme mit ihnen und hatte meistens den Eindruck, dass ihnen diese Begleitung durchaus willkommen war.

Tatsächlich gab mir dieses Werkzeug „Computer“ den Mut, mich buchstäblich von heute auf morgen von LINDT zu trennen, als klar wurde, dass der alte Unter­nehmenspatriarch einer Sektenführerin verfallen war und das Topmanagement gegen hörige Leute austauschte. Ich kündigte damals, sprang in die Unternehmensberatung und machte mich als Einzelberater selbständig.

Mein Laptop ermöglichte mir dann, z.B. in der Türkei, im Iran oder in Polen sehr konkrete Vorschläge zu Turnarounds, strategischer Neuausrichtung oder Unter­nehmensoptimierung zu machen, nebenbei Planungs- und Abrechnungssysteme zu verbessern oder ein System des Investitions-Controlling einzurichten. Ich konnte sehr schnell arbeiten und Ergebnisse vorlegen, da mir jeder Umweg über ein Schreibbüro o.ä. erspart blieb. Der Laptop machte mich also „frei“.

Dabei hatte ich auch viel Glück, denn ich blieb von technischen Problemen oder Datenverlusten weitgehend verschont. Einmal – bei ROTKÄPPCHEN in Freyburg – muckte mein VOBIS-Computer, lief beängstigend schnell heiss und schaltete sich dann aus. Ich steckte mitten in der Beratungsarbeit und befürchtete das Schlimmste. Als ich in einer Mittagspause über mein Problem sprach, riet mir eine Buchhalterin in sächselnderLiebenswürdigkeit, wenn der Computer zu heiss würde, solle ich ihn doch in den Kühlschrank legen. Die Idee war so einfach wie verrückt, aber ich hatte nichts mehr zu verlieren, folgte dem Tipp – und konnte unter Einlage einiger Kühlpausen meine Arbeit planmäßig erledigen.

Danksagung

Wenn ich heute gelassen und zufrieden auf meine erlebnisreiche berufliche Laufbahn zurück blicken kann, verdanke ich das nicht zuletzt meiner Frau. Sie hat mit mir die angenehmen Seiten meines Berufslebens, die ja auch in einer Verbesserung der finanziellen Situation bestanden, genossen. Sie ist klaglos den Schritt von Düsseldorf nach Aachen mitgegangen, hat meinen spontanen Sprung aus dem sicheren Ange- stell­tenverhältnis in eine höchst unsichere Zukunft als selbständiger Unternehmensberater mit getragen. Sie hat das Beste aus einer dreijährigen Wochenendehe gemacht, als ich nach Mannheim ging. Sie hat mir den Rücken frei gehalten von allen privaten administrativen und finanziellen Operationen, die mein gelegentlich etwas unstetes Leben mit sich brachte, und sie hat die Kontakte zu den Freunden gehalten. Ganz zu schweigen von ihrem liebevollen Kümmern um unsere Kinder, mit denen wir so viel Glück erleben. Dabei war es für mich immer beruhigend zu wissen, dass meine Frau seit Jahrzehnten ein starkes Hobby hat: Bridge. Möge sie es noch lange und erfolgreich spielen.

UB-PRAXIS (2)

ROTKÄPPCHEN SEKTKELLEREI FREYBURG zwischen 1992 und 1997 (Kurzfassung)

Die ROTKÄPPCHEN SEKTKELLEREI ist heute der überragende Marktführer im deutschen Sektbereich. Das Unternehmen gilt als eine der erfolgreichsten Privatisierungen unter den ehemaligen DDR-Betrieben.

Ich hatte das Glück, das Unternehmen im Jahr 1992, also nach meinem Abschied von LINDT&SPRÜNGLI, beraten zu können. Mein Auftrag für dieses in Regie der TREUHAND geführten Unternehmens war zunächst:

eine Situationsanalyse zu erstellen

kurzfristige Sanierungsmassnahmen vorzuschlagen

ein langfristig tragfähiges Unternehmenskonzept zu entwickeln eine 3-Jahresplanung vorzulegen

Das alles mit dem Ziel, eine Privatisierung vorzubereiten.

Über 6 Jahre hinweg habe ich das Unternehmen dann immer wieder begleitet, beim Aufbau der Infrastruktur geholfen, den Management-Buy-Out vorbereitet, eine – freilich erfolglose – Akquisition der im Staatsbesitz befindlichen Weinkellerei WACKERBARTH betrieben.

Man hat heute in Westdeutschland weitgehend verdrängt, wie verzweifelt die Situation der ostdeutschen Betriebe damals war. Einige Punkte sind

  • Die alten DDR-Betriebe, die ich sah, waren technisch marode und personell um das Vier- bis Fünffache überbesetzt. Ein Beispiel: ROTKÄPPCHEN hatte nach der Privati- sierung in den 90er Jahren etwa 65 Mitarbeiter. Zu DDR-Zeiten hatte alleine die Energieversorgung des Unternehmens auf der Basis minderwertiger Braunkohle und die Entsorgung der in grossen Mengen anfallenden Schlacken 50 Mitarbeiter ge- bunden
  • Der Umsatz der Betriebe brach nach der Wende um 70 bis 80% ein, die Märkte des Ostblocks fielen weg, die westdeutsche Konkurrenz und der westdeutsche Handel waren übermächtig
  • Der Versuch der TREUHAND, die 13.000 ehemaligen DDR-Betriebe zu privatisieren, war mit der Aktivierung westdeutscher Manager verbunden, die nicht immer treu­händerisch operierten. In jedem der 5 DDR-Unternehmen, die ich gesehen hatte, fand ich Spuren von massivem Betrug seitens der westdeutschen Berater oder Bei-rä­te. Man kann sich vorstellen, wie stark die Anstrengungen von Management und Belegschaft dadurch konterkariert wurden. Und gelegentlich, freilich nicht bei ROT- KÄPPCHEN, führte das zu einem unglücklichen Lerneffekt „Aha, so also funktioniert Kapitalismus – dann machen wir ´s halt auch so“.
  • Die Privatisierung spülte den DDR-Betrieben viele, viele Besucher in ´s Haus, die oft gar nicht ernsthaft an einem Kauf interessiert waren, sondern schlicht Markt­er­kun­dung betrieben, um eigene Absatzchancen auszuloten. Bei ROTKÄPPCHEN führte das dazu, dass die Mitglieder der tüchtigen Geschäftsleitung beschlossen, einen Ma­nagement-Buy-Out zu wagen. Und das war, wie sich bald zeigte, eine überaus glückliche Entscheidung.

Meine Erfahrungen mit der Krisenbewältigung in ostdeutschen Betrieben hatte ich damals im CONTROLLING-BERATER (HAUFE-Verlag, CB 6/93) beschrieben. Am Schluss heisst es da:

Und das ist auch heute noch gültig.

UB-PRAXIS (3)

REWATEX AG, BERLIN SEPTEMBER 1991 – Herbst 1992 (Kurzfassung)

Die REWATEX war einst die führende industrielle Großwäscherei der DDR. Mein Auftrag lautete zunächst wie folgt:

VEREINBARUNG 22.September1991

  1. DieFirmaREWATEXAGbeauftragtHerrnG.R.Winklerwiefolgt:
  1. HerrWinklerwirdfürdieREWATEXeinePlanungfürdieJahre1992-94erstellenmit
    • Planungsprämissen
    • MaßnahmenzurEffizienzsteigerungundKostensenkungmitdemZiel des Verlustabbaus
    • Umsatz-,Kosten-undErgebnisdaten
  1. REWATEX wird Herrn Winkler alle erforderlichen Unterlagen und ManagementinformationenzurVerfügungstellenundihninjederHinsichtbeidieser Planung unterstützen
  1. FürdieDauerderArbeitensind10bismaximal20Arbeitstagevorgesehen.Die Fertigstellung der Planung soll bis zum 25.10.1991 erfolgen
  1. AlsHonorarfürHerrnWinklerwirdeinTagessatzvon1500DMvereinbartplusSpesen und evtl. Nebenkosten zzgl. Mehrwertsteuer. Das Honorar wird mit Vorlage der Planung gezahlt. REWATEX leistet vorab eine á conto Zahlung von 5000 DM auf das Konto 0023014640 der Stadtsparkasse Aachen, BLZ 390 500 00
  1. DieserAuftragunddieabschließendePlanungsvorlagelaufeninAbstimmungmitder TREUHANDANSTALT, vertreten durch Herrn Dr.J. Haag

G.R.WinklerO.Strahl

Ich lernte hier einen Betrieb kennen, der noch sehr autoritär und offenbar nach altem Muster geführt wurde. Bald entwickelte ich gute persönliche Kontakte zu etlichen Mitar- beitern, andere blieben mir buchstäblich verschlossen. Unter der Hand waren da Ausein- andersetzungen mit den alten Kadern im Gange, und mir wurde schnell klar, dass ich da aussen vor bleiben musste oder mich hoffnungslos verstricken würde.

Das wurde noch wichtiger, nachdem ich den eigentlichen Beratungsauftrag erledigt und das Angebot, dort Interimsvorstand für Finanzen zu werden, angenommen hatte. Ich hatte das Glück, dort einige tüchtige Mitarbeiterinnen zu finden, und wir gingen daran, die riesigen Lücken in der täglichen Buchhaltung wie auch im System des Rechnungswesens zu schließen. Wir konnten abenteuerliche Investitionen in die Wäscheausstattung von großen Hotels verhindern und ein gewisses Verständnis dafür schaffen, dass nicht nur Aufträge zählen, sondern mehr noch der finanzielle Erfolg.

Auch hier standen Kaufinteressenten vor der Tür, darunter die IMHOFF-Gruppe in Köln. Die kannte ich noch aus der Schokoladenbranche, wo sich Imhoff als knallharter Billiganbieter profiliert hatte. Als Vertreter der REWATEX hatte ich einmal das Vergnügen, Herrn Imhoff persönlich in Köln zu besuchen. Im Verwaltungsgebäude wurde ich zu einer Tür geleitet, deren Pfosten zwei afrikanischen Totempfählen schmückten: Herr Imhoff war Honorarkonsul eines afrikanischen Staates. Der kleine, bullige Mann empfing mich sehr freundlich und kam schnell zur Sache: bei den Verkaufsverhandlungen solle ich den Wert der REWATEX möglichst tief ansetzen – er werde sich erkenntlich zeigen. Ich lehnte das ab, und unser Gespräch war dann schnell beendet. Später kaufte Imhoff das Unternehmen und hat es heute hoffentlich erfolgreich in sein Imperium integriert.

UB-PRAXIS (4)

FIHA, BERLIN, APRIL 1992 (Kurzfassung)

Die FIHA war der führende Anbieter von Frischfisch und Fisch-Konserven in der DDR. Auch hier lautete mein Auftrag, eine Unternehmensanalyse zu starten, kurzfristige Verbesserungen anzustossen und ein mittelfristig tragbares Konzept zu entwickeln.

Ich kam in ein Unternehmen, das eine Zentrale in Berlin und Dutzende von Filialen in Ostdeutschland hatte. Man wusste, dass das Unternehmen mit Verlust arbeitete, aber es fehlten brauchbare Daten z.B. zur Bewertung der einzelnen Filialen oder zur Markt­situation.

Mit einfachen Mitteln baute ich eine Filial-Ergebnisrechnung auf, und zum ersten Mal sah das Management, wie unterschiedlich die einzelnen Filialen zum Erfolg bzw. Misserfolg beitrugen. Wir begannen nun, die Leistungsdaten zu vergleichen, Massnahmen zur Behebung der Schwachstellen zu entwickeln und – in hoffnungslosen Fällen – Filialen zu schließen

Ich erspare uns hier, die vielen Einzelaktivitäten aufzuführen. Ich will nur kurz auf meine in aller Regel erfolgreiche Methode der „konstruktiven Provokation“ eingehen:

Die Manager der FIHA hatten nur wenig Markttransparenz, glaubten in der Vergangenheit wohl auch, als quasi-monopolistischer Anbieter solche Informationen nicht zu brauchen. Wie konnte ich das Thema anpacken?

  1. Ich überzeugte den Vorstand zunächst, dass mit dem Eindringen des west- deutschen Handels Kenntnis über den Markt und die eigene Position überlebens- wichtig geworden waren
  2. Ich interviewte die verantwortlichen Mitarbeiter, fragte nach Konkurrenten, wie evtl. einzelne Marktsegmente (z.B. Frischfisch, Gefrierware, Dosenkonserven,

Glaskonserven etc.) zu definieren seien und ähnliches mehr

  1. Ich goss diese noch rudimentären Informationen in ein grobes Schema, das Marktsegmente, Marktgröße, Wettbewerber und geschätzte Marktanteile zeigte
  2. Dieses Markt-Modell legte ich dem Vorstand als vorläufigen Stand der Über- legungen vor
  3. Nach einem ersten Erstaunen – so eine im westlichen Marketing völlig geläufige Darstellung hatten sie noch nie gesehen – begannen sie, einzelne Ansätze heftig zu

diskutieren. Ich hakte nach und konnte mein Modell verfeinern

  1. Nach mehreren solcher „Korrekturläufe“ hatten wir ein Marktmodell, das allen Teilnehmern „richtig“ zu sein schien
  2. Man zog erste Schlüsse aus Indikatoren dort, wo man nun auf eine überraschend schwache Marktstellung schliessen musste. Und wir ergänzten diese Überlegungen durch erste Ergebnisrechnungen, die wir während dessen auch erarbeitet hatten
  3. Man begann, diese Markt-Schätzungen zu erhärten, befragte gezielt die einzel- nen Vertriebsmanager, versuchte, Marktdaten einzukaufen.

Damit war ein wichtiger Schritt in Richtung Marketing bzw. marktorientierter Unter- nehmenssteuerung auch in der FIHA getan. Meine „konstruktive Provokation“ hatte wieder einmal Früchte getragen.

UB-PRAXIS (5)

PENGUIN, BURSA zwischen November 2002 und November 2003 (Kurzfassung)

Anfang November 2002 hatte ich in Sachen PENGUIN einen ersten Kontakt mit dem SES (SENIOR EXPERT SERVICE) in Bonn. Das Unternehmen für Konserven und Tiefkühlkost in Bursa suchte Hilfe beim Aufbau eines MIS (Management-Informations-System), bei der Erstellung des Budgets 2003 und bei der Verbesserung der monatlichen Berichterstattung.

Ich stellte mich bei der DEG in Köln, dem deutschen Partner der PENGUIN, als ehren- amtlicher Berater vor, hatte ein erstes Gespräch mit den beiden Vicepresidents, Herren Peltzer und Siepen. Und am 25.11. reiste ich nach Bursa, um mit den Arbeiten zu beginnen.

Sehr schnell wurde mir klar, dass die eigentlichen Probleme der PENGUIN ganz wo anders lagen. Das Unternehmen drohte illiquide zu werden. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich die DEG und das Management von PENGUIN vom Ernst der Lage überzeugen konnte. In meinem Bericht zum Abschluss der ersten Phase heisst es:

„ … At 29. of January PENGUEN management decided to concentrate in the following months on a program to restructure the company and to save costs. Consequently the work on MIS will be secondary for a while.

Main target of restructuring is to develop PENGUEN´s ability of internal financing, that means: to strengthen the own cash-flow generation sustainable.

One target is to bring down the cost of the company on a niveau which is 5 Mio. € lower than today. Around 80% of the according measures should be realized within the course of 12 months after decision. The preparations for such a restructuring and cost-saving program (implementation of a Cost-Saving-Team and of a Steering Committee, orga­ni­zation of the process of an Overhead-Value-Analysis, training of collaborators etc.) have been started immediately.

Other measures as for instance a Portfolio-Analysis of the products with new definition of targets in markets and products are dependent from a reformation of the internal ac­coun­ting methods and practises of PENGUEN. In the medium term there will be realized ad­di­tional potentials of success by this.

These activities to restructure PENGUEN are much more than a poor cost-saving program. Beneath the parameter „cost“ there should be optimized also the parameters

„sales“, „current assets“ and „fixed assets“. Internal work-flows, organisational structures, working- and management habits have to be restructured with the goal to improve the

overall performance of PENGUEN decisively.

Finally: PENGUEN is, as the once more losses in 2002 show, in a very critical situation. I see the opportunity to make the company profitable and competitive again by the above mentioned and incisive measures. Turhan und Orhan Gencoglu and many of their collaborators – amongst them persons with high motivation and high potential – begin to recognize how serious the situation of PENGUEN is; and they begin to accept that a drastic change of attitudes and behaviour is unavoidable precondition of future success. In order to realize this restructuring program it will be helpful and necessary for my work and for PENGUEN to cooperate closely with the board members from DEG, especially with Roger Peltzer.”

Das Projekt begann ich ehrenamtlich. Aber ein Restrukturierungsprogramm ist für den Berater so aufwendig und anstrengend, dass wir überein kamen, auf Honorarbasis umzustellen.

Die Eigentümer, die Brüder Gencoglu, spielten in dem Projekt eine eigenartige Rolle. Turhan, der ältere und dominierende der beiden, machte eine bewusste Unterscheidung zwischen „Manager“ und „Unternehmer“ und nahm für sich den Unternehmer in Anspruch. Tatsächlich war er einmal zum „Unternehmer des Jahres“ in Bursa gewählt worden. Er erwies sich als ein grossmäuliger Schnelldenker, der sich auch als „besten Verkäufer der Welt“ sah, freilich in seinen Verhandlungen mit LIDL gelegentlich über ´s Ziel hinaus schoss. Orhan war eher schüchtern, für das Finanzwesen, von dem er nicht die geringste Ahnung hatte, zuständig und abhängig von seinem unehrlichen Finanzchef. Orhan hintertrieb das ganze Restrukturierungsprojekt von Anfang an mit Äusserungen wie „… das ist schon wieder so ein blödsinniges Cost-Saving-Project …“. Trotzdem sahen die beiden Brüder später in mir eine Art Vaterfigur und liessen sich viele unangenehme Wahrheiten sagen.

Dazu zählte ihr Umgang mit der Zeit. Die Brüder Gencoglu kamen wirklich grund­sätz­lich zu spät. Sie riefen das Management zu einer wichtigen Sitzung ein und liessen das Dutzend Leute dann 20 Minuten warten, änderten kurzfristig Termine oder sagten sie ganz ab etc. Es war eine offensichtliche Machtdemonstration. Umgekehrt ordneten sie z.B. für die Planungsabteilung Nachtschichten an, um einen neuen Planungsdurchlauf zu bekommen, aus dem sie dann auch keine neuen Erkenntnisse gewannen. Turhan liess mich einmal in einer Teamsitzung anrufen, um mich zu sich zu zitieren. Ich war erbost über die Störung und erklärte der Sekretärin, dass ich in Gesprächen sei und um 16´00 h (dem geplanten Ende unserer Sitzung) zu Turhan kommen werde. In der Tat stellte sich dann heraus, dass Turhans Anliegen ziemlich nichtig war. Später stellte ich dem gesamten Management einmal vor, wie viel Zeit, Energie und Motivation bei den wichtigsten Mitarbeitern durch dieses negative Zeitmanagement verloren gehen. Der Effekt: die Gencoglu Brüder gewöhnten sich daran, Termine zu halten. Und auch ihre Direktoren behandelten die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter sorgsamer.

Ein anderer Punkt war die Einstellung zum Geld: PENGUIN kämpfte dauernd gegen Liquiditätsengpässe, die Banken wurde mit ihrer Kreditgewährung immer zurückhaltender.

So flog Orhan z.B. eines Tages nach Ankara, um bei der Hausbank weitere 500.000 € locker zu machen. Er hatte mich gebeten, ihn dazu zu briefen, und so wurde ich erst richtig auf dieses Problem aufmerksam. Nach seiner Rückkehr aus Ankara legte ich ihm ein paar Ideen vor, wie er z.B. durch den Abbau von Übervorräten kurzfristig mehrere Millionen € hereinholen und zusätzlich Aufwand für Fremdzinsen, Lagerhaltung und Schwund sparen könne. Er begann, meinen Satz „Die beste Bank ist das eigene Unternehmen“ zu verstehen und verstärkt auf die Generierung von Cash-Flow zu achten.

Die Zusammenarbeit mit dem Team, das ich bei PENGUIN aufbaute, war ausser­ordentlich eng und gut, auch dank Aykan Socutekin, dem heutigen General Manager, mit dem ich Freundschaft schloss.

Unsere Arbeit klappte freilich erst dann richtig, als ich den Finanzchef „für seine wichtigen Aufgaben von der Teamarbeit freistellte“, sprich: aus dem Team warf, nachdem ich feststellen musste, dass er unsere Arbeit hintertrieb und versuchte, mich mit ge­fälsch­ten Zahlen in ´s Abseits zu lotsen.

Unsere sehr ehrgeizigen Ziele: hohe Liquiditätsverbesserungen und nachhaltige Ergebnissteigerungen in Höhe von über 6 Mio. € p.a. erreichten wir tatsächlich.

Das Instrument dazu war die o.g. Gemeinkosten-Wertanalyse, die ich nach Erfah­rungen mit McKinsey aufgebaut und wesentlich erweitert hatte. Mit dem Kernteam und 21 Unterteams wurden in wenigen Wochen über 500 Massnahmen entwickelt. Die über­greifenden Massnahmen, die im Kernteam selbst erarbeitet wurden, tauften wir bald „Big Fishes“, denn sie brachten oft viele Hunderttausend Euro. Darunter war z.B. eine technische Umstellung der Tiefkühl- und Abtauzeiten der Freezer, die Einführung eines betrieblichen Vorschlagswesens oder eine Einkaufsanalyse. Diese umfassende Wert­analyse erwies sich auch hier als ein mächtiges Instrument. Über Hunderte von Gespräche wurden viele Mitarbeiter in die Restrukturierung eingebunden. Sie bekamen ein tieferes Verständnis für die Probleme ihres Unternehmens, wurden geschult und sahen, dass die Veränderungen auch zu ihrem Vorteil sein würden.

Leider erwiesen sich die Brüder Gencoglu als schlechte Gewinner. Turhan hatte mir, als ich ihm zum ersten Mal das hohe Verbesserungspotential vor Augen stellte, eine Beteiligung von 25% der Ergebnisverbesserung eines Jahres versprochen. Ich lehnte ab und schlug ihm vor, stattdessen einmalig 10% eines solchen Gewinns an die Mitarbeiter des Teams auszuschütten. Das blieb unkommentiert. Aber an dem Tag, als wir die sehr guten Ergebnisse unserer Arbeit präsentierten, fragte mich Turhan unter vier Augen, ob ich nicht auch zum Erfolg von PENGUIN beitragen und auf 10% meiner Beraterfee verzichten wolle. Und später konnte ich nur mit Mühe verhindern, dass er ein Teammitglied aus nichtigem Grund feuern wollte. Ein eigenwilliger Dank.

Mit Roger Peltzer, dem Vicepresident der DEG, hatte ich auch später noch viele Kontakte. Er liess mich freilich nie im Unklaren darüber, dass solche unternehmerischen Beratungen nicht zur Banker-Philosophie der DEG passten. Und tatsächlich wurden später alle Beratungsaufträge vom DEG-Vorstand gestoppt.

UB-PRAXIS (6)

SCHWEIGER&PARTNER, Coburg 11. bis 24.04. und 27.08. bis 09.09.2004, (Kurzfassung)

Die Beratung des kleinen Marketingunternehmens, das Herr Schweiger und seine Frau aufgebaut hatten, war für mich eine schmerzhafte Aufgabe.

Das Unternehmen wollte über Telefonmarketing eine Brücke zwischen Anbietern von Investitionsgütern wie Fenster, Dächer, Fussböden, Heizungen etc. und deren Nachfragern in der Industrie und in Architekturbüros schlagen.

SCHWEIGER&PARTNER hatte im Jahr 2004 rd. 25 Mitarbeiter, überwiegend im Telefonmarketing, beschäftigt.

Es hatte einige Jahre ohne erkennbare finanzielle Verluste gegeben, aber seit geraumer Zeit schrieb man trotz vielfältiger und hartnäckiger Versuche von Herrn Schweiger, das Blatt zu wenden, rote Zahlen. Hinzu kam, dass der Chef an einer lebensgefährlichen Krankheit litt und zuletzt das Unternehmen aus dem Rollstuhl heraus leitete.

Mich trieb die Sorge um, was im Ernstfall aus Frau Schweiger werden sollte und was aus dem Unternehmen. Mir war klar, dass Herr Schweiger alles Wissen über „sein Unternehmen“ bei sich gebündelt hatte. Seine Frau, die juristisch Hauptgesellschafterin war, mochte zwar viel über die Kunden wissen und verantwortete die Rechnungsschreibung, würde das Unternehmen aber kaum repräsentieren und führen können.

Also bot ich den beiden Gesellschaftern an, nach Coburg zu kommen und das Unter­nehmen zu analysieren. Ich erarbeitete dann zwei Papiere:

  1. Für den internen Gebrauch ein massgeschneidertes Beratungskonzept mit Dar­stellung des Unternehmenskonzeptes (das nun auch für Frau Schweiger einsichtig vorlag), mit Schwachstellenanalyse, Vorschlägen für kurzfristige Massnahmen und einer Unternehmensplanung
  2. Für evtl. Verkaufsverhandlungen eine Darstellung mit kurzer Situationsanalyse, He­raus­stellen der Potentiale (die zweifellos vorhanden waren und die ich alleine im Kosten- Leistungsbereich bei über 100.000 € pro Jahr sah) und einer Unternehmensbewertung, die auf 3 bis 500.000 € hinauslief. Diese 2. Darstellung war so abgefasst, dass man sie einem ernsthaft interessierten Erwerber würde an die Hand geben können.

In dem Abschlussgespräch erläuterte ich den Gesellschaftern meine Erkenntnisse. Herr Schweiger blieb skeptisch, was die Höhe der möglichen Einsparungen und Leistungs­verbesserungen anbetraf. Vor allem aber stemmte er sich dagegen, das Unternehmen in dieser kritischen Phase zu veräussern. „Ich werde das noch einmal überprüfen, wenn ich in 1 ½ Jahren wieder gesund bin“. Das war im April 2004.

Am 28. August 2004 ist Herr Schweiger im Kreis seiner Familie gestorben. Bis zuletzt hatte er an sein Unternehmen gedacht, und bis zuletzt plagte ihn der Gedanke, dass er alles Geld, auch grosse Teile der Altersvorsorge, in das Unternehmen gesteckt hatte.

Ich beriet in den nächsten 14 Tagen die Hauptgesellschafterin, die mutig erklärt hatte „Ich führe das Unternehmen weiter“. Allerdings sah sie bald ein, dass diese Aufgabe ihre Kräfte übersteigen würde. Und sie tat sich naturgemäß schwer, das Ruder herum zu reissen und Massnahmen, die ihr Mann jahrelang vertreten hatte, nun zu korrigieren. Und auch jetzt fehlte die Überzeugung, dass ein Verkauf des Unternehmens, wenn auch vielleicht sinnvoll, überhaupt möglich sei. Einige Versuche, das Unternehmen im Kreis der Schweiger´schen Freunde los zu werden, schlugen fehl. Irgendwelche systematischen Verkaufs­an­stren­gungen wurden nicht mehr betrieben.

Das Unternehmen meldete wenig später Bankrott an. Der Konkursverwalter fand bald einen Käufer, der das Unternehmen und die Mitarbeiter übernahm. Und Frau Schweigers Klagen, dass dieser Konkursverwalter „Hunderttausende an Honoraren“ aus der Geschichte gesogen habe, bestätigten auf unglückliche Weise meine Berechnung des Unter- nehmenswertes.

UB-PRAXIS (7)

Einige Gedanken zu Management und Beratung

Weiter unten werde ich in 3 Aufsätzen Einzelheiten zum Krisenmanagement, zum Quali- tätsmanagement im öffentlichen Dienst und zu Fragen der Unternehmensbewertung bringen. Anschließend dann folgen Darstellungen von zwei Beratungsprojekten in extenso.

Doch vorher will ich einige Probleme, Fragen und Scheinfragen behandeln, die dem Berater immer wieder begegnen.

Dazu gehört die eigenartige Scheu mancher Manager, sich mit strategischen Fragen zu beschäftigen („Wohin wollen wir eigentlich und was müssen wir heute tun, um auch morgen erfolgreich zu sein?“) und sich stattdessen in ´s Tagesgeschäft zu flüchten. Eindimensionales Denken verleitet zu einem reinen Kostendenken, das wichtigere Faktoren wie Verschwendung von Finanzen und Vergeudung von Potentialen in Orga­nisation und Mitarbeitern ignoriert.

Buchhalterisch exakte, aber falsch organisierte Zahlen führen zu schweren Fehl­entscheidungen.

Und zu diesen Problemen, Fragen und Scheinfragen gehört „das Spielen auf der Zeitachse“. An sich gute Massnahmen können, zum falschen Zeitpunkt ergriffen, in den Untergang führen. Beginnen wir also:

  • Erfolge in der Vergangenheit blockieren zukunftsfähige Entwicklung. Ein komplexes Thema. Gerade erfolgreiche Manager tun sich schwer, notwendige Veränderungen einzusehen. Wenn die Produktpalette ausufert und zu viele Tote Hunde beherbergt, mag ihre abwehrende Reaktion wie folgt sein: „Schliesslich sind wir mit unserem breiten Angebot nicht zufällig Marktführer geworden“ oder auch „Dann haben wir also in der Vergangenheit alles falsch gemacht?“. Manager sind stolz auf ihre Leistung und oft eitel. Da wird der Blick in den Rückspiegel gefährlich, zumal die wenig förderliche Frage lauert „Wer ist schuld?“.

Gerade in schwierigem Gewässer lohnt nur der Blick nach vorne: „Wir wollen das Unternehmen wieder erfolgreich machen – was müssen wir tun?“ Ein interessantes Phänomen dabei ist, dass die Mitarbeiter die Notwendigkeit von Veränderungen oft klarer sehen als die Chefs und im Change Management eher die Chancen sehen, wieder „vernünftig“ arbeiten zu können. Vorgesetzte, die aus blinder Eitelkeit notwendige Veränderungen blockieren, werden selten offenen Widerstand finden. Aber im Stillen wachsen Resignation und innere Emigration bei den Mitarbeitern – ein sicherer Weg zum verstärkten Misserfolg.

Der Berater wird häufig erst die Einsicht erarbeiten müssen, dass Veränderungen notwendig sind. Dabei muss er, wie wir oben sahen, immer wieder auf eine Menge an Einwendungen gefasst sein.

  • Vom Unwesen der Kostensenkungsprogramme. Es hat sich vor allem in grossen Unternehmen eingebürgert, regelmässig „Kostensenkungsprogramme“ zu fahren. Das schien sich gut zu machen in den veröffentlichten Quartalsberichten und es schien den Shareholder-Value zu erhöhen. Bei nüchterner Betrachtung greifen solche Programme viel zu kurz, desmotivieren die Mitarbeiter und lenken vom Kern der Probleme ab. Wieso?

Das Ziel eines Unternehmens ist nicht, die Kosten kurzfristig zu senken, sondern, gute Produkte herzustellen und die Marktposition und finanzielle Situation auf ein zufrie­denstellendes Niveau zu bringen. Im Markt wird das Unternehmen auf Dauer nur dann erfolgreich sein, wenn es Produkte oder Dienstleistungen anbietet, die den Kunden zufrieden stellen und die denen der Konkurrenz überlegen sind. Am dauerhaften Erfolg z.B. der Deutschen Bahn darf man folglich zweifeln, wenn sie den derzeitigen Kurs einhält.

Aber ich will mich hier zunächst mehr auf die finanzielle Situation konzentrieren. Wer die oben erwähnten Kostensenkungsprogramme fährt, verschenkt Geld gleich mehrfach. Noch einmal: das Ziel ist nicht, Kosten zu senken, sondern, finanziell gesehen, die Verzinsung des eingesetzten Kapitals dauerhaft zu erhöhen.

Und diese Kapitalrendite ist abhängig von Umsatz, Kosten, Anlage- und Umlaufver- mögen. Wer nur auf die Kosten schaut, denkt offensichtlich zu kurz. Die Reserven in der Produktpalette, in der Erlösgestaltung, in der gezielten Kundenbearbeitung, im einge- setzten Kapital (Fehlinvestitionen in Maschinen und z.B. Läger oder Verwaltungs- gebäude, Überbestände in den Warenvorräten …) sind meist höher als die in den

„Kosten“. Und sie sind schmerzfreier zu beheben, gehen weniger zu Lasten der Mitarbeiter. Ein reines Kostensenkungsprogramm erfasst also überschlägig bestenfalls ein Viertel der echten Verbesserungspotentiale.

Das bringt uns schnell zu der Frage, wie man ein umfassendes Programm zur Leis­tungssteigerung denn realisieren kann. Und das geht nur, wenn man (A) hinter den Zahlen auch die Möglichkeiten sieht, die Dinge besser zu gestalten und (B) die Men- schen dabei sieht, die Mitarbeiter, die Organisation, die „Soft-Factors“ also. Ich habe mir dazu das folgende (vom klassischen DUPONT-Schema ausgehende) Diagramm entwickelt:

Dabei ist ROI der Return on Investment, also das, was ich oben als Kapitalrendite bezeichnet habe. Die einzelnen Positionen der harten Faktoren wie Sales oder Assets sind hier nur grob gezeigt, werden im Beratungsprojekt aber sehr tief aufgeschlüsselt. Das gleiche gilt für die weichen Faktoren Organisation, Personalführung, Management- Informations-System etc. Am Ende eines Beratungsprojektes wird das Team leicht 500 oder mehr Massnahmen entwickelt haben, deren Schwerpunkt längst über eine krude

„Kostensenkung“ hinaus auf ein insgesamt leistungsfähigeres Unternehmen gerichtet ist. Und das Befriedigende daran ist für mich immer wieder zu sehen, dass die Mitarbeiter das erkennen und viel lieber an der Verbesserung ihres Unternehmens arbeiten, selbstverantwortlich und auch hart arbeiten, statt sich in einer inneren Emigration einzuigeln.

Wir erkennen, dass die reinen Kostensenkungsprogramme auch deswegen wenig effizient sind, weil sie bei den Mitarbeitern Widerstand provozieren. Besser wäre doch, bei Managern und Mitarbeitern die Fähigkeit zur Selbststeuerung zu stärken und ein Kostenbewusstsein (wenn wir ´s denn hier einmal bei den Kosten belassen) permanent einzuführen. Das sieht dann etwa wie folgt aus:

Die obere, gezackte Linie zeigt den Kostenverlauf bei immer neuen, von oben diktierten und unbeliebten Kostensenkungsprogrammen. Auf kurzfristige, einmalige Kostensenkung folgt bald ein neuer Anstieg der Kosten, ein neues Kostensenkungsprogramm muss her.

Die untere Linie zeigt den Kostenverlauf bei Einsicht und Selbststeuerung der geschulten Mitarbeiter

Die rote Fläche zeigt die zusätzlichen Potentiale

  • Zur Bedeutung der Kapitalrendite: Immer wieder wird hier und im Folgenden die Kapitalrendite als oberstes Finanzziel beschrieben. Das kann zu Missverständnissen führen. In meinem Selbstverständnis als Unternehmensberater habe ich die Erhaltung des Unternehmens als solches im Auge (und nicht unbedingt die aktuellen Wünsche des Managements). Jedes Industrie-Unternehmen (auf die ich mich ja konzentriert habe), hat traditionell seinen ganz spezifischen Kern, seine ganz eigenen Stärken, die es wieder freizulegen oder vorsichtig zu erweitern gilt.

Mit rein spekulativen Engagements oder kurzfristig orientiertem Kaufen, Filetieren und Weiterverkaufen, die hohe Gewinne auf der einen und hohe Verluste auf der anderen Seite (meist die der Arbeitnehmer, der Lieferanten und der Kunden) zeitigen, befasse ich mich nicht.

Für langfristige industrielle Engagements dagegen ist die Kapitalrendite eine wun- derbare Hilfsgrösse. Sie kann, wie ich immer wieder zu zeigen versuche, ein komplexes Unternehmen transparent und steuerbar machen. Und die Kapitalrendite kann die Augen öffnen für ein gutes Haushalten, ohne das keine Organisation, ob Familie, mittel- ständisches Unternehmen, Kirche oder Staat, auf Dauer erfolgreich sein kann. Gutes Haushalten ist also nicht das oberste Ziel einer Organisation, sondern ein sicheres Fundament, die eigentlichen Ziele zu verfolgen.

  • Vom Vergessen: Wie oft habe ich als Manager Gespräche über ein Problem und mögliche Lösungen geführt und mich gewundert, dass sich niemand in der Runde etwas notierte. Hatten die alle ein so viel besseres Gedächtnis als ich? Nein. Meine Gesprächspartner gingen wohl eher von dem beruhigenden Gefühl aus: „Gut, dass wir da einmal drüber gesprochen haben“. Und damit legten sie das Thema beiseite, ohne weiter dran zu arbeiten. So gewöhnte ich mir an, selbst kurze Gesprächsnotizen zu machen und später die Vereinbarungen nachzufragen. Bald machten sich einige Gesprächsteilnehmer dann selbst Notizen. In notorischen Fällen verteilte ich meine Kurznotiz an die Teilnehmer. Und siehe da: „Gespräch“ und „Umsetzung“ gehörten bald zusammen. Und die Eigensteuerung meiner Mitarbeiter nahm erfreulich zu
  • Zur Flexibilität: „Flexibilität“ ist ein Zauberwort geworden – es scheint ein Allheilmittel zu bergen. Das Motto ist: „Lege Dich nicht fest. Die Zeit ist so schnell-lebig geworden, dass Du auf jede Veränderung schnell und vorurteilsfrei reagieren musst“.

Daran ist nur wenig richtig. Kurzfristige Veränderungen gab es schon immer, und wer darauf nicht angemessen reagierte, fiel vom Pferd. Immer wieder habe ich beob­achtet, dass „Flexibilität“ gefordert wurde, um vereinbarte Beschlüsse zu umgehen oder halbherzig angenommene Strategien auszuhebeln. Also: wo „Flexibilität“ konsequentes Handeln aufweicht, ist sie schädlich. Wo Flexibilität auf erstarrtes Verhalten stösst, ist sie erwünscht. Die eigentliche Kunst ist, den Unterschiede zwischen Starrheit und Konsequenz zu erkennen und entsprechend zu handeln.

  • „Die Zahlen stimmen nicht“. Manager können das komplexe betriebliche Geschehen nur mit Hilfe von Zahlen erfassen und über Abweichungen von Vorjahr und Plan Veränderungen erkennen und gewichten. Es gibt einen Typus von Managern, der die Vorlage negativer Abweichungen kontert mit der kühlen Behauptung „Die Zahlen stimmen nicht“. Natürlich sind Zahlen über Umsatz oder Gewinn abstrakte Größen, die von der Definition abhängen: Umsatz brutto incl. der gewährten Rabatte oder netto, Gewinn vor oder nach Steuern etc. Deswegen müssen Termini und Definitionen einvernehmlich festgelegt werden. Und die von Rechnungswesen und Controlling vorge- legten Zahlen müssen verlässlich sein. Dann geht der Schuss „Die Zahlen stimmen nicht“ bald in ´s Leere.
  • Die Zahl der Einwände gegen Veränderungen strebt gegen Unendlich. Und beharrlich werden dem Berater, dem Manager oder dem Projektleiter Killerphrasen wie die folgen- den entgegen gesetzt:

Das haben wir immer so gemacht

Das geht im Augenblick nicht Keine Zeit für so etwas Dafür ist die Zeit noch nicht reif Ohne jetzt die Diskussion unterbinden zu wollen…

Das haben wir schon alles versucht ! Hat das schon einmal einer ausprobiert ? Das widerspricht unseren Prinzipien – Das passt jetzt nicht in unser Konzept Das ist grundsätzlich richtig, bei uns aber nicht anwendbar

Dasistschonin2010widerlegtwordenallesgraueTheorie.

Dazu fehlt Ihnen der Überblick – Haben Sie das einmal durchgerechnet? Dafür sind wir nicht zuständig Die Mitarbeiter werden da nicht mitspielen Ich bin hier nur der Vertreter – Was hier Not tut, weiß ich selber

Da werden wir nur Schwierigkeiten kriegen

Macht nur einen Haufen Arbeit Haben Sie denn Leute, die das machen können? Theoretisch mag das ja richtig sein, aber praktisch…

Warum haben wir das dann nicht schon früher gemacht ? Das kauft Ihnen keiner ab.

Darüber reden wir ein anderes Mal Dazu müsste Herr X (abwesend) Stellung nehmen.

Bekanntlich ist es so,dass Das können Sie schwarz auf weiß nachlesen

Darüber brauchen wir ja gar nicht erst zu reden! Darüber reden wir ein anderes Mal. Das gehört nicht hierher – Das geht im Augenblick nicht – Das geht sowieso nicht

Das haben schon fähigere Leute als Sie nicht lösen können.

Das ist doch längst überholt Das ist doch viel zu umständlich Das dauert zu lange. Das ist interessant, aber eher ein Thema für eine spätere Sitzung.

Das ist bei uns ganz anders. Das ist ja unmöglichDas ist juristisch nicht machbarDas ist lächerlich Das klingt ja ganz gut, aber…

Der Chef wünscht es aber so Die Anweisungen/Richtlinien lauten doch ganz anders Sie sind zu jung. Sammeln Sie zuerst ein bisschen Erfahrung

Theoretisch wunderbar, aber nichts für die Praxis. Die sieht ganz anders aus bei uns. Was glauben Sie, wozu ich studiert habe?

Killerphrasen sind Abwehrmechanismen. Es sind pauschale und oft auch abwertende Angriffe in einer Diskussion. Sie haben letztlich nur ein Ziel: den Gegner mundtot zu machen und unerwünschte Veränderungen abzuwehren. Killerphrasen sind Schein- argumente, die dazu dienen, die Vorstellungen des anderen als ungeeignet dar­zustellen.

Für den Berater ist es deshalb wichtig, schon im Vorfeld gegen solche Abwehr­mecha nismen zu arbeiten. Und dazu gehört die Aufklärung über die tatsächliche Situation des Unternehmens. Oft macht sich das Management Illusionen über die tatsächliche Lage, ignoriert Fakten oder redet sie schön, tröstet sich mit einer Zukunft „wo es auch einmal wieder besser kommen wird“. Und die Mitarbeiter mögen einzelne Missstände sehr klar sehen – die Einsicht in die Gesamtsituation bleibt ihnen trotz Betriebsrat meist ver- schlossen. Wenn es dem externen Berater gelingt, angemessene Einsicht zu schaffen – schonungslos offen gegenüber den Führungskräften, angemessen zurückhaltend gegenüber der Belegschaft, ist der Widerstand gegen kommende Veränderungen ent- scheidend geschwächt.

Trotzdem muss der Berater die Mitglieder seines Teams auf solche Killerphrasen vorbereiten, damit sie bedacht reagieren können. Die Phrasen kommen sonst beharrlich wieder. Wichtig ist, die Killerphrase aufzugreifen und auf die Sachebene zurück zu führen. Und die Sache ist und bleibt die kritische Situation des Unternehmens und die Notwendigkeit, umzusteuern, Dinge besser zu machen. Gelegentlich kann eine sach- liche Rückfrage hilfreich sein wie z.B.: „Können Sie das präzisieren?“. Aber Vorsicht, nicht aus dem Konzept bringen lassen, dem Opponenten nicht zu viel Gelegenheit geben, seine Gedanken weiter auszuspinnen. In hartnäckigen Fällen wird man auch einmal hart kontern, die Phrase entlarven und den Stil zurückweisen müssen.

  • Hierarchie: Hierarchie ist in Unternehmen, wie wir sie kennen, unverzichtbar. Es muss „jemanden“, eine Person oder ein Gremium, geben, der letztlich über Ziele und Mass- nahmen entscheidet. Die Kunst dabei ist, alle Mitarbeiter so weit einzubinden, dass sie stolz darauf sein können, für ihr Unternehmen zu arbeiten.

Ich habe allerdings erstaunliche Beispiele von Hierarchie-Missbrauch erlebt. Ich nenne hier nur zwei harmlose, beide aus türkischen Unternehmen

  1. Bei meinem Antrittsbesuch in Firma X empfing mich der General Manager, den ich beruflich von früher her kannte, in seinem Büro. Er thronte auf einem gewaltigen Sessel hinter seinem Schreibtisch, mich bat er, auf einem kurzbeinigen, erdnahen Stühlchen Platz zu nehmen. Auf diese Weise überragte mich der gute Oglu um stolze 30 oder 40 cm. Ich korrigierte das mit Hinweis auf meinen unbequemen Sitz bald und nahm auf seiner Schreibtischkante Platz.

Von da an wählte er, wenn wir uns trafen, den Konferenztisch mit gleicher Bestuhlung. Ich konnte mir erlauben, ihm diese freundschaftliche Lektion zu erteilen. Seine Mitarbeiter freilich mussten sich beim Chef immer als „Untergebene“ fühlen. Wie viele unangenehme, aber wichtige Mitteilungen mögen ihm dadurch entgangen sein?

  1. Die beiden Eigentümer-Manager der Firma Y kamen grundsätzlich zu spät in Sitzungen. Sie demonstrierten so ihre Macht und Unabhängigkeit. Was sie nicht sahen: sie verschwendeten Zeit und Motivation ihrer wichtigsten Mitarbeiter. Und die Schwächeren von denen gaben dieses kontraproduktive Verhalten in ihrem Verantwortungsbereich weiter.

Alle Formen von Hierarchie-Missbrauch (Brüllen, willkürliche Anordnungen, schikanöses Bloßstellen von Fehlern etc.) sind ein Hinweis auf persönliche Schwächen des Vor- gesetzten. Und sie gefährden langfristig den Erfolg des Unternehmens.

  • Vom Timing. Gute Unternehmensführung ist eng verbunden mit dem Spielen auf der Zeitachse. Eine an sich wünschenswerte Akquisition wird mit ziemlicher Sicherheit scheitern, wenn das aufnehmende Unternehmen selbst gerade wertvolle Führungskräfte verloren hat oder dabei ist, die eigenen Aktivitäten im Markt neu auszurichten.
    • Praxis­beispiel: ein kleines Unternehmen ist in Turbulenzen geraten. Die Reklamationen der Kunden steigen, die Umsätze gehen zurück, die Pflege der Kundendaten, auf deren Basis der Vertrieb täglich arbeitet, hinkt 6 Monate hinterher. Das Unternehmen schreibt Verluste. Als Gegenmassnahme wurde beschlossen, den Vertriebsstab um 25% aufzustocken. In der geschilderten Situation eine fatale Entscheidung. Statt an die Ur- sachen der Fehlentwicklung zu gehen werden jetzt weitere Kräfte im Vertrieb abge- zogen, um die neuen Mitarbeiter anzulernen. Die absehbaren Folgen: Die Umsätze gehen weiter zurück, die Personalkosten steigen gravierend an, die Zahlungsunfähigkeit rückt mit schnellen Schritten näher.

Eine Massnahme ist nicht „an sich“ gut. Sie konkurriert immer mit anderen Möglich- keiten, da Geld und personelle Kapazitäten eines Unternehmens beschränkt sind. Die unternehmerische Kunst ist also, gerade in Krisensituationen alle oder doch möglichst viele Möglichkeiten in Vertrieb, Produktion und Verwaltung Revue passieren zu lassen, die Folgen abzuwägen und die richtigen Prioritäten zu setzen.

  • Aber die „Zeit“ hat noch einen ganz anderen Aspekt, einen persönlichen gewisser- massen. Und den habe ich Mitarbeitern eines Unternehmens einmal unter dem Titel: TIME – AND HOW TO MANAGE IT wie folgt beschrieben:
  1. TIME is a strange thing. Sometimes it seems to flow very slow and lazy. And sometimes it runs incredible quickly. And nobody can stop it.

It was Albert Einstein who taught us that „Physical Time“ is relative. The quicker a thing moves, the slower is the time. And for an astronaut who would move nearly with the speed of a light-beam, a year on earth would be like week for him in his rocket.

In our human life it is similiar: time is relative to what we do and feel. If we have a leisure day or vacations, we may float with the time and relax totally – and this is a great and important ability !

If we are in business, time is also ambivalent.

  1. Let me distinguish an „Operational Time“ and a Strategic Time“.

The „OperationalTime“is quick and impatient. Routine operations, every day´s operations have to be done very quickly: the labelling of a jar is counted in fractions of a second, if a print-out of a data-sheet takes 3 minutes we are staring angrily on our ink-jet-printer. And if we prepare the quarterly profit&loss- statement for the management, it may take us 10 days – and 2 days would be much better.

The „Strategic Time“is another thing. Strategic decisions mean actions which may change the structure of our business fundamentally – and they should take more time. To enter a new market, to make a bigger investment, to change organizational structure or personell development – these things should not be done under too much pressure of time. Take the necessary „Strategic Time“ to think over fundamental things – and if the decision is taken, operate quickly.

One could also say: „It is not enough to do things right (operational view), it is even more important to do the right things (strategic view).

An other distinction is „urgent“ and „important“. Most demands we find on our desks are „urgent“ – due date: yesterday. But not every „urgent“ matter is „important“. Let me give the simple definition: „Urgent“ is, what the other feels he should have. „Important“ is, what increases the success of the company.

Resumée:

Execute operational tasks quickly

Recognize strategic tasks and take the necessary time to prepare them

If there is an overload of work on your desk, try to concentrateon the important tasks

  1. And what about project work like MIS or Cost-Saving ? Is it „strategic“, „operational“, „important“ or only

„urgent“?

I think it is all of this: Preparing a revised budget with new operational and financial ratios, feasibility studies … as a new basis for management decisions is apparently a new step in the information systems of PENGUEN. It is a structural change in MIS and so it is a strategic issue. And it seems to be

„important“, because the top management feels that the basis for decision-making should be improved. On the other hand it is an operational task: budgeting is done every year, And it is „urgent“, because the supervisory board wants to decide upon budget 2003 end of January. And similiar it is with Cost-Saving.

And this mix is exactly what makes the time-characteristic of a „Project-Team“: find solutions for overall company-problems. And find quick and durable solutions. So team-members should take it as a honour that management has chosen them to solve this riddle.

The general characteristic of modern labor is Team-Work. That means that we enforce each other with our work – and that we are dependent from another. I base my work on your contribution – and you base your´s on mine.

So time-management means also that I respect your time – and vice versa that you respect mine

  1. Time is limited – tasks are, as it seems – unlimited. So what can we do to close the gap ?
    1. Organize yourself in a way that operational and routine-tasks are done quickly – so you win strategic time
    2. Control the processes, eliminate unneccessary steps and follow a best practise (standardization not only in production, but also in administration)
    3. Make an A-B-C-Analysis of your tasks. Find out the A-tasks, which contribute most to company´s success and reduce the C-tasks, which consume too much time:

D. Write down your TASKS and OPEN POINTS regularly

  1. E. Plan your work for the next days, delegate and fix: who does what when …

F. Eliminate „time-eaters“, for instance:

  1. Avoid waiting times – and do not make wait others
  2. Organize your own documentation and filing
  3. Avoid interruptions by unplanned phone-calls or visitors (be self-confident and explain: „I´ll call you back later“)
  4. Think about the handy as time-eater and concentration killer No 1. Take your handy-free time. And make conferences to handy-free zones.

H. Finish your tasks

  1. I. Say „No“ if you mean „No“ J. Organize your session in a way that it is target-oriented and short – and behave as participant in a way that the session runs efficient

K. Go around and communicate – in order to learn what´s going on in the company

  1. L. Avoid too much of private talks and eliminate private activities in the company
  2. I estimate that most of us can improve their efficiency by 30 to 100% and more – if we learn to manage our time. A part of this additional time we may spend for higher operational output, a part for taking more strategical time, a part for our family. Any way time management brings a profit for company, personal motivation and private life

Again: How can we improve our time management ?

  • Understanding, what is the character of time and why we have such a lack of time
  • Analyze your individual use of time: write down 7 days day for day and hour for hour how you spend your time (see appended form-sheet). Find out, what are your time-eaters and what are your real „A´s“
  • Eliminate time-eaters and define, what is really important according to your personal responsibility
  • Write down your tasks for the next weeks, days and today regularly. And fix the date, when you want or have to be ready with a task
  • Break down bigger tasks into single pieces = steps you have to do to reach your target
  • Plan the time for the single steps.

Remember, that always at the end of a project you miss time.

And be aware that you have lost this time at the beginning of the project!

  • When you start your new time-planning, leave enough room between single dates of meetings or dialogues. And use this time to work on your A´s
  • Stick to your dates – and respect dates of the others
  1. These are some practical rules for your own time-planning. Other advantages you will find in „Conference Techniques“ or „Techniques of Moderation“

Ich weiss, das sind alles keine Geheimnisse mehr, das ist theoretisch längst Allgemein­gut. Aber wie häufig werden solche einfachen Regeln in der Praxis ignoriert. Und wenn der Berater erkennt, dass in einem Unternehmen gegen elementare Regeln des Zeitmanagements oder der Projektarbeit oder der Konferenzführung verstossen und die Effizienz aller gravierend geschwächt wird, muss er eben einmal ein kleines Seminar zu dem Thema abhalten. So schult der Berater nebenbei die Mitglieder des Projektteams – und gelegentlich zeigt auch die Kaste der Direktoren Interesse an so einem Thema. Solche Seminare lohnen sich doppelt, denn der Berater spricht den Kreis der wichtigen Multiplikatoren im Unternehmen an.

  • Controlling ≠ Kontrolle: Immer wieder wird Controlling missverstanden als Kontrolle, als rückwärtsgewandte Prüfung, ob alles „richtig“ gelaufen ist. Richtig praktiziert ist Controlling der immerwährende Versuch, die Steuerung und den Erfolg des Unternehmens zu verbessern. Und in diesem Sinne ist der Controller verantwortlich für Information, System und Aktion. Information im Sinne einer laufenden, gut organisierten Berichterstattung an das Management, die den komplexen Geschäfts­gang eines Unternehmens mit z.B. 2.000 Mitarbeitern, 3 verschiedenen Geschäfts­feldern und 5 Betriebsstätten kurz darstellt, wichtige Abweichungen zu Vorjahr und Plan aufzeigt und dezent mögliche Massnahmen nennt. Der Controller ist dafür verant­wortlich, dass die Manager mit System in der Führung des Unternehmens unterstützt werden. Dazu gehören vor allem Aufbau und Pflege des Management-Informations-Systems mit der Verdichtung der Daten aus der Buchhaltung zu echten Steue­rungsinformationen und dem Aufbau einer operativen und strategischen Planung. Und der Controller darf sich getrost als „Libero“ betrachten, der in die direkte Aktion geht, etwa ein Projekt zur Behebung einer Schwachstelle initiiert und leitet.
  • Teambildung und Multiplikatoren. Als Unternehmensberater habe ich mir „mein“ Team immer aus den Mitarbeitern des Unternehmens selbst zusammen gestellt. Ich verlangte vom Vorstand die besten Leute aus Produktion, Vertrieb und Verwaltung für das Projekt. Meine Anforderung: sie müssen genügend Erfahrung haben um zu wissen, wie das Unternehmen läuft. Und sie müssen jung genug sein, um für Veränderungen offen zu sein. Das ist zwar plakativ, hat bei der Auswahl der Teammitglieder aber immer gute Dienste geleistet. Meine Idee dahinter: ich werde bei der Teamarbeit selbst genü­gend Sachverstand und Motivation neben mir wissen. Ich werde gleichzeitig die Mög­lichkeit haben, diese Menschen zu schulen. Und wenn unser Projekt abgeschlossen und ich als externer Berater aus dem Haus bin, sind genügend Mitarbeiter da, die unsere gemeinsam erarbeiteten Ideen weiter realisieren können und als Multiplikatoren wirken.

Einen Punkt, der anfänglich auf Befremden stösst, stelle ich immer wieder heraus: Ein Projektteam arbeitet nach meinem Verständnis hierarchiefrei. Der Teamleiter organisiert „lediglich“ den Prozess, moderiert die Gespräche und hält den Kontakt zu Geschäftsleitung oder Vorstand. Grundsätzlich sind alle Teammitglieder gleich. Da konnte z.B. eine tüchtige Vor-Arbeiterin aus der Verpackungsabteilung neben dem Abteilungsleiter und Diplom-Chemiker sitzen. Sie empfand sich, vermutlich zum ersten Mal, hier im Betrieb als gleichberechtigt. Und sie machte wirklich einen bemerkenswert guten Job.

Freilich gab es auch Überraschungen für mich. Mein Prinzip der hierarchiefreien Team- bildung wurde zwar von der Geschäftsleitung verstanden und akzeptiert, aber in einem Fall reagierte die zweite Ebene, die Direktoren, beleidigt. Sie versuchten, ihre Mitarbeiter auszuhorchen und für die Teamarbeit zu blockieren. Das gelang ihnen nicht. Also setzten sie sich zusammen und entwickelten, streng geheim, ihre eigenen Verbesserungsideen, um sie gleichzeitig mit unserem Teambericht vorzulegen. Die Geschäftsleitung reagierte beachtlich kühl und nahm einige wenige Ideen, die wir nicht berücksichtigt hatten, mit in die Entscheidungsrunde. Insgesamt aber geriet dieses Kon- kurrenzprodukt so ärmlich und zeigte lediglich die Hilflosigkeit dieser selbstzufriedenen Direktoren, dass der eine oder die andere bald das Unternehmen verlassen musste.

Eine andere Überraschung war ein Finanzchef, der mich mit scheelen Augen im Unternehmen sah und bei aller vorgetäuschter Freundlichkeit gezielt versuchte, meine Arbeit durch falsche Zahlen zu torpedieren. Das ist eine schwierige Situation, da der Berater ohne ein solides Zahlengerüst buchstäblich in ´s Leere läuft. Als ich merkte, was da gespielt wurde, stellte ich den Mann von der Teamarbeit „für seine vordringlichen Arbeiten im Finanzbereich“ frei. Er war persönlich tief getroffen, ist aber heute noch im Unternehmen. Ich vermute, er hat seine Geschäftsleitung w. dubioser Geschäfte in der Hand.

  • Vom„Wachstum“. Das ist nach meinen Beobachtungen ein zweifelhafter Wert, der sich leider verselbständigt hat. Es dürfte kaum einen Geschäftsbericht geben, in dem nicht auf Wachstum, vergangenes oder geplantes, hingewiesen würde.

Dabei ist Wachstum kein besonderes Ziel. Zu oft habe ich gesehen, dass man buch- stäblich ohne Rücksicht auf Verluste ein Mengenwachstum forciert, „um die Anlagen auszulasten“ oder dem Vertrieb Incentives setzt, die zu dubiosen Abverkäufen im Dezember führen, „um die Jahresziele noch zu erreichen“.

Das ist mehrfach unsinnig: der Kunde wird durch zusätzliche Rabatte veranlasst, sich übermässig zu bevorraten. Und dem Vertrieb fehlen diese Umsätze dann im folgenden Jahr.

Ein anderes Thema sind die „Schwarzen Kassen“, wie es beschönigend von der Korruption heisst. Begründung: „Man kann sonst in diesen Ländern kein Geschäft machen“. Negativbeispiel ist hier SIEMENS, wobei zu „diesen Ländern“ schliesslich auch Bayern gehörte, wo SIEMENS versuchte, durch Bestechung an Staatsaufträge zu kommen.

Besser ist in meinen Augen ein „qualitatives Wachstum“. Der Rückzug aus unren­tablen Bereichen und die Konzentration auf die eigenen Stärken ist erfolg­versprechender. Ich habe Umsatzrückgänge veranlasst, die mit einem sprunghaften Anwachsen der Gewinne verbunden waren. Die Konzentration auf starke Geschäftsfelder und Produkte und deren weitere Verbesserung mag später auch zu einem Umsatzwachstum führen – notwendig für den Erfolg eines Unternehmens ist das quantitative Wachstum nicht.

Nebenbei: Die meisten Politiker mit ihrem gebetmühlenartigen Mantra vom Wachs­tum demonstrieren besonders deutlich, wie man sich mit Verweis auf kommendes Wachstum in die Tasche lügt und sich um unangenehme Wahrheiten und unangenehme Massnahmen drückt.

UB-PRAXIS (8)

Meine Werkzeugkiste

Diese „Werkzeugkiste“ habe ich mir als Unternehmensberater aufgebaut. Die Elemente der Werkzeugkiste , die Tools, habe ich selbst entwickelt, in der Regel über MS-EXCEL. Einzelne Elemente davon habe ich immer wieder bei meinen Analysen in den Unternehmen benutzt, häufig z.B. die Investitions- und die Ergebnisrechnung. Solche Elemente habe ich dem Kunden dann bei Interesse mit der zugehörigen Software und den Anleitungen als Teil meiner Beratung überlassen.

In meiner Homepage habe ich die „Werkzeugkiste“ wie folgt beschrieben:

Aus meiner elektronischen Werkzeugkiste heraus kann ich Anwendungen für den mittelständischen Kunden maßschneidern. „Maßgeschneidert“ heißt, daß ich mit dem Kunden entspr. den Ergebnissen unserer Infor­mationsanalyse nur die Elemente entwickle, die ihm für seine streng ergebnisorientierte Unter­nehmens­steuerung noch fehlen.

  • Ein Werkzeug ist z.B. eine „Investitionskalkulation“, die dem Unternehmer auf einfache Art die wichtigsten Wirtschaftlichkeitsdaten zu seinem I-Projekt liefert. Das Modell liefert Barwert, Internen Zinsfuß, Rückfluß- zeit in Jahren, Netto-Cash-Flows und eine grafische Finanzbedarfs-Überschußrechnung buchstäblich auf einen Blick. Blitzschnelle Alternativrechnungen sind möglich, bei denen z.B. (A) das Marktrisiko eines neuen Produktes, für das die Anlage installiert werden soll, berücksichtigt wird oder auch (B) Wirtschaft- lich­keitsvergleiche einer teuren Anlage mit niedrigen Herstellkosten versus eine billige Anlage mit höheren HK etc.
  • Ein wesentlich komplexeres Werkzeug ist das integrierte Controllingsystem mit regelmäßigen Steuerungs- informationen vom Absatz bis zum Cash-Flow. Elemente darin sind:
  • Absatz, Preise und Umsatz nach Produkten
  • Umsätze, Erlösschmälerungen, Forderungen und kritische Außenstände in Tagen nach Kunden
  • Marktentwicklung in Menge und Wert
  • Deckungsbeitrags-Rechnung nach Produkten (incl. differenzierter DB-Analyse nach den Ein- flußgrößen MENGE/ PREIS/KOSTEN)
  • Kunden-Deckungsbeitragrechnung
  • Integrierte Ergebnisrechnung für das Gesamtunternehmen bis zu Cash-Flow und Kapitalrendite
  • Betriebsnotwendiges Vermögen nach Anlage- und Umlaufvermögen
  • Investitionsübersicht mit lfdr. Etatkontrolle für die GL und Einzelprojektkontrolle für den Ingenieur
  • Personalbestandsentwicklung mit Budgetvergleich nach Kostenstellen
  • Produktionsdaten
  • Bestandsentwicklung Rohstoffe und Fertigwaren mit kritischen Reichweiten
  • Entwicklung der Einkaufspreise
  • Gewinn- und Verlustrechnung / Bilanz

Diese Elemente werden in einem Modell miteinander verknüpft. Z.B. fließen in meinem EDV-Programm Absatz, Umsatz und Erlösschmälerungen direkt in die DB/ER ein. Forderungs- und Bestandsdaten gehen direkt in die Datei des betriebsnotwendigen Vermögens ein. Von hier werden die kalkulatorischen Zinsen in die Deckungsbeitrags- und Ergebnisrechnung (DB/ER) übernommen. Die Einkaufspreisdatei speist direkt die DB/ER …

Weitere Elemente dieses integrierten Controllingsystems sind

  • „Automatische“ CHARTS für Gremien mit den wichtigsten Eckdaten, mit Kurven etc. Dabei ist Raum für die individuelle Erläuterung wichtiger Entwicklungen und Abweichungen gelassen
  • „Berichtsmatrix“, die alle Elemente der regelmäßigen Berichterstattung nach Vorgang/ Frequenz/ Termin/Verteiler/Verantwortlicher festhält und offenlegt
  • Aufbau und Zusammenhänge der Daten werden für die Mitarbeiter eines Unternehmens in 2 Handbüchern, dem zur Berichterstattung und dem zur Planung, festgehalten

Alle Anwendungen sollen neben den Istdaten auch die Ist-Plan- und Ist-Vorjahres-Vergleichen enthalten. Grundsätzlich besteht formale Identität von Ist- und von Plandaten.

Alle Anwendungen sind in EXCEL-Arbeitsmappen organisiert.

Alle Anwendungen werden für einen „automatischen Datentransfer“ aus den Basissystemen des jewei­ligen Unternehmens: aus Finanz- und Lagerbuchhaltung oder aus dem Vertriebssystem, vorbereitet.

Jedes dieser Elemente oder eine Auswahl davon kann natürlich entspr. den Kundenwünschen auch für sich allein installiert werden.

UB-PRAXIS (9.1)

ZUM KRISENMANAGEMENT IN MITTELSTÄNDISCHEN OSTDEUTSCHEN UNTERNEHMEN

Veröffentlicht im HAUFE-Verlag 1993

UB-PRAXIS (9.2) Aufsatz zum Qualitätsmanagement im Öffentlichen Dienst

Ein Beitrag, den ich 1996 als „Partner in spe“ für die in meinen Augen windige THUN-Gruppe auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern schrieb

Bedienstete des Bauamtes, Buchausleihungen pro Bediensteten in öffentlichen Bibliothe­ ken, Personal pro Krankenbett in öffentlichen Krankenhäusern … Das Problem aber ist nicht der Beamte als Person, sondern die Organisation des Öffentlichen Dienstes … Man muß die Organisationsform als Ganzes betrachten, also Privatisierung, Kosten- und Lei­ stungsrechnung, interner Wettbewerb, Belohnungs- und Sanktionsmöglichkeiten …“ (Wirtschaftswoche vom 26.01.1995)

Hier liegen Chancen für eine Beratung, die den Kunden in Richtung Zieltransparenz, Gruppenarbeit und Prozeßoptimierung führen kann.

(1.4)Die Kosten des ÖD sind in dem großen Sektor der eigentlichen Verwaltung zu rd. 80% Personalkosten. Das Personal wird, ob beamtet oder angestellt, ob im Staats- oder im privatisierten Unternehmen, als praktisch unkündbar empfunden. Und oft wird die Dienstleistung für den Bürger mit dem Gestus eines hoheitlichen Aktes erbracht. Hier liegen nicht nur Chancen, sondern auch Fallstricke für eine Beratung, die auf größere Ef- fizienz und Kundennähe dringt. •

  1. Politische und sachliche Ebenen

(2.1) Öffentliche Dienstleistungen werden auf allen 3 Ebenen des Staates erbracht: vom Bund, von den Ländern und von den Gemeinden. Für das Jahr 1992 wird der Personal­ stand im ÖD mit 6,7 Mio. angegeben – das waren immerhin 20% aller in Deutschland

„Beschäftigten“. Darunter waren 5,6 Mio. Vollzeitbeschäftigte, nämlich

2,1 Mio. bei den Ländern 1,7 Mio. bei den Gemeinden 0,6 Mio. beim Bund

0,5 Mio. bei der Bundespost 0,4 Mio. bei der Bundesbahn

0,3 Mio. beim Mittelbaren Öffentlichen Dienst

Heute, 1996, ist der Anteil des ÖD an der Gesamtzahl der Beschäftigten leicht zurück­ gegangen: aufrd. 17%. Um die Jahrhundertwende waren es lediglich 5%.

Beispiele für die Vielfalt Öffentlicher Dienstleistungen im weiteren Sinne sind

Beim Bund: 21 Bundesministerien und Ämter (darunter Bundeswehr, Post+ Tele­ kommunikation, Verkehr, Gesundheit) – Organe der Rechtsprechung (vom Bundesver­ fassungsgericht bis hin zum Bundespatentgericht) – Rd. 2 Dutzend Sonstige Bundesbe­ hörden (wie z.B. die Bundesanstalt für Arbeit, der Bundesrechnungshof oder die Treu­ handanstalt bzw. deren Nachfolger)

Bei den 16 Ländern: Länderministerien – Polizei – Kultusbehörden – Funk und Fernse- hen-

Bei den rd. 16.000 Gemeinden: • Jede „Gemeinde“ hat ihre Räte oder Parlamente – hat ihre Verwaltungen i.e.S. (Einwohnermeldeämter, Personalabteilungen, Schulwesen, …) – hat Stadtreinigung – Energieversorgung – Verkehr.

(2.2) So zählt z.B. die Landeshauptstadt Düsseldorf in ihrem „Verwahungsbericht“ ins­ gesamt 80 Ämter und Verwaltungsstellen auf, die von der Allgemeinen Verwaltung (darunter Hauptamt, Presseamt, Bezirksverwaltungsstellen) über die Sozial- und Ge­ sundheitsverwaltung (mit Sozialamt, Jugendamt, Sportamt, Städtischen Krankenanstalten

…) bis hin zur Verwaltung für Wirtschaft und Verkehr (Städtische Häfen, U-Bahn-Amt u.a.) reichen. Mit rd. 12.000 Mitarbeitern ist die Stadt de facto einer der größten Arbeit­ geber der Region.

Für eine Beratung auf Gemeindeebene kommen wahrscheinlich nur größere Gebilde mit städtischer Struktur in Betracht. Immerhin bat Deutschland über 80 „Großstädte“ nach internationaler Definition, also Städte mit mindestens 100.000 Einwohnern:

3 Städte > 1 Mio. Einwohner

10 Städte > 500.000 bis 1.000.000

17 Städte > 250.000 bis 500.000

54 Städte > 100.000 bis 250.000

Weiteres Datenmaterial am Beispiel des Landes ordrhein-Westfalen zeigt die Anlage

,,Ausgewähltes Datenmaterial …“

(2.3) Wir werden also in Bund, Ländern und Gemeinden sehr heterogene Zielgruppen haben. Und oft werden unsere Ansprechpartner nicht so leicht zu finden sein wie z.B. im Privatsektor der Vorstand einer AG.

Allerdings glbt es bereits ermutigende Ansätze für Beratungsleistungen oder für die Übertragung industrieller Managementerfahrungen in den Öffentlichen Diensten.

KIENBAUM berät die Regierung von NRW im Kultusbereich (Schulsystem, Univer­ sitäten)

Bei der Bundeswehr gibt es Diskussionen über die Einführung eines Controlling

Die Stadt Mannheim führt ihre Versorgungs- und Verkehrsbetriebe (MVV) zun.eh­ mend wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Die MVV in der Form einer GmbH sehen sich selbst in der Entwicklung zu einem ,,kundenorientierten, wettbewerbsstar­ ken Dienstleistungsunternehmen“, das z.B. sein Know-How beute auch in

,,Consulting-Leistungen“ (sie!) für osteuropäische Länder ummünzt. Mitte 1996 su­ chen die MVV einen Marketingcontroller (FAZ vom 27.07.96)

Die Deutsche Bahn AG, die 1994 privatisiert wurde, bat sich eine Spartenorganisation gegeben und fördert bewußt ein Konkurrenzdenken zwischen den einzelnen Ge­ schäftsbereichen wie „Güterverkehr‘ oder ,,Personenverkehr“. Als Zukunftskonzept nennt die DB „attraktive Angebote, höchste Produktqualität und absolute Kundenori­ entierung im Denken und Handeln“. Mitte 1996 sucht der Geschäftsbereich, etz“ für seine Organisationseinheit Controlling mit ihren 25 Mitarbeitern den Leiter (FAZ).

Häufig sind also ausgegliederte, in Form einer Kapitalgesellschaft geführte Dienstlei­ stungsunternehmen der öffentlichen Hand die Vorreiter der neuen Entwicklung.

  1. Kosten-Nutzen-ÜberlegungenzueinerQM-Beratungim ÖffentlichenDienst

(3.1) Naturgemäß wird der potentielle Auftraggeber im ÖD seine Kosten-Nutzen-Über­ legungen anders strukturieren als ein industrielles Wirtschaftsunternehmen.

Seine Zielsetzung ist weitgehend durch einen politischen Auftrag bestimmt und nicht durch eine rechenbare und monatlich ausgewiesene Ergebnisgröße. Entsprechend fehlt in der Regel auch eine Meßgröße für die Qualität seiner Leistungen und den Erfolg seines Handelns.

Der ÖD steht zwar unter dem Zwang eines Budgets und einer Ausgabenrechnung, aber ihm fehlen fast alle Steuerungsinstrumente, um seine Kosten wirklich in den Griff zu be­ kommen.

Rückwärtsorientierte Bedarfsdeckung, Budgetausschöpfung und Haushahausgleich be­ stimmen seine ökonomischen Entscheidungen, während es im Privatuntemehm.en zu­ kunftsorientierte Wirtschaftlichkeitsüberlegungen sind.

Der ÖD ist in aller Regel Monopolanbieter, ein heilsamer Konkurrenzdruck fehh. Die Erkenntnis, daß viele seiner Leistungen auch privatwirtschaftlich erbracht werden könn­ ten oder sich zumindest formal den Vergleich mit privatwirtschaftlichen Prozessen gefal­ len lassen sollten, bricht sich nur langsam Bahn.

Seine Haltung zum Sparen ist zwiespältig, denn in dem größten Block: den Personalaus­ gaben, unterliegt er noch stärkeren rechtlichen und politischen Restriktionen als das Pri­ vatunternehmen.

Das Versprechen kurzfristiger Erfolge, die im privatwirtschaftlichen Bereich gelegentlich überausgeprägt sind und dann zu Lasten von Investition und Innovation gehen, werden den Verantwortlichen im ÖD aus den o. g. Gründen eher schrecken.

  1. J. Weber zeichnet die Unterschiede im Führungsparadigma öffentlicher Institutio­ nen und privatwirtschaftlicher Unternehmen wie folgt:

Weber stellt fest, daß die öffentlichen Verwaltungen und Unternehmen durch die neuen Entwicklungen einem erheblichen Veränderungsdruck ausgesetzt sind, den er mit folgen­ den Fragen verdeutlicht:

  • welche Aufgaben sollen auch weiterhin als öffentliche verfolgt werden, welche an die Privatwirtschaft ab- oder zurückgegeben werden (Aufgabenselektion) ?
  • Kann eine nicht privatisierungsfiihige öffentliche Aufgabe nicht besser einem öffent­ lich gebundenen Privaten zur Erfüllung übertragen werden (Aufgabenträgerschaft)?
  • Lassen sich z.B. durch den Einsatz moderner Informationstechnik Personaleinspa­ rungen in der Verwaltung erzielen (Rationalisierung i.e.S.)?
  • Welchen öffentlichen Auftrag verfolgt z.B. eine Sparkasse, wie ist dieser zu messen (Zielplanung und -kontrolle)?

(Handbuch Controlling, Hrsg. Elmar Mayer und Jürgen Weber, Poescbel-Verlag 1990)

(3.3) M. E. sollte unsere Nutzenargumentation bei der Akquisition im ÖD deswegen ne­ ben den kurzfristig möglichen Verbesserungen die längerfristige Perspektive einer Orga­ nisationsentwicklung durch Qualitätsmanagement verdeutlichen: Wir sind überzeugt, daß alle Vorteile, die wir im Privatunternehmen durch ein bewußtes Qualitätsmanagement realisieren können, auf Sicht auch im ÖD zum Tragen kommen werden.

Stärkere Kundenorientierung, Rückgang der internen Fehler und der Reklamationen, Abbau von Blindleistungen (Verschwendung durch Wartezeiten, unnötige Kontrollen, Mehrfachbearbeitung, etc.), Optimierung der Verwaltungsprozesse, Aufbau eines EDV­ gestützten Informationsmanagements und Abbau unnötiger Kosten sind auch im ÖD er­ strebenswert und können entsprechend „verkauft“ werden.

Dabei müssen wir nicht nur die anderen Zielsetzungen und Führungsstrukturen im ÖD berücksichtigen, sondern auch das gänzlich andere Verständnis, was ein Mitarbeiter sei. Die zunehmend ausgeprägte Selbstverantwortung des Mitarbeiters in der Industrie, die bewußte Verlagerung der Verantwortung ,,nach unten“, interdiziplinäre Teams sind im ÖD als Erfolgsfaktoren noch weitgehend unbekannt.

Die Beratunsarbeit im Öffentlichen Dienst findet also in einem ganz anderen Umfeld statt als im industriellen Unternehmen. Und das berührt auf jeden Fall Psychologie und Grup­ pendynamik unserer Arbeit.

(3.4) Zu prüfen ist im einzelnen, ob die Instrumente des industriellen Qualitäts-Manage­ ments ohne weiteres auch für den Einsatz im Öffentlichen Dienst geeignet sind.

Das können wir grosso modo sicherlich für die Teile des Öffentlichen Dienstes, die be­ reits unter dem Mantel einer Kapitalgesellschaft erbracht werden und solchen, die im Grunde wie privatwirtschaftliche Produktionsunternehmen arbeiten (oder arbeiten soll­ ten), weitgehend bejahen. Warupi soll die Qualität in einem städtischen Verkehrsunter­ nehmen oder in einer staatlichen Druckerei nicht mit Qualitätstechniken wie Fehlersam­ mellisten, Qualitätsregelkarten oder Fehlermöglichkeits- und Einflußanalysen gesteuert werden?

Kritischer sollten wir den Einsatz unseres industriellen Qualitäts-Instrumentariums bei all jenen Öffentlichen Dienstleistungen betrachten, die in Zielsetzung und Durchführung stärker politisch oder sogar hoheitlich bestimmt sind.

  • Das bei THUN gepflegte WORKSHOP-PRINZIP kann ein guter Ausgangspunkt für die angestrebte QM-Beratung im Öffentlichen Dienst sein. Im interdisziplinären Projekt mit Moderation, Modelling und vorsichtigem Leading lernen die Mitarbeiter des ÖD neue Arbeitstechniken, proben neue Kooperationsmodelle und erfahren die Dynamik der Gruppe. Sie erleben gemeinsame Erfolge und merken, daß das Team seine eigenen Gesetze auch zur positiven Konfliktbewältigung hat
  • Inwieweit das SELF-ASSESSEMENTnach den 9 Kriterien des EFQM (nach entspr. Abwandlung) auf den ÖD anwendbar ist, wird zu prüfen sein. Th. Schalhom nennt hier als eine Alternative zu EFQM die Bewertung der Qualitätskategorien im Öffentlichen Dienst gem. PQA für US-Bundesbehörden wie folgt:
Führung125
Information und Analyse7S
Qualitätsplanung60
Personalmanagement170
Management der Prozessqualität140
Qualität und operative Ergebnisse1 80
Kundenorientierung und Kundenzufriedenheit2S0
Insgesamt1.000 Punkte
  • Der Prototyp einer KOSTEN- UND ERFOLGSRECHNUNG wurde für das staatliche Schweizer Fernsehen entwickelt (siehe: Eichsteller, Schmutz, Controlling­ Konzeption …, im Handbuch Controlling). Bei allen Überlegungen zu einer Erfolgs­ rechnung im ÖD wird es zunächst darum gehen, eine umfassende Dokumentation der Leistungsstrukturen (Leistungsarten, -mengen, -qualitäten, -indikatoren, …) auf Basis vorhandener oder zu erstellender Aufzeichnungen zu erarbeiten
  • ABWEICHUNGSANALYSENkönnen zur Anwendung kommen, nachdem spezi­ fische Leistungs- und Qualitätsziele formuliert und die tatsächlichen Ergebnisse do­ kumentiert sind
  • STÄRKEN-SCHWÄCHENPROFILE/ BETRIEBSVERGLEICHE/ BENCH­

MARKINGsind denkbare Qualitäts-Steuerungs-Instrumente, wenn es dem Berater gelingt, die Führungskraft im ÖD von der Vergleichbarkeit einzelner Leistungen zu überzeugen oder sogar eine Kooperation mit anderen Institutionen zu erreichen, die das Lernen aus Unterschieden zum Ziel hat. So haben z.B. die Finanzbehörden Köln, Düsseldorf und Münster in einem internen Betriebsvergleich jetzt festgestelh, daß Münster aufgrund bewußter Kundenorientierung die Zahl der teuren Einsprüche der Steuerpflichtigen gegen die Steuerbescheide um ein Drittel senken konnte und sich dafür der echten Steuerhinterziehung intensiver widmen kann

  • Auch der Einsatz der eher strategischen PORTFOLIO-ANALYSEist für Öffentli­ che Aufgaben denkbar. Die privatwirtschaftlichen Achsen ,,Relativer Marktanteil“ und ,,Rendite“ werden hier durch die „öffentlich-wirtschaftlichen Achsen „Lang-

fristiger Leistungsbedarf‘ und „Notwendigkeit öffentlicher Leistungserstellung“ (oder auch ganz andere) ersetzt.

C: Bessere Markttransparenz. Kundenwünsche werden früh erkannt und die eige­ nen Ziele, Mittel und Produkte können entspr. angepaßt werden

Insgesamt gilt: hierarchiefreie Projektarbeit mit

Zieldefinition – Ideenfindung – Bewertung – Maßnahmenplan

werden im ÖD mit noch mehr Geduld und Feingefühl anzugehen sein als im privatwirt­ schaftlichen Unternehmen. Das aber kommt den Ambitionen des öffentlichen Auftragge­ bers evtl durchaus entgegen.

  1. Möglichkeiten der Akquisition

Private Kontakte und „Vorzimmerarbeit“ werden im ÖD vermutlich schneller zum Ziel führen als Mediawerbung oder breitgestreute Mailings. Ein Mailing sollte dennoch er­ stellt werden; es kann als kurzgefaßte Argumentationshilfe dienen und bei einem hochge­ stellten Entscheider den Boden für ein Beratungsgespräch vorbereiten.

Die direkten Nutzniesser eines bewußten Qualitätsmanagements sind z.B. auf Gemein­ deebene die Führungskräfte in der Verwaltung und die Beigeordneten.

Die Gemeindevertreter im Gemeinderat profitieren indirekt von der QM-Beratung. Sie könnten die „einseitige“ Unterstützung der Verwaltung durch den externen Berater je­ doch auch als Einschränkung ihrer politischen Willensbildung sehen. Die Gemeindever­ treter müssen also genau wie der Personalrat (als Pendant zum Betriebsrat) in geeigneter Form in das QM-Projekt einbezogen werden.

In kleineren Gemeinden (mit einer Einwohnerzahl etwa zwischen 30.000 und 100.000) werden wir unsere Ansprechpartner eher in der Verwaltungsspitze, im Hauptamt oder der Kämmerei suchen und ein umfassendes QM-Projekt anbieten.

In größeren Gemeinden, auf Landes- oder Bundesebene werden es naturgemäß eher Teilprojekte für ein größeres Ressort sein, die wir dem direkt Verantwortlichen antragen.

Ein generelles Problem bleibt die für den ÖD typische Auftragsvergabe nach Ausschrei­ bung.

  1. Weiteres Vorgehen
    • Diskussion und Ergänzung der mit diesem Papier vorliegenden Denkansätze
    • Bessere Markttransparenz (potentielle Kunden, deren Bedürfuisse, Wettbewerber)
    • Entwicklung eines PROFILS DER SPARTE DIENSTLEISTUNGEN aus dem Thun’­ schen UNTERNEHME SPROFIL als Basispaier für den potentiellen Kunden im Öf­ fentlichen Dienst
    • Prüfung, ggfls. Anpassung des Instruments „Self-Assessement“
    • Formulieren unserer Ziele und Strategien
    • Auswahl von Zielgruppen ( Anforderungen / Fähigkeiten)
    • Akquisition
    • und viele weitere Punkte, die am 13.09. in einen ersten Maßnahmen- und Zeitplan flie­ßen sollten
    • G.R. Winkler

Ausgewählte Haushaltsdaten zu NORDRHEIN-WESTFALEN Quelle: Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (lasse ich hier weg)

UB-PRAXIS (9.3)

Veröffentlicht im HAUFE-Verlag im Jahr 2000

Der Text dieser Veröffentlichung und die folgenden Kapitel sind in der vorliegenden Auswahl ausgelassen.

  • Ausgelassen wurden also im Kapitel (9.3) die Ausführungen zu einer neuen Art der Unternehmensbewertung. Wenn man erfährt, dass etwa drei Viertel aller Akquisitionen in den folgenden Jahren nicht die Erwartungen der Erwerber erfüllen, darf man annehmen, dass die Pläne und Kalküle, die vor dem Erwerb gemacht werden, systemisch falsch und die organisatorischen Massnahmen nach dem Erwerb in der Regel unvollkommen sind. Der Aufsatz zeigt anhand eines Praxisbeispiels, wie man solche Fehler vermeiden kann.
  • Anhand zweier Beratungsprojekte wird in den Kapiteln (10) und (11) dargestellt, wie faszinierend der Weg eines Beraters sein kann, der ein ihm völlig unbekanntes Unter- nehmen betritt und in verhältnismässig kurzer Zeit Wege aufzeigt, wie das Unternehmen gesunden kann. Hautnah kann man hier die einzelnen Schritte verfolgen, Die mögen damit beginnen, dass sich der Berater in ein juristisch unabgesichertes Abenteuer stürzt, weil die Rechtsabteilung des auftraggebenden Unternehmens noch an Verträgen feilt, die dem Berater alle Pflichten und Risiken aufbürden, den Auftraggeber aber möglichst freistellen sollen. Es mag weiter gehen damit, dass man beim ersten Besuch in einem fremden Land alleine und verlassen am Flughafen steht, weil der Gastgeber den Abholdienst vermasselt hat, das Hotel, das für die Nacht gebucht wurde, unbekannt ist und die Koffer nicht im Flugzeug waren .
  • In den Ausführungen erlebt man mit, wie der Berater über Hunderte von Einzelgesprä- chen den Kontakt zu Management und Mitarbeitern aufbaut. Der Berater lernt dabei, wie das Unternehmen überhaupt funktioniert, welche Leistungen es erbringt, wie es organisiert ist. Und es werden langsam Schwachstellen deutlich. Schemenhaft werden dem Berater Wege sichtbar, wie das Unternehmen wieder erfolgreicher arbeiten könnte. Die Gedanken werden abends im Hotel zu Papier gebracht und konkretisiert. Dabei tauchen neue, weiter- führende Fragen auf, die in den nächsten Tagen gelöst werden sollen.
  • Am Ende steht ein umfassendes Konzept, das zu Papier gebracht und dem Management erläutert werden muss. Ein wesentlicher Kern dabei: durch die intensiven Gespräche mit den Mitarbeitern des Unternehmens ist das am Ende kein Konzept des Beraters „von der Stange“. Es ist ein Konzept, hinter dessen einzelnen Massnahmen die wichtigsten Mitar- beiter des Unternehmens stehen. Und die sollen es später ja auch umsetzen.
  • Und es wird deutlich, dass zu Recht in Verruf geratenen Formen der Unternehmensfüh- rung unnötig, kontraproduktiv und kurzsichtig sind. Es sollte deutlich werden, dass es eine Unternehmensberatung und Formen der Unternehmensführung gibt, die buchstäblich menschlich sind. Menschlich, weil die Mitarbeiter nicht durch aufgezwungene Massnah- men, deren Sinn ihnen dunkel bleibt, frustriert sondern durch Mitarbeit an der Problem- lösung motiviert werden. Dass diese Form der Unternehmensführung auch finanziell für Aktionäre und Arbeiter sehr lukrativ sein kann, haben meine Aktivitäten immer wieder gezeigt.

… rd. 200 Seiten habe ich hier übersprungen. Die letzte Seite: 262, ist die folgende:

Zum Schluss: Abschied von einem Team in einem autoritär geführten Unternehmen: Mit diesen Menschen habe ich sehr gut zsammen geearbeitet und Freunde gewonnen.

Ich überreichte ein Taschenbüchlein mit folgender Widmung:

09-04-2024:

Lesarten/Denkarten: Ich hatte meinem Freund Kalle das Vorwort von Amartya Sen zu dessen Buch „Gerechtigkeit“ zugeschickt. Hier Kalles originelle Antwort, aus der ich zitiere:

„Lieber Götz, vielen Dank für das lesenswerte Vorwort. Ich habe die KI zu dem Buch befragt. Im folgenden findest Du meine beiden Fragestellungen und die Antworten. Ein Vergleich mit Deinen zukünftigen Leseerfahrung wären interessant. Liebe Grüße Dein Kalle

Kalle: Kennst Das Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“ von Amartya Sen?

ChatGPT: Ja, ich kenne das Buch „Die Idee der Gerechtigkeit“ von Amartya Sen. Es ist ein bedeutendes Werk in der politischen Philosophie und Wirtschaftsethik, das 2009 veröffentlicht wurde. Amartya Sen, ein indischer Ökonom und Philosoph, der 1998 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, untersucht in diesem Buch das Konzept der Gerechtigkeit.

Sen kritisiert darin die vorherrschenden Theorien der Gerechtigkeit, insbesondere die von John Rawls, und argumentiert, dass die Suche nach einer perfekten gerechten Gesellschaft oft praktische Überlegungen zur Verbesserung der Gerechtigkeit in der realen Welt übersieht. Er schlägt einen vergleichenden Ansatz vor, der sich auf die Beseitigung von Ungerechtigkeiten konzentriert, anstatt eine ideale Theorie der Gerechtigkeit zu formulieren.

Sen betont die Bedeutung von öffentlicher Vernunft und Diskussion sowie die Notwendigkeit, verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen, um gerechte Entscheidungen zu treffen. Sein Ansatz ist pragmatischer und zielt darauf ab, praktische Lösungen für die drängenden Probleme der Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu finden …

Kalle: Erstelle eine ausführliche Zusammenfassung mit den wichtigsten Gedanken und Thesen.

ChatGPT: „Die Idee der Gerechtigkeit“ von Amartya Sen ist ein umfassendes Werk, das sich mit den Grundlagen und der Anwendung von Gerechtigkeit in der Gesellschaft befasst. Sen entwickelt darin einen alternativen Ansatz zur gängigen Theorie der Gerechtigkeit, wie sie insbesondere von John Rawls vertreten wird. Hier sind die wichtigsten Gedanken und Thesen des Buches:

1. Kritik an der Vertragstheorie …

2. Der „Niti“ und „Nyaya“ Ansatz …

3. Gerechtigkeit als vergleichende Bewertung …

4. Bedeutung von öffentlicher Vernunft und Diskussion …

5. Fokus auf Handlungsfähigkeit und Freiheit …

6. Globale Perspektive …

Zusammenfassend bietet „Die Idee der Gerechtigkeit“ von Amartya Sen eine tiefgreifende Kritik an bestehenden Gerechtigkeitstheorien und schlägt einen pragmatischeren, auf realen Verbesserungen basierenden Ansatz vor. Sens Werk ist ein Aufruf, praktische Schritte zur Verringerung von Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu unternehmen, indem es einen breiten, inklusiven und vergleichenden Ansatz zur Bewertung von Gerechtigkeit fördert.“

____________________________________

Götz: ChatGPT antwortet sehr ausführlich über viele Seiten lang. Hier meine spontane und etwas harsche Antwort an Kalle:

„Guten Morgen, lieber Kalle, danke für deine schnelle Antwort auf meine Mail. Du wählst einen sehr originellen Ansatz. Du stellst einem Chatprogramm zwei Fragen zu Sen und schaust, was die KI dazu zusagen hat. Meine Antworten dazu findest du unten.

Alles in allem: der Austausch über solche Themen kann äusserst anregend sein. Und die Schriftform ist hier für mein Gefühl dem Gespräch überlegen, weil man für seine Antworten mehr Zeit braucht, als ein direktes Gespräch gestattet. Aber vielleicht denke ich einfach zu langsam 🙂 Liebe Grüsse Götz

Zu CHatGPT:

Alles richtig oder doch nicht direkt falsch. Der Text mag reichen, um eine Klassenarbeit in der gymnasialen Ober­stufe abzugeben oder Futter für den Plaintalk in Partygesprächen zu haben. Aber für den Leser der Originaltexte fehlt doch wesentliches.

(a) Sen ist ein Schüler von Rawls und wird nicht müde, die Verdienste seines Lehrers hervor zu heben. Der habe gewisser­massen bislang verschlossene Türen aufgestossen und so den Boden für eine Weiterentwicklung bereitet.

(b) „Verschie­dene gesellschaftliche Ar­rangements zu bewerten, um zu sehen, welche am gerechtesten sind, anstatt eine ideale Theorie zu verfolgen“. Genau das sagt Sen nicht. Sen empfiehlt, ein dringendes Problem heraus zu picken und konkrete Ver­besserungsmassnahmen ein­zu­leiten. Sen hütet sich davor zu empfehlen, welche Probleme am drin­gend­sten, welche Massnahmen am ge­rech­testen sind. Nach Sen gibt es eine solche objektive Rangordnung eben nicht. Die Antworten sind durch persönliche Vorlieben oder Abneigungen, durch Erfahrungen, soziale Stellung, Kultur des Landes beeinflusst.

(c) Es gibt für bestimmte Fragen ein breites, globales Einverständnis da­rüber, was gut oder was böse ist. Sobald man aber einzelne Fälle betrachtet, wird die Frage, was gerecht, was ungerecht ist, viel komplexer. Je nach sozialem oder kulturellem Hintergrund kann die Ant­wort ganz unterschiedlich ausfallen, und der nachdenkliche Be­trach­ter gerät in das Dilemma, eigentlich alle Antworten als „gerecht“ zu empfinden.

(c) Immer ist auch ein sehr persönliches Element dabei. Sen z.B. empfiehlt, sich auf Massnahmen zu konzentrieren, die den Ärmsten der Gesellschaft helfen.

(d) Unbedingt, sagt Sen, muss man die Frage der Gerechtigkeit mit der Vernunft und der Frage nach Freiheit und Verantwortung verbinden. Und selbst die vernünftigste Überlegung kann falsch sein und eine unüberlegte, scheinbar unsinnige Antwort die bessere sein.

(e) Sen ist Inder und führt für bestimmte Fragen alte indische oder ostasiatische Denker an, die vor Jahr­tausenden schon für uns erstaunlich moderne Antworten gegeben haben. Nicht nur für gut und böse, sondern auch für elementare philo­sophische Fragen scheint es eine alte, globale Einigkeit zu geben

(f) Das eigene, tiefe Nachdenken über solche Fragen, über die es ja kein endgültiges richtig oder falsch gibt, kann eine KI nicht ersetzen.

(g) Die Freude, einen so luziden Text wie den von Sen zu lesen, kann eine KI nicht ersetzen.

Aber auch diese, meine Antworten sind noch ungenügend. Wie könnten sie auch einem philosophischen Text von 500 Seiten gerecht werden. Die eigene Lektüre des Textes von Sen bringt Satz für Satz neue Überraschungen, beleuchtet das Problem von neuen Seiten. Aber der Leser bleibt nicht ratlos zurück, sondern weiss, dass selber denken nicht zu ersetzen ist“.

Nach einigen Tagen rufe ich mich selbst zur Ordnung. Mit welchem Recht schreibe ich meinem Freund eigentlich vor, wie er lesen soll. Wenn die KI ihm hilft, das Thema zu durch­dringen, ist das doch sein gutes Recht. Kalle ist an vielen Themen inter­essiert, ist Natur­wissen­schaftler, Lehrer, kritischer Zeitgenosse. Wir stimmen in vielen Punkten überein. Bei der Art zu lesen und zu denken, klaffen unsere Ansichten weit aus­ein­ander. Die Rolle der KI, ihr Einfluss auf die Person und die Gesellschaft, wird später deutlich werden.

10-04-2024:

E-Mail an Kalle, meinen KI-Freund: Guten Morgen, lieber Kalle, hier ist ein Zuckerl für den KI-Fan.  Liebe Grüsse  dein Götz

AZ: „Die RWTH-Professorin Ga­briele Gramelsberger (59) ist als erste Deutsche unter den Philosophen und Philosophinnen mit dem Barwise-Preis ausgezeichnet worden. Sie werde damit für ihre herausragenden und wegweisenden Leistungen in der Phi­losophie und Informatik geehrt, teilte die RWTH Aachen mit. Sie baue Brücken zwischen Philosophie und Wis­senschaft“

Ich goggle und finde eine ihrer Veröffentlichungen: … In dieser Überschreitung der Hand liegt das eigentlich neue. Daher bedarf es notwendigerweise auch der dreistelligen Relation des technischen Agierens in diesen, dem Algorithmischen unterworfenen Dimensionen. Die eigentlich spannende Frage ist jedoch, ob diese Überschreitung in neue und naturfremde Ordnungen tatsächlich eine ins ‹Jenseitige› ist. Paul Humpherys meint, «the fact that extending ourselves, scientific episte mology is no longer human epistemology» Bei genauerer Abwägung zeigt sich nämlich, dass gerade das ‹naturfremde› genuin menschlich ist und dass alle Überschreitungsszenarien letztendlich nur ‹Anthropoepistemologien› sein können: Sie sind darauf angewiesen, dass «sich die natur in irgendeiner rechnerisch feststellbaren weise meldet und als ein System von informationen bestellbar bleibt».26 nicht unbedingt, weil dies im eigensinn der natur läge, der sich in der widerständigkeit natürlicher Systeme zeigt, sondern weil wir an sonsten die natur gar nicht wissenschaftlich zu Gesicht bekämen und technisch manipulieren könnten. (zfm 2011 – https://mediarep.org/server/api/ core/bitstreams/d648650d-ef28-4bbc-bf55-5eab8386fc5a/content

Mein Fazit: Sie eiert um die Problematik herum, rechtfertigt aber dann eindeitig den Transhumanismus. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing).

12-04-2024:

Die Armut in D steigt unbarmherzig:

Paritätischer Armutsbericht 2024: Armut in der Inflation.

Die Armut in Deutschland verharrt auf hohem Niveau, so das Ergebnis des neuen Paritätischen Armutsberichts: 16,8 Prozent der Bevölkerung leben nach den jüngsten Zahlen in Armut, wobei sich im Vergleich der Bundesländer große regionale Unterschiede zeigen. Fast zwei Drittel der erwachsenen Armen gehen entweder einer Arbeit nach oder sind in Rente oder Pension, ein Fünftel der Armen sind Kinder. Der Paritätische sieht wesentliche armutspolitische Stellschrauben daher insbesondere in besseren Erwerbseinkommen, besseren Alterseinkünften und einer Reform des Kinderlastenausgleichs.

„Die Befunde sind durchwachsen, aber einen Grund zur Entwarnung gibt es nicht”, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. So scheine der Trend stetig wachsender Armut auf Bundesebene zwar auf den ersten Blick gestoppt, aber noch lange nicht gedreht. Nach dem Armutsbericht müssen 14,2 Millionen Menschen in diesem reichen Land zu den Armen gezählt werden. 2022 waren damit fast eine Million Menschen mehr von Armut betroffen als vor Pandemie, Energie- und Preiskrise im Jahr 2019 und 2,7 Millionen mehr als 2006. Insbesondere Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Menschen mit schlechten Bildungsabschlüssen oder ohne deutsche Staatsangehörigkeit sind von Armut betroffen. Auf einen neuen traurigen Rekordwert ist nach der Studie zudem die Kinderarmut gestiegen: Mehr als jedes fünfte Kind ist mittlerweile von Armut betroffen (21,8 Prozent). Unter Alleinerziehenden lag die Armutsquote bei 43,2 Prozent.

Im Vergleich der Bundesländer zeigen sich große regionale Unterschiede. Während in Bayern jede achte Person von Armut betroffen ist, ist es in Sachsen-Anhalt, Nordrhein- Westfalen und Hamburg jede fünfte Person, in Bremen sogar fast jede dritte. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Armut in Berlin besonders stark gesunken (von 20,1 auf 17,4 Prozent), während sie in Hamburg, in Schleswig-Holstein und im Saarland besonders stark gestiegen ist.

Der Paritätische fordert die Bundesregierung zu einer entschlossenen Armutspolitik auf. Dazu gehört aus Sicht des Verbandes unter anderem die Anhebung des Mindestlohns auf 15 Euro, der Ausbau der Kinderbetreuung, eine Kinder­grundsicherung, die vor Armut schützt und eine solidarische Pflegeversicherung als Voll­versicherung.

__________________________________

Ein Gedankenaustausch mit Kalle:

Mail von Kalle, 11-04, 22´10 h: Liebe alle, Gerade habe ich das TV-Duell Höcke vs. Voigt auf Welt-TV gesehen, das bereits im Vorfeld als der umstrittenste Schlagabtausch Deutsch­lands thematisiert wurde. Bin gespannt auf die morgigen Presse­stimmen und die weiteren Analysen. Die Diskussionen über dieses Duell werden uns wohl noch eine Weile begleiten. Liebe Grüße Kalle

______________________________

12-04: 07´50 h: Guten Morgen Kalle, ja, auch wir haben grosse Teile des Rededuells der beiden Thüringer Kandidaten Höcke und Voigt gesehen. Mich würde vor allem interessieren was DU davon hältst.

Ich bin gelinde gesagt sauer. In dieser von WELT organisierten und moderierten Sendung sah ich ein Hauen und Stechen von vier oder fünf Personen gegen einen verteu­felten Höcke. „Moderation“ heisst „Mäßigung“, und da haben Chefredakteur der WELT, dessen Stellvertreter und die anderen Journalisten grässlich versagt. Das Motto schon im Vorfeld war offenbar: „Den machen wir fertig“.

Hätte z.B. ein liberal gesinnter Franzose, der zwar Deutsch spricht, aber nichts von der politischen Landschaft in D kennt, die Sendung gesehen, hätte er, nach dem au­to­ritären, starren, demokratie­ver­neinenden Politiker gefragt, wohl den eiskalten Law&Order Mann Voigt genannt. (Das ist ein Gedankenspiel von mir).

Es ist traurig, wir finden offenbar keine wirksamen Mittel, die AFD mit überzeugenden Mitteln zu schlagen. Dass die anschliessende Nach­bearbeitung „Satz für Satz-Analyse“ dann in die Kneipe der Jungen Union schaltet, um „die Stimmung der Bevölkerung einzufangen“, ist be­zeichnend. Gut war die leider nur kurze Einblendung über Stimmen der Leute auf der Strasse. Da kam viel Frust über.

Die AFD liegt heute deutschlandweit über 20%, vermutlich deutlich höher. Das wird sich in Wahlen ausdrücken. Ein Verbot der AFD wäre in meinen Augen undemokratisch und würde die Neonazis nur zu Märtyrern machen. Warum finden die Politiker in Berlin und den Ländern nicht angemessene Antworten auf die Fragen, die die AFD aufwirft ? Es sind Grundprobleme, ähnlich deren Hilflosigkeit bei Umwelt, Bildung, Verkehr … So geht „Demokratie stärken“ nicht.

Lieber Kalle, es ist noch früh, ich bin noch leicht benommen von der Nachtruhe, aber spontane Antworten haben ja auch ihren Wert.

Mit lieben Grüssen dein Götz

_________________________________

Götz „In eigener Sache“: Ich habe solche Zuschriften und Zitate anonymisiert. Der Hintergrund: (a) Briefe und Gespräche sind per se vertraulich – ich kann sie ohne ausdrückliche Genehmigung nicht mit dem Namen des Absenders veröffentlichen (b) vor allem aus dem Kreis meiner Familie gibt es Bedenken, ich müsse neben den positiven Zuschriften auch mit einem Shitstorm rechnen. Und so etwas arte dann leicht in Gewalt aus. Dass mein Blog so viele Leser finden wird, halte ich für sehr unrealistisch. Aber die Gefahr einer Gewalt gegen Personen aus meinem Umfeld kann ich nicht ignorieren. Leider sind die Verhältnisse so.

12-04-2024: FUNDSTÜCK: Kant in der Vorrede zur ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft, 1787

„Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.“

Zur Erläuterung: Kritik ist bei Kant nicht als Beanstandung, Tadel oder Herabwürdigung zu verstehen, sondern als Analyse und Überprüfung im weitesten Sinne.

13-04-2024:

Hier etwas aus dem Leben eines Philosophen aus der Frankfurter Schule:

15-04-2024: IMAGO:

Eine Antwort von Tonio, die vermutlich das Unbehagen vieler von uns recht gut trifft:

Lieber Götz, ich finde erst jetzt Zeit, Dir zu antworten. Als Rentner hat man halt wenig Zeit😉 V.a. wenig Zeit um sich mit so viel Information und Gedanken auseinander zusetzen, die Du dort in Deinem Blog präsentierst. Aber inzwischen habe ich es, wenn auch nicht vollständig, geschafft. Zunächst einmal Danke für diese sicher nicht ganz einfache Arbeit. Du sprichst mir v.a. im Bereich der Analyse weitgehend aus dem Herzen. Dummerweise sind sowohl ich wie wahrscheinlich auch Du Teil des Problemes, da wir ja – zumindest ich – die letzten 4-5 Jahrzehnte die Probleme nicht wirklich angegangen sind. Natürlich ab und an im kleinen Be­reich: Mülltrennung, Solar-Balkon­kraftwerk, Spenden und Unterstüt­zung sozialer Organisationen zur Stär­kung von Bildung, Wissenschaft und in der Betreuung von Migranten oder auch ehrenamtliche Tätigkeit im Verein, etc pp. Jeder/Jede halt so gut er/sie konnte bzw. kann. In die Politik oder an eine andere Position mit Einflussmöglichkeiten habe ich mich nie wirklich getraut. Ich habe diese Welt, mit mehr oder weniger Bauchschmerzen, mitgetragen

Tonio bestätigt Kernthemen wie Föderalismus, Bildung+Kultur, Arm-Reich, Wachstum, Kern-Europa, wo ihn ähnliche Gedanken beschäftigen. Tonio und ich, wir freuen uns beide drauf, die Themen zu vertiefen und aus der Analyse wichtiger Missstände zu unseren Zielen und, davon abgeleitet, Ideen für Strategien und einzelne Massnahmen zu kommen. Das klärt den Kopf, Zuversicht verdrängt Unmut.

17-04-2024: Eine Re an Friedhelm, der mir seine Gedanken zum Thema „Gerechtigkeit“ dargelegt hatte und postulierte, dass Gerechtigkeit ohne Gott nicht funktionieren könne (Friedhelm, sieh mir meine extreme Vereinfachung nach):

„Lieber Friedhelm, hier kommen deine Unterlagen zurück. Nein, deinen zornigen Fluch will ich nicht auf mich laden. Also konzentriere ich mich lieber auf das reiche Material, das du Lisa und mir mitgebracht hast.

Ich bin stark gefesselt von den überreichen historischen Bezügen, von denen ich manches kannte, vieles aber mit neuen Augen las. Das Thema „Gerechtigkeit“, dessen Gegenteil, die „Ungerechtigkeit“ mich um- und antreibt, sehe ich nun bewusster in seinem Doppelcharakter zwischen Allgemein­gültigkeit und kulturellen Prägungen. Ich war, offen­gestanden, bis zum Schluss ge­spannt, ob du den Plot einer Absage an die Religion bringst. Nein, du bekräftigst dein persönliches Be­kenntnis noch einmal, und das ist respek­tabel.

Aber hier trennen sich unsere Wege. Ich bin Agnostiker und kann schon wegen der Kolla­teral­schäden des Christentums nicht dahin finden. Dabei fasziniert mich die Schöpfungs­geschichte der Bibel, die voll ist von Erzählungen über und Schlaglichtern auf das Leben vor 2 bis 3.000 Jahren. Die Schöpfungsgeschichten vieler, auch zahlen­mäßig kleiner Kulturen sind phantasievolle Erzählungen, die oft das Dunkel unserer Her­kunft beleuchten (das ja auch in der modernen Astrophysik noch herrscht) und auf der anderen Seite die Zusammenhänge mit einem grossen Ganzen betonen, in dem wir nur kleinste Lichter sind. Was das mit Gerechtigkeit zu tun hat?

18-04-2024: Gestern Abend sah ich in ARTE eine spritzige Sendung über Kant. Besonders in Erinnerung ist mir ein Zitat, das ich nur sinngemäss wiederholen kann: „Ein Gläubiger, der nur den Geboten seiner Religion folgt, kann nicht gut sein. Er ist nur eine Marionette seiner Kirche. Zum Gut-Sein gehören Freiheit und Vernunft“. So radikal habe ich den Alten gar nicht in Erinnerung. Freiheit, Vernunft, Verantwortung – es fügt sich alles trefflich zusammen. (Quelle vermulich: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft)

Ich meine, dass es universelle Grundsätze der Gerechtigkeit gibt unabhängig vom Bezug auf einen Gott. Das kann ich am besten am Gegen­teil fest machen – an dem, was als un­gerecht empfunden wird. 99% aller Men­schen wollen vermutlich nicht willkürlicher Gewalt ausgesetzt sein, wollen als Person geachtet werden, wollen nicht hungern, wo andere sichtbar und demonstrativ prassen (auch das Christentum zählte Völlerei zu den 7 Todsünden). Viele tüchtige Arbeiter können nicht begreifen, dass die Chefs 100 oder 1.000 Mal so viel verdienen wie sie selbst und nach schweren Verfehlungen auch noch mit 2 bis 20 Millionen € und mehr abgefunden werden. Das ist keine Neid­de­batte, sondern himmelschreiende Unge­rech­tigkeit. Dazu gibt es einige Beispiele mehr. Beim Recht auf Eigentum zucke ich schon. Recht auf Privatsphäre wäre für mich akzeptabler. Nun, in unserem GG sind viele solcher Grundsätze aufgeführt. Und wenn ich sie einzeln durchgehe und mit der Wirk­lichkeit vergleiche, komme ich zu dem Ergebnis, dass sie heute zu Lippenbekenntnissen verkommen sind, die von einem „gesunden Realitätssinn“ ohne jeden Skrupel beiseite gefegt werden – vom Staat wie von uns Bürgern.

Das muss und darf nicht so sein, und deine Be­schreibung der Planungszellen zeigt, dass z.B. Ent­schei­dungen in öffentlichen Angelegen­heiten auch anders erarbeitet werden können. Es geht also anders, aber viele wissen einfach nicht, wie es gehen könnte. Das beschwichtigende „Es geht uns doch gut“ perpetuiert die Ungerech­tigkeiten.

Es geht auch anders“ sollte unsere Botschaft sein.

Eine Bemerkung noch zur Philosophie: meine Helden bei Fragen der Gerechtigkeit sind Kant, John Rawls („Eine Theorie der Gerechtigkeit“) und Amartya Sen („Die Idee der Gerechtigkeit“). Ich bin da Eklektizist, nehme mir von Vielen das mir passende und kläre so meine eigenen Vorstellungen.

So, nun isset jenuch ! Bis demnächst dein Götz

19-04-2024:

Paragraf 218 ist bis heute Ausdruck der Missachtung der Frau. Es handelt sich um einen Gesetz gewordenen Riesenirrtum, weil er so tut, als wäre die Strafdrohung für die Frau eine Hilfe für das ungeborene Leben. Zu welchen Exzessen das führen kann, konnte man vor genau 35 Jahren erleben. Damals fällte das Landgericht Memmingen sein berüchtigtes Urteil; es ve­r­urteilte den Frauenarzt Horst Theissen zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe samt Berufsverbot. Skandalös war nicht nur das Urteil, skandalös war der gesamte Prozess, in dem insgesamt 156 Frauen vor Gericht geladen und dann 79 Frauen als Zeuginnen vernommen wurden – über Regelblutung und Geschlechts- verkehr, über Details aus ihrem Familienleben, die Zahl ihrer Liebhaber und ihr Alltagsleben. In einem neun­stündigen Plädoyer erhoben zwei Staatsanwälte gegen Frauen den Vorwurf, wegen „vermeintlicher Selbstverwirklichung“ abgetrieben und „zutiefst lebensverachtend“ gehandelt zu haben; ihre finanziellen Notlagen seien „reine Einbildung“ gewesen, weil es „durchaus zumutbar gewesen wäre, den Lebensstil zu ändern“ und „Sozialhilfe zu beantragen“; das sei „der normale Fall der ledigen Mutter“. Die Frauen wurden moralisch abqualifiziert, um den angeklagten Arzt schuldig sprechen zu können. Der Strafprozesswar ein inquisitorisches Gemetzel – im vierzigsten Jahr der Bundesrepublik … Der 218 ist da her dem Buchstaben und dem Geiste nach immer noch ein Recht zur Ächtung der Frau. Es sollte durch Respekt, Achtung und Hilfe ersetzt werden.

21-04-2024:

Ich habe „Knife“ von Salman Rushdi gestern noch zu Ende gelesen. Ein starkes, aussergewöhnliches Buch. Autobiografie, Dokumentation, Liebeserklärung, Fiktion, geschrieben von einem Mann, der bei einer mörderischen Messerattacke um ein Haar sein Leben verloren hätte. Dieses Buch hilft ihm, das Geschehene zu verarbeiten, den Anschlag auf sein Leben zu akzeptieren.

Immer wieder bricht auch der fabulierende Rushdi durch, dessen „Mitternachts- kinder“ ich so sehr schätze, das ich aber wegen der selbst gesetzten Grenze von 500 Seiten meinen Freunden vom Literaturkreis nicht andienen konnte.

Demut kann ein Bollwerk sein gegen Arroganz, Absolutismus, Reinheit und Hass und eine Medizin in unserer Zeit des Missmuts.

22-04-2024:

Ich lese weiter im Buch des Niederländers Rob van Essen „Der Gute Sohn“. Ich erfreue mich am Stil vom selbst ernannten „Meister der plotlosen Thriller“, oder, wie ich ihn nenne, am „Kafka von Amsterdam“. Kafkaesk, aber mit viel Humor. Es ist ein Zukunftsroman, keine Utopie, sondern eine Dystopie. Der Ich-Erzähler ist ein Mensch, etwas zwischen Mensch und Maschine, ein Roboter oder nur noch Schwingungen in einem Quarz. Jedenfalls ge- oder beschrieben mit sehr viel Humor. Ein fast beliebiger Auszug:

„… Nostalgiezeitungen lese ich manchmal. Papier in den Händen, raschelnd umblättern, ich möchte etwas festhalten, das sich nicht mehr verändert, wenn ich es zur Hand genommen oder gekauft habe, eine echte Zeitung, ein echtes Buch, aber irgendwann wird es keine Dinge mehr geben, sondern nur noch Pixel. Ich werde die Dinge vermissen, denn ich bin selbst ein Ding. Im CoffeHub in der Rijnstraat haben sie so einen Apparat, in dem man jedes Datum aus der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eintippen kann, und innerhalb von zehn Sekunden fällt die Zeitung des betreffenden Tages aus einem Schlitz, aus Papier, das noch nicht vergilbt ist, aber es bald sein wird, und in einem Format, das jetzt lächerlich gross erscheint, damals aber ganz normal war. Man bestellt Kaffee und setzt sich und schlägt die Zeitung auf, und die Tränen schießen einem in die Augen. Ich habe gestern noch eine gelesen, ehe ich zu Albert Heijn ging, wo ich diesen Fast-Streit hatte, und vielleicht lag es auch daran, dass ich gerade diese Zeitung gelesen hatte. Ich weiss nicht mehr, welches Datum ich eingetippt hatte, ich musste es zweimal eingeben (das von Ihnen gewählte Datum fällt auf einen Sonntag, sagte mir das Gerät beim ersten Mal, geben Sie ihre nächste Auswahl ein), aber ich suche normalerweise ein Datum aus den Achtziger- oder Neunzigerjahren, als ich noch viel Zeit hatte, Zeitungen zu lesen, und dann schlägt man das Ding auf, und man sieht diese schrecklich altertümliche Aufmachung und die Spalten von längst gestorbenen Kolumnisten, die damals jeder so unglaublich scharfsinnig fand und die sich selbst auch für so unglaublich scharfsinnig hielten, und warum nicht, wenn jeder dich für scharfsinnig hält, wirst du nicht der Einzige sein, der Hallihallo Leute ! schreit, so besonders ist das alles doch nun auch wieder nicht, was ich hier mache; und all diese Nachrichten, die längst vergessen sind und von denen damals niemand wusste, was sie zur Folge haben würden, und in vielen Fällen wissen wir das immer noch nicht, weil wir keine Ahnung mehr haben, wer all diese Menschen waren und wo all diese Länder liegen, dazu die ganze Werbung, insbesondere die für Kleidung und Autos und Fernseher, alle sind tot und alles ist kaputt und verschlissen, und wenn es doch noch existiert hat keiner eine Ahnung, wie man es reapariert, und das ist auch nicht weiter schlimm, aber allein schon die Tatsache, das es das alles einmal gegeben hat, kann einem schon mal den Atem verschlagen …“.

Meister der plotlosen Thriller nennt er sich, und ob er die verlassene Wohnung seiner dementen Mutter beschreibt, Hilfsarbeiten in riesigen Archiven, wo der Zwanzigjährige Zeit findet, im gegenüber liegenden Studentenwohnheim durch die Fensterscheiben hindurch das erste Mal ein unbekleidetes Mädchen zu sehen oder ob er über seine Kindheit im Haus der zur Reformierten Kirche übergetretenen Eltern schildert, immer ist er ein genauer, unkonventioneller, meist gut gelaunter Beobachter. Ich glaube, es wäre ein passendes Geschenk für meinen Freund Leon, der einen guten Humor hat und Sinn auch für ´s Groteske.

23-04-2024:

Heute ist der Welttag des Buches. Lisa las in der Stadt am Brunnen vor der Buchhandlung SCHMETZ AM DOM ein kleines Päckchen von der Erde auf, in das ein kleines Buch eingepackt war. Sie brachte schenkte es mir. Ich packte „Der Weltensammler“ von Ilja Trojanow aus. Vor etwas 10 Jahren hatte ich das Buch über den englischen Offizier und Abenteurer Richard Burton begeistert gelesen. Hier eine Probe aus den ersten Seiten des Romans. Burton ist gerade in Bombay angekommen und versucht, dem geistlosen Geschwätz der Schiffsgenossen zu entkommen:

Mit der Landung wurde die Täuschung des Fernglases ruchbar. Der Kai war auf fauligem Fisch erbaut, überzogen von getrocknetem Urin und galligem Wasser. Ärmel wurden rasch über Nasen gezogen. Jahrhunderte von Fäulnis, barfüßig zu festem Boden gestampft, auf dem ein Uniformierter schreiend schwitzte. Die Ankömmlinge sahen sich zaghaft um. Neugier wurde bis auf weiteres vertagt. Überlassen Sie alles uns, wir nehmen Ihnen alle Arbeit ab! Richard Burton parierte das klebrige Englisch eines Agenten auf Hindustani, mit stolzem Bedacht. Er rief einen Kuli, der abseits stand und das Getümmel ignorierte, er fragte, hörte zu, verhandelte, er beaufsichtigte, wie seine Truhen auf Rücken geladen und zu einer der bereitstehenden Droschken getragen wurden. Der Weg sei nicht weit, sagte der Kutscher, und sein Preis gering. Die Droschke glitt durch die Menschenmasse wie ein geschleppter Kahn. Im Kielwasser trieben Käppis und Glatzen, Turbane und Topis. Um ihn herum, in diesen Wirbeln, er konnte kein Gesicht erkennen, und es dauerte eine Weile, bis er ein Bild sah, das Sinn ergab: Vor einem Laden ruhten die Pranken eines Krämers auf Reissäcken. Burton lehnte sich zurück, während die Droschke dem Hafen entkam und in eine breite Straße bog. Ein Junge wich den Hufen so spät aus, wie es die Mutprobe erforderte, und belohnte sich selbst mit einem Grinsen. Ein Mann wurde neben wirbelnden Rädern rasiert. Ein Kind ohne Haut wurde ihm entgegengehalten. Er erschrak kurz und vergaß es wieder. Der Kutscher schien die Bauten zu beiden Seiten zu benennen: Apollo Gate, dahinter Fort, Secretariat, Forbes House. Sepoy! der Kutscher deutete auf eine Mütze, darunter schmierige Haare, weiter unten dürre, behaarte Beine in einer zu kurzen Arbeitshose. Entsetzlich, dachte Burton, das sind die einheimischen Soldaten, die ich befehligen werde, Herrgott noch einmal, diese Kleidung, nichts als Staffage, selbst der Gesichtsausdruck wirkt wie von den Briten abgekupfert. Die Droschke trabte an einer Traube Frauen vorbei, die an Händen und Füßen tätowiert waren. Hochzeit, freute sich der Kutscher. Die Geschmückten verschwanden schnell um die Ecke. Die Häuser, dreistöckig zumeist, schienen von Gangrän befallen. Auf einem der hölzernen Balkone hustete sich ein Mann frei und spuckte sein Gebrechen auf die Straße. Die wenigen Gebäude von Haltung wirkten wie Aufseher in einer Aussätzigenkolonie. Immer wieder erblickte Burton, zwischen den Kronen der Palmen, grauköpfige Krähen. Einmal kreisten sie über einem marmornen Engel, dem eine verschleierte Frau die Füße küßte. Kurz vor Ankunft in dem Hotel sah er Krähen auf einen Kadaver niedergehen. Manchmal, der Kutscher drehte sich in voller Fahrt um, warten sie den Tod nicht ab …

Unbedingt mal lesen!

25-04-2024:

Kalle macht mich auf eine Recherche von CORRECTIV. org aufmerksam.

Liebe Leserin, lieber Leser, Hunderttausende Menschen, die mit Ökogas heizen, um das Klima zu retten, werden getäuscht. Vergangene Woche hat unsere Klima-Redaktion enthüllt, dass über 100 Gasversorger in Deutschland falsche Ver­sprechen bei „klimaneutralen“ Erdgas-Tarifen machen. Die Folgen sind verheerend. Nicht nur das Gewissen der Kundinnen und Kunden wird schamlos ausgenutzt. Hinter den Kulissen werden angeblich geschützte Wälder abgeholzt, Gaskraftwerke ausgebaut – unter’m Strich wird die Klimakrise auch noch angeheizt. Die Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen.

Die gute Nachricht: Seit Veröffentlichung der Recherche haben Dutzende Gasversorger ihre Ökogas-Tarife auf Eis gelegt und versprochen, sie auf den Prüfstand zu stellen. Wir glauben daran, dass investigativer Klima-Journalismus einen Beitrag für die Zukunft unserer Gesellschaft leistet. Ohne diese Recherche würde das klimaschädliche System einfach weiterlaufen. Kundinnen und Kunden würden weiter getäuscht.

Wir werden auch weiterhin beobachten, wer nötige Maßnahmen ausbremst und ob die Klimaversprechen von Unternehmen tatsächlich halten …

Auch wir gehören zu den Betrogenen. Schlussfolgerung: weiter auf Ökoenergie setzen und Organisationen wie CORRECTIV und CAMPACT unterstützen.

26-04-2024:

SZ PLUS bringt eine Reihe von Analysen. Die erste lese ich spontan: sie bezieht sich auf einen Brandbrief, den 5 namhafte deutsche Professoren geschrieben haben: Brandbrief an die SPD: Putin wird das „nur als Ermunterung verstehen“ 27. März 2024.

Heinrich August Winkler, einer der wichtigsten Historiker des Landes, und weitere Wissen­schaftler zeigen sich erschüttert über die Sig­nale der Kanzlerpartei zu Russland und der Ukraine. Ihre Vorwürfe sind hart.

Die SPD und die Kommunikation, das ist eine schwierige Beziehung, praktisch seit Beginn der Ampelkoalition. Parteichef Lars Klingbeil hat sich nun, es erinnert an den Stil eines Robert Habeck, in sein Büro gesetzt und ein Video auf­genommen, um mal die großen Linien zu er­klä­ren. 5:46 Minuten lang, bislang haben rund 32 000 Leute das Filmchen bei Instagram ge­sehen. Klingbeils klare Botschaft: Es gibt kei­nen neuen Kurs seiner Partei oder gar ein Wackeln bei der Hilfe für die Ukraine, die wer­de so lange weitergehen, „wie die Ukraine un­sere Unterstützung braucht“. Und Wladimir Pu­tin müsse aus der Ukraine wieder ver­schwinden.

Aber man dürfe eben auch Friedens­be­mühun­gen nicht verteufeln. „Diplomatie und militä­rische Stärke sind zwei Seiten einer Medaille“, sagt der SPD-Chef. Das sei bei den sozial­demokratischen Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt so gewesen, damals habe die Bundesrepublik sogar 3,5 Prozent des Brutto­inlandsprodukts für Verteidigung und Rüstung ausgegeben. „Aber am Ende waren es auch gute Diplomaten, die die Hand ausgestreckt haben, die Frieden gesucht haben“, sagt Klingbeil und betont: „Ich glaube, man muss auch vieles vom Ende her denken.“

Die Professoren vermissen Klarheit in Scholz‘ Äußerungen

Aber die Botschaft kommt anscheinend bei vielen nicht an, angefangen bei den Koali­tionspartnern FDP und Grünen. Viele denken das vom Ende her etwas anders. Das belegt nun auch besonders ein Brandbrief, den eine Wissenschaftler-Gruppe um die Historiker-Koryphäe Heinrich August Winkler an die SPD-Spitze geschickt hat. Die Gruppe kommt beim Blick auf die Aussagen prominenter Sozialdemokraten zur Ukraine zu ganz anderen Schlüssen. Man betrachte, „mit wachsender Sorge die Positionierung der SPD zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine“, heißt es in dem Schreiben an den Parteivorstand. Es liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Neben dem langjährigen SPD-Mitglied Winkler haben es die Historiker Jan Claas Behrends von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), Gabriele Lingelbach und Martina Winkler von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel sowie Dirk Schumann von der Georg-August-Universität in Göttingen unterzeichnet …

Dazu passt die jüngste Rede von Macron. SZ: Macron warnt vor Untergang Europas Frankreichs Präsident hat eine Rede als Weckruf an die ganze Europäische Union formuliert. Dabei wird die Kluft zwischen ihm und Bundeskanzler Scholz deutlich.

E-Mail: Guten Morgen, lieber Kalle. Ich bin ein Fan von Macron. Über seinen Neo-liberalismus kann ich hinweg sehen. Als Europäer entwickelt er immer wieder konkrete und mutige Vorstellungen. Könnte doch unser sturer, engstirniger, eitler, selbstsüchtiger Kanzler Einsicht zeigen. Aber die Furcht, dass ein Robert Habeck schliesslich Recht behalten könnte, scheint ihm jedes Einlenken zu verbieten.

Doch zurück zu Macron. In der SZ wird seine jüngste Rede zu Europa ausführlich zitiert. Lies mal die beiden Artikel aus der Freitagsausgabe der SZ. Beste Grüsse Götz

Leider fehlt mir (noch) das Know-How, die Artikel hier als Link anzuhängen

02-05-2024:

Paul Auster, der US-amerikanische Schriftsteller, ist am 30. April mit 77 Jahren gestorben, an Krebs. Seine Kurzgeschichte Smoke wurde verfilmt mit Harvey Keitel, der einen Tabakwarenhändler in NY spielt. Auster war linksintellektueller Jude, sehr gebildet, handfest bis handgreiflich. Verheiratet mit der Schrift­stellerin Sri Husted.

Im Fernsehen sah ich den Film „Taking Sides – Der Fall Furtwänger“. Der Dirigent Furtwängler steht 1946 vor einem US-Officer, der hochgestellte Nazis aufspüren soll. Harvey Keitel spielt den kom­promisslosen Officer überzeugend. Er macht aus seiner Verachtung der opportunistischen Musiker der Berliner Phil­harmoniker keinen Hehl, deckt ihre fadenscheinigen Bekenntnisse zur Demokratie bzw. Ablehnung von Hitler gnadenlos auf und treibt auch Furtwängler fast in den Wahnsinn. Der Officer scheut sich nicht, den Verhörten Filmausschnitte aus einem KZ zu zeigen, wo man sieht, wie hunderte von Leichen mit einem Bulldozer zusammen geschoben werden. Furtwängler, der den Nazigrössen nahestand und ihnen Konzerte gab, entschuldigt sich, er habe immer Politik und Kunst getrennt, weist der Offficer erbarmungslos zurück. Furtwängler wird von höheren Chargen protegiert und entgeht einer Anklage.

Erbärmlich, dieses „Wir haben nichts davon gewusst“, das ja auch heute noch bei manchen ein Mantra ist. Der junge Assistent des Officer, ein Jude, und die Sekretärin, Tochter eines ermordeten Widerstandskämpfers, finden das Vorgehen des Officer unerträglich und geben ihrem Mitleid und ihrer Bewunderung der Musik Vorrang. Mein Empfinden: die Abscheu und die kompromisslose Ablehnung des US-Offiziers war die richtige Haltung. „Barmherziges“ Zudecken hilft den Falschen. Hier kann der Christ getrost zum alten Testament greifen. Das neue ist bei solcher Diabolik zu schwach.

03-05-2024:

Eine Meinung in der SZ, die ich teile: „Eure Rede aber sei: Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, das ist vom Übel. Rüdiger Schuch, der neue Chef der Diakonie, hat sich an diese Anweisung aus der Bergpredigt gehalten. Die Diakonie ist der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche, der in seinen Alten­hei­men, Kindergärten, Krankenhäusern und Be­hinderten-Werkstätten 627 000 Menschen be­schäftigt. Und die Bergpredigt, in der gefordert wird, sich mit „Ja, Ja“ und „Nein, Nein“ klar und unmissverständlich zu äußern, zählt zu den zentralen Stellen der christlichen Botschaft. Der Diakonie-Vorsitzende Schuch hat sich nun klar und unmissverständlich geäußert: „Wer sich für die AfD einsetzt, muss gehen“, sagte er in einem Interview. Das heißt: Wenn AfD-Funktionäre und bekennende AfD-Sympathisanten bei der Diakonie arbeiten, müssen sie mit der Kündigung rechnen. Und, so setzte Schuch fort: „Diese Leute können sich im Grunde auch nicht mehr zur Kirche zählen, denn das men­schen­feindliche Weltbild der AfD widerspricht dem christlichen Menschenbild.“

Daran gibt es keinen Zweifel: Die AfD will Menschen mit Migrationshintergrund, sie will Menschen mit Behinderung, sie will geflüchtete Menschen absondern, aussondern oder abschieben. Die Würde des Menschen ist unantastbar? Nicht bei der AfD. Sie versieht den Fundamentalartikel 1 des Grundgesetzes mit einer bösartig-gefährlichen Einschränkung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar – aber nur, wenn wir, die AfD, diesen Menschen für würdig erachten.“ Die Klarheit, mit der der Diakonie-Chef das geißelt und den Anhängern und Vertretern der AfD Konsequenzen androht, hat nicht allen gefallen.

Es wurde dem Chef der Diakonie „Populismus“ vorgeworfen. Populismus? Was soll populistisch daran sein, wenn man den Anhänger einer Partei, die die Migranten hasst, nicht in einem Flüchtlingsheim arbeiten lassen will? Was soll populistisch daran sein, wenn ein Anhänger Björn Höckes, der Inklusion zum Ideologie­projekt und Belastungsfaktor erklärt, nicht in einer Einrichtung arbeiten darf, die sich für Inklusion einsetzt? Wenn hier ein Ausschluss nicht statthaft sein soll, dann müsste man künftig auch den Anhänger einer frauen­feindlichen Partei in einem Frauenhaus beschäftigen. Die Kritiker des Diakonie­präsi­den­ten haben ihn zur Nächstenliebe gemahnt und von ihm die Geduld gefordert, „verlorene Schafe“ zurückzuholen. Indes: Wer für eine Partei kandidiert oder wirbt, die Hundert­tausende Bürger mit Migrationsgeschichte aus dem Land schaffen will, ist kein Schaf, sondern ein Verfassungsfeind. Und ein schutzbedürftiger Nächster ist nicht der AfD-Funktionär oder der AfD-Sympathisant, sondern der Mensch, der in einer Einrichtung der Diakonie betreut wird.

Leute, die bei der Wahl ihr Kreuz einmal bei der AfD gemacht haben oder machen (und dies öffentlich bekennen), müssen allein deswegen noch nicht das Arbeitsrecht fürchten. Aber die Kirchen und ihre Verbände können, dürfen und müssen durch die Kündigung von AfD-Funktionären und AfD-Kandidaten zeigen, was sie von der AfD und deren Aktivitäten halten. Nämlich: Grundrechte sind nicht dafür da, um mit ihnen die Grundrechte zu bekämpfen. Parlamente sind nicht dafür da, um von dort aus den Sturz der rechtsstaatlichen Grundordnung vorzubereiten. Und soziale Einrichtungen sind nicht dafür da, dass die Menschen, die dort betreut und geschützt werden, von den Beschäftigten missachtet werden.

Die katholische und die evangelische Kirche haben schon vor Monaten glasklare Erklärungen abgegeben. „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“, lautet die Überschrift einer gemeinsamen Erklärung der katholischen Bischöfe, die dann durch­buch­stabieren, was das bedeutet: „Rechtsextreme Parteien und solche, die am Rande dieser Ideologie wuchern, können für Christinnen und Christen daher kein Ort ihrer politischen Betätigung sein. Die Verbreitung rechtsextremer Parolen – dazu gehören insbesondere Rassismus und Antisemitismus – ist überdies mit einem haupt- und ehrenamtlichen Dienst in der Kirche unvereinbar.“ Die Synode der Evangelischen Kirche und die Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs haben sich genauso deutlich geäußert und betont, dass die menschen­verachtende Politik, für die die AfD steht, dem christlichen Verständnis von Nächstenliebe und Barmherzigkeit widerspreche; solch eine Gesinnung sei nicht mit Kirchenämtern vereinbar. Das ist für den kirchlichen Bereich das Verbot, das man sich auch für den politischen Bereich wünscht“.

Götz: Ja, wenn doch auch unsere politischen Leitfiguren in Bund und Ländern sich ähnlich mutig von den völkischen Rechten trennen könnten. Die Reihe von Konrad Adenauer über Globke, Gehlen, Seehofer bis Maaßen ist lang. Das ist nicht nur ein Problem bei CDU und CSU. In der FDP (siehe Naumann-Kreis) und SPD wird es ähnliche Figuren geben.

Ödon von Horvath: Eigentlich bin ich ganz anders, komme nur so selten dazu

07-05-2024:

Ich möchte auf einen russischen Komponisten aufmerksam machen: Zaderawsky, dessen Fugen und Präludien der Pianist Jasche Nemtsov erstmals eingespielt hat. Wir hatten vor Jahren das Vergnügen, einen Auszugs dieses an J.S. Bach angelehnten Klavierwerks, von Nmtsov gspielt, zu hören.

Zaderawsky stammte aus einer adeligen, zarentreuen Familie und wurde nach der Oktoberrevolution mehrfach verhaftet. Den rd. 2 h dauernden Zyklus schrieb Zaderawsky im Gulag auf Formularzettel, die ihm die Wärter gaben. Ein Klavier stand ihm nicht zur Verfügung.

Der Pianist Nemtsov hatte als Kind einschlägige Erfahrungen. Sein Vater war nach obskuren Anschuldigungen in den Gulag verbannt, und seine Frau begleitete den Vater mit dem Baby Jascha.

Jascha Nemtsov lehrt heute als Professor an den Musik­hochschulen in Weimar, Jena und Potsdam. Seine Frau Sarah Nemtsov, die eine Professur für Musik in Salzburg hat, komponiert zeit­genössiche Musik, die wir im RADIALSYSTEM in Berlin life hören konnten. Beide haben einen Salon „Raum für Kunst und Diskurs“ ein­ge­richtet: NEMTSOV &NEMTSOV in Berlin.

14-05-2024

Deutschland heute: Immer noch geht der Streit um den Haushalt 2024 weiter. Der Finanzminister besteht auf dem Einhalten der Schuldenbremse, der Bundeskanzler bestärkt ihn darin.

Am Beispiel des Wehretats will ich zeigen, wie absurd und widersprüchlich die Argumente sind. Der Bundeskanzler verweist stolz darauf, dass in diesem Jahr zum ersten Mal seit langem wieder das 2%-Ziel erreicht wird. Für 2025 sind die 2% schon nicht mehr sicher.

Wohl gemerkt: die Frage, ob überhaupt in eine Wehrmacht investiert werden soll, steht hier nicht zur Debatte. Hier ist es die Frage, ob wir unseren Verpflichtungen gegenüber den NATO-Partnern nachkommen wollen oder nicht. Statt einen völlig unnötigen Streit mit dem französischen Präsidenten Macron – der auch hier unser wichtigster Partner ist – anzuzetteln, sollte Scholz sich endlich zu den notwendigen Investitionen bekennen !

Jeder kann sich heute ausrechnen, dass 2% des BIP bei weitem nicht ausreichen werden, um unsere heute desolate Verteidigungs­fähigkeit angemessen zu verbessern.

(1) Das 2%-Ziel wurde in friedlichen Zeiten vereinbart. Angesichts der neuen Bedrohungen seitens Russlands wären wahrscheinlich 4% angemessener

(2) Seit 1989 hat Deutschland das 2%-Ziel regelmässig 35 Jahre lang um rd. 1%-Punkt oder 50 % unterschritten. Bei einem Wehretat von 70 Mrd. € sind das 35 * 35 = 1.250 Mrd. €. Wollte man diesen Rückstand in 10 Jahren aufholen, müssten jährlich 125 Mrd. € zusätzlich aus­gegeben werden. Dabei sind Preis­steigerungen nicht berücksichtigt. Und ob ein Putin uns weitere 10 Jahre in Frieden lässt, ist fraglich. Auch unter optimistischen Annahmen wäre also ein Wehretat von 6% des BIP für die nächsten Jahre eine Forderung, die der Sicherung unseres Lebens in Freiheit ange­messen wäre.

(3) Nehmen wir die bekannten Rückstände in Bildung, Infra- und Sozialstruktur dazu, klingt die Forderung auf Einhaltung der Schuldenbremse vollends unvernünftig. Trotzdem schreckt die Koalition vor Themen wie Vermögens- und Erbschaftssteuern zurück, kommt beim Bürokratieabbau kaum voran und bleibt bei Fragen des Steuerbetrugs seltsam untätig.

Nur wenn die Politiker aufhören, für die Wähler die Wirklichkeit zu schönen, hätten wir die Chance, nicht vom Wohlwollen diktatorischer Typen wie Putin oder Trump abhängig zu bleiben und selbstbewusst zu leben. Nach einer Schock­starre würden es die Wähler solchen ehrlichen Politikern in D lohnen.

17-05-2024:

Fundstücke aus Lewis Caroll „Alice in Wonderland“:

“Alice asked the Cheshire Cat, who was sitting in a tree, “What road do I take?” The cat asked, “Where do you want to go?” “I don’t know,” Alice answered. “Then,” said the cat, “it really doesn’t matter, does it?”

“Alice: How long is forever? White Rabbit: Sometimes, just one second.”

Mein Freund Georg hat herzerfrischende Enkel. Einer von denen heisst Bruno. Der Titel eines anderen, weniger bekannten Buches von Caroll ist das phantastische „Sylvie&Bruno“. Die beiden Kinder sind dort einmal wie folgt illustriert:

Caroll: “Imagination is the only weapon in the war against reality.”

19-05-2024:

Eine schöne Definition von einer Frau Ataman, der Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes: „Der Demokratie geht es so gut, wie es ihren Minderheiten geht“. Allerdings: von ihrer Forderung, den Schutz von Behin­derte­n und Alten in ´s Grundgesetz aufzuneh-men, halte ich wenig. Die ersten 5 Artikel unseres GG sind schon sehr differenziert. Jede Erweiterung würde neue Lücken auf­reissen.

Ja, diese einzelnen Artikel müssen strenger beachtet und durchgesetzt werden. Die Schande ist, dass die Politiker, die qua Amtes in der Öffentlichkeit stehen und dem Wohle des ganzen Volkes verpflichtet sind, oft selbst so miserable Vorbilder abgeben.

Zur Erinnerung ein Blick in unser Grundgesetz:

ARTIKEL 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Ver­pflich­tung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Men­schen­rechten als Grundlage jeder menschli­chen Gemeinschaft, des Friedens und der Ge­rechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

ARTEKEL 2

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Ent­faltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

ARTIKEL 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleich­be­rech­tigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behin­derung benachteiligt werden.

ARTIKEL 4

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltan­schaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen wer­den. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

ARTIKEL 5

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugäng­lichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Be­richterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der per­sön­lichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre ent­bindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Jeder, der sich die Mühe macht, ein wenig über den Text nachzudenken, wird schnell feststellen, dass wir unser GG nicht sonderlich ernst nehmen. Den zynischen Satz des Hermann Höcherl, der über den ihm unterstellten Verfassungsschutz gesagt hatte: „Die Beamten können nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen“ wollen wir uns nicht zu eigen machen.

Olaf Scholz ist neuerdings auf TikTok. Er zeigt sich da ehrlich, wie er auch ist, nämlich todlangweilig. Peinliche Fragen, wenn er sich mit seiner Aktentasche zeigt: „Schau mal nach ob die Wirecard Akten da drin sind Olaf“ oder „Olaf wann wird döner 4 Euro wieder“. Auch: „sagt was ihr wollt, aber der ist so knuffig, wäre voll der süße Opi hömma“. „das vielleicht, aber nicht Kanzler“ … (Zitate nach ZEIT 22/2024).

Nach einem Erfolg sieht das nicht aus. Die AFD bedient das Medium professioneller. Wer schaut schon TikTok? Ein Drittel der wahl­berechtigten Bevölkerung orientiert sich auf dem Kanal.

20-05-2024 Pfingstmontag

06´50 h: Alles wie gehabt, nass und kalt, usselig halt. 13 bis 17°, der Regen soll gegen Abend hin nachlassen. Verglichen mit den überfluteten Ortschaften in Saarland und Hessen haben wir es hier in Südwest-Frankreich sehr komfortabel.

Über WDR3 höre ich Klaviervariationen von Cesar Franck und dann ein beachtlich gefälliges, etwas trauriges Stück barocker Musik, von einem holländischen Diplomaten Ildiko Ringen von Bassema (?) komponiert, der w. seines Amtes nicht wagte, es unter dem eigenen Namen zu ver­öffentlichen.

In der Liste Niederländischer klassischer Kom­ponisten finde ich den Namen meines Ildiko nicht. Stattdessen aber für unser Ohr ganz ausser­gewöhnliche Namen wie Johannes Gijs­bertus Bastiaans, Daniël Belinfante, Ghiselin Danckerts, Carel Hacquart, Reinbert de Leeuw, Robin de Raaff, Johannes Maria Suykerbuyk … Unter den Vornamen auffallend viele Einsilbler wie Bart, Fré, Geert, Gil, Gus, Henk, Huib, Huik, Jaap, Jan, Klaas, Leo, Piet, Rick, Sem, Wim.

Das Nieder­ländische wird bei uns in Deutschland etwas herablassend als eine Art Plattdeutsch ange­sehen. Dabei haben unsere Nachbarn ein ao gutes Verhältnis zu ihrer Sprache. Das beweist schon die Zahl ihrer herausragenden Schrift­steller wie Cees Nooteboom, Harry Mulisch, Maarten t´Hart, Leon de Winter …

In SPIEGEL-ONLINE lese ich eine Meldung aus dem Sport: „Hätte nicht gedacht, dass ich so schnell bin« 51,47 Sekunden über 200 Meter im Freien: Damit ist die 90-jährige Italienerin Emma Maria Mazzenga die schnellste ihrer Altersklasse – weltweit“ Respekt, eine tolle Leistung.

21-05-2024:

Kleine Steine im grösseren Mosaik. SZ von heute: In 2022 bezifferte Lindner die Höhe russischer eingefrorener Vermögen mit 4,5 Mrd. €. Zur gleichen Zeit hatte GB 21 Mrd. € eingefroren, also fast 5 Mal so viel. Inzwischen ist die Summe eingefrorener russischer Vermögen in D auf 3,9 Mrd. € gefallen. Das geplante Gesetz zur Ver­schärfung der Mass-nahmen ist lt. Fachleuten ein zahnloser Tiger. Die personell schlecht ausgestatteten Behörden dürfen dann Leute befragen, die nicht antworten müssen. Wer oder was treibt die FDP zu solchen Bremsmanövern? Obwohl ich der FDP da Unrecht tue. CDU/CSU und SPD bremsen die Finanzbehörden seit vielen Jahren in Bunde und Ländern aus.

29-05-2024:

In ARTE sahen wir gestern zwei ein­drucksvolle politische Sendungen. Eine über das Trio Russland-China-Iran, das nach Meinung der befragten Experten das Ziel hat, die Macht der kapitalistischen USA und des Westens zu unterminieren und eine neue Weltordnung aufzubauen. Eine zweite Dokumentation be­schäf­tigte sich mit dem hindu-na­tio­nalistischen indischen Präsident Modi, der eine „ethnische Säuberung“ durch straflose Morde und Lynchjustiz an Moslems betreibe. Mir scheint, er ist ein eiskalter, intelligenter Mann, eisern ent­schlossen, seine Ziele durchzusetzen. Trotzdem wird er von allen europäischen Poli­tikern, von Macron bis Scholz, hofiert. Eine für mich gewaltige Leerstelle bleibt bei solchen Sendungen immer, was wir tun können, um unsere Abhängigkeiten von diesen Ländern zu reduzieren. Mit solch trüben, einseitigen Ana­lysen stürtzen die FS-Moderatoren die Zuschauer nur noch tiefer in ihre Ratlosigkeit. Was kann man denn tun? Ich hätte da schon ein paar Ideen, die ich anderswo ausgebreitet habe.

Noch einmal zu Modi. In der Sendung wurde auf die RSS hingewiesen, eine fast 100 Jahre alte national-hinduistische Organisation, in deren Doktrin auch Modi erzogen wurde. WIKIPEDIA: „Der Rashtriya Swayamsevak Sangh (Abk. RSS; Hindi, m., rāṣṭrīya svayamsevak sangh, „Natio­nale Freiwilligenorganisation“ oder „Reichsfrei­willigenbund”´“) ist eine radikal-hinduistische, möglicherweise faschistische, hierarchisch struk­turierte Kaderorganisation in Indien. Er basiert auf den Prinzipien der Hindutva … Der RSS wurde 1925 durch Keshava Baliram Hed­ge­war gegründet und ist laut BBC … Erklärtes Ziel des RSS als Teil der Hindutva-Bewegung ist, vor­nehm­lich die Rechte der (angeblich) jahr­hun­der­telang im eigenen Heimatland (Indien) un­ter­drückten Hindus wiederherzustellen und histo­risches Unrecht zu korrigieren. Der RSS fasst den Begriff des Hindu kulturell, rassisch und auch völkisch, der im Aufstieg der Bharatiya Janata Party (BJP) seinen Höhepunkt fand, die als politischer Flügel der Sangh-Bewegung gilt“ …

Ghandis Idee wird also geradezu auf den Kopf gestellt, die „grösste Demokratie der Welt“ ist zu einer weiteren Diktatur geworden. Unserem Rushdi wird diese Entwicklung den Magen umdrehen.

06-06-2024:

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG: „Nach SZ-Recherchen zur Vorgeschichte von Nord Stream 2 kommen erste Forderungen nach einem Untersuchungsausschuss. Das Projekt stehe „für das größte wirtschafts-, energie- und außen­politi­sche Versagen seit Bestehen der Bundesrepublik“, sagte der Grünen-Wirtschaftspolitiker Felix Banaszak der Süddeutschen Zeitung. „Ich finde es schwer erträglich, dass diese Vorgänge bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind.“ Nötig sei ein Parla­men­ta­rischer Unter­su­chungs­ausschuss, „um mit komplettem Zugriff auf alle Dokumente und die Vernehmung der Verantwortlichen diese offenen Fragen aufzuklären“.Auch Grünen-Fraktions­chefin Katharina Dröge sprach am Dienstag von Fragen, „die durchaus auch einer parlamentarischen Aufklärung bedürfen“.

Zuvor hatte die SZ anhand von Akten aus den Jahren 2014 bis 2022 rekonstruiert, wie zwei Große Koalitionen unter Kanz­lerin Angela Merkel über Jahre versucht hatten, alle Widerstände gegen die Pipeline aus dem Weg zu räumen – ob innerhalb der EU, gegenüber Kiew oder Washington. Gleichzei­tig legte Berlin nach außen hin immer Wert auf die Feststellung, es handele sich um ein rein privatwirtschaftliches Projekt. Auch nach dem russischen Einmarsch auf der Krim 2014 beschlichen die zuständigen Ministerien keinerlei Zweifel an der Zuver­lässig­keit russischer Gaslieferungen. Die Folgen der „politischen Fehlentscheidungen der Regierungen aus Union und SPD“ seien noch heute spürbar, klagt Banaszak – etwa in Gestalt hoher Preise, wirtschaftlicher Stagnation und gesell­schaft­licher Verunsicherung .. Konstruktionen wie die Stiftung Klima- und Umweltschutz im SPD-geführten Mecklenburg-Vorpommern seien „nur die Spitze des Eisbergs“. Die Stiftung hatte geholfen, US-Sanktionen zu umgehen, indem sie selbst Aufträge für die Fertigstellung der Pipeline erteilte – und so staatlichen Schutz bot … Unklar ist bis heute auch, auf wessen Veranlassung hin die scheidende Große Koalition im Oktober 2021 rasch eine letzte Hürde für die Genehmigung der Pipeline beiseite geräumt hatte – indem sie dem Projekt am formal letzten Tag im Amt noch attestierte, es gefährde nicht die Versorgungssicherheit … Die Grünen allein haben allerdings im Bundestag nicht genug Stimmen, um so einen Ausschuss anzustrengen. Dass ihnen die Sozialdemokraten dabei zu Hilfe kommen, ist wohl eher un­wahr­scheinlich“.

Götz: CDU, SPD und FDP handeln auch heute noch nach dem dubiosen Prinzip: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“. Besser wäre, aus Fehlern zu lernen. Hier wird der grösstmögliche Schaden angerichtet: (1) Die offizielle Politik verliert im Inland weiter an Glaubwürdigkeit, Berlin pumpt Wasser auf die Mühlen der AFD (2) Vor allem US-Amerikaner und andere EU-Länder sehen Deutschland nicht mehr als zuverlässigen Partner – verbergen das freilich aus opportunistischen Gründen (3) Die Verant­wortlichen werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Ein übles Beispiel: Frau Schwesig, trotz ihrer seit langem bekannten Verant­wortung für die betrügerische „Stiftung Klima- und Umweltschutz“ in Mecklenburg-Vorpommern, bleibt Ministerpräsidentin. (4) Weitere Schäden durch Vertuschungen und Verfolgen fremder, Vermutlich nicht nur industrieller Eigeninteressen sind für die Zukunft garantiert.

Stärken wir so Die Demokratie und die europäische Gemeinschaft?

07-06-2024:

SZ vom 07-06-2024: Ein Interview:

Heinrich August Winkler hat als Treffpunkt sein Stammcafé vorgeschlagen, draußen im Grunewald.Das Haus am Waldsee ist ein bekannterAusstellungsort für zeitgenössische
Kunst, vor allem für Künstler, die nachdem Mauerfall nach Berlin gekommen sind. Mühelos schafft es der 85-Jährige die zwei hoch ins Studio. Der wohl bekannteste deutsche Historiker hat jede Zahl parat, kein Manuskript. Es entwickelt sich einGespräch, indemer harte Kritik an der Ukrainepolitik übt.

SZ: Herr Professor Winkler, auf demWeg hierhin sieht man SPD-Plakate, die mit der Botschaft „Frieden“ für den Kurs des Kanzlerswerben. Verstehen Sie diese Botschaft?

Heinrich August Winkler: Mich würde ein Text „Frieden in Freiheit“ oder „Frieden und Freiheit“ sehr viel mehr überzeugen, denn mit dem bloßen Stichwort Frieden wird einerseits der Eindruck erweckt, als ob andere Parteien weniger friedliebend seien – was hoffentlich nicht gemeint ist. Und andererseits wird in keinerWeise gesagt, was Frieden in der konkreten SituationderUkraine bedeuten würde. Wäre Frieden ein Synonym für die Kapitulation der Ukraine oder eine Belohnung der russischenAggression? Daherist diese Parole irreführend. Ich halte es auch für illusionär zu glauben, dass man auf diese Weise Wählerstimmen, vor allem in Ostdeutschland, gewinnen kann.
Was wäre besser?
Viel Erfolg versprechenderwäre eine offensive Auseinandersetzung mit den Illusionen,
die man sich nicht zuletzt in den ostdeutschenLändern hinsichtlich der Absichten Wladimir Putins macht. Mehr Pistorius und weniger Scholz im Wahlkampf wäre, glaube ich, ein sehr viel realistischeres Konzept.
Sie sind seit 1962 Mitglied der Partei, haben in einem Brief mit anderen Historikern den Russlandkurs als gefährliche Realitätsverweigerung bezeichnet. Betreibt die SPD eine Fortsetzung der Illusionen, die sie lange gegenüber Putin hatte?
Es ist ein großesVerdienst desParteivorsitzendenLars Klingbeil, dass er in der SPD
durchgesetzt hat, dass an die Stelle der Parole „Sicherheit mit Russland“ die Devise
getreten ist: „Sicherheit vor Russland“. Es ist auch sehr anerkennenswert, dass es inzwischen einen klaren Trennungsstrich der SPD zur Russlandpolitik Gerhard
Schröders gibt.Was aber bisher fehlt, ist eine kritische Auseinandersetzung mit früherenKapiteln der Ostpolitik,unddazu gehört vor allem eine klare Unterscheidung
zwischen ihren zwei Phasen. In der ursprünglichen Ostpolitik, wie sie der Bundeskanzler
WillyBrandt betrieben hat,war diese deutsche Ostpolitik ein integrierender Bestandteil der westlichen Entspannungspolitik, abgestimmt mitdenVerbündeten, vor allem mit den USA, und flankiert von einer glaubwürdigen Abschreckungspolitik. Damals lagen die Verteidigungsausgaben bei 3,5 Prozent des BIP. Heute erreichen wir gerade so zwei Prozent. Unter Brandt gab es finanzielle Leistungen für die Verteidigung, die wir uns heute kaum vorstellen können. In der Verklärung von Brandt als „Friedenskanzler“
kommt diese Verbindung mit der Sicherheitspolitik entschieden zu kurz. In der
zweitenPhase der Ostpolitik inden1980er-Jahren ging es dann aber nicht mehr um
die Devise „Wandel durch Annäherung“, die Egon Bahr 1963 ausgegeben hatte, sondern
diese zweite Phase stand unter dem Motto „Im deutschen Interesse“. Das war
die Wahlkampfparole der SPD von 1983. Man bemühte sich vor allem um Sicherheitspartnerschaften mit den Regierungen der Ostblockstaaten.Worüber die Bürgerrechtsgruppen ganz in den Hintergrund gedrängt wurden. Oder schlimmer
noch, sie wurden als Störfaktoren betrachtet, wie zum Beispiel die unabhängige Gewerkschaft Solidarność inPolen. Das ist eine schwere Hypothek.
Wie viel von diesem Geist, sich über die Osteuropäer hinweg mit Moskau zu verständigen, ist noch in der SPD zu sehen?
In Deutschland istimmer noch die Vorstellungweitverbreitet, man könnte die jetzige
kriegerische Situation überwinden, indem man irgendeine Art von Stabilität in der Beziehung zu Putins Russland herstellt. Ich sehe, dass vor allem Teile der SPD-Basis, die noch immer ein verklärtes Bild von Willy Brandt und Egon Bahr haben, eine solche
Denktradition pflegen. Das Fatale besteht darin, dass dies eine Form des Denkens
in den Kategorien von Großmächten ist. Wir, die Deutschen und die Russen, sind die Großen.Was die Kleinen, die Balten, die Polen oder die Tschechen sich dabei denken, ist zweitrangig.
Wie im Falle der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2?
Ja, sie stand in dieser Kontinuität. Deswegen mein Plädoyer für die selbstkritische
Aufarbeitung der zweiten Phase der Ostpolitik. In dieser Zeit liegen die Wurzeln vieler
Auswüchse. Man sollte im Sinne von Karl Marx radikal sein und an dieWurzeln
der Sache herangehen, statt sie zu verklären.
Sie hatten 2019 eine Podiumsdiskussion mit Olaf Scholz. Dort sagte er, er schätze
Sie und Ihr Werk sehr. Hat er sich nach diesem jüngsten Brief bei Ihnen gemeldet
und das Gespräch gesucht?

Nein, mein letztes Gespräch mit Olaf Scholz fand im November 2019 in „Clärchens
Ballhaus“ bei besagter Veranstaltung statt. Aber es geht ja nicht um mich. Ichhabe den Eindruck, dass andere, vor allem ausgewiesene Osteuropakenner, einen guten Rat hätten geben können, aber nicht gefragt worden sind.
Wie sehen Sie die Rolle des Kanzlers?
Olaf Scholz hat nie die russlandpolitischen Illusionen von Gerhard Schröder geteilt.
Aber er hat bis zuletzt, auch noch in der Frühphase seiner Kanzlerschaft, die Pipeline
Nord Stream 2 als rein privatwirtschaftliches Projekt bezeichnet – in Kontinuität
zu seiner Vorgängerin Angela Merkel. Da kam die Umkehr dann doch sehr
spät, nämlich erst nachdemBeginn der offenen russischen Aggression gegen die
Ukraine am 24. Februar 2022. Dabei hat die Zeitenwende eigentlich deutlich früher
begonnen, nämlich im Jahre 2014 mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und dem Beginn des hybriden Kriegs im Donbass. 2014 war die eigentliche Zäsur.
Wolag die Verantwortung von Angela Merkel?
Angela Merkel hat sich über den aggressive Grundzug von Putins Politik keine Illusionen
gemacht. Es gibt Äußerungen von ihr, die diametral dem widersprechen, was man von Gerhard Schröder hören konnte, aber in Sachen Energieversorgung hat sie daraus überhaupt keine Konsequenzen gezogen. Im Gegenteil. Das war eine strategische
Fehlentscheidung.
Zu der auch die fehlende Vorbereitung auf eine militärische Eskalation durch Russland
gehörte?

Ja, dieserWiderspruch ist evident. Tatsächlich wird in diesem Zusammenhang zu wenig
über die Ära Merkel gesprochen. Es gab auch eine christdemokratische Russlandpolitik,
die nicht ganz zufällig weitgehend bereinstimmte mit dem, was der Ostausschuss
der deutschen Wirtschaft wollte. Die CDU und die CSU haben die Gefahren
genau so ignoriertwie die SPD. Dieses Kapitel muss aufgearbeitet werden.
Wie erklären Sie sich das vor allem in Ostdeutschland verbreitete Verständnis für
Russland und Putin?
Es gibt hier neben sentimentalen Erinnerungen an „freundliche Russen“ auch eine
verbreitete Angst vor dem mächtigen Russland. In der DDR konnten unter dem Deckmantel des offiziellen Antifaschismus als Partei- und Staatsdoktrin aber auch manche
„altdeutschen“ Denkweisen fortleben, die inTeilen der ostdeutschenGesellschaft
bis heute nachwirken. Der Rückhalt ist hier groß für nationalistische, illiberale
und antiwestliche Denkmuster. Ein gewisses Reservoir für entsprechende Vorurteile
existiert auch im Westen. Das macht die gesamtdeutsche Gefährlichkeit der AfD aus.
Die grundsätzliche Auseinandersetzung muss von den demokratischen Parteien offensiv
geführt werden.
Der Thüringer CDU-Chef Mario Voigt hat im Fernsehen mit Björn Höcke diskutiert.
Davon wünschen Sie sichmehr?

Man muss vor allem vor Ort mit denVertretern der AfD offensiv diskutieren. Viel
hängt davon ab, wie gut gewappnet man in eine solche Debatte geht. Daran hapert es
oft. Es muss klar werden, welche fatalen Konsequenzen es hätte, wenn die AfD irgendwo
mitregieren würde.
Inwieweit sehen Sie den Aufstieg der AfD alsTeil eines westlichen oder sogar globalen
Phänomens?

In der Tat gibt es nicht nur in Europa, sondern im gesamtenWesten die immer wiederkehrende Konstellation eines tiefen Misstrauens gegenüber „denen da oben“.
Sie werden als etwas Fremdes empfunden – wenn nicht gar als etwas Fremdbestimmtes,
vonirgendwelchen Agenten desGlobalisierungsprozesses gesteuert.

Womit wir bei den Verschwörungstheoretikern wären. Sehen Sie ein Gegenmittel?
Nötig wäre ein selbstkritischer Reflexionsprozess der demokratischen Parteien. Sie
müssten sich fragen, inwieweit sie durch ihr Verhalten diese Frontstellung „Volk gegen
die politische Klasse“ gefördert haben. Es gibt eine abgehobene Sprache, die von den meisten Menschen eben nicht verstanden wird. Mit ihrer berühmten Äußerung
vom basket of deplorables, dem Korb der Kläglichen, hat Hillary Clinton 2016 das politische Klima in den USA bestimmt nicht entgiftet. Im Gegenteil: Das hat Donald
Trump geholfen und war Wasser auf die Mühlen der Populisten. Bei Theodor Fontane
im „Stechlin“ hieß das übrigens noch: Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie.
Kommunikation mit den Menschen – das bringt uns noch mal zu Olaf Scholz. Er
möchte die Menschen beruhigen, denen der Krieg Russlands gegen die Ukraine
Angst macht. Gelingt ihm das?
In Sachen politische Kommunikation können alle Politiker von Willy Brandt lernen.
Das gilt auch für den Kanzler.
Trotz solcher Sätze wie „You’ll never walk alone“?
Solche Sätze nutzen sich rasch ab.
Wie gut gelingt es dem Kanzler, mit den Menschen im eigenen Land zu kommunizieren und gleichzeitig die richtigen Signale nachMoskau zu senden?
Was wir unter allenUmständen vermeiden müssten, aber nicht immer vermieden haben,
ist eine Fehlwahrnehmung der deutschen Politik inMoskau. Es ist fatal, wenn
dort der Eindruck entsteht, dass wir in besonderem Maße erpressbar sind als nichtatomare Macht. Durch unsere bekannten roten Linien kann dort der Eindruck entstehen, dass wir vielleicht am ehesten aus dem westlichen Lager herausgebrochen
werden können.
Emmanuel Macron gefällt Ihnen besser?
Nicht unbedingt. Manche Äußerung von Emmanuel Macron klingt nachKompensation fehlender praktischer Militärhilfe für die Ukraine. Zum anderen übersieht man in Deutschland häufig, in welchem Maße auch gaullistische Denkmuster die Reden und das Handeln von Macron bestimmen. Der Begriff der europäischen Souveränität bedeutet für einen französischen Präsidenten etwas ganz anderes als für deutsche Politiker.
Nämlich?
Wenn wir in Deutschland von europäischer Souveränität sprechen, assoziieren wir damit die Übertragung nationaler Hoheitsrechte von der deutschen auf die europäische
Ebene. Das schlägt sich im Koalitionsvertrag der Ampel imZiel eines europäischen Bundesstaates nieder.Das ist eine Vision, die außerhalb Deutschlands kaum irgendwo
Anhänger hat. In Frankreich jedoch bedeutet europäische Souveränität nicht die Europäisierung der Atomwaffen oder des ständigen Sitzes im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Zugespitzt bedeutet es: Unabhängigkeit von den USA.
Vielleicht keine schlechte Idee, sollte Donald Trump ins Weiße Haus zurückkehren?
Wir sollten uns nicht von den USA abkoppeln, solange diese Abkoppelung nicht von
den USA selbst vollzogen wird.
Aber falls es dazu kommt, was wäre das Rezept?
Wir müssen zusammen mit den anderen europäischen Mitgliedern der Nato unsere
konventionellen Rüstungsanstrengungen erheblich steigern.Dadarfkeine Schuldenbremse
ein Hindernis sein. Wir können uns in Sachen Russland sowieso kein Primat der Innenpolitik leisten. Enorme Versäumnisse gibt es nicht nur auf dem Gebiet der Verteidigung, sondern auch in der für die Verteidigung relevanten Infrastruktur, etwa bei Straßen und Brücken. Der Bedarf übersteigt alles, was über Einsparungen finanziert werden könnte. Wir befinden uns in einer Notlage, der wir Rechnung tragen
müssen. Ich sehe keine plausible Alternative zu einer Reform der Schuldenbremse,
die dazu führt, dass sie nicht mehr als Investitionsbremse wirken darf.
Die Schuldenbremse gefährdet die Sicherheit dieser Republik?
Wenn es zu einer Zuspitzung in der Ukraine kommen sollte, wäre es fatal, wenn wir
sagen müssten: Wir haben die Schuldenbremse gerettet und die Ukraine verloren.
Für den europäischen Frieden und die Freiheit der europäischen Demokratien wäre
das brandgefährlich.
Gab es schon einmal eine Phase in derGeschichte, in der das normative Projekt des
Westens, wie Sie es nennen, so gefährdet war wie heute?

An eine derart ernste Herausforderung des Westens wie heute kann ich mich nicht erinnern. Und meine politische Erinnerung beginnt in den frühen 1950er-Jahren. Insgesamt ist die innere Bedrohung desWestens mindestens so bedeutsam wie die äußere, vielleicht noch bedeutsamer. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise der frühen
1930er-Jahre, da waren die USA und Großbritannien von der Depression ähnlich
schwer erschüttert wie Deutschland, aber in beiden Ländern hat sich die Demokratie
damals behauptet. Deutschland war unter den damaligen hoch entwickelten Industrienationen des Westens die einzige, die nach 1930 den Weg in die Diktatur gegangen ist. Nur können wir leider nicht mehr sagen, dass die Demokratie in den USA
noch so stark ist wie damals. Die Erosion dieser amerikanischen Demokratie ist unter
anderem durch die autoritäre Transformation der Republikanischen Partei so weit fortgeschritten, dass wir mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Umso größer
ist die Verantwortung der europäischen Demokratien, die wissen müssten, was für sie auf dem Spiel steht, wenn in immer mehr Ländern der Nationalpopulismus
triumphieren würde.
Werden sie dieser Verantwortung gerecht?
Die Geschichte des Westens enthält neben dem großartigen normativen Projekt der
Freiheit immer auch Rückschläge und Verstöße gegen die eigenen Werte: Sklavenhandel,
Sklaverei, Kolonialismus, Imperialismus, also ein langes Sündenregister, gegen das diejenigen Gruppen rebelliert haben, denen die unveräußerlichen Menschenrechte
zwar auf dem Papier zustanden, denen sie aber mehr oder minder vollständig
vorenthalten wurden. Ich denke an die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA, an die Arbeiterbewegung und die Frauenbewegung. Der Westen blickt aber auch zurück auf eine lange Geschichte von Lernprozessen, von Selbstkritik und Selbstkorrektur. Ich kann nur hoffen, dass die späten Lernprozesse in Deutschland intensiv und nachhaltig genug waren, um uns vor einem Durchmarsch der Nationalpopulisten zu bewahren. Da bin ich aber letztlich sogar optimistisch.
Warum?
Weil in der Bundesrepublik die Nationalpopulisten bei Weitem nicht so stark sind wie
in vielen anderen Demokratien, zum Beispiel in Frankreich. Deshalb hat Deutschland
eine gute Chance, eine wichtige Rolle bei derVerteidigung der westlichenDemokratie
zu spielen.
Das führt zurück zur Bundesregierung und der SPD. Kann sie einer solchen Rolle
gerecht werden?
Auf Umfragen zu starren, hilft in Krisen nicht weiter. DiePopularitätswerte vonBoris
Pistorius zeigen: Ein Politiker, der glaubwürdig seinePositionvertritt, hat gute
Chancen, einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung zu finden. Übrigens hätte
Konrad Adenauer die Westbindung, Willy Brandt die Ostpolitik gar nicht einleiten
können, wenn sie sich an den damaligen Umfragen orientiert hätten.
Der frühere SPD-Vorsitzende FranzMüntefering hält das Rennen um die Kanzlerkandidatur
2025 noch für offen. Sie auch?
Ich habe keinen Grund, FranzMüntefering zu widersprechen.

Heinrich August Winkler, Jahrgang 1938, lehrte als Professor an der Freien
Universität Berlin, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Humboldt-
Universität zu Berlin. Zu seinen Standardwerken zählen „Weimar 1918–1933“
(Beck, 1993), „Der lange Weg nach Westen“ (Beck, 2000), „Geschichte des Wes-
tens“ (Beck, 2009–2015), „Wie wir wurden, was wir sind. Eine kurze Geschichte
der Deutschen“ (Beck, 2020). Winkler gilt als einer der bedeutendsten deutschen
Historiker der Gegenwart.
______________________________________

Götz: Ein paar kleine Anmerkungen zu der sehr freimütigen, offenen und fairen Analyse

(1) HAW scheint die Möglichkeiten, härter gegen Schwarzgelder und Steuerbetrüger vorzugehen, nicht zu sehen.

(2) Ähnlich vermisse ich Hinweise auf Einsparungen und Leistungssteigerungen. Anstatt bei der Prüfung von Grossunternehmen übereifrige Finanzbeamte auszubremsen und an wenig interessante Stellen zu versetzen, könnte man ihnen doch Leistungsanreize bieten, orientiert an der Höhe der fälligen Steuernach- zahlungen, die sie aufdecken

(3) HAW erinnert daran, dass der Wehretat in den 70er Jahren bei 3,5% vom BIP lag. Unter Berücksichtigung unseres Nachholbedarfs dürften also heute 6% – so meine Schätzung – nicht übertrieben sein. Es gibt viele Möglichkeiten, die notwendigen Investitionen in unserer Infrastruktur zu finanzieren!

(4) Zu Macron: HAW unterstellt, dass sich Frankreich von den USA abkoppeln wolle. Das mag sein. Aber mir scheint es Macron in erster Linie darum zu gehen, dass Europa die Probleme vor der eigenen Haustür in erster Linie selber lösen muss – eigentlich eine selbstverständliche Haltung, die wir unter dem Schirm der USA lange vergessen aben.

10-06-2024:

Die Wahlen zum EU-Parlament sind für uns grausam schlecht gelaufen. Die AFD hat in Deutschland erheblich dazu gewonnen. Die GRÜNEN haben starke Einbussen erlitten:

SZ: Ampel bricht bei Europawahl ein. Ins­be­sondere die Grünen erleiden Verluste, die Union ist klarer Wahlsieger. Die AfD überholt die SPD und wird zweitstärkste Partei. Auch Sahra Wagenknechts Bündnis ist erfolgreich.

Wir sind natürlich stark betroffen, dass die GRÜNEN so viel Zustimmung verloren haben – insbesondere bei den jüngeren Wählern. Meine persönliche Erklärung: > die starken Führungs­figuren Habeck und Baerbock sind von Scholz und Lindner systematisch demontiert worden > ihr meist konsequentes Handeln in Richtung Unterstützung der Ukraine und Vorhaben in Sachen Umwelt wurden nicht belohnt. Im Ge­gen­teil, die vorgeschlagenen Massnahmen wurden ihr als zu riskant oder „Verbotspartei“ angelastet. Die Wähler wollen nicht beunruhigt werden, dringend notwendige Änderungen sind so nicht durchsetzbar. Dass sich auch die jungen Wähler abwenden, ist mir noch ein Rätsel. Sind sie vom Koalitions-Hick-Hack angewidert? Vermutlich ja: auch wir waren damals von der frischen APO fasziniert > Eine Figur wie Ricarda Lang strahlt für mich vielleicht Lebensfreude à la „Fat ist beautiful“ aus, überzeugt aber kaum als alternative Führungskraft.
Kurz: die SPD schlafwandelt in ihren Untergang und starrt hilflos auf die AFD, die sich zur zweiten grossen Volkspartei gemausert hat. Wann kommt eine grosse Koalition aus CDU/CSU/AFD?

In Italien und Frankreich sind die Neonazis weiter auf dem Vormarsch, wurden in F stärkste Partei. Umgehend hat Macron das Parlament aufgelöst und schreibt zum 30 Juni Neuwahlen aus. Ob ihn das rettet?

11-06-2024:

In der vergangenen Woche ist ein neues Buch „Kafka – Um sein Leben schreiben“ veröffentlicht worden. Den Autor Rüdiger Safranski haben wir einige Male im Chateau d´ Orion erlebt und von seinen Büchern u.a. „Goethe&Schiller – Geschichte einer Freundschaft“ und „Ein Meister aus Deutschland – Heidegger und seine Zeit“ gelesen. Seine neue Kafka-Biografie habe ich noch nicht gelesen, glaube aber das Buch trotzdem empfehlen zu können. 234 Seiten, erschienen bei HANSER.

13-06-2024:

Leslie Varela ist ein Künstlerin, US-Amerikanerin, die seit Jahrzehnten in Südwest-Frankreich lebt, arbeitet und erfolgreich Ausstellungen beschickt. Ich bewundere ihre immer wieder überraschenden phantastischen Arrangements, ihre Farbenfreude und das breite handwerkliches Können. Ihr Haus und Grundstück im kleinen Örtchen Ozourt in den südlichen Landes ist in den letzten Jahren ein Gesamtkunstwerk geworden. In dem alten Bauernhaus, das sie zusammen mit Rafi als Ruine gekauft haben, hat sie ihr Atelier. Jede Wand, die Fussböden, Treppen, Erker sind gestaltet, bemalt, überall überraschen den Besucher Objets trouvees – das Haus ist eine Schatzkammer. Der grosse Garten ist ein gestalteter grüner Dschungel mit Bäumen, Früchte tragenden Büschen, Blüten und kleinen Teichen voller Seerosen. Leslie betreibt hier eine perfekte Kreislaufwirtschaft, Abfälle wandern als Dünger zurück in den Garten.

Raphael, ihr Mann, ist Stukkateur und Koch, ein universeller Handwerker, und die Talente beider ergänzen sich auf ´s Schönste. Ihre Homepage leslievarelads@yahoo.fr zeigt u.a. ein Video, das sie beim Gestalten einer Wand und andere Fresques Murales zeigt. Hier ein Bild und ein Objekt von ihr:

20-06-2024:

Es gibt viele Ansätze, unsere Demokratie auf eine stärkere Basis zu stellen. Im Folgenden will ich vier davon : (1) Amartya Sen „Wohlstand (2) Heyer/Zeug „Rechenmodell) (3) Piketti „Das Kapital“ und (4) Peter Dienel „Planunszellen“. Die Ideen 2 bis 4 reisse ich hier nur kursorisch an. Alle 4 Ideen ergänzen einander aber vortrefflich.

(1) Amartya Sen

Die Idee des Nobelpreisträgers Sen, Wachstum als Maßstab für den Wohlstand einer Gesellschaft abzulösen, beschäftigt mich seit langem. Die Widersprüche, den Erfolg einer Volkswirtschaft am Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zu messen, sind zu eklatant. Ständiges Wachstum in einer Welt begrenzter Ressorcen zu wollen, ist eine Idee, die den Widerspruch schon in sich trägt. Der technische Fortschritt, auf den immer wieder verwiesen wird, führt oft zu noch grösserer Ausbeutung der schwindenden Vorräte. Vordergründige Einsparungen wie beim Benzinverbrauch der Autos verschärfen das Problem. Die Flotten der Hersteller werden PS-stärker, größer und fordern den Ausbau weiterer Autobahnen, die Umweltprobleme werden weiter verschärft. Das Wachstums-Mantra unserer Politiker, die in dieser Frage neoliberal denken, ist längst unglaubwürdig geworden. Wachstum dieser Art erhöht die Gewinne der Industrien kurzfristig, schmälert aber das Wohlergehen der Menschen.

Sen sucht einen Maßstab, der den Wohlstand menschlicher abbildet. WKIPEDIA:

Ziel des Befähigungsansatzes ist es, den Wohlstand in einer Gesellschaft mit mehreren Kenngrößen zu erfassen – bis dahin war es in der Wohlfahrtsökonomik üblich, eine Einkommens­größe als eindimensionalen Maßstab zu verwenden. Im Vordergrund steht die Frage, was der Mensch für ein gutes, erfüllendes Leben benötigt. Materielle Güter und Ressourcen werden für diesen Zweck als wichtige Mittel – aber nicht als Selbstzweck – betrachtet. Darüber hinaus geht es um Befähigungen (gleichbedeutend: Verwirklichungschancen), über die der Mensch verfügen muss, damit er sein Leben erfolgreich gestalten kann. Die Frage nach den Befähigungen geht über die Konzepte, die sich auf den Lebensstandard und die Menschenrechte konzentrieren, insoweit hinaus, als sie die Forderung an die Gesellschaft beinhaltet, aktiv zur Entwicklung eines besseren Lebens aller ihrer Mitglieder beizutragen. Der Ansatz ist geeignet, Ungleichheit und Armut mehrdimensional unter Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren zu beschreiben und Zielsetzungen sowie deren Erreichung für gesellschaftliche Entwicklungen darzustellen. Aus diesem Grunde wird der Ansatz insbesondere in der Entwicklungspolitik sowie in Hinblick auf die soziale Gerechtigkeit zunehmend diskutiert und verwendet … Sen legt seinem Konzept einen differenzierten Freiheitsbegriff zugrunde.Freiheit ist ein intrinsischer Wert, weil sie es dem Menschen ermöglicht, selbstbestimmt zu leben. Sie umfasst neben der Abwesenheit von Hindernissen (negative Freiheit) vor allem auch die Möglichkeit, nach eigenen Wünschen zu handeln (positive Freiheit). Freiheit ist daher ein normatives Ziel, ein Zweck an sich. Eine Gesellschaft ist umso gerechter, je mehr ihre Mitglieder über Verwirklichungschancen verfügen. Das Normative liegt in dem Bestreben zur Integration von subjektiv vorhandenen und objektiv möglichen Bestimmungen des individuellen Lebens. Die Forderung nach positiven Freiheiten führt in der Praxis zur Forderung, konkrete Lebensumstände herzustellen.

Von der konstitutiven (grundsätzlichen) Funktion der Freiheit sind ihre instrumentellen Funktionen zu unterscheiden. Letztere dienen den Menschen als Mittel, den Grundwert der Freiheit und damit die Verwirklichungschancen sicherzustellen.

Zu den instrumentellen Freiheiten zählt Sen[

politische Freiheiten (Kritik, Widerspruch, Wahlrecht etc.) ökonomische Institutionen (Ressourcen, Bedingungen des Tausches, Verteilung) soziale Chancen (Bildung, Gesundheit) Transparenzgarantien (Pressefreiheit, Informationspflichten z. B. gegen Korruption) soziale Sicherheit (Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe, Mindestlöhne)

Laut Sen hängt die konstitutive Freiheit vom Umfang der instrumentellen Freiheit ab.

In der Politik hat diese Idee ihren Niederschlag in den Armuts- und Reichtumsberichten gefunden. Seit 2001 (Schröder) bis 2021 (Merkel) sind 6 dieser Berichte erschienen. Immer wieder haben Kritiker bemängelt, das die Regierung die Berichte geschönt, kritische Aussagen unterdrückt habe. Und tatsächlich klafft die Lücke zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, Massnahmen sind wirkungslos oder wurden gar nicht erst ergriffen.

Etwas mutiger war der frnzösische Präsident Sarkozy WIKIPEDIA: Die Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress (CMEPSP), nach ihren Leitern als Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission bezeichnet, war eine Experten­kom­mission, die im Auftrag der französischen Regierung unter Nicolas Sarkozy untersuchte, mit welchen Mitteln sich Wohlstand und sozialer Fortschritt messen ließen, ohne sich einseitig auf Einkommensgrößen wie das Bruttosozialprodukt zu stützen … Die Kommission betont, dass das Wohlbefinden (Well being) mehrdimensional zu bestimmen ist. Als Dimensionen, die nicht allein durch das Einkommen ausgedrückt werden können, nennt sie:

materieller Lebensstandard (Einkommen, Konsum, Vermögen) Gesundheit Bildung persönliche Tätigkeiten einschließlich Arbeit Politische Stimme und Governance Soziale Verbindungen und Beziehungen Umwelt (gegenwärtige und künftige Bedingungen) Unsicherheit (sowohl ökonomisch als auch physisch)

Dazu gab die Kommission 12 Empfehlungen ab

Empfehlung 1: Beim Messen des Wohlbefindens (well being) sollten das Einkommen und der Konsum erfasst werden anstelle der bisherigen Messung der Produktion.

Empfehlung 2: Stärkere Beachtung der Perspektive der Haushalte

Empfehlung 3: Berücksichtigung des Zusammenhangs von Einkommen und Konsum mit dem vorhandenen Vermögen

Empfehlung 4: Mehr Aufmerksamkeit auf die Einkommensverteilung, die Vermögensverteilung und den Verteilung von Konsum

Empfehlung 5: Erweiterung der Einkommensmaße auf informelle Tätigkeiten

Empfehlung 6: Die Lebensqualität hängt von den objektiven Bedingungen und den Verwirklichungschancen (englisch capabilities) der Menschen ab. Es sollten Schritte gemacht werden, um die Kennziffern über Gesundheit, Erziehung, persönliche Aktivitäten und Umweltbedingungen der Menschen zu verbessern. Vor allem sollten sich nennenswerte Bemühungen darauf richten, robuste und zuverlässige Kennziffern für soziale Verbindungen, politische Stimmrechte und Unsicherheit, die Aussagen über die Lebenszufriedenheit ermöglichen, zu entwickeln und einzuführen.

Empfehlung 7: Die Indikatoren zur Lebensqualität in allen angesprochenen Dimensionen sollen Ungleichheiten in einer verständlichen Weise bewerten.

Empfehlung 8: Die Studien sollten so ausgelegt werden, dass die Verbindungen der verschiedenen Bereiche der Lebensqualität für die einzelne Person bewertet werden kann, und diese Informationen sollten Eingang in die Gestaltung der Maßnahmen in den verschiedenen Feldern finden.

Empfehlung 9: Statistische Ämter sollten die benötigten Informationen so zur Verfügung stellen, dass die Querverbindung zwischen den verschiedenen Dimensionen der Lebensqualität zusammengefasst und die Bildung verschiedener Indizes ermöglicht wird.

Empfehlung 10: Sowohl objektive als auch subjektive Maße liefern Schlüsselinformationen über die Lebensqualität. Statistische Behörden sollten Erhebungen einrichten, die sich mit der Bewertung des Lebens, mit freudvollen (englisch hedonistic) Erfahrungen und Vorlieben der Menschen befassen.

Empfehlung 11: Die Bewertung der Nachhaltigkeit bedarf eines wohl-identifizierten Armaturenbretts an Indikatoren. Das unterscheidende Merkmal der Komponenten dieses Armaturenbretts sollte darin bestehen, dass sie als Abweichungen von einem bestehenden „Vorrat“ (englisch stock = vorhandene Vermögenswerte) interpretiert werden können. Ein monetärer Index der Nachhaltigkeit hat seinen Platz in einem solchen Armaturenbrett, aber nach dem derzeitigen Stand der Aussagefähigkeit (englisch state of the art) sollte er im wesentlichen auf die monetären Aspekte der Nachhaltigkeit konzentriert bleiben. Empfehlung 12: Der Umweltgesichtspunkt der Nachhaltigkeit benötigt eine gesonderte Folgeuntersuchung, basierend auf einer wohl ausgewählten Anzahl physikalischer Indikatoren. Vor allem besteht Bedarf für einen klaren Indikator, der die Nähe zu gefährlichen Graden der Umweltbelastung (zum Beispiel Klimawandel oder Überfischung) beschreibt.

Der Artikel in der WIKIPEDIA ist sehr ausführlich und lesenswert.

Was ist inzwischen passiert? Die Überlegungen sind in einen Weltentwicklungsbericht der Vereinten Nationen eingeflossen. Um die sehr differenzierten Messgrössen zu erfassen, fehlten vor 16 Jahren noch die technischen Voraussetzungen. Den politischen Willen, solche Massnahmen umzusetzen, traue ich dem französischen Präsidenten Macron zu.

(2) Heyer/Zeug)

Inzwischen können Computer die für ein solches Modell ao grossen Datenmengen erfassen und verarbeiten. In einem 20 Seiten kurzen Artikel Heyer/Zeug „Ökobilanz und Kybernetische Wirtschaftsplanung“ (Bertz&FISCHER 2024) habe ich gelesen, dass es inzwischen Programme gibt, die solch extrem differenzierten Daten und Verknüpfungen bewältigen können. Mehr dazu bei Zeug, Walter u.a.“A framework for implementing holistic and integrated life cycle sustainability assessmant of regional bioeconomy“ 2021. Mir selbst fehlt das Wissen, diese Ansätze zu beurteilen. Wenn sie bei Heyer/Zeug dazu dienen sollen, den auf Privateigentum basierenden Kapitalismus zu überwinden, können sie als Werkzeug auch der Stärkung unserer Demokratie dienen. Ob unsere Politiker das wollen und wagen, mag sich jeder selbst beantworten.

Zitat S. 282

Die Rahmengrössen können z.B. Rohstoffverbrauch pro Kopf, Höhe der Investitionen in ´s Bildungssystem oder jede beliebige andere Grösse sein. Das Modell rechnet die Auswirkungen der dezentral geplanten Massnahmen durch und zeigt Über- oder Unterschreitungen der Rahmenziele. Durch iterative Top-Down-Bottom-Up Läufe kann des Modell die optimale Kombination auswerfen. Vergleichsrechnungen, in denen die Zielgrössen variiert werden, können Realtime durchgeführt werden und dienen der Entscheidungshilfe auf den oberen und den unteren Ebenen. Das ähnelt faszienierend den Planungsmodellen, die ich in gut geführten Unternehmen eingeführt habe. Hier freilich um den Faktor 10 hoch 4 komplexer. Die enge Abstimmung aller Mitarbeiter war neben den informationstechnischen Voraussetzungen ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Unternehmensführung. Auch in der sogenannten freien Welt wird sehr viel mehr geplant als viele glauben. Einigkeit über die Ziele, klare Verantwortung für die Realisierung sind also wesentliche Erfolgs­fak­toren der Unternehmen. Freilich gibt es auch heute noch viele Manager, die sich gegen eine so starke Einbeziehung der Mitarbeiter sträuben. In der Politik herrscht der Kampf um die Ziele und die Erhaltung der Macht vor. Vielleicht auch, weil dort viele Juristen agieren, wortstark und auf bestehende Gesetzte pochend, aber weder mit der Steuerung von Unternehmen noch mit den Bedürfnissen der Menschen vertraut. Veränderungen werden da wohl eher als gefährlich angesehen. Ein gewaltiges Umdenken steht an.

(3) Thomas Piketti

Von einer anderen Seite her analysiert der Franzose Piketti die langfristige Entwicklung von Armut und Reichtum analysiert. In seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (KLETT 2014), sieht den Sprengstoff, der in dem ständig weiter auseinander klaffenden Spalt zwischen Arm und Reich liegt und empfiehlt unter anderem Investitionen in die Bildung, eine drastische Verschärfung der Einkommen-, Vermögens- und Erbschaftssteuern.

(4) Peter Dienel

Schliesslich könnte die uralte Idee der Genossenschaften eine Befreiung unserer Demokratie bewirken. Der Wuppertaler Professor P. Dienel hat ein Beratungs- und Partizipationsverfahren entwickelt, das eine breite Beteiligung der Bürger in Planungs- und Entscheidungsprozessen auf allen politischen Ebenen ermöglicht. Die Erfahrungen mit Dienels Verfahren sind gut, freilich wird es noch sehr punktuell eingesetzten

20-06-2024:

Ich habe weiter oben auf die Wohltaten hingewiesen, die man auch mit einer kleinen Spende für die Ein-Dollar-Brille bewirken kann. Hier der Jahresbericht: martin_aufmuth@eindollarbrille.de

21-06-2024:

Erbschaftssteuer in D: 2%:

27-06-2024:

Zwei Mal SÜDDEUTSCHE ZEITUNG:

SZ (1): Wie wichtig den Deutschen der Klimaschutz im Sommer 2024 ist? Tja, gelinde gesagt: Er war schon mal wichtiger. Kosten soll er sie jedenfalls nichts. So lassen sich die Ergeb­nisse einer Umfrage zusammenfassen, die das Meinungsforschungsinstitut Civey exklusiv für die SZ erhoben hat. „Wären Sie bereit, für mehr Klimaschutz auf einen Teil Ihres persönlichen Wohlstands zu verzichten?“, fragten die Marktforscher dafür rund 5000 Menschen in einer repräsentativen Online- Befragung. Mehr als zwei Drittel sagten demnach, sie würden „eher“ nicht oder „auf keinen Fall“ zum Wohle des Klimas finanzielle Abstriche machen. Nicht einmal jeder vierte Befragte war „eher“ oder „auf jeden Fall“ dazu bereit. Große Unterschiede zeigen sich, wenn man die Befragten nach Parteipräferenzen trennt. Bei den Grünen-Wählern gaben 79 Prozent der Befragten an, auf persönlichen Wohlstand verzichten zu wollen. Bei den Anhängern der AfD hingegen, jener Partei, die alle Klimaschutzgesetze abschaffen will, sind es gerade mal drei Prozent. So weit, so erwartbar. Überraschend aber ist, dass die Wähler von SPD, CDU/CSU und FDP mehrheitlich ebenfalls keine persönlichen Einbußen fürs Klimawohl in Kauf nehmen wollen. Unter den FDP- und Unionsanhängern ist dazu sogar nur jeder achte bereit. Am ehesten würden die Befragten demnach auf Kreuzfahrten oder Flugreisen verzichten, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Deshalb weniger Auto zu fahren oder weniger Fleisch zu essen, kommt den allermeisten hingegen nicht in den Sinn. Knapp 30 Prozent gaben sogar an, sie würden fürs Klima „auf nichts“ verzichten. Nach dem Motto:Wenn schon Klimaschutz, dann bitte ohne mich.

SZ (2): … Wir wissen heute, wie begrenzt unsere Möglichkeiten der Aufklärung sind. Wir kennen unsere Grenzen. Aber wir haben keine Wahl. Wir müssen den Kampf gegen Dummheit, Bosheit und Verblendung weiter­führen, egal ob hier oder anderswo. Und ich kann nur hoffen, dass wir in ein paar Jahren einmal sagen können: Was war das damals doch für eine besorgniserregende Zeit! Michael Brenner (Brenner ist Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU in München)

30-06-2024

Die alten Chinesen wussten das.

01-07-2024

Es gibt eine Partei, die Vieles von dem, was mir vorschwebt, in ihrem Programm hat:

Die Partei hat bei der jüngsten Europawahl 5,1% in den Niederlanden und 2,6 % bei uns errungen. Wer also eine vernünftige Alternative zu den regierenden Parteien sucht, hat hier eine gute Möglichkeit. Wer an Veränderungen interessiet ist, sollte das schon in der Kurzfassung über 14 Seiten hinweg sehr substantielle Programm von VOLT einmal studieren.

08-07-2024:
SZ: Um weitere Anschaffungen leisten zu können, halten Experten statt heute 52 Milliar­den Euro einen Verteidigungsetat von über 100 Milliarden jährlich für notwendig.

So schief liege ich mit meinen „Forderungen“ also gar nicht

Gute Nachrichten: In Frankreich hat das Husarenstück von Macron den prognostizierten Sieg der Ultrarechten verhindert. NYT: The left-wing New Popular Front came in first, with 178 seats, President Emmanuel Macron’s centrist coalition was in second place with 150 seats, and the National Rally, Marine Le Pen’s anti-immigrant party, and its allies took 142 seats. Wir sind sehr erleichtert. Das Ergbnis ist besser, als wir befürchtet hatten. Ein Sieg der Ultrarechten wurde noch einmal abgewendet. In dieser Hinsicht dürfte auch Macron zufrieden sein.

Dazu passt die AZ-Nachricht: Gedämpfte Hoffnung auf Wandel. Der neu gewählte Präsident des Irans forderte im Wahlkampf Reformen und bessere Bezie­hungen zum Westen. Doch was kann Massud Peseschkian wirklich bewirken?

Und schliesslich GB. SZ: Starmer will Wandel, aber bittet um Geduld Der neue britische Premier erklärt das Gesundheitssystem, die Wirtschaft und die überfüllten Gefängnisse zu Prioritäten. Seine Regierung stoppt außerdem die Abschiebepläne nach Ruanda

14-07-2024, 09´20 h:

Drei Eindrücken prägen sich mir ein: (a) Heute vor 235 Jahren begann mit dem Sturm auf die Bastille in Paris die Französische Revolution, die zunächst in Mord und Totschlag mündete, schliesslich aber doch die Grundwerte der europäischen und amerikanischen Kulturen prägte. (b) Im DLF höre ich Interpretetionen von Weinbergs Klaviertrio, aus dem Trauer und Verweiflung sprechen. Es ist eine schwere, meist bedrückende Musik, die nur vor dem Hintergrund des vom Naziterror verfolgten Juden verständlich wird. So ist es wohl immer die Seelenlage, die Stimmung des Komponisten und der Zuhörer, die letztlich bestimmen, was Eingang in die Ohren findet. (c) Gestern wurde Trump bei einer Wahlveranstaltung durch den Schuss eines Attentäters leicht verletzt. Seine Pose, blutüber­strömt trotzig die Faust zum Siegeszeichen zu recken, könnte die Waagschale zu lasten des schwächelnden Präsidenten Biden kipen lassen.

15-07-2024:

In der SZ finde ich ein lesenswertes Interview. Der Politologe Christian Strecker plädiert für Minderheitsregierungen, um den Stillstand grosser Koalitionen zu durchbrechen und die politischen Unterschiede klarer erkennbar werden zu lassen:

SZ:Was wäre die Alternative? Ein effizienteres Einkammersystem?

Strecker: Das sicher nicht – der Bundesrat hat ja seinen Sinn. Aber man könnte dort künftig relative Mehrheiten zulassen, um das Vetopotenzial zu entschärfen. Dann käme eine Enthaltung nicht mehr einer Nein-Stimme gleich. Wenn eine Partei ein Gesetz im Bundesrat verhindern wollte, müsste sie ihre Koalitionspartner in den Ländern für ein „Nein“ gewinnen.notwendig, die wiederum breiter Mehrheiten bedarf.

Man könnte alternativ überlegen, die politischen Praktiken zu modernisieren, um die Politik handlungsfähiger zu machen. Dafür bräuchte man keine GrundgesetzänderungEin Vorteil von Minderheitsre­gierungen liegt darin, dass sie für die Mehrheitssuche das gesamte Parlament einbeziehen. Wenn es innerhalb der Ampelregierung keinen Konsens gibt, ist das aktuell hinreichend für Stillstand. Wenn es keinen Koalitionszwang gäbe, könnte gemeinsam mit der Opposition in bestimmten Themenfeldern nach Lösungen gesucht werden.

SZ: Wären Sie optimistisch, dass so eine Herangehensweise die schwindende Akzeptanz unseres Systems wieder heben könnte? Mit Minderheitsregierungen gegen den Rechtsruck, quasi?

Strecker: Der Einigungszwang in ideologisch überdehnten Koalitionen verschleißt ja auch die Partner, weil sie bestimmte Kompromisse schwer verkauft kriegen. Bei wechselnden Mehrheiten wären auch die Profile einzelner Parteien wieder sichtbarer, was zumindest einen Teil des rechtspopulistischen Narrativs über nicht unterscheidbare Altparteien entkräften könnte.

SZ: Aber warum sollten etwa die Grünen und die SPD ihr Koalitionsveto in der Einwanderungspolitik aufgeben?

Strecker: Sie könnten sich im Bundestag, losgelöst von der Koalitionsdisziplin, klar gegen strengere Abschiebe­rege­lungen aussprechen und auch dagegen stimmen, anstatt hier einen Kompromiss auszuhandeln. Damit würden sie zwar in Kauf nehmen, dass sie verlieren. Aber den Wählerinnen und Wählern hätten sie klar gezeigt, welchen Standpunkt sie vertreten.

Und sie hätten sich mit dem Hinweis auf die fehlende parlamentarische Mehrheit als gute Demokraten gezeigt.

Eine Niederlage bei einer Abstimmung kann attraktiv sein, wenn dadurch das eigene Profil geschärft und auf monatelange Streitereien innerhalb der Koalition verzichtet wird. Es steht auch keinem Demokraten schlecht zu Gesicht, sich einer Mehrheit zu beugen.

SZ: Aber?

Strecker: Wenn man sich auf das Spiel wechselnder Mehrheiten einlässt, kann man schwerer kontrollieren, ob Mehrheiten nur mit Unterstützung der AfD zustande kommen.

Auf der anderen Seite könnten auch Mehrheiten gegen die AfD einfacher gebildet werden. Wir müssten uns nach den kommenden Landtagswahlen weniger mit der Frage beschäftigen, ob CDU mit BSW, Linken oder gar AfD eine Regierungskoalition eingehen. Es ginge vielmehr darum, bei welchen Themen welche Parteien gemeinsam mehrheitsfähig wären.

SZ: Trotzdem sind Minderheitsregierungen umstritten. Dänemark wird erstmals seit Jahrzehnten wieder von einer Mehrheitskoalition regiert.

Strecker: Minderheitsregierungen sind kein Allheilmittel. Was uns Länder wie Dänemark aber voraushaben, ist das Verständnis, dass es für verschiedene Sachfragen verschiedene Mehrheiten geben kann, die von unterschiedlichen Parteien getragen werden. Und noch etwas können wir von Staaten mit Minderheitsregierung lernen.

SZ: Das wäre?

Strecker: Dänemark hatte in den Achtzigerjahren unter Ministerpräsident Poul Schlüter eine Minderheits­regierung, die Abstimmungen verlor und trotzdem im Amt blieb. In Deutschland ist hingegen jede Regierung am Ende, wenn sie eine Abstimmung verliert.

SZ: Eine andere Möglichkeit, für Mehrheiten zu sorgen, wäre die Einführung eines Mehrheitswahlrechts nach dem britischem Prinzip The Winner Takes All.

Strecker: Das begünstigt große Parteien und kann die Vielfalt einer Gesellschaft nicht widerspiegeln. Wir sollten Pluralität nicht unterdrücken, sondern lernen, damit umzugehen.

SZ: Gäbe es eine bessere Lösung?

Strecker: Es gibt viele clevere Wahlsysteme, die man ausprobieren könnte. Bei einer Personenwahl, also beispielsweise der Erststimme bei Bundestagswahlen oder Bürgermeisterwahlen, wäre ranked choice eine Möglichkeit. Das hätte unter anderem den positiven Effekt, dass man echte Wahlkreissieger kürt und bei Bürgermeisterwahlen keine Stichwahl mehr nötig wäre.

SZ: Wie funktioniert das?

Strecker: Hierbei geben die Wählerinnen und Wähler nicht nur eine Stimme ab, sondern bringen die Kandidaten beziehungsweise Parteien in eine Reihenfolge. Beispielsweise könnte ein Anhänger der Linkspartei seine erste Präferenz einer Kandidatin der Linkspartei, die zweite Präferenz einem Vertreter der SPD und die dritte Präferenz einer Kandidatin der Grünen geben.

SZ: Danach wird ausgezählt.

Strecker: In der ersten Runde werden nur die ersten Präferenzen gezählt. Erreicht dabei niemand eine absolute Mehrheit, wird die Person mit den wenigsten Stimmen, zum Beispiel die Kandidatin der Linkspartei, gestrichen. Dann folgt eine zweite Auszählungsrunde.

SZ: In der werden dann die Zweitpräferenzen der Wähler der gestrichenen Partei berücksichtigt?

Strecker: Genau. Das hat den charmanten Nebeneffekt, dass man nicht strategisch wählen muss, da die Stimme nicht verschenkt ist, wenn der eigene Lieblingskandidat nicht gewinnt. Die eigene Stimme kommt dann eben einem, aus Sicht des Wählers, kleineren Übel zugute. Man kann dann so viele Auszählungsrunden durchführen, bis ein Kandidat die absolute Mehrheit erreicht hat.

SZ: Nützt das nicht der AfD?

Strecker: Im Gegenteil. Die blauen Karten der Wahlkreis­gewinner, die wir im Osten bei den Landtagswahlen sehen und sehen werden, würden der Vergangenheit angehören. Bei ranked choice hätte die AfD meist keine Chance, da sie eben meist keine absoluten Mehrheiten hinter sich vereinen kann. In Thüringen und Sachsen würde am Ende wohl häufig die CDU die Wahlkreise holen, weil linke Wähler am Ende doch lieber einen Kandidaten der CDU sähen. Ranked choice interessiert sich eben für die gesamte Präferenzstruktur.

SZ: Sie plädieren also für eine Änderung des Wahlrechts, für Minderheitsregierungen und die Einführung relativer Mehrheiten im Bundesrat.

Strecker: Ja, wenn die Politik bei der Bevölkerung die Akzeptanz für Demokratie erhöhen möchte, muss sie etwas wagen.

17-07-2024:

Zum Wohle des ganzen Volkes ??? Geld und Posten für altgediente Politiker, mit denen die Lobbyisten locken, lassen die Verantwortlichen immer wieder ihren Auftrag vergessen. Jüngste Beispiele dazu siehe unten.

Olearius ist einer der bekanntesten Cum-Ex-Akteure. Sein Vorgehen schlug auch in der Politik hohe Wellen. Aus seinen Tagebucheinträgen ging hervor, dass er sich 2016 und 2017 insgesamt dreimal mit dem späteren Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) getroffen hatte, als dieser noch Erster Bürgermeister von Hamburg gewesen war. Der genaue Inhalt der Treffen ist unklar. 

Fakt ist, dass die Hamburger Finanzbehörde danach eine Steuerforderung fallen ließ und die Ansprüche nach damaliger Rechtslage verjährten. Ein kausaler Zusammenhang zwischen den Treffen von Scholz mit Olearius und der Behördenentscheidung ist nicht erwiesen. Scholz schließt eine Einflussnahme aus, beruft sich bei der Frage nach dem genauen Inhalt der Gespräche aber auf Erinnerungslücken.

Muss man es nicht Korruption nennen, wenn wichtige Investitionen in unser aller Zukunft wegen kurzfristigem Eigennutz weniger Entscheider unterbleiben? Unser Thema ist immer noch DEMOKRATIE STÄRKEN ! Es gibt sehr viel mehr konkrete Möglichkeiten als wir uns eingestehen wollen.

22-07-2024:

Artikel in der SZ über ein sehr interessantes Buch zum Verhältnis Deutschland-China. Fakten, die man hier zu Lande eher mürrisch beiseite schiebt:

Es ist fast tragisch: Deutschland macht ständig Lippenbekenntnisse zu seiner Verantwortung für Europa und riskiert durch seine egoistische, kurzsichtige Politik, die EU zu zerstören. Das ist kein Ruhmesblatt für Merkel, Steinmeier, Scholz …

23-07-2024:

Reza Mosayebi schreibt in PRAE­FAK­TISCH überraschendes zu Kants Rassentheorie:Kant war aus zwei zusammenhängenden Grün­den gegen jede Rassenmischung: Nach seinem teleo­lo­gi­schen Narrativ sollten die einzelnen niedrigeren und höheren Rassen erhalten bleiben, eine Vermischung der Rassen aber löse sie voll­ständig auf (damit unterscheidet sich Kants Konzeption der Rassenmischung von der One-Drop-Rule), und führe zu einer Degradierung höherer Rassen (ÜGTP 8:166–67; BBMR 8:104–05; Anth 7:320; s. weiter etwa Refl 1520 15:878). Kant ging nämlich davon aus, dass bei der Vermischung allein die rassischen Nachteile vererbbar sind. Nach seiner Auffassung war somit die Entstehung von und Zugehörigkeit zu einer Rasse nicht nur irreversibel, sondern es sei auch nicht gut gewesen, verschiedene Rassen durch Mischung „zusammen[zu]schmelz[en]“ (Anth 7:320). Das hat eine, in der Literatur vernachlässigte, Kehrseite, nämlich Kants Argumente zugunsten der Mischung innerhalb der weißen Rasse (VvRM 2:430; ÜGTP 8:166–67). (Wohlgemerkt, Kant hat ein weites Verständnis der Weißheit, die zwischen Okziden­talischem und Oriental­ischem Schlag unter­scheidet, somit nicht auf Europäer*innen – Kant gendert nicht! – beschränkt ist, s. etwa Refl 1520, 15:879.) Auch dies beruht hauptsächlich auf zwei wichtigen Gründen: Die Weißen sind für ihn die überlegene Rasse (VvRM 2:440; ÜGTB 8:174; PG 9:316) und ihre innerrassische Diversität sorgt für die „Mannigfaltigkeit der Charaktere“ (ÜGTP 8:166), die er als Zweck der Natur für den Fortschritt der Kultur betrachtet (KU 5:431; Päd 9:449).

Doch was ist die Moral dieser Geschichte für heute? Um die moderne Rassentheorie und deren Rolle für den Rassismus zu verstehen, ist eine genaue und offene Untersuchung von Kants Rassentheorie unabdingbar. Weiterhin: Wie und aus welchen Gründen eine Rassentheorie die Mischung von „Rassen“ auffasst, verrät viel über diese Theorie selbst. So birgt die sog. One-Drop-Rule eine essentialistische Konzeption der Rasse in sich, welche (in der Regel) die Reinheit einer Rasse verteidigt. Ferner ist Kants eigener Dogmatismus, unter anderem bezüglich der Übertragung ausschließlich schlechter Eigen­schaften bei der Rassenmischung (etwa im Unterschied zu José Vasconcelos‘ Idee der Raza Cósmica, welche sich genau für die ent­ge­gen­gesetzte Richtung entscheidet, nämlich für die Akkumulation guter Eigenschaften in ge­mischten Rassen), mehr als überraschend. Kants teleologische Opposition zur Rassenmischung auf der einen und seine Befürwortung der Vermischung innerhalb der weißen Rasse auf der anderen Seite wollen letzten Endes die Frage klären, wer die wahren Akteure des kulturellen Fortschritts sind. In ihrer janusköpfigen Funktion diente „Rasse“ Kant dazu, in seiner Natur­geschichte zu erläutern, wie es dazu kommen konnte, dass Menschen dort sind, wo sie (kulturell) jetzt – das ist in der Aufklärungszeit – sind, und in seiner Geschichtsphilosophie trägt der Begriff dazu bei zu klären, wie Menschen dorthin gelangen, wo sie sein sollten …

Götz: Für mich persönlich ist Kant der wichtigste Philosoph. Über seine Rassentheorie wusste ich bis heute nichts. Sie beinhaltet prima vista genau das Gegenteil meiner Überzeugung. Ich meine: Nur durch die Mischung wird ein Rückschritt w. Inzucht vermieden. Und In der Mischung liegt die Chance zum Fortschritt. Die Haltung des Philosophen erkläre ich mir wie folgt (1) Der Königsberger stützte sich vor 250 Jahren auf Reise­berichte, die oft von Priestern oder Erobe­rern geschrieben wurden und die Einwohner der invadierten Gebiete zu Tieren oder Sachen herabwürdigten. (2) Kant hatte ein opti­mistisches Weltbild, in dem der Fortschritt letztlich siegte und bei der weissen Rasse lag. Schliesslich: der alte Kant hatte seine Vorurteile wie jeder von uns auch.

28-07-2024:

Ich habe mir den Roman MEPHISTO von Klaus Mann herunter geladen. Das Vorwort wirft ein Schlaglicht auf die vielleicht ver­zeihlichen menschlichen Verstrickungen deut­scher Künstler in der NS-Zeit und die unverzeih­lichen Sympathien deutscher Gerichte mit dem 3. Reich in der Nackkriegszeit. Aus dem Vorwort: Kontroverse und Verbotsgeschichte Der Roman sorgte bereits nach seiner Veröffentlichung für große Kontroversen. Gustaf Gründgens, ein berühmter deutscher Schauspieler, sah sich in der Figur des Hendrik Höfgen porträtiert und fühlte sich dadurch diffamiert. 1968 erreichte sein Adoptivsohn Peter Gorski ein Verbot des Romans in der Bundesrepublik Deutschland, welches 1971 vom Bundesverfassungsgericht bestätigt wurde. Das Verbot, das bis 1981 Wirkung zeigte, trug zur Legendenbildung um Gründgens bei und schürte das Interesse am Werk.

Erschienen als E-Book beim NULL-PAPER-VERLAG und für NULL € als Download erhältlich.

01-08-2024:

Aachener Zeitung: „Leben, als ob 1,7 Erden verfügbar wären An diesem Donnerstag ist laut Germanwatch Erdüberlastungstag. … Nach den Berechnungen des GFN sind die natürlichen Ressourcen in Deutschland bereits am 2. Mai verbraucht gewesen … „Jahrzehntelang hat die Erdüberlastung fast jedes Jahr zugenommen, seit knapp zehn Jahren pendelt sie nun auf hohem Niveau“, sagt der Politische Geschäftsführer, Christoph Bals. „Die gute Nachricht ist, dass der Wendepunkt erreicht zu sein scheint.“ Als Grund sieht er unter anderem den „weltweiten Siegeszug“ der erneuerbaren Energien, der Speichertechniken, der E-Mobilität und der Wärmepumpen. Diese und weitere Trends müssten stark beschleunigt werden, um Klimakipppunkte und massive weitere Artenverluste zu verhindern.“ So weit das Zitat.

Deutschland verbraucht also jährlich 3 Mal so viel von den natürliche Ressorcen, wie ihm zustünde. Wir leben also unseren Wohlstand auf Kosten der Ärmsten – eine Erkenntnis, die nicht neu ist, aber immer wieder vehement abgelehnt wird. Um es noch deutlicher zu machen: wir selbst mit unserem gehobenen Lebensstandard dürften das 5 oder 7 Fache des uns zustehenden Anteils der natürlichen Ressourcen verbrauchen. Das erklärt auch ein wenig, wieso sich gerade die Bessergestellten so gegen eine Veränderung der Verhältnisse wehren. Demokratie mit ihrem Kernwert Gerechtigkeit kann man eben nicht nur national sehen, sondern auch global.

Wir machen gerade eine Denkwoche Wie demokratisch ist Demokratie/Wie gerecht ist Gerechtigkeit? mit. Peter Felixberger leitet uns behutsam, aber zielstrebig und bestens vorbereitet durch das komplexe Thema. Seine Frau Angelika leitet jeden Morgen eine Yogastunde mit etlichen der Teilnehmer, und tagsüber bringt sie viele gute Ideen in unser Gedankenspiel zum Aufbau einer idealen Demokratie ein. Evtl. werde ich das Thema Erdüberlastung heute in den Kreis einbringen. Immer wieder kommt dort auch die Meinung auf „Wir mit unserem kleinen Anteil von1 % an der Erdbevölkerung können doch gar nichts bewirken“. Eine durchsichtige Ausrede, aber fatal falsche Aussage.

12-08-2024:

SZ von heute: „38 Billionen kostet die Erderhitzung – Jahr für Jahr … Stichwort Kosten, dies ist auch der Sommer, in dem der Klimawandel eine Rechnung schickt. Auf der werden mehrere Milliarden Euro stehen, denn Hitze ist teuer. Die Volkswirtschaft verliert, weil Menschen krank werden und behandelt werden müssen und weil sie weniger oder schlechter arbeiten. Weil Ernten ausbleiben und Flüsse austrocknen, die man als Transportwege braucht. Weil Straßen neu geteert werden müssen und Klimaanlagen Strom fressen. Hinzu kommen Überschwemmungen, Wald­brände und Hagelstürme, wegen der die Amerikaner nicht mehr nur von global warming, sondern von global weirding sprechen, weil die Wetterphänomene immer seltsamer werden. Nach jedem Desaster muss man aufräumen. Das kostet. Selbst wenn die CO²-Emissionen von heute an drastisch gesenkt würden, schrumpft die Weltwirtschaft wegen des Klimawandels bis 2050 um fast ein Fünftel, besagt eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Der volkswirtschaftliche Schaden: 38000000000000 Dollar. Pro Jahr wohl gemerkt.Damit sind diese sechsmal höher als die Kosten, die anfallen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen …

36 Billionen Dollar – pro Jahr. Eine 36 mit 12 Nullen dahinter. Oder rd. ein Drittel des Weltbruttospuialproduktes von heute, Jahr für Jahr. Und das, selbst wenn wir heute sofort alle Gegenmassnahmen einleiten würden. Diese „volkswirtschaftlichen Kosten“ berücksichtigen nicht das Leid der Klimaflüchtlinge und den Tod der vielen Millionen Menschen, die dem Klima­wandel zum Opfer fallen. Mein Resumee: Heute ist die Ideologie der unbegrenzten individuellen Freiheit und unser Egoismus der Reichen stärker als die Vernunft. Wie lnge noch?

TB und E-Mail vom 21-04-2024

Ich habe „Knife“ von Salman Rushdi gestern noch zu Ende gelesen. Ein star­kes, ausser­gewöhnliches Buch. Autobio­grafie, Dokumentation, Liebes­er­klärung, Fiktion, ge­schrieben von einem Mann, der bei einer mörderischen Messerattacke um ein Haar sein Leben verloren hätte. Dieses Buch hilft ihm, das Geschehene zu verarbeiten, den Anschlag auf sein Leben zu akzeptieren.

Immer wieder bricht auch der fabulierende Rushdi durch, dessen „Mitternachtskinder“ ich so sehr schätze, das ich aber wegen der selbst gesetzten Grenze von 500 Seiten meinen Freunden vom Literaturkreis nicht andienen konnte.

Liebe Bücherfreunde,

hier kommt meine Empfehlung für unseren Literaturkreis im Sommer. Es ist das neue Buch „Knife“ von Salaman Rushdi. Ich habe das Buch gestern gelesen und kann es guten Gewissens empfehlen. Nach den LK von Zora und Doris können wir einen Termin vereinbaren.

Ich wünsche euch einen friedlichen Sonntag euer Götz

19-05-2024

Nun lege ich erst einmal ein Sach- und ein Personenverzeichnis an. Ich hatte der Lisa das Buch zur Lektüre überlassen. Jetzt gerade arbeitet sie im Gelände, und so kann ich mir das Buch vornehmen.

12-08-2024

Ich habe KNIFE ein 2. Mal gelesen und durchgearbeitet. Auf eine Formel komprimiert könnte man sagen Liebe > Hass. Mancher wird das Buch eitel oder kitischig nennen. Ich halte es für ein grosses Werk, dass weit über die Beschreibung einer fast tödlichen Messerattacke hinaus geht. Grossartig sein fiktives Gespräch mit dem Attentäter (S. 174 ff), bewegend seine Trauer um schon dahin gegangene Kollegen S. 162 ff). Religion, Ukrainekrieg, sind Themen, die ihn bewegen, zu denen er klar Stellung bezieht. „Klar Stellung“ ist das Ergebnis seines eher tastenden Nachdenkens. „Wahrheiten“ sind ihm suspekt. Ach, da gibt es so viele Gedanken, am besten, man nimmt sich Zeit und liest das Buch in Ruhe selber.

13-08-2024

Nein, so schnell lässt mich das Buch nicht los. Es ist ein oft minutiöser Bericht über ein Attentat, und es ist ein Roman mit vielen fiktionalen Elementen, es ist autobiografisch ehrlich, und es ist weise. Rushdi ist etwa unser Jahrgang, 10 Jahre jünger als die Älteren unter uns im Literaturkreis, aber eben doch ein alter Mensch. Wie er dieses grässliche Attentat verarbeitet, mit welcher Hartnäckigkeit er Geschehen und Gefühle verfolgt, mit grosser Ruhe seine Haltung zu Religion und Fanatismus ausbreitet und zu dem Schluss gelangt, dass Leben und Liebe für den einzelnen Menschen das Stärkste sind, ein Geschenk, das man würigen muss, das stärkt auch uns. Im Buch lässt Rushdi seine grossen Vorbilder aus der Literatur Revue passieren, wie sie das Thema Liebe und Tod behandeln. Er betrauert die zeitgenössichen Romanciers, die so viel früher als er von der Bühne abgetreten, gestorben sind. Es ist ein Buch, das richtige Buch in unseren turbulenten Zeiten. Es spendet Orientierung, Optimismus und ist auch ein grosses Leseerlebnis.

SACHREGISTER

SEITE / SACHE / BEMERKUNGEN

Schriftsteller

Beckett, H. James, M. Pirsig, Th. Roosevelt, Shakespeare, Coleridge, Mahabarrata, N. Armstrong, I. Calvino, Marquez , Machado de Assis, Polanski, Philipp Pullmann, Kafka, Edward Albee, Günter Grass, Saul Bellow, John Updike, Cynthia Ozik, Grace Paley, Susan Sonntag, Nadine Gordimer, Ali Ahmed Esber, Hery de Montherlant, John Berryman, Voltaire, Rilke, Ali Baba, Safiya Sinclair, E.E. Cummings, Tracy K, Smith, Die Argo­nau­ten, Ingmar Bergmann, Elias Canetti, Tho­mas Paine, John Stuart Mill, Suzanne Nossel, Colum McCann, Kiran Desay, Paul Auster, A.M. Homes, Francesco Clemente, Meryl Streep, Kenneth Graham „Der Wind in den Weiden“,

(NEGATIV: John Berger, Germaine Greer, Jimmy Carter, Roald Dahl, Richard Littlejohn, Hugh Trevor-Roper)

PERSONENREGISTER Das spare ich hier aus.
So viele Namen hält der dankbare Rushdi fest, auch den des mutigen Feuerwehrmanns oder der freundlichen Taxifahrerin. R registriert auch die negativen Kommentare einiger Kollegen und Politiker. Nur den Namen des Attentäters spart er aus – mag er sich von den Huris trösten lassen, hier auf Erden soll er ein anonymes Nichts bleiben, wie er sein eigenes Leben weg geworfen hat.

15-08-2024

Ich war und bin der Über­zeu­gung, dass „eine der grossen Sünden der Indus­trie-Gesellschaft ist, frustrierte Mitarbeiter zu erzeugen“. So oder ähnlich habe ich es vor vielen Jahrzehnten formuliert und empfinde auch heute noch so. Damals haben mich die Ideen des Fredmund Malik überzeugt.

WIKIPEDIA u.a.: Fredmund Malik (* 1. September 1944 in Lustenau, Vorarlberg) ist ein österreichischer Wirtschaftswissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt Managementlehre sowie Inhaber und Leiter eines Management-Beratungsunternehmens in St. Gallen.

Malik verwendet unter anderem system­theoretische und kybernetische Ansätze zur Analyse und Gestaltung von Manage­ment­systemen. Er lehrte früher an der Universität St. Gallen und ist dort Titularprofessor für Betriebs­wirtschaft mit besonderer Berücksichtigung der Unternehmensführungslehre …

Als wesentliche Eigenschaften für Manager nennt Malik, soweit ich mich erinnere, fachliche Kompetenz, Glaub­würdigkeit, Vertrauen. Mein Versuch, Maliks komplexe Ideen hier gekürzt wiederzugeben, befriedigt mich nicht. Viel mehr ist zu lesen unter https://www.malik-management.com/de.

Bis heute finde ich nichts Besseres als Maliks Überlegungen, wohl Ergänzungen wie die Idee des Total Quality Managements (TQM), das bewusst jeden Mit­arbeiter in den Stand setzt, die Ziele des Unter­nehmens, seine eigene Ver­net­zungen und die Bedeutung seiner Arbeit zu erkennen. Freilich ist auch TQM in vielen Unternehmen zu einer lästigen Pflichtübung verkommen. Nicht vergessen will ich Frederik Vester, dessen Ideen des vernetzten Denkens und sein Buch „Denken-Lernen-Vergessen“ mich stark ange­sprochen haben.

07-09-2024:

Wie schwer es ist, eine negative Unternehmens­kultur umzukrempeln, zeigen z.B. die Unter­nehmen SIEMENS, VW, DAIMLER und DEUTSCHE BANK die ihre weltweiten Skandale aufarbeiten wollten und doch immer wieder in alte Fehler zurück fallen. Sollte so eine dauerhafte kulturelle Prägung nicht auch für eine gute Unternehmenskultur möglich sein ? Die Voraussetzung dafür: gute, glaubwürdige Mana­ger !

ZEIT 37/2024: »Viele Straftaten wären vermeidbar gewesen« Die Probleme sind wohl­bekannt, jetzt muss die Politik sie endlich lösen. drei Bürgermeister, was sie von der Regierung erwarten VON RYYAN ALSHEBL, BORIS PALMER UND RICHARD ARNOLD. Hier ihre Vorschläge:

1. Keine Integration ohne Identität. Es ist gefähr­lich, wenn wir nicht wissen, wer bei uns im Land ist.

2. Keine Manschetten bei der Identitäts­fest­stellung. Im Handy stecken alle Daten, um die Herkunft sicher zu beweisen. Sie sollten immer ausgelesen werden, wenn kein Pass vorgelegt wird. Die Altersfeststellung muss medizinisch erfolgen, wenn die Vorteile des besonderen Schutzes für Minderjährige ohne Pass reklamiert werden und der Augenschein daran zweifeln lässt. In den Herkunftsländern würde man über die Behaup­tung, ein Röntgenbild der Hand verletze Menschen­rechte, nur laut lachen.

3. Keine Wohnung für Straftäter. Wer regelmäßig mit dem mit Drogen handelt oder Gewalt verübt, hat keinen Platz in den Gemeinden. Diese Personen sind für 90 Pro­zent des Ärgers mit Geflüchteten verantwortlich. Sie müssen zurück in die Auf­nahme­stellen der Länder. Viele werden dann irgend­wann ausreisen, anderen kann man bei guer Führung eine zweite Chance geben.

4. Keine spanischen Wände in der Präventions­ar­beit. Integrationsmanager erfahren nichts von Straftaten ihrer Klienten. Straftäter erhalten weiter Unterstützung, als wäre nichts geschehen, es gibt nicht einmal Ermahnungen. Hinweise auf krimi­nelle Karrieren werden nicht verfolgt. Der Grund sind Datenschutzbedenken und ein falsches Ver­ständnis von Sozialarbeit als repressionsfreier Tätigkeit.

5. Kein Familiennachzug für Straftäter. Familien, die bereits vielfach mit Straftaten aufgefallen sind, dürfen nicht noch größer werden. Es hätte abschreckende Wirkung auf die Täter, wenn sie wüssten, dass die Familie dann nicht ins Land kommen kann.

6. Arbeit muss sich lohnen. Das Chancenauf­enthaltsgesetz geht in die richtige Richtung, aber wir erleben immer noch, dass Firmen wichtige Mitarbeiter durch Abschiebung verlieren und sich Arbeit nicht als Weg zum Aufenthaltsrecht erweist. Das muss aufhören. Wer schon mal hier ist, muss sich seinen Aufenthalt verdienen können.

7. Möglichst schnelle und vollständige Umsetzung der neuen gemeinsamen europäischen Asylpolitik und Durchführung der Asylverfahren an den Außen­grenzen. Allein reisende junge Männer müssen ohne Ausnahme durch dieses Verfahren gehen.

8. Abschiebungen müssen effektiver und kon­sequenter organisiert werden. Einmal klingeln reicht nicht. Wer untertaucht, muss zur Fahndung ausgeschrieben werden. Abschiebehaft muss immer dann möglich sein, wenn eine Ausreise anders nicht gelingt. Wenn Linienflüge nicht genutzt werden können, muss die Bundeswehr einspringen.

9. Kein Bleiberecht für Mörder. Abschiebungen für schwere Straftäter müssen nach Verbüßung der Haft in alle Herkunftsländer möglich sein, auch nach Syrien oder Afghanistan. Fälle wie der des Vergewaltigers von Illerkirchberg sind durch nichts zu rechtfertigen. Wer das Schicksal seiner Lands­leute fürchtet, muss in unserem Land von Ver­gewaltigung und Mord Abstand halten. Die Genfer Flüchtlingskonvention erlaubt diese Rück­führungen aus gutem Grund.

10. Rückbesinnung auf die Prinzipien des Asyl­rechts. Ob ein Mensch verfolgt wird und Schutz braucht, ist eine individuelle Frage, nicht in erster Linie die einer Staatsangehörigkeit. Wir sollten viel genauer hinschauen. Die Menschen, die zu uns kommen und Asyl beantragen, sind höchst unterschiedlich.

Götz: Das scheinen mir einige sehr vernünftige Vorschläge zu sein. Sie kommen von Bürgermeistern jeder couleur, von Politikern, die hautnah an den Problemen sind. Nicht Ideologie, sondern Realismus zählt.. Wie viel wäre gewonnen, wenn wir hier und anderswo den Mut hätten, hinzuschauen und zu handeln. Im ZEIT-Artikel, den ich hier nur im Auszug zitiere, sind viele Belege genannt, Beispiele, die mich in dieser Massierung noch einmal durchrütteln.

13-09-2024:

Die aktuelle Sonntagsfrage zeigt CDU/CSU mit 33% weit vor AFD (17,5 %), SPD (15%) GRÜNE (11%) und BSW (8%). Die FDP fliegt mit 4,5 % vermut­lich aus dem Parlament. (Diese Summen, wie auch die nachfolgenden) sind von mir überschlägig gerechnete Mittelwerte aus den Schätzungen der 8 Institute)

Gegenüber der letzten Bundestagswahl verliert die aktuelle Koalition fast 20%-Punkte und rd. 40% ihrer Wähler. Die aktuellen Streitereien über eine schärfere Begrenzung der Zuwanderung zeigt, dass keine der Koalitionen ein brauchbares Rezept hat. Stattdessen driften sie weiter nach rechts, vermutlich in der Hoffnung, der AFD Wähler abspenstig zu machen. Fatal. Wenn die EU wenigstens hier so eng zusammen rückte, wie sie es im Fall der Ukraine ist, könnte man an die extrem schwierigen Fragen herangehen, (a) wie man eigene, humane Grenzkontrollen einrichten könnte und (b) wie viele Menschen wir hinein lassen sollten. M.E besser 3 Millionen als 30.000 pro Jahr. (c) Auch bei dem zu erwartenden Andrang von Asylanten müsste man Kriterien der Beschränkung finden.

Ja, das steht uns alles bevor. Aber zunächst müssten wir die nahe liegenden praktischen Schritte unternehmen wie z.B. eigene Unrechts­hand­lungen in Afrika und Asien zu unterlassen bzw. zu ahnden. Aber selbst davon sind wir meilenweit entfernt.

26-09-2024

Wir sammeln Esskastanien, die unsere Bäume überreich abwerfen. Einiges von dem über- quellenden Reichtum verschenken wir an Freunde. Abends brutzeln wir in einer Pfanne in etwas Olivenöl gesalzte Maronenchips. Und ich koche eine Suppe nach eigenem Rezept:

08-10-2024

Im Sonntagsmagazin der AZ habe ich einen sachlichen Artikel zu den Damen Wagenknecht und Weidel gefunden. Jahrgang 1969 gegen 1979. Weidel ist mit 45 Jahren noch 10 Jahre jünger als Wagenknecht. Sie können uns noch 3 oder 4 Wahlperioden reizen. Wagenknecht spielt ihre Fachkenntnis+ Analysen aus, Weidel ist kälter, aggressiver bis zum bisher nicht Sagbaren. Beide wurden in Wirtschaftswissenschaft mit „magna cum laude“ promoviert.

Ich habe zum Foto der beiden Kanzlerkandi­datinnen eine dritte Dame montiert: die Men­schenfresserin des japanischen Zeichners Hoku­sei. Ich finde, meine Montage ist ganz gut gelungen

24-10-2024

In der SZ wird das neue Buch von Cemile Sahin sehr positiv besprochen. WIKIPEDIA: Cemile Sahin (kurdisch Cemîla Şahîn) (* 1990 in Wiesbaden) ist eine kurdisch-alevitische Künstlerin. Sahin arbeitet mit Bildern und Geschichten, die sie mittels Film, Fotografie, Skulptur, Collage und anderen Medien neu inszeniert. In ihrer Arbeit mit verschiedensten Medien setzt sie sich kritisch mit der Instrumentalisierung von Medien und der Bedeutung unterschiedlicher Perspektiven für die Geschichtsschreibung auseinander, zudem mit der Frage der Veränderung der Geschichte und ihrer Erzählung durch Konstruktion aus verschiedenen – oder sogar widersprüchlichen – Blickwinkeln.

Tatsächlich immer wieder umwerfend witzig. Und traurig zugleich, da es von den Problemen der Kurden in der Türkei und hier in D handelt.

Und gleich noch ein Buchtipp:

Der Titel knüpft direkt an „Die Achse des Bösen“ an, das G.W. Bush seinerzeit bellizistisch benutzte. Das waren für ihn Nordkorea, Iran und Iraq. Der Originaltitel ist „Atocrazy“. Der SIEDLER-Verlag hat ihn populistisch aufgemotzt. Klappentext im Buch: Autokratische Herr-schaft besteht im 21. Jahrhundert nicht länger nur aus einem Tyrannen an der Spitze, der mit Gewalt sein Volk unterdrückt: Heute werden Autokratien durch ausgeklügelte Netzwerke geführt, es hat sich eine neue internationale autokratische Allianz gebildet, wie Bestseller-autorin Anne Applebaum in ihrem neuen Buch zeigt. Von China bis Weißrussland, von Syrien bis Russland unterstützen sich Autokraten von heute gegenseitig mit Ressourcen und Equip-ment made in Iran, Myanmar oder Venezuela: von Propaganda-Trollfarmen und Bots über Investitionsmöglichkeiten für ihre korrupten Staatsunternehmen bis hin zum Austausch modernster Überwachungstechnologien. Applebaum offenbart, wie die Diktatoren der Welt hinter den Kulissen zusammenarbeiten und sich mit aggressiven Taktiken gegenseitig Sicher-heit und Straffreiheit verschaffen. Und sie macht deutlich, wie diese autokratische Allianz unsere Demokratie untergräbt.

26-10-2024

Ein altes Spottgedicht von Li Bo über Politiker:

Spottverse auf die Konfuzianer in Lu

Vermutlich 727 entstanden. Lu, die Heimatregion von Konfuzius (551– 79 v. Chr.), liegt in der heutigen Provinz Shandong; hier fließt auch der Wen. Die fünf kanonischen Schriften umfassen das Yijing , das Shijing, das Shangshu , das Chunqiu und das Liji . Li Si stand von 246 bis 208 v. Chr. an der Spitze der Reichsverwaltung. Der 188 v. Chr. verstorbene Shusun Tong war Berater von Gaozu, dem Gründungskaiser (reg. 202–196 v. Chr.) der darauf folgenden Dynastie Han.

29-10-2024

E-Mail von Kalle: Ihr Lieben, Aktuell heute im Radio: Oxfam-Bericht: 50 Superreiche befeuern die Erderhitzung – Nachrichten – WDR Es ist noch schlimmer, als ich bisher angenommen habe. Mit lieben Grüßen Kalle

Erderhitzung: Privatjets, Yachten, klimaschäd­liche Investitionen – laut Oxfam treiben vor allem Reiche den Klimawandel voran. Der Bericht „Carbon Inequality Kills“ (Kohlenstoff-Ungleichheit tötet) ist eindeutig: Die Superreichen haben demnach einen enormen Anteil am Aufheizen der Erde. In 90 Minuten stoßen die reichsten 50 Milliardäre mehr CO2 aus als der weltweite Durchschnitt in seinem ganzen Leben, rechnet Oxfam vor. Die Entwicklungs- organisation will zwei Wochen vor der Klimakonferenz in Baku auf das Thema aufmerksam machen.

Allein der Privatjet von Elon Musk, reichster Mann der Welt, stößt demnach so viel klimaschädliche Emissionen aus, wie ein Durchschnittsmensch in 834 Jahren. Würde jeder Mensch so leben, wie die 50 Superreichsten, wäre das Ziel, die Erhitzung der Erde auf 1,5 Grad zu begrenzen, nach bereits zwei Tagen unerreichbar, so Oxfam.

So plakativ die Ergebnisse der Untersuchung daher­kommen, so decken sie sich mit anderen Studien zum Anteil von Reichen und Superreichen am weltweiten CO2-Ausstoß. Der Think-Tank „World Inequality Lab“ kommt in einem Bericht von 2023 zum Schluss, dass die reichsten 1 Prozent mehr Emissionen ausstoßen als die gesamte untere Hälfte der Weltbevölkerung.

Für Deutschland hat das Deutsche Institut für Wirt­schafts­forschung berechnet, dass die reichsten zehn Prozent einen doppelt so hohen CO2-Fußabdruck haben, wie die ärmsten zehn Prozent. Vor allem Flüge und Wohnen fallen dabei ins Gewicht. Hans Haake vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie überraschen die Ergebnisse der Oxfam-Studie nicht … Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung kommt in seinem Bericht zu dem Schluss: Um den deutschen CO2-Ausstoß zu senken, müssen alle mit einbezogen werden. Als Maßnahmen schlägt es ein Verbot für Inlandsflüge, Anreize für weniger Fleischkonsum und eine Wärmedämmstrategie vor, um Wohnungen energie­effizienter zu machen.

Oxfam fordert eine weltweite Reichensteuer, um die Folgen des Klimawandels für den globalen Süden zu bezahlen, hohe Steuern oder Verbote für Yachten und Privatjets und ein gerechtes, nachhaltiges Wirtschafts­system. Diskutieren sollen die Regierungen das dann in zwei Wochen, so Oxford – bei der 29. Weltklimakonferenz in Baku.

Mein Re: Danke Kalle, plakativer kann man das kaum ausdrücken. Trotzdem glaube ich nicht, dass auf der Klimakonferenz in Baku wirksame Beschlüsse fallen werden. Ein Teil der Grossindustrie und der Superreichen fordert längst höhere Steuern und Verbote. Aber die Beharrungskräfte scheinen stärker zu sein. Dazu gehören nicht nur industrielle  Profit- interessen, sondern auch korrupte Dummköpfe wie unser Finanzminister. Eine unglückliche Gemengelage.

Du hast es vermutlich gehört: die liberale WASHINGTON POST stellt ihre bisherige Wahl- empfehlung für die Demokraten ein. Das ist so kurz vor der Kopf- an Kopfwahl eine Karte, die Trump wohl im Ärmel hatte. Mit einem Ja oder Nein seiner Werbeaufträge kann er ein Wirtschaftsunternehmen, das die WP ja auch ist, leicht erpressen. Fatal …  Liebe Grüsse   dein Götz

02-11-2024

„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.”

Seneca, *etwa im Jahre1-65 n. Chr., römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Politiker

03-11-2024

Hans Ticha: „turniertänzer“.


WIKIPEDIA: Hans Ticha (* 2. September 1940 in Bodenbach) ist ein deutscher Maler, Grafiker und Buchillustrator.

Götz: Ich liebe seine Illustrationen zu dem Buch „Der Krieg mit den Molchen“, das Karel Capek 1936 schrieb. Von dem Tschechen stammt auch das Kunstwort „Roboter“.

Leider nur noch antiquarisch und sehr teuer zu kaufen.

__________________________________________________________

Ich lese weiter in Rob van Essens „Der gute Sohn“, eine sehr gekonnte, aber neue Mischung aus Utopie, Krimi und Biografie. Der „Plotlose Krimi“ ist in dem guten All- tagsdeutsch eines gebildeten, uneitlen Mannes geschrieben. (Eine starke Übersetzung aus dem Niederländischen). Dem Ajax ähnlich, aber doch ganz anders. Das Buch zieht mich in seinen Bann. Der Verlag zum Buch:

Die nahe Zukunft: Zwei 60-jährige Männer begeben sich auf eine geheimnisvolle Mission, deren wahren Zweck nur einer von beiden kennt. Der andere, ein zwischen Meditations- kurs und Groll gefangener Schriftsteller, hat vor Kurzem seine Mutter begraben. So beginnt kurzerhand eine kuriose Reise durch eine Welt, die sich für uns genauso ungewohnt an- fühlt wie für den gealterten Erzähler: eine Welt mit be­dingungs­losem Grundeinkommen, gesprä­chigen selbst­fahrenden Autos und ironischen Robotern. Gleich­zeitig beginnt eine Reise in die Ver­gangenheit eines Sohnes, der nach dem Tod seiner Mutter Bilanz zieht. Die Fahrt ins Ungewisse wird letztendlich zu einer Suche nach der Kompatibilität von Ver- gangenheit, Gegen­wart und Zukunft.

Der gute Sohn ist ein Buch voller bizarrer Begebenheiten und unerwarteter Wendungen. Es ist Dystopie, Thriller, autobiografisches Zeugnis und absurder Road-Novel zugleich. Noch nie wurden existenzielle Themen wie Tod, Altern, Erinnern und Vergessen mit solch sprudelnder Leichtigkeit und solch trockenem Witz behandelt.

04-11-2024

Nettozahler und Nettorempfänger in der EU in 2023: Immer wieder interessant: Deutsch­land ist mit 17,4 Mrd. € grösster Nettozahler, Polen mit 8,1 Mrd. grösster Nettoempfänger. Italien ist nach Frankreich dritt­grösster Ein­zahler, Spanien, das lange den Löwenanteil an den Ausgleichszahlungen hielt, ist praktisch ausgeglichen. Unter den Nettoempfängern ragen die Putinfreunde befremdlich heraus. Was finanzieren wir da ?

MITTWOCH 06-11-2024 08´12 h: 265:194 steht es nach einer langen Wahlnacht für die Republikaner, Trumps Sieg scheint sicher zu sein. Die Republikaner werden voraussichtlich auch die Mehrheit in Senat und Reprä­sen­tantenhaus haben. Trump wird seine Gesetze problemlos durch- bringen können. Das sind keine guten Nachrichten für Europa, zumal Deutschland seit Jahren wie gelähmt ist, in Koalitionsstreitereien befangen und mit einem Kanzler, der eine Führungs- rolle in der EU ablehnt, aber den Franzosen Macron mit dessen Streben nach mehr Europa brüs­kiert. Ein Friedenskanzler, Zeitenwende? Der Frieden steht eher auf der Kippe, die Zeiten­wende verschlafen wir. Egal ob Harris oder Trump: nun werden wir wachgerüttelt und beiseite geschoben.

Um das Positive zu sehen: wir müssen handeln, investieren, können uns nicht mehr auf das transatlantische Bündnis und die USA verlassen. Oder, um es besser zu sagen, wir werden endlich unsere ureigene Sache selbst in die Hand nehmen. Ausserdem erspart der uner- wartet klare Sieg von Trump den USA vielleicht einen endlosen Streit über Wahlbetrug oder sogar eine Art Bürgerkrieg.

Anfang November hatte ich meinem Freund Kalle eine Kolumne des SZ-Autors Prantl gemailt, die sich mit der Wahl in den USA beschäftigt:

“ … Am kommenden Dienstag, am 6. November, wird in den USA gewählt. Sollte Donald Trump wiedergewählt werden, ist das Anlass für internationale Trauer und für globales Entsetzen.  Trauer und Entsetzen gelten der Tatsache, die vor Trump kaum jemand für möglich hielt: dass man mit haarsträubenden Lügen nicht nur einmal, sondern gar zweimal Präsident werden kann. 

Ein großer internationaler Trauertag  Die Lüge war und ist für Trump das Mittel für den Machterwerb. Schwindel, Betrug, Fälschung, Unverschämtheiten: Das alles hat es seit jeher in der großen und kleinen Politik immer wieder gegeben – aber selten so dreist, so unverfroren, so alltäglich und drecksfrech wie bei Trump.  Zwar hat schon Niccolò Machiavelli vor fünfhundert Jahren das Lob der Lüge gesungen. Er war der politische Philosoph, der lehrte, dass zur Erlangung oder Erhaltung politischer Macht jedes Mittel erlaubt sei, unabhängig von Recht und Moral: Wer ein großer Mann werden wolle, der müsse ein „gran simulatore e dissimulatore“ werden, ein großer Lügner und Heuchler.

Man hatte bisher gedacht, das sei in Demokratien anders, man hatte gedacht, dass in Demo- kratien die Lüge den Lügner immer schneller einholt. Trump widerlegt diese These. Dem Mann gebührt nicht die Wiederwahl, sondern die Verdammung seines Angedenkens. Aber einen gewissen Dank hat sich der Trampler Trump verdient: Er hat den bequemen Glauben daran zerstört, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in den Kernstaaten der sogenannten freien Welt sich, und sei es auch langsam, quasi weiterentwickeln. Wir lernen mit Trump: Das Sichergeglaubte ist nicht sicher, weil Aufklärung nicht ein einmaliges und dann bleibendes Ereignis darstellt. Aufklärung ist immer notwendig. Wie notwendig sie ist, zeigt die Faszination, die ein Diplom-Lügner wie Trump auf eine Vielzahl von Wählerinnen und Wählern ausübt. Vor 240 Jahren, im September 1784, hat Immanuel Kant einen seiner berühmtesten Sätze zu Papier gebracht: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“.  Der Hype um Trump zeigt, wie wichtig dieser Ausgang noch und gerade im Herbst 2024 ist
„.

So weit Prantl. Die Antwort von Kalle:

Lieber Götz, Vielen Dank für den guten Prantl! Auf der Diktatorenseite haben wir den kriminellen, intelligenten Psychopathen und Massenmörder P., auf der demokratisch Seite  den kriminellen, faulen und narzisstischen Vollidioten T. Der IQ-Abstand zwischen den Beiden beträgt geschätzte 100 Punkte. T. hat trotz (oder gerade wegen?) seiner stark eingeschränkten kognitiven Möglichkeiten eine große Wählerschaft mit den Schwerpunkten „Alte-weiße-Männer „und „fundamentalistische Evangelikaler“. Die meisten seiner Wähler werden vermutlich dümmliche Männer sein, die meisten Frauen werden intelligenter sein und (hoffentlich) H. wählen. Sollte T. wieder Präsident werden, wird er, wie in seiner ersten Amtszeit, hauptsächlich Golf spielen und zwischendurch in etwa das machen, was seine Berater ihm sagen. Wie eine Demokratie so auf den Hund kommen kann ist schier unbegreiflich. Mit lieben Grüßen dein Kalle

Eine originelle Sicht, die ich kaum teilen kann. Ich denke, Trump ist kein tumbes Werkzeug, sondern ein böser Egomane und sehr geschickter Populist. Die vieln US-Amerikaner, die ihn wählen, tun das nicht aus Dummheit, ondern weil er sie mit seinen einfachen Botschaften erreicht, während die intellektuelle Harris zwar die Sympathie der Europäer hat, aber in den USA bei vielen als Kommunistin gilt oder für ein Establishment steht, von dem viele Menschen enttäuscht sind. En va voir.

11-11-2024 TB 09 ´29 h:

Scholz träge sinngemäß: „Nun gut, wenn sich Müzenich und Merz auf einen Termin vor Weihnachten einigen können, werde ich die Vertrauensfrage früher stellen“.

Ein nicht geringes Problem: die Parteien haben ihre Kandidaten für die Landeslisten noch nicht aufgestellt, Wagenknecht hat nicht einmal alle Landesverbände zusammen. Das kann ja lustig werden. Worauf haben die denn noch gewartet in dieser Situation?

Warten, Abwarten ist in einem viel wichtigeren Bereich das fatale Motto: auf der in einer Woche beginnende Klimakonferenz in Baku. (a) Nach Doha wird diese Klimakonferenz wieder von einem Ölmanager geleitet. Was kann da heraus kommen? (b) Ausserdem werden die USA unter Trump im Januar 2025 das Klimaschutzabkommen verlassen (c) Frau van der Leyen als Vertreterin Europas wird gar nicht zur Konferenz anreist, zumal sie nicht bereit ist, wenigstens bei diesem Thema die Vorreiterrolle zu über­nehmen (d) die oberste Führungsriege aus D, F, NL und I der Konferenz fern bleibt, da ihre Vertreter andere Sorgen haben.

Unsere Aussenministerin, Frau Baerbock, wird unverdrossen Klartext reden und sehr viel mehr an Investitionen fordern, aber wen kann sie in dieser Situation mitreissen? Interessant wäre jetzt zu wissen, wie Merz sich zu diesen Fragen stellt. Aber es ist durchaus nicht sicher, dass CDU/CSU ihn zum Kanzlerkandidaten küren oder Pistorius, zur Zeit den mit Abstand beliebtesten Bundes-Politiker Deutschlands. Mit einem „weiter so“ geht es schon lange nicht mehr. Ob die nun sehr zugespitzte Situation den nötigen Ruck bewirken kann? Hoffen wir ´s !

18´16 h: Ich greife mir aus dem Bücherregal ein Buch heraus. Es ist von Barbara Tuchman „Die Torheit der Regierenden“. Die US-amerikanische Historikerin hat eine Reihe von Büchern geschrieben, die unsere Vergangenheit der letzten 3.000 Jahre auf ´s Lebendigste Revue passieren lassen. In der „Torheit“ untersucht sie die Frage, warum Politiker so oft gegen das eigene Interesse handeln und jede vernünftige Einsicht ablehnen. Tuchman unterscheidet 4 Arten der Missregierung, nämlich (1) Tyrannei (2) Selbstüberhebung (3) Unfähigkeit oder Dekadenz und (4) Torheit oder Starrsinn. Ihre Untersuchung gilt nur dieer letzgenannten Form: der Torheit. Dazu sagt sie einleitend:

Tuchman hat wunderbare Bücher geschrieben. „Die Torheit“ untermalt unser Anliegen, umzudenken und die Demokratie zu stärken, am besten. Das Buch hat sie 1984 veröffentlich, und es ist denkbar aktuell.

15-11-2024

Ein hervorragender Service der NYT:

Hier gibt es Fotos der Personen und eine kurze Beschreibung über Laufbahn und politische Haltung. Updates, sobald neue Personen berufen werden. Es ist längst klar, dass Trump nicht mehr an der Leine von elder statesmen im Hintegrund agiert, sondern selbstbewusst bis provozierend seine Leute bestimmt.

21-11-2024

In Andreas Reckwitz „Verlust“ finde ich einen Spruch von S. Beckett: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

22-11-2024

Das UMWELTINSTITUT MÜNCHEN gibt uns Fakten zur Widerlegung von Mythen zur Klimakrise und zur Energiewende an die Hand. Ein Beispiel von 18 Mythen:

Ein einzelnes Land oder eine einzelne Person kann etwas gegen den Klimawandel ausrichten

Die Behauptung, dass ein einzelnes Land wie Deutschland nichts gegen den Klimawandel ausrichten kann, erscheint vorerst logisch, da der Klimawandel ein globales Problem ist und kollektives Handeln erfordert. Dennoch gibt es mehrere Gründe, warum Deutschland eine bedeutende Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielen kann und sollte.

Ein Land, das sich entschieden für den Klimaschutz einsetzt, kann eine Vorbildfunktion für andere Länder übernehmen. Indem zum Beispiel Deutschland diese Rolle übernimmt und ehrgeizige Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen ergreift, kann es andere Länder inspirieren und motivieren, ähnliche Schritte zu unternehmen. Dies kann zu einem dominoartigen Effekt führen, bei dem immer mehr Länder ihre Anstrengungen verstärken, um den Klimawandel einzudämmen. So können beispielsweise internationale Abkommen wie das Pariser Klimaabkommen abgeschlossen werden, die mehrere Nationen dazu verpflichten, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Dasselbe gilt natürlich auch für die Aussage, eine einzelne Person könne nichts gegen den Klimawandel ausrichten. Der Klimawandel erfordert Maßnahmen auf allen Ebenen, von der Regierungspolitik bis hin zu individuellem Verhalten. Jeder Beitrag zählt, sei es durch Energiesparen, nachhaltige Mobilität, Vermeidung von Abfall, oder politisches Engagement. Auch einzelne Personen können durch ihre Handlungen Einfluss auf Regierungen, Unternehmen und Mitmenschen nehmen und diese inspirieren oder motivieren.

Individuen und Länder, die sich für den Klimaschutz engagieren, können auch Innovationen vorantreiben. Deutschland ist beispielsweise bekannt für seine Bemühungen im Bereich erneuerbare Energien und umweltfreundliche Technologien. Durch Investitionen in Forschung un Entwicklung können neue Lösungen und Technologien entstehen, die nicht nur dem Land selbst zugutekommen, sondern auch anderen Ländern dabei helfen, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

Auch wenn ein einzelnes Land oder eine einzelne Person nicht den gesamten Klimawandel stoppen kann, trägt jede:r eine Verantwortung, einen Teil beizutragen, um die Auswirkungen zu minimieren und zukünftige Generationen zu schützen. Durch gemeinsame Anstrengungen können wir einen Unterschied machen und eine lebenswerte Zukunft für alle sicherstellen. Jeder Beitrag, egal wie klein, ist wichtig …

Quelle: https://umweltinstitut.org/energie-und-klima/ faktencheck-klimakrise-und-energiewende

23-11-2024:

E-Mail an eine befreundete Malerin, die uns am Abend zuvor eingeladen hatte: „Liebe Freundin, … Wir haben neben anderen Themen auch über Politik geredet. Du fragtest „Was kann man denn überhaupt noch wählen? CDU/CSU, SPD und GRÜNE scheiden nach dem Desaster in der Koalition aus, bei FDP wird einem jetzt übel“. Wir haben dann zusammen ein bisschen im Internet gestöbert, du hast dich in das Programm von VOLT hineingelesen und in meinen Blog demokratiestärkenwastun. blog. Ich habe jetzt noch einmal im WAHL-O-MAT gestöbert. Für die anstehende Wahl ist der noch nicht präpariert. Aber zur Wahl zum Europaparlament 2024 sind 36 Parteien aufgeführt. Ich habe versucht heraus zu finden, welche Partei sich am stärksten für unser Thema „Kultur“ einsetzt. Die Antworten nennen AFD und CDU/CSU als kulturfeindliche Parteien. Für die obskursten Themen gibt es Parteien, für Hunde, Tierrechte im Grundgesetz, Marxisten etc. Aber für Kultur ist in den Programmen kein Platz. So bleibt neben den GRÜNEN nur VOLT. Ich bin selbst überrascht. Wenn konservativ das Erhalten von Werten meint, sind es doch gerade die Kulturgüter, die uns an die guten Seiten unserer Vergangenheit erinnern und auf die Zukunft vorbereiten. Aber da ist völlige Fehlanzeige. Wir sind halt elende Materialisten :-)).

24-11-2024:

unbekannter Maler

TB 27-11-2024, 12´09 h:

Karl Heinz Bohrers Buch „Selbst­denker und Systemdenker“ wurde mir schnell zum Ärgernis. Irrtümlich glaubt ich, das Buch handle von kreativen Geisern, die sich gegen die „herrschende Lehre“ durch setzen. Weit gefehlt. Ausgerechnet den schwurbelnden Heidegger nennt er als unabhängigen, innovatorischen Denker, und als Prototyp anderer Art lobt er den schwatzhaften Montaigne. Das seien Selbstdenker. Kant dagegen zählt er zu den Systemdenkern, denen er in der gewählten Gegenüberstellung implizit das selbständige Denken abspricht. Und so ziehen sich diese Wideraprüche durch alle Kapitel. Bohrer ersäuft in Zitaten aus der Ideengeschichte und verwechselt das mit Denken.

Ein Beispiel. Bohrer schreibt „Max Webers Sicht auf ene tragische Moderne, seine Auf- fassung von der „sinnlosen Unendlichkeit des Weltge­sche­hens“ war nach dem ersten Weltkrieg und seinem Bedürfnis nach Erlösung gewiss nicht das Wort der Stunde“.

Götz: Bohrer redet ganz so, als wären Trost und Besänftigung die ersten Aufgaben von Soziologie und Philosophie. Ich meine, wann sonst, wenn nicht nach dem Gemetzel des ersten Weltkrieges, das ja ein trauriger Höhepunkt in Jahrhunderten von Kriegen, Gewalt und Unterdückung in Europa war, hätte man denn zu diesem pessimistischen Resultat kommen sollen?
Ob der opti­misti­sche Kant oder der pessimistische Weber recht haben oder ob es letztlich ein zielloses Schwan­ken zwischen Vernunft und Unvernunft, zwi­schen Gut und Böse sei, werden wir wohl nie sicher wissen. Wir können nur an das eine oder das andere glauben, darauf bauen. Brand­marken sollte man keine der Auf­fassungen.
Mir bringen Bücher wie das von Bohrer, der in seinen Zitaten ersäuft, nichts.

Wer war dieser Bohrer? WIKIPEDIA: Von 1966 bis 1982 gehörte er der Feuilletonredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an und leitete ab 1968 deren Literaturressort. 1974 wurde er in dieser Funktion durch Marcel Reich-Ranicki abgelöst, der später über seinen Vorgänger Bohrer sagte, dieser habe den Literaturteil „mit dem Rücken zum Publikum redigiert“. Nach einer Pause von einem Jahr ging Bohrer dann 1975 für die FAZ als Korrespondent nach London … Ich kannte Ranickis harsches Urteil nicht, habe meine ganz ähnliche Meinung über Bohrers Buch oben einigermassen begründet.

06-12-2024:

In der aktuellen SZ lese ich über unsere Hausnachbarn, Stephanie Schäfer und Eckhard Schulz. Wir kennen sie seit langem als grosszügige Spender von Parkbänken, Sanierung von Parkanlagen, Förderung von Studenten und Lehrstühlen. Jetzt aber haben sie den Karlspreis der Stadt Aachen, der jährlich verliehen, aber bisher undotiert war, mit 1 Mio. € pro Jahr ausgestattet. Zitat aus der SZ von heute: „… Die Idee, den Karlspreis zu fördern, kam beiden spontan. Aus Ärger. Das war im Oktober 2021: Da erhielt Rumäniens Präsident Klaus Johannis den Karlspreis – und Schulz vermisste beim Festakt genügend erstrangige Repräsentanten der Republik. „Das hat mich erschüttert“, sagt er. Noch größer war der Affront der Berliner Politik zwei Jahre zuvor gewesen, als UN-Generalsekretär António Guterres ausgezeichnet wurde: Keiner Kanzlerin, keinem Minister war Aachen eine Reise wert. Mit Freunden beriet der Unternehmer, wie man den Karlspreis – „dieses Markenzeichen von Aachen“ – attraktiver machen könnte. Per Preisgeld? „Uns war klar: Dann muss es eine Größenordnung sein, dass jeder sagt – uff!“. Also eine Million. Schulz weiß, dass seine Spende den Karlspreis verändern wird. Und dass anfangs unter Honoratioren die Sorge gärte, da wolle sich jemand den Preis kaufen. „Nein, es ist ein Geschenk. Ich mische mich da nicht ein.“ Nicht im Karlspreis-Direktorium, das alljährlich den Preisträ­ger kürt. Und auch nicht in der Karls­preis-Stiftung, die jene Projekte prüfen muss, die eine Preisträgerin mit dem Geld aus Aachen bezuschussen will. …“.

Es gibt so viel sinnloses Geld in der Welt. Hier zeigen reiche Menschen mit Hirn und Herz, wie man es sinnvoll anlegen kann. Es muss ja nicht gleich 1 Millionen sein. Mit einer Spende für die 1-Dollarbrille kann man schon viel Gutes bewirken.

12-12-2024: Wisst ihr, was ein Furry ist? Nein, ich wusste es auch nicht. Bis ich die neueste Kolumne von Martenstein in DIE ZEIT las. Doch lest selber:

Vor ei­ner Wei­le ha­be ich in der Ber­li­ner Zei­tung ge­le­sen, dass sich in Mel­bourne, Aus­tra­li­en, ein Mäd­chen als Kat­ze emp­fin­det. Sie spricht nicht mehr, statt­des­sen mi­aut sie nur noch und faucht. Ih­re Schu­le ak­zep­tiert das. Die No­ten des Kat­zen­girls sei­en gut, ver­mut­lich schnurrt sie, wenn sie ei­ne Klas­sen­ar­beit zu­rück­be­kommt. In Bris­bane wür­den gleich meh­re­re Mäd­chen ähn­li­che Sym­pto­me zei­gen, sie lau­fen so­gar auf al­len vie­ren. Nun schrieb mir ei­ne al­te Freun­din, dass so et­was zum Trend ge­wor­den sei.

In der west­li­chen Welt glau­ben in­zwi­schen im­mer mehr Men­schen, dass sie im fal­schen Kör­per ge­bo­ren sind. Und zwar nicht nur als Mann statt als Frau oder um­ge­kehrt. Man­che Men­schen glau­ben, sie sei­en ein Tier, das irr­tüm­lich in mensch­li­cher Ge­stalt zur Welt kam.

Die an­fangs win­zi­ge Zahl der »Fur­rys«, was man als »die Pel­zi­gen« über­set­zen könn­te, wächst et­wa seit dem Jahr 2000. Zu ei­nem Tref­fen die­ser Sze­ne in der Nä­he von Chi­ca­go sind im De­zem­ber 2023 rund 15.000 ge­fühl­te Tie­re ge­kom­men, die »Eu­ro­fu­rence« in Ham­burg hat­te im letz­ten Sep­tem­ber mehr als 5.000 Be­su­cher.

Die Be­grif­fe sind zum Teil noch et­was im Fluss, es ist nicht leicht, da durch­zu­bli­cken. Ei­ner­seits gibt es un­ter den Fur­rys Leu­te, die sich so oft wie mög­lich als Fa­bel­we­sen oder Co­mic­fi­gu­ren kos­tü­mie­ren, et­wa als Bugs Bun­ny, als Ein­horn oder Wer­wolf, der Sam­mel­be­griff hei­ßt »Other­kin«. Ein »The­ri­an« da­ge­gen iden­ti­fi­ziert sich mit ei­nem Tier, das es wirk­lich gibt, zum Bei­spiel ei­ner Kat­ze oder ei­nem Fuchs. Auch Vö­gel sind als Rol­len­mo­dell mög­lich, trotz ih­rer Fe­dern. So un­at­trak­ti­ve Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ob­jek­te wie die Ka­ker­la­ke, den Blut­egel oder gar die Stech­mü­cke scheint es aber nicht zu ge­ben.

Die Ver­klei­dung kann per­fekt sein oder nur an­ge­deu­tet, auch der Grad der Iden­ti­fi­ka­ti­on ist sehr un­ter­schied­lich, es geht vom Frei­zeit­tier bis zum Voll­tier. Nicht al­le den­ken, dass sie wirk­lich ein Tier sind. Laut ei­ner Um­fra­ge un­ter 7.000 Fur­rys, zi­tiert im bri­ti­schen Guar­di­an, hal­ten sich 46 Pro­zent trotz ih­rer See­len­ver­wand­schaft zum Ani­ma­li­schen letzt­lich dann doch weit­ge­hend für Men­schen. Rund 30 Pro­zent se­hen sich voll und ganz als Tier, des­sen See­le im fal­schen Kör­per ge­fan­gen ist.

Sex spielt nicht im­mer ei­ne Rol­le, aber manch­mal durch­aus. We­gen der oft sehr auf­wen­di­gen Kos­tü­me sei die Paa­rung aber »al­len­falls be­grenzt mög­lich«, hei­ßt es auf Wi­ki­pe­dia. Auch die sehr un­ter­schied­li­chen Cha­rak­te­re dürf­ten, schät­ze ich, ero­ti­schen Be­geg­nun­gen zwi­schen ei­nem Ein­horn und ei­nem Wer­wolf im Weg ste­hen, von dem lan­gen Horn ganz zu schwei­gen.

Die­se Sze­ne hat sich, so hei­ßt es, aus der LGBTQ-Be­we­gung in den USA her­aus ent­wi­ckelt, es geht ja bei bei­den um Iden­ti­tät. Mei­ne Freun­din be­haup­tet, dass die Fur­rys, zu de­nen sie zu mei­ner Über­ra­schung ei­ne ge­wis­se Af­fi­ni­tät spürt, von den eta­blier­ten LGBTQ-Men­schen dis­kri­mi­niert wer­den. We­gen ih­rer ra­pi­de wach­sen­den An­zahl müss­ten die Tier­men­schen längst auch in der lan­gen Ab­kür­zung mit L vor­kom­men. Das »A« wie »Ani­mal« kä­me in­fra­ge, aber das »A« ha­ben schon die Ase­xu­el­len mit Be­schlag be­legt. In­so­fern bö­te ein Tier­laut sich an, et­wa ein Mi­au­en.

Fest steht, dass sich bei die­ser neu­en Iden­ti­tät, falls der Trend wei­ter­geht, auch neue ju­ris­ti­sche Pro­ble­me auf­tun. Wenn es zum Bei­spiel mög­lich wä­re, sich auf dem Amt von ei­nem Karl Schmidt zum Siam­ka­ter Char­lie um­schrei­ben zu las­sen – ver­liert man da­mit al­le Grund­rech­te, die für Men­schen gel­ten? Braucht man in den Re­stau­rants ir­gend­wann auch ein Kat­zen­klo? Zu­dem herrscht für frei­lau­fen­de Kat­zen in vie­len deut­schen Ge­mein­den ei­ne Kas­tra­ti­ons­pflicht.

Soweit Martenstein. Und WIKIPEDIA: “ …Furry (engl. mit Fell bedeckt, flauschig, plüschig) bzw. Furry-Fandom ist der Sammelbegriff für eine internationale Subkultur, die an anthropomorphen Tieren interessiert ist. Die meisten Mitglieder der Subkultur stammen aus den USA, Japan, Großbritannien und Deutschland und bezeichnen sich als Furry-Fans, Furries oder Furs …“

02-01-2025:

Im Winter lege ich regelmässig etwa 1 Dutzend unge­schälte Erdnüsse auf das Seitenblech der Terrasse, pfeife ein paar Mal und ziehe mich dann zurück. Jetzt dauerte es etwa 2 Minuten, bis ich den schwarz-grauen Schwanz des Eichhörnchens sehe, das eine erste Nuss nimmt und gleich auf­futtert. Dann nimmt es ein Mäulchen voll und wuselt in unseren Pflanz­kästen herum, futtert die Nüsse oder gräbt sie ein. Später macht es einige eilige Gänge hinüber zu den Nachbarn, um seine Vorräte zu ergänzen. Immer bewegt sich das Tierchen flink und nutzt klug die Deckung des Tisches oder der Rinne an der Ausswenwand. Heute hatte es Glück und wurde nicht von dem grossen Eichelhäher beiseite gefegt. Wenn der kommt, nähert er sich sehr vorsichtig der menschlichen Behausung, setzt sich zunächst auf das Aussengeländer, sichert und stösst dann schnell auf die Nüsse, nimmt einige auf und fliegt eilig davon. Eilig hat es auch das Hörnchen, aber es zeigt kaum Furcht vor uns Menschen.

In a nutshell: Jimmy Carter, der Erdnussfarmer, den ich sehr geschätzt habe, ist als Hundert­jäh­riger gestorben. Mit seinem Aus­scheiden aus dem Amt im Weissen Haus schied damals die Moral aus, mit dem Ausscheiden von Obama die Kultur, und mit dem Ausscheiden von Joe Biden verliess das letzte bisschen Anstand das Weisse Haus. Und was kommt nun?

10-01-2025: Lindner nennt eine konkrete Sparmassnahme: Schafft das Umweltbundesamt ab. Da sitzen sowieso nur grüne Fanatiker, sagt er sinngemäß. Sein Post auf der Pattform X am Montag: „Wir müssen das Land nach vorne verbessern: Mit einem radikalen Abbau von Büro­kratie: Weg mit dem deutschen Lieferkettengesetz, das Arbeitszeit­recht massiv entschlacken, Berichts­pflichten weitgehend auf­heben. Ganze Behörden wie das Um­weltbundesamt können entfallen.“ Ja, die klaren, durch die Fakten nur zu wohl begründeten Mahnungen des Amtes schmecken ihm nicht. Das Amt kostet mit seinen überwiegend wissen­schaft­lichen 1.800 Mitarbei­tern jährlich 2,4 Mrd. €. Bleiben dessen Mahnungen weiter in den Wind geschieben oder entfallen sie gänzlich, werden die zusätz­lichen Umweltschäden w. ver­säumter Schutz­massnahmen ein Viel­faches der kurzsichtigen Einsparung betragen. Etwas wenige Ideologie, etwas mehr Weitblick täten dem Herrn Ex­minister gut. Wie ging und geht das noch in Diktaturen ? „Der Über­bringer schlechter Nach­richten wird geköpft“. Oder will die FDP die Bür­ger nur vor unangenehmen Wahr­heiten schützen ? Auf solche Für­sorge verzichten wir gerne.

Die Gemengelage ist schon schwierig genug: die „bürgerlichen“ Parteien vermeiden in ihren Programmen die grossen Themen Um­welt, Bildung, Verteidigungs­fähigkeit weitgehend, setzen auf quantitatives Wirtschafts­wachstum und Einspa­rungen bei den sozialen Posten ohne Lobby, versprechen eine Wende, planen ein Weiter-So.

Mit Österreich wird nach Frankreich, Italien, Un­garn, Tschechien, Bulgarien eine weitere Regierung extrem rechts oder von Rechtsextremen bedrängt, in den USA kündigt der neue Präsident schon vor Amtsantritt die Ein­glie­derung von Panama, Kanada und Grönland „notfalls mit Waffengewalt“ an, die deutsche Kanzlerkandidatin Weigel stellt sich in einem Telefonat mit Trump an seine Seite. Die Ukraine muss ernsthaft an ihrer weiteren Existenz zweifeln. Bereiten wir uns wirklich ernsthaft auf diese Entwick­lungen vor?

Ob man das als Versuch einer nüchternen Lagebeschreibung nimmt oder als Schwarzmalerei, muss jeder mit sich selbst abmachen

16-09-2025: Die aktuelle Sonntagsfrage:

Über den Daumen geschätzt: CDU: 31% , AFD: 20%, SPD: 16%, GRÜNE: 14 %, BSW: 5 bis 6%, LINKE: 4%, FDP: 4%. Gegenüber der Sonntagsfrage vom 10. September verlieren CDU/CSU, FDP und BSW, es gewinnen AFD, SPD, GRÜNE und LINKE

Und noch eine Momentaufnahme lt. SZ:

Die Achse der Autokraten – hier ist sie gut zu erkennen

18-01-2025:

Gabriela Jolowicz, Berlin, macht Holzschnitte. Die kann ´s !

25-01-2025:

Der plamentarische GF der CDU/CSU, Thorsten Frey, erläutert die Pläne des Herrn Merz, die Einwanderungspolitik zu verschärfen. Da man im Parlament keine Mehr­heit haben werde, sei man dabei natürlich auf Stimmen anderer Parteien ange­wiesen. Nach Lage der Dinge können das eigentlich nur AfD und BSW sein. Ich meine, es ist tatsächlich dringend notwendig, dass Deutschland Krimi­nelle unter den Eingewanderten aus­weist und seine Grenzen im Schen­gen­raum schärfer überwacht. Die Tests dazu waren sehr erfolgreich. Soweit, so gut. Nur müssten nun auch die weiteren Schritte dazu folgen: Ausweitung der Einwanderung auch von qualifizierten „Wirtschafts­flücht­lingen“ sukzessive auf netto 3 Millionen und mehr p.a steigern und endlich die Voraus­setzungen dafür: substantielle Inves­ti­tionen in Wohn­raum, Schulen und Universitäten realisieren. Und nach wie vor: die Zusammenarbeit mit Frankreich auch zur Stärkung der EU verbessern.

Im Wirtschaftsmagazin SURPLUS lese ich einen Artikel von des französischen Ökonomen Thomas Piketti, der eine Reihe weitnrer positiver Politikansätze zeigt:

Piketty: Gegen Trumps Tech-Oligarchie hilft nur Umverteilung 21 Januar 2025

Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus zeigt vor allem eins: Das 21. Jahrhundert wird ein Kampf zwischen Demokratie und Oligarchie, meint Thomas Piketty.

Vor der Machtübernahme durch Donald Trump, Elon Musk und die anderen mit der »MAGA«-Bewegung verbandelten Tech-Manager warnte Joe Biden vor dem Ent­stehen eines neuen »technisch-indus­triellen Komplexes«, der die demokratischen Ideale der USA bedrohe. Aus Sicht des scheidenden Präsidenten birgt die extreme Konzentration von Reichtum und Macht die Gefahr, dass »unsere gesamte Demokratie, unsere Grund­rechte und -freiheiten und eine faire Aufstiegschance für alle« untergraben würden.

Biden hat damit nicht unrecht. Das Problem ist aber, dass er wenig getan hat, um dem von ihm diagnostizierten Drift in Richtung Oligarchie entgegenzuwirken, sowohl in seinem Land als auch global. In den 1930er Jahren hatte sich der damalige US-Präsident Roosevelt ebenfalls zutiefst besorgt über ähnliche Tendenzen gezeigt. Er beließ es aber nicht beim Reden: Unter seiner Führung setzten die Demokraten eine konsequente Politik zum Abbau sozialer Ungleichheiten um (die Steuersätze für die höchsten Einkommen lagen ein halbes Jahrhundert lang bei 70 bis 80 Prozent) und investierten in die öffentliche Infrastruktur, das Gesund­heits­wesen und die Bildung.

In den 1980er Jahren machte sich der Republikaner Ronald Reagan, der geschickt mit Nationalismus und dem Gefühl des Aufholens spielte, daran, den New Deal von Roosevelt zu demontieren. Das Problem damals war, dass die Demokraten das Roosevelt-Erbe nicht verteidigen, sondern vielmehr dazu beitrugen, Reagans Wende zu legitimieren und in den Folgejahren zu festigen, insbesondere unter den Regierungen Clinton (1993–2001) und Obama (2009–2017).

Hauptproblem Inflation

Biden gilt weithin als »interventionistischer« Präsident, der im Vergleich zu seinen Vor­gängern in wirtschaftlichen Fragen deutlich mehr Einfluss genommen hat. Das ist auch nicht ganz falsch, allerdings gibt es zwei große Einschränkungen. So gehörte Biden zu den Demokraten, die 1986 für den Tax Reform Act gestimmt hatten, das grundl­egende Gesetz des Reaganismus, mit dem Roosevelts progressives Steuersystem faktisch abgebaut und der Spitzensteuersatz auf 28 Prozent gesenkt wurde. Nun ist niemand unfehlbar, aber Biden hat es nie für nötig gehalten, einzuräumen, dass er einen Fehler gemacht oder seitdem seine Meinung geändert habe. Wenn Ausgaben nicht gegenfinanziert werden, steigt die Inflation unweigerlich an. Letzteres ist der zweite wichtige Punkt, bei dem wir nach wie vor auf Bidens Reue warten.

Darüber hinaus erleichterte der sogenannte Inflation Reduction Act der scheidenden Regierung in erster Linie den Fluss öffentlicher Gelder in privatwirtschaftliche Unternehmen. So wurde die Akkumulation von Privatkapital effektiv gefördert. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die nun folgende Trump-Administration diese unein­ge­schränkt freundliche Allianz zwischen der Bundesregierung und privatwirtschaftlichen Interessen auf die Spitze treiben wird.

Es stellt sich die Frage: Können die Demokraten in Zukunft ihren Kurs ändern? Der riesige Einfluss privater Gelder in der US-Politik – der bei den Demokraten ebenso stark ausgeprägt ist wie bei den Republikanern (wenn nicht sogar noch stärker, selbst angesichts der jüngsten Zunahme von Kleinspenden) – bleibt eine Mahnung zur Vorsicht. Andererseits stehen die Chancen der Partei, bald wieder Fuß zu fassen und an die Macht zurückzukehren, nicht allzu schlecht. Denn erstens wird die Mischung aus Nationalismus und Ultraliberalismus, die nun in Washington tonangebend ist, keine der sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit lösen. Zweitens sind die Aversion und der Widerstand gegen Oligarchie nach wie vor ein Eckpfeiler der nationalen Identität der USA.

Im Jahr 2020 hatte das Duo Bernie Sanders/Elizabeth Warren vorgeschlagen, Roosevelts New Deal fortzusetzen, inklusive einer zusätzlichen »Mega-Vermögenssteuer« (mit Sätzen von bis zu acht Prozent pro Jahr für Milliardäre – ein Niveau, das es selbst in Europa nie gegeben hat), einem massiven Investitionsplan für Universitäten und die öffentliche Infrastruktur sowie der Einführung einer auf die USA zugeschnittenen »Wirtschaftsdemokratie« (mit einem starken Mitspracherecht der Arbeiterschaft in den Aufsichtsräten nach deutschem oder schwedischem Vorbild). Das Kandidaten-Duo wäre fast mit Bidens Bewerbung als Präsidentschaftskandidat gleichgezogen und hatte vor allem bei den jüngeren Wählerinnen und Wählern einen überwältigenden Vorsprung. Enttäuscht von den Erfahrungen aus der Biden/Harris-Zeit blieben viele dieser Menschen den Wahlurnen 2024 fern – ein schwerer Schlag für die Partei. Es ist aber durchaus möglich, dass eine erneute Kandidatur und ein erneuter Wahlkampf im Stil von Sanders und Warren in Zukunft Erfolg haben könnte.

Druck aus dem Globalen Süden

Vor allem aber könnte der Rest der Welt in den kommenden Jahrzehnten progressive politische Veränderungen herbeiführen. Von autoritären Oligarchien wie China und Russland ist diesbezüglich natürlich wenig zu erwarten. Doch innerhalb der BRICS gibt es lebendige Demokratien, die mehr Wählerinnen und Wähler repräsentieren als alle westlichen Länder zusammen: Indien, Brasilien und Südafrika. Schon im vergangenen Jahr hatte Brasilien auf dem G20-Gipfel die Idee einer globalen Vermögenssteuer für Milliardäre ins Spiel gebracht und befürwortet.

Die Initiative wurde leider vom Westen abgelehnt, der darüber hinaus auch eine vorgeschlagene UN-Steuerkonvention aus strategischen Gründen verwarf. Offensichtlich wollte man sein Monopol über die internationale Steuerkooperation innerhalb des Reichenclubs OECD aufrechterhalten. Mit dieser Haltung wurde der Anlauf für eine nennenswerte Umverteilung der Einnahmen auf globaler Ebene vorerst verhindert. Wenn Indien in den kommenden Jahren nach links rücken sollte und die nationalistische, wirtschaftsfreundliche Indische Volkspartei in die Opposition geschickt wird – ein zunehmend plausibles Szenario – könnte der Druck aus dem Globalen Süden für mehr Steuer- und Klimagerechtigkeit unaufhaltsam werden.

Im globalen Kampf zwischen Demokratie und Oligarchie kann man nur hoffen, dass Europa aus seiner Lethargie erwacht und die ihm eigentlich bekannte Rolle spielt. Schließlich ist der Kontinent der Erfinder des Sozialstaats und der sozialdemokratischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts. Und: Europa hat unter Trumps Hyperkapitalismus am meisten zu verlieren.

Auch hier gibt es Grund zum Optimismus: Seit der Coronavirus-Pandemie erwartet die Öffentlichkeit recht viel von der Europäischen Union und ist dabei weniger zögerlich als ihre politischen Führer. Man kann nur hoffen, dass die Staats- und Regierungschefs der Situation gewachsen sind und es bis 2025 schaffen, das gegenseitige Misstrauen und die ständige Selbstkritik zu überwinden, die sie bislang ausgebremst haben.

23-01-2025:
Mit zwei verschiede­nen Lieferanten kamen zwei ver­schiedene Bücher: „Zeitverschwen­dung“ von Paul Feyerabend und „Die Tennisspieler“ von Lars Gustaffson. Nun, so verschieden sind sie vielleicht doch nicht. Beide Autoren, beide der Philosophie – wenn auch verschie­denen Richtungen – nahe stehend, beide autobiografisch. Ich entschied mich zunächst, Asche auf mein Haupt, für das Buch des Schweden, dem ich innerlich seit Jahren nahe stehe, dem 68er Lebensgefühl wenigstens.

„Die Tennispieler“ von Lars Gustaffson hatte ich 1979 als kleines Taschenbuch gekauft. Mit Begeisterung las ich über das Leben des jungen Gustaffson, der 1974 für einige Zeit als Gastprofessor an der University of Texas in Austin über Strindberg u.a las, seine Tage zwischen Tennisplatz und Hörsaal verbrachte und in eine utopische Geschichte mit den Computersystemen des Strategic Airforce Commandos verwickelt wird. Eine wunderbare, leichtfüssige Erzählung,aus dem sonnigen Texas, leicht überschattet von den Grauen des Kalten Krieges.

Nun habe ich Paul Feyerabnd´s „Zeitverschwendung“ bis zum Ende gelesen. Es ist die Autobiografie eines faszinierenden Menschen aus vielen Schichten und Ländern, ein Buch mit unzähligen Anekdoten und Zitaten aus seinen Begegnungen mit Philosophen, Schriftstellern, Filmproduzenten, Menschen. Feyerabend misstraut grossen Worten wie Freiheit oder Demokratie, die schnell zu Leerformenln werden. Sein wohl bekannstester Ausdruck „Anything goes“ meint letztlich, dass die Welt nicht schwarz oder weiss ist, sondern bunt, und dass viele Dinge, die unser Leben bestimmen, nicht mit Vernunft fassbar sind und auch nicht in Worte gekleidet werden können.

So lese ich sein Buch auch als Kulturgeschichte der Neuzeit in der Schweiz, in England, Österreich und den USA, als einen Querschnitt durch die Philosophiegeschichte und als Vermächtnis eines klugen Menschen.

Lars Gustaffson „Die Tennispeler“, DTV 1982, 100 Seiten Paul Feyerabend „Zeitverschwendung“SUHRKAMP 1997, 250 Seiten

3 Antworten zu „DEMOKRATIE STÄRKEN – WAS TUN?“

  1. Lieber Götz, nun habe ich mich durch deinen Blog hindurch gearbeitet, spannende Lektüre und sehr komprimiert, mir raucht der Kopf! Irre, wie viel du da zusammengetragen und -gedacht hast. Hannah

    Like

  2. Lieber Götz, das ist die Gelegenheit deinen, Blog zum dritten Mal zu lesen. Mit deinem Leitgedanken, dass man nur mit mutigen und entscheidenden Massnahmen etwas verändern kann, rennst du bei mir offene Türen ein. Mit den Erklärungen, was alles nicht geht, kommen wir nicht weiter. Es braucht in der Politik Persönlichkeiten, die mit persönlichem und politischem Mut Ent­schei­dungen durchsetzen. Du hast dir mit deinem Blog ungeheuer viel Arbeit gemacht, und ich bewundere das. Meine Antwort sollte ich daher mit „Hochach­tungs­voll“ abschliessen. Ich sitze hier an Isabels Computer mit dem Lap­top auf den Knien und gehe deinen Text durch.
    Zu deiner Einführung Absatz 5 eine Zusatzin­for­mation. Der grösste Fischtrawler der Welt kommt zukünftig aus St. Malo mit einer Fang­leistung von 400 Tonnen Fisch pro Tag. Der Fisch wird auf dem Schiff direkt verarbeitet. Die Umweltschutzoranisationen stehen Kopf, aber es wird wohl wieder nichrs nutzen.
    Jetzt einige Gedanken zum Text:
    (6) Präsidiale Führung müsste zur Verein­fach­ung und zu schnelleren Entscheidungen führen. Ein­verstanden, wenn man es konsequent macht. In Frankreich hat man auf 13 Regionen     reduziert, aber den Regionen keine Entscheidungsgewalt gegeben. Mein Eindruck ist, dass in Frankreich die Regi­onen zu wenig Entscheidungsgewalt haben, und in Deutschland dagegen kocht jedes Land sein eigenes Süppchen. Diese Strukturen müssen geändert werde. Das ist möglich und Aufgabe der Politik.
    Ich merke, mein Text wird zu lang. Alles andere mündlich. Beste Güsse dein Leon

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu sadhratreavon87 Antwort abbrechen